Landestheater St.P.: 4.5.2019, Premiere: Ödipus/Antigone: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“

Eva Riebler

4.5.2019 Premiere Landestheater St.P. Gr. Haus

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“
Ödipus/Antigone
von Sophokles

Ödipus/Die Alten – Michael Scherff, Priester/Diener7Hämon – Tim Breyvogel. Kreon – Bettina Kerl, Tiresias/Jokaste/Wächter/Bote – Silja Bächli, Chor/Bote/Ismene – Tilman Rose, Magd/Antigone – Hanna Binder.

Klavier/Piano - Johanna Borchert auf einem FEURICH-Flügel; gesponsert von der KLAVIER-Galerie

Gold glänzen die kettenhemdartigen Kostüme im eher dunklen Bühnenraum. Auf der Drehscheibe haben alle Protagonisten, optisch sorgsam platziert, Stellung bezogen und das Aufdeckungsspiel beginnt. Wer ist Ödipus, welche Verbrechen sind ihm anzulasten und wie straft er sich selbst – so kurz wäre der erste Teil abzuhandeln. Er gerät jedoch mit über 1 ½ Stunden auch für die Klassik erprobten Zuschauer zu lang. Die klassischen Texte erfordern durch ihre Syntax und Semantik die ganze Aufmerksamkeit. Die klassische Variante des Bühnenspiels ohne Spektakel und Pathos, ohne Wechsel der Kostüme oder des Bühnenbildes ist einerseits wohltuend und dem Ernst des Inhalts geschuldet, andererseits einlullend stereotyp und lässt auch keine Zeit/keinen Raum für den Gegenwartsbezug (Fremder, Heimkehrer, Inzest, Einsicht-Buße …). Da hätte Alia Luque seine Inszenierung stark kürzen und raffen müssen und das Risiko des Verlustes der klassischen Authentizität eingehen müssen.

Der 2.Teil: Antigone lässt mehr den Bezug zwischen Missbrauch der Macht durch Kreon und den Werten wie Freiheit, kulturellen/religiösen Tradition (die traditionellen Bestattung des Bruders Polyneikes durch Antigone) oder Wille der Bürger (Demokratisches Bewusstsein) zu. In der Antigone kommt nun  im Gegensatz zum Ödipus dem Wissen um die Schuld eine größere Bedeutung/Schwere zu.

Die Schauspieler leisten Großartiges, verwandeln sich trotz der universalen Kleidung in andere Figuren und entkommen der aufgesetzten Sterilität oder Stereotypie der Rollen ohne Klamauk oder Pathos. Die Liebe zum Detail, zur sparsamen Gestik und verhaltenen Mimik ist bewundernswert!

Beherrschend, stimmungsangebend ist Klavier und Gesang von Johanna Borchert. Ihre herausragenden Impressions-Jazz-Harmonien begleiten und verbinden. Ihr Ideen- und Inspirationsreichtum mit ihrer großen Palette der Klänge und Töne verwandeln die Szene in großes griechisches Theater und entheben die Schauspieler des Heroischen! Bewundernswert! Hörenswert!

Noch zu sehen und zu hören bis 5.6.2019

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