CD

Neue Musik / LUCIA RONCHETTI: action music pieces

Peter Kaiser

LUCIA RONCHETTI
action music pieces
Michele Marco Rossi, Christian Dierstein, Ensemble intercontemporain, Orchestra della Toscana
KAIROS 2018 (0015027KAI)

In einer Beschreibung ihres Schaffens spricht die 1963 in Rom geborene Komponistin von theatralen Ideen, konzertanten Szenen, von der "Drammaturgia" als musikalischen Gattung und Grenzgang zwischen Musiktheater und Instrumentalmusik. So bilden auch Kammeropern einen Kern ihres Werkes. Der Bezug zur Bühnenmusik führt auch zum ersten action music piece dieser CD: Le Palais du silence, aus dem Jahr 2013. Nachempfindungen zu einem nicht realisierten Ballettprojekt von Claude Debussy. Beim Hören gewinnt man den Eindruck beim Bau des Palais aus musikalischem Material, Schicht um Schicht, bis zur großen Klangarchitektur dabei zu sein.

Spätestens bei Helicopters and Butterflies (2012) verspürt man allerdings das dringende Bedürfnis die Performance des Percussionisten Christian Dierstein live zu sehen. Wie werkt er auf der Bühne um die Atmosphäre rund um Alexej Iwanowitsch und der Babuschka aus Dostojewskijs "Spieler" lebendig werden zu lassen? Hier wird man auch an die reicheren literarischen Klangräume von Heiner Goebbels erinnert. Im dritten Stück Foreward and downward…, ein Solo für Cello (2017), tasten wir uns vor im Labyrinth, kämpfen mit dem Minotaurus, während Monteverdis Lamento L´Arianna am rettenden Ausgang steht.

Die entscheidende Frage ist: werden die Erzählungen hinter Lucia Ronchettis Drammaturgie lebendig? Können diese Hörbilder ohne Visualisierung und inhaltlichem Vorwissen bestehen? Das ausgezeichnete Booklet zu Rate zu ziehen, ist auf alle Fälle anempfohlen.

Die weiteren Klangexpeditionen führen zum lunaren Lacus timoris (2015) und nach Johannesburg (Rumori da monumenti, 2015)

Neue Musik / EUNHO CHANG: Kaleidoscope

Peter Kaiser

EUNHO CHANG
Kaleidoscope

Arditti Quartet, Ensemble TaCTuS, Ensemble Contrechamps, Divertimento Ensemble
KAIROS 2018 (0015035KAI)

Die Welt ist voll Stimmen, die koreanische Bergwelt rau im gleisenden Licht und mild im Dunst des Sommerregens. Betrachten, ausruhen und lauschen, weitergehen… Zeit ist ein Faktor, der unsere Wahrnehmung mitbestimmt. Der Mensch selbst verschwindet in einer Natur die seiner nicht bedarf. Zentrale Punkte in der ostasiatischen Landschaftsmalerei, ebenso wie in der Musik von Eunho Chang.

Desto stiller wir es in uns werden lassen, desto mehr werden wir zu hören (sehen) bekommen. Erholung vom Ich für den Westler, Meditation über das Ur-Eine für den Ostasiaten.

Nun ist Eunho Changs Musik aber jenseits reiner Lautmalerei und fern vom selbstgewählten Exotismus. Mit unserer romantischen Naturdarstellung hat diese Musik gar nichts am Hut. Konzentrierter, ja strenger Gestaltungswille bei der Komposition unter Ausnutzung der Instrumentengruppen bis zur Perkussion. Nur für den westlichen Hörer ist das ein Paradoxon: Form ist Leere, Leere ist Form. Und alles letztlich wandelt sich.

Vier Stücke, in der Länge von ungefähr je einer Viertelstunde, könnten ein Stück sein: Streichquartett Nr. 2, White Shadow, Gohok, Panorama. Die Interpreten: allesamt hörbar Experten in der Neuen Musik. Nur zwei Wegbegleiter des koreanischen, 1983 geborenen, Komponisten seien hier angeführt: Unsuk Chin und Beat Furrer.

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