Heft Höhle 73 - Die Höhle

War das der Regen, der draußen gegen die Fenster trommelte, oder war es mein Herz, das so laut in meiner Brust pochte, dass es in den Ohren weh tat? Dunkle Wolken hatten sich im Lauf dieses Nachmittags zusammengezogen, und obwohl es erst April war und für diese Jahreszeit viel zu früh, war ein heftiges Gewitter zu erwarten. Es wurde bereits seit Tagen angekündigt.

Ich sah zum Fenster, das schräg gegenüber von mir, neben meiner Mutter, eine verlockende Möglichkeit zur Flucht bot. Meine Mutter hatte es sich wie üblich mit einem gequälten Seufzen in dem dunkelroten Couchsessel, der eigentlich mein Sessel war, gemütlich gemacht, und ich war ihr daraufhin ins Wohnzimmer gefolgt und hatte mich, wie immer, wenn sie da war, ihr gegenüber auf die dazu passende Couch gesetzt. Unsere Gespräche, oder besser gesagt: ihre Monologe und mein Zuhören, ermüdeten mich jedes Mal so sehr, dass ich mich am liebsten hingelegt hätte, um meinen Kopf in die weichen Pölster der Couch zu vergraben und einfach die Augen zu schließen.

Wenn ich träumte, konnte ich manchmal fliegen – davonfliegen, hinweg, an einen sicheren Ort. Einen Ort, an dem mich niemand finden und niemand kränken konnte. In meiner Phantasie stellte ich mir diesen Ort als Höhle vor – eine warme, mir Geborgenheit schenkende und mich umsorgende Höhle. Dort würde ich mich einwickeln mit trostspendenden, weichen Decken und endlich in einen friedlichen Schlaf sinken können – in eine Art Winterschlaf, so wie es Bären oder Igel taten, und ich würde erst wieder aufwachen, wenn alles vorbei war. – Du bist meine Mutter, es ist deine Aufgabe mich glücklich zu machen!, hatte ich einmal als Kind verkündet, nachdem sie mir irgendeine Süßigkeit aus dem Supermarkt verweigert hatte und ich daraufhin aus Trotz in herzzerreißendes Schluchzen ausgebrochen war. Willst du nicht, dass ich glücklich bin?, heulte ich dicke Krokodilstränen – Ich wollte diese Süßigkeit unbedingt haben –, doch erst viele Jahre später begriff ich, dass ich damals vielleicht nach etwas ganz anderem gesucht und gehungert hatte, nämlich nach irgendeinem, nur einem einzigen Zeichen von Liebe und Zuneigung von ihr, meiner kalten, distanzierten Mutter, und ich wollte, dass sie sich endlich verhielt wie all die anderen liebevollen Eltern, die ich, wenn ich bei meinen Freundinnen zu Hause eingeladen war, misstrauisch mit ihren Kindern beobachtete, von Neid erfüllt und mit Kummer im Herzen. Doch den Gefallen, wie die Eltern meiner Freundinnen zu sein, tat mir meine Mutter einfach nicht. Sie sah es nicht als ihre Aufgabe an, meine kindlichen Ansprüche an das Leben zu erfüllen, und wenn wir nun, viele Jahre später, bei mir in meinem kleinen, abgedunkelten Dachgeschoß-Wohnzimmer saßen, und sie mir von ihrem herrlichen Leben erzählte, als wäre sie eine berühmte Filmdiva gewesen, die mit Stolz und Wohlwollen auf ihr Leben zurückblickte, dann fiel jedes Mal eine schwere, unendlich drückende Müdigkeit über mich herein, so dass ich meine Mutter kraftlos und mit vor Erschöpfung rot-gewordener Augen am liebsten darum gebeten hätte, mich einfach allein zu lassen, um endlich in Ruhe schlafen zu können. Immer und immer wieder erzählte sie die gleichen Geschichten, die sie so übertrieben dargestellte, als würde sie mir ein Drehbuch für einen Film über ihr Leben verkaufen wollen. Und was mich immer mehr daran verärgerte, war einerseits, dass ich diese Geschichten alle schon hundert mal von ihr gehört hatte, und zum anderen vor allem die Tatsache, dass alles, was sie erzählte, immer nur in einer Zeit zu spielen schien, in der ich, ihr Kind, noch nicht geboren worden war, ich also somit nie in ihren Geschichten vorkam. Es war, als würde es mich für sie überhaupt nicht geben, als hätte es mich nie gegeben, oder so als wäre dieser Teil ihres Lebens, ab meiner Existenz, eben einfach nicht erzählenswert – Und dann spürte ich jedes Mal diese tiefe Müdigkeit, die mich umnebelte und mich schwindeln ließ, und ich wünschte mir mich in meiner Höhle vergraben zu können und in einen Winterschlaf zu fallen, und ich versank in eine resignierte Erschöpfungsstarre, um dieses Gerede und diese Aufregung still über mich ergehen lassen zu können.

Manchmal hörte ich die laute, nervöse Stimme meiner Mutter sogar noch in der Nacht in meinem Kopf, wenn ich müde und ausgelaugt in meinem Bett lag und ich verzweifelt versuchte irgendwie einzuschlafen. Dann endlich hätte ich können, hätte ich dürfen –, doch der erlösende Schlaf und meine imaginäre Höhle blieb mir verwehrt, und ich wand ich mich auf meiner Matratze, schluchzte in mich hinein, und wälzte mich von einer Seite auf die andere – die Augen weit aufgerissen und zugedeckt mit einer Decke an Zorn und Schmerz.

Doch heute kam alles ganz anders, und nun war ich mit einem Mal hell wach, und ich spürte meinen Herzschlag in allen Gliedern, bis hinauf in den Kopf, und ich wusste nicht: sollte ich jetzt aufspringen und aus dem Zimmer laufen oder vielleicht in Ohnmacht fallen, oder einfach erstarren und hoffen ich würde mich in Luft auflösen? Wieder sah ich das Fenster, das mir einen verführerischen Ausweg bot, und ich spürte meinen Puls in den Schläfen vibrieren und eine Hitze, die langsam in mir aufstieg – Ich musste jetzt die Fassung bewahren, nur so konnte ich die Situation einigermaßen unter Kontrolle behalten.

Zwischen unseren Couchen stand das kleine Glastischchen, das normalerweise von mir mit allen möglichen Zeitschriften und Unterlagen voll geräumt wurde, doch seit meine Mutter immer wieder ohne Voranmeldung hier aufgetaucht war, hatte ich begonnen alles zu ordnen und wegzuräumen – Sie sollte nicht auf die Idee kommen darin zu blättern. Und wenn wir uns so wie jetzt gegenüber saßen, hatte ich manchmal das seltsame Gefühl mich in einer Therapiesitzung zu befinden, in meiner eigenen Wohnung – In meiner Wohnung, in der sich seit Tagen eine merkwürdige, befremdliche Stimmung ausgebreitet hatte, die mir absolut nicht geheuer war und vor der ich mich allmählich zu fürchten begann. Durch meine Mutter hatte sich die Atmosphäre meines Wohnzimmers verändert – überall war ihre Anwesenheit zu spüren, ihre verrückte Überdrehtheit, und überall ihre Stimme zu hören, war sie nun da oder nicht, es machte schon fast keinen Unterschied mehr. Und wer hier von uns die Patientin und wer die Therapeutin war, darüber waren wir uns gedanklich scheinbar noch nicht einig, doch ich hatte den Eindruck meine Mutter wollte unbedingt die Kranke sein – wie immer, eigentlich, dachte ich erschöpft. Sie verlangte nach meiner Aufmerksamkeit, oder genau genommen setzte sie diese einfach voraus, und wer war sonst schon für sie da, wer war verfügbar, außer ich? Und vor Kurzem noch, hatte ich entschieden, es sollte endgültig der Vergangenheit angehören, dass ich ihr nachlief wie ein ausgehungertes Hundebaby, dass es mein einziges Ziel im Leben war sie irgendwie zufrieden zustellen, koste es, was es wolle – Ich hatte mich von nun an ausnahmslos abgrenzen wollen.

Doch die Ausnahme kam schon allzu bald, denn wer spielt schon mit der Trauer einer Tochter – Meine Großeltern, ihre innig geliebten Eltern, waren im letzten Herbst überraschend verstorben, und seitdem hatte es begonnen, dass ich einfach nicht mehr drumherum kam, mich von meiner hart erkämpften Distanziertheit wieder ein wenig zu lösen. Und die davor gewonnene Freiheit war mit einem Mal verschwunden, es war wieder soweit: Sie brauchte meine Hilfe. Und ich konnte mich nicht einmal um meine eigene Trauer kümmern, denn sie war es, um die ich mich jetzt kümmern musste, sie war es, die aufgebaut und getröstet werden musste, die bemitleidet und umsorgt werden musste. Fast täglich suchte sie seit ein paar Wochen meine Nähe. Sie rief mich an, und ihre Stimme drang dann erwartungsvoll und laut durch den Hörer in meine Ohren, wenn sie zum Beispiel fragte: „Hast du schon diese hübschen Liegestühle gesehen, die es jetzt beim Hofer zu kaufen gibt?“ –  und ich antwortete dann irritiert: „Mama, was soll ich mit einem Liegestuhl, ich habe nicht einmal einen Garten.“ Oder sie erzählte mir von irgendeinem Erdbeben auf einer pazifischen Insel, von dem sie in den Nachrichten gehört hatte, oder von einem Kräutertee, den sie sich in der Apotheke bei ihr ums Eck hatte mischen lassen – Und nie wusste ich wie ich sie in ihrem mir entgegen sprudelnden, fordernden Redefluss stoppen sollte, und so lauschte ich höflich ihren aufgeregten Erzählungen von Tee und von Liegestühlen, und seufzte innerlich, denn stets erwischte sie mich genau, wenn ich gerade am Sprung war um Erledigungen zu machen – Wenn ich dabei war mich um mein eigenes Leben zu kümmern. Und manchmal, wenn ich schon nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand und ich es bereute überhaupt abgehoben zu haben, wollte ich ihr sagen: Mami, such dir doch eine Freundin oder einen Freund, denen du das alles erzählen kannst. Und wieso hast du eigentlich keine Freunde?

Und ich fragte mich, ob sie jetzt endlich vielleicht begriff, was sie all die Jahre versäumt hatte, und ob sie das nun nachholen wollte, oder ob es außer mir einfach sonst niemanden gab, dem sie mit ihren reißerischen Geschichten auf die Nerven fallen konnte. Und es reichte mir –  Ich wollte weder ihre Ärztin, noch ihre Therapeutin sein, ich konnte das gar nicht, war ich doch weder das Eine noch das Andere, und selbst wenn – Ich hätte doch nicht meine eigene Mutter therapieren können.

Das Hämmern in mir betäubte die Stille im Raum, und jetzt merkte ich, dass es tatsächlich zum Regnen angefangen hatte, oder gerade dabei war anzufangen – große, schwere Tropfen schlugen in unregelmäßigen Abständen auf die Scheibe des Fensters, und wieder huschte mir der Gedanke durch den Kopf, ich solle jetzt wirklich einfach nur noch springen, es war eindeutig genug. Sie sollte jetzt endlich damit aufhören. Ich wollte keine Geschichten mehr hören. Weder die Schönen, noch die Traurigen. Und ich verschmolz weiter mit der Couch und versuchte meinen rasenden Puls zu ignorieren, während meine Mutter weiterhin irgendwohin ins Leere sah, mit geneigtem Kopf und einem seltsamen Ausdruck in den Augen – Es war nicht zu erkennen, ob sie gleich zum Lachen oder zum Weinen anfangen würde.

Durch das Fenster beobachtete ich die dunkelgrauen Wolken, die wie sanfte, ruhige Geister über den Himmel zogen, und in meinem Kopf sah ich mich durch den Raum taumeln und meine Hände nach ihnen ausstrecken – Nehmt mich mit! Bringt mich zu meiner Höhle!

Wenn ich schlief, träumte ich manchmal von endlosen Feldern, an denen ich entlang wanderte. Manchmal auch von einer sonnigen Wiese, über die ich lief, deren Gräser so hoch waren, dass sie mir bis zu den Knien reichten. Und ich lief quer über die Wiese, über Weiden, auf denen friedlich die Kühe grasten, über Hügel, die sich sanft über die Landschaft bogen, und ich lief und lief, mit dunklen Melodien im Herzen, mit klappernden Zähnen und tropfender Zunge. Dann hörte ich von Zeit zu Zeit eine leise Stimme in mir: Wo bist du? Wie lange schläfst du schon? Und ich fragte erschrocken: Schlafe ich denn? Bin ich überhaupt am Leben? Niemand hat mir jemals gesagt, dass ich wirklich am Leben bin. Die Stimme flüsterte dann: Nimm dich in Acht, du tanzt mit den Toten. – Und ich antwortete ihr: Ich tanze, mit wem ich will.

Dann sah ich mich, an einem Abgrund stehend, schreiend, weinend, und dann wieder ganz still. Ich fürchtete mich vor dieser Stille, doch bald schon umgab sie mich mit glitzerndem Licht, und dieses Licht wickelte sich als zarter, unsichtbarer Verband um mein glühendes Herz. Ich sah die Wahrheit, wie sie funkelnd auf mich herabrieselte, und schnell bemühte ich mich die glitzernden Körner aufzuheben und einzusammeln, Korn für Korn, um ja nicht zu vergessen, was ich gerade erkannt hatte. Doch es zerschmolz in meinen Händen, die wie Feuer brannten, und so sank ich zu Boden und schluchzte erschöpft – Ich spürte sie wieder, die Angst. Sie knisterte in mir und brannte sich als dunkles, blutiges Loch in meinen Körper. Und ich wusste nicht, was sie zu mir geführt hatte. Doch was ich schon wusste, war, dass sie eines Tages eben da gewesen war. Und sie ging nie wieder weg.

Und wäre ich jetzt nicht so fest mit meiner Couch verwachsen gewesen, so hätte ich vielleicht wirklich schon meine ganze Kraft zusammengenommen – Ich wäre vielleicht wirklich aufgestanden und auf das Fenster zugegangen, ich wäre schon dabei gewesen mich in Gedanken zu verabschieden, von diesem Leben, diesem Schmerz, dieser Wut, dieser Mutter und all dem was mir stets nichts als Kummer und Sorgen bereitet hatte: Geht es ihr gut? Habe ich etwas falsch gemacht? Wie kann ich sie aufheitern? Wie kann ich sie gesund machen? Hab ich sie krank gemacht? Ist sie meinetwegen so traurig? All diese Fragen, die mich ein Leben lang begleitet hatten, gingen mir nun durch den Kopf, und während ich noch darüber nachdachte, was jetzt zu tun war, und was ich eigentlich fühlen sollte, nahm ich auf einmal wahr, wie sich um uns herum das Zimmer immer mehr verdunkelte, wie sich von weit her ein Donnergrollen näherte, und noch eines, und dann noch einmal, und wie das Schweigen zwischen uns immer stechender und schmerzhafter wurde, und wie ich plötzlich, wie schon immer, wenn ich meine Mutter leiden sah, fürchterlich zum Weinen begann und mit zitternder Stimme schluchzte: „Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“

Sophie Spitzer