74/Körper.Teile/Berichte: Claude Monet Maler des Lichts/Gertraud Artner

Gertraud Artner berichtet über „Claude Monet. Die Welt im Fluss“ in der Albertina.

Die große Retrospektive Monets in der Albertina belegt in ihrer spektakulären Inszenierung einmal mehr die ungebrochene Popularität dieses Jahrhundertkünstlers, vermutlich auch deshalb, weil doch der Impressionismus die letzte allgemein verständliche Ausdrucksform der Kunst bietet. Und Monet ist ohne Zweifel das ungekrönte Haupt dieser Kunstrichtung, schon zu Lebzeiten noch vor dem 1. Weltkrieg eine Legende, als Gigant verehrt und gefeiert. Diese Vorrangstellung des Künstlers ist in seinem Werdegang vom Realismus über den Impressionismus bis zur Anbahnung einer Malerei des abstrakten Expressionismus faszinierend zu verfolgen, wobei sich die Saaltexte als äußerst hilfreich und informativ erweisen.
Nicht vergessen sollte man, dass Monet trotz früher Anerkennung erst mit 50 Jahren auch finanzielle Erfolge verbuchen kann und davor meist in sehr bescheidenen Verhältnissen bzw. dann in 2. Ehe mit 8 Kindern über Jahre in bitterer Armut lebt. Auch ist es heute kaum nachvollziehbar, wie sehr die Impressionisten anfangs verhöhnt und verspottet werden. Die Anhänger der klassischen Malerei leiten den (Schimpf-) Namen von Monets Bild „Impression – soleil levant“ ab, das er gemeinsam mit Auguste Renoir, Edgar Degas, Camille Pissarro,  Alfred Sisley u. a. 1874 in einer Ausstellung in Argenteuil zeigt. Dabei unterstreicht die Kritik an der Malweise des Impressionismus, an der Skizzenhaftigkeit der Freilichtmalerei, der Vorwurf des Nicht-Fertigen  eigentlich die herausragenden Stärken von Monets Kunst, in der nicht mehr zwischen Skizze und vollständig ausgeführtem Gemälde unterschieden werden kann und sich die Ölskizze als eigenständige Kunstgattung 
etabliert hat. Die Schnelligkeit der Malerei ist für Monet unverzichtbar, ein Beleg der Wahrhaftigkeit sozusagen, um den Augenblick mit der notwendigen Unmittelbarkeit und Spontanität festzuhalten. Bei seinen Serien arbeitet er oft an 3 bis 4 Leinwänden gleichzeitig, um auf Veränderungen der Lichtverhältnisse etc. reagieren zu können.

Der aufschlussreiche Ausstellungstitel lautet „Die Welt im Fluss“ (nicht „in“ wohlgemerkt), und tatsächlich ist Wasser für Monet eine nie versiegende Inspirationsquelle, die ihn ein Leben lang prägen sollte. Das beginnt schon in Le Havre, wo er aufwächst und bei Eugene Boudin, einem Marine-Maler im Hafenviertel, das Handwerk der Freilichtmalerei erlernt. Und das trifft ebenso auf seine letzten Jahre in Giverny zu, wo er seine Seerosenteiche  hingebungsvoll kultiviert. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Seine sein Zuhause ist – schon allein durch seine verschiedenen Wohnorte entlang des Flusses: Paris – Argenteuil – Vetheuil – Giverny. Darüber hinaus legt er sich aber noch ein eigenes Atelierboot zu, von dem aus er unabhängig vom Wetter die Flusslandschaft erkundet und seine Beobachtungen auf die Leinwand bringt. Wobei es ihm immer ums Licht geht: “Ich male das Licht, die Luft...“, sind seine Worte. 
In den 1880er Jahren erweitert der Freilichtmaler seine Reisen auf ganz Frankreich, hält die spektakulären Küsten der Normandie, des Mittelmeers und der Bretagne in seinen Bildern fest. Nach  London reist er bereits 1870 auf der Flucht vor der Einberufung in den Deutsch-Französischen Krieg. Er studiert das Werk John Constables 
und William Turner und ist fasziniert vom Dunst, Rauch und Nebel der Stadt an der Themse. Die einzigartigen Londoner Bilder sind ebenfalls in der Albertina zu bewundern.
Die letzten 30 Jahre seines Lebens lässt sich Monet in Giverny nieder. Endlich hat er es zu Wohlstand gebracht, nun widmet er sich zur Gänze seinem Garten. Dieser besteht aus einem opulenten Blumengarten und der Rosenallee, den exotischen Weiden, der japanischen Brücke und dem berühmten Seerosenteich. Bis zu sieben Gärtner sind damit beschäftigt,  nach den Anweisungen Monets hinsichtlich Aufbau und Farbkomposition genau jenen Garten zu schaffen, den der Künstler dann auf die Leinwand bringt. Die Gartengestaltung richtet sich eindeutig nach der Malerei, deren Fokus sich ganz auf das reiche Farbspektrum der Natur verlagert hat.
Diese Schwerpunktsetzung ist sicher auch seiner durch den Grauen Star nachlassenden Sehkraft geschuldet, wodurch sich der große Freilichtmaler im Alterswerk immer mehr von inneren Empfindungen leiten lässt. Man ist an Beethoven erinnert, der sich mit zunehmenden Gehörverlust nur noch auf sein inneres Ohr verlassen hat. Als der 80-jährige Monet die Serie der Rosenallee malt, ist er fast blind. Diese Malereien und die der japanischen Brücke als ausweglosem Tunnel gehören zu den stärksten Momenten der Ausstellung. Sie veranschaulichen neben der persönlichen Tragödie des Künstlers aber auch ein malerisch geradezu revolutionäres Alterswerk, das in seiner radikalen Modernität eine Vorreiterrolle des abstrakten Expressionismus einnimmt.

Bei aller Tragik und auch schweren Depressionen, die ihn 
in den letzten Jahren plagen, bleibt Monets Kunst eine heile Welt. Die  Bilder verraten nichts von den persönlichen Krisen oder dem Tod naher Angehöriger, seiner Frau, seines ältesten Sohnes, seiner Stieftochter. Selbst der Erste Weltkrieg findet keinen Niederschlag in Monets Werk. Dabei nimmt Monet durchaus Teil am öffentlichen Leben, engagiert sich beispielsweise in der Dreyfus-Affäre und fordert gemeinsam mit anderen Künstlern die Revision des Fehlurteils. In seiner Kunst finden diese Ereignisse aber keinen Niederschlag.

Die großartige Schau, in der bedeutende Leihgaben aus über 40 internationalen Museen und Privatsammlungen gezeigt werden, ist bis 6. Jänner in der Albertina zu sehen.