19. Philosophicum Lech. Neue Menschen. Berichte: E. Punz & E. Riebler-Übleis

19. Philosophicum Lech 16. bis 20. September 2015
Zum Thema "Neue Menschen"

Für die LitGes waren Ernst Punz und Eva Riebler-Übleis vorort.

Nach einem Vorabendprogramm mit Geschichten aus dem alten Griechentum über Prometheus und den neuen Prometheus, erzählt von Michael Köhlmeier und anschließend philosophisch reflektiert von Konrad Paul Liessmann, startete am Donnerstag, dem 17.9. das Magna-Impulsforum und die festliche Eröffnung durch BM Ludwig Muxel, LH Markus Wallner, BMin. Josef Ostermayer und Vizekanzler Reinh. Mitterlehner. Anschließend referierte Dieter Althaus, Vice-Pres. Gov. Aff. Magna Europe über die Herausforderung Mobilität, die Massenproduktion, die sich wieder den Individuen anpasst, und die Kontrolle von Datenströmen.

Vortrag „Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren.“ Konrad Paul Liessman
Initiator und wissenschaftl. Leiter des Philosophicums, Prof. f. Methoden der Vermittlung v. Philosophie und Ethik UNI Wien 
Mit Fragen zur Optimierung des Körpers bereits vor der Geburt und Entwürfen zum perfekten Körper beginnt Liessmann seine Einführung. Statt traditionellen Schulungs- und Anpassungskonzepten dominieren nun Formeln, die den Menschen als zu optimierende Humanressource sehen. Dass die genetische und biologische Optimierung, von der nicht nur die Bildungspolitik träumt, kaum gelingt, mag tröstlich sein, denn den technischen Utopien sind Grenzen gesetzt. Vor allem gibt es stets ein Überbieten: so werden die Mensch-Maschine- Mischwesen (die Cyborgs) von der Vision transhumaner Wesen, sei es eine digitale Identität des Menschen oder eine, die aus den von Menschen entwickelten Robotern entstehen, überboten. Liessmann schließt mit der Frage, wie realistisch die Ablösung des Menschen durch von ihm geschaffene perfekte Entitäten sei und der Feststellung, dass der Mensch anscheinend schon immer ein „Nichtmensch“ (siehe Frankenstein etc.) sein wollte. E. R-Ü.
 

Vortrag „Die Rückkehr des Prometheus” Bernward Gesang
Lehrstuhl f. Philosophie/Wirtschaftsethik UNI Mannheim 
Der zentrale Begriff für die Verbesserung eines gesunden Menschen heißt Enhancement. Durch diesen ergeben sich Vorteile bei Jobs und Partner, Erfindungen und Wirtschaftsleistung. Sogar (Zitat) „Weltverbesserer könnten auf mehr Moral, weniger Aggression, weniger Gewalt etc. hoffen”. Ethische Probleme und Gefahren, die bestehen, sind die Umkehr von Verbesserungen in ihr Gegenteil. Es drohen Schäden an Geist und Körper sowie der Verlust von Identität. Das Motto „Macht euch die Erde untertan” hat Vor-und Nachteile. Mehr Wohlstand - aber unsere Ökologie ist aus dem Gleichgewicht geraten. Sozialen Fragen, die sich durch das Enhancement stellen: Nichtverbesserte könnten nicht mehr konkurrieren. Durch vererbbare Verbesserungen kann dramatische Ungerechtigkeit entstehen. Eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft droht, neue erbliche Aristokratie könnte sich etablieren, der soziale Friede wäre gefährdet. Allgemeine Verbesserungen könnten zu große Ähnlichkeit der Menschen und damit negative Folgen für den Arbeitsmarkt bringen. Die Antwort lautet: „Being different is beautiful”. Eine Chance besteht im kompensatorischen Enhancement. Man könnte damit die Ungerechtigkeit der „natürlichen Lotterie” ausgleichen. Die Chancengleichheit würde sich vergrößern. Wer solche Hilfe wünscht, sollte sie erhalten, solange man auf die sozialen Folgen schaut. E.P.

Vortrag „Bildung vs. Enhancement” Thomas Damberger
Wissenschaftlicher Mitarb. Goethe-Universität Frankfurt 
Mit einem Zitat des Medizin-Ethikers Eric T. Juengst grenzt Damberger Human Enhancement vom Begriff der Therapie ab. Therapie ist, wenn ein kranker Mensch bei der Gesundung unterstützt wird. Wird ein Gesunder mit Mitteln verbessert, handelt es sich um Human Enhancement. Über den Begriff der „Idee“ bei Plato und dem „Göttlichen Seelenfunken“ bei Meister Eckhart führt Damberger zum Renaissance-Humanisten Giovanni Pico della Mirandola. In diesem sehen führende Transhumanisten, die den Menschen mit Technologie überwinden wollen, den Urahnen ihrer Ziele. Für Pico besteht die Würde des Menschen darin, dass er von Gott zwar als unfertiges und unabgeschlossenes Wesen geschaffen, jedoch mit Schöpferpotenzial ausgestattet wurde. Durch Verbesserung bzw. Vervollkommnung soll eine Einheit mit der Idee bzw. Gott (=Vollkommenheit) erreicht werden. Im 18. Jahrhundert setzte ein Bildungsschub ein. Leibeigene Bauern wurden frei und drängten in die Städte. Die Handwerke in den Städten hatten ihre größere Unabhängigkeit von Natur und Witterung genutzt, Werkzeuge und Geräte weiterentwickelt und konnten nun mehr produzieren. Dazu benötigten sie zusätzliche Arbeitskräfte. Da die Konkurrenz groß war, mussten sich die nunmehrigen Arbeiter weiterbilden und somit den eigenen Marktwert verbessern. Die verhalf ihnen zu höherem Lohn. Nun konnten sie an der Gesellschaft teilnehmen und mitgestalten. Heute muss der Mensch künftige Entwicklungen voraussehen. Als Beispiel kann die Digitalisierung herhalten. Digitalisierung ist eine radikale Form der Bildung und bedeutet zugleich eine Extremform des Human Enhancement. Die Digitalisierung ist eine extreme Form der Zerstörung und Neugestaltung der Welt in Einsen und Nullen. Der Mensch tritt als Schöpfer auf, kann aber unglücklicherweise nicht Teil dieser Schöpfung werden, denn sein Körper hindert ihn. Der Robotiker Hans Moravec schlägt daher die Methode Gehirnemulation vor, das entspricht dem heutigen Uploading. Sollte es tatsächlich gelingen ein menschliches Gehirn digital zu erfassen, könnte man es auf ein künstliches Gehirn übertragen. Eine weitere Erfassung des Menschen in Zahlen erfolgt bereits durch Selbstmessung mit Hilfe von Fitnessarmbändern, z.B. für Herzschlag, Kalorienverbrauch und Schlafphasen. Der nächste Schritt ist dann die Selbstoptimierung. Es geht um Selbsterkenntnis durch Zahlen, die jedoch nur messbare Dinge heranzieht. Einem solchen Denken wohnt eine Gefahr inne. Es verstellt die Tatsache, dass der Mensch ein offenes, nicht begrifflich und eben auch nicht zahlenmäßig erfassbares Wesen ist. Mit einem Wort von Adorno folgert Damberger, dass, wenn wir das Phänomen Human Enhancement (Selbstdigitalisierung und Selbstverbesserung) bedenken und durchdenken, wir einen Blick für das Unfassbare und den Wert dieses Unfassbaren entwickeln. Obwohl der Mensch nach einer Definition von Humboldt fremdbestimmt ist, kann er Entscheidungen treffen und sich somit in der Welt entwerfen. Diese Welt muss aber eine menschliche sein. Über den Weg der Bildung könnte, so meint Damberger, auch Human Inhancement zur Menschlichkeit führen. E.P.

Vortrag „Akklimatisierung. Versuch einer thermalen Anthropologie“ Eva Horn
Prof. f. Neuere Deutsche Literatur u. Kulturtheorie UNI Wien
Horn wollte mit ihrem Vortrag, wie sie sagt, unterhalten und die Natur, die Kulisse der Berge Lechs, den Teilnehmern näher bringen, was jedoch eindeutig misslang. Der Mensch sei in die geologische Geschichte der Erde eingeschrieben und je mehr er sich emanzipiere, umso mehr verstricke er sich in ihr. Dass von der Antike bis ins 19. Jhdt. das Klima anthropologisch wirkte und somit für bestimmte Charaktere der Bewohner herhalten musste, mag historisch interessieren, aber für den „neuen“ Menschen – für das Thema des Philosophikums, wohl unbedeutend sein. Viel interessanter war schließlich das Verhältnis von Air-Condition und Abkapselung von der Aussenwelt, ein echter Bezug wurde jedoch außer durch das Beispiel aus dem Buch La possibilité dúne ile von Houellebeqc nicht erörtert. Die letzten Zeilen des Vortrages hätten wohl die ersten sein müssen, damit ihren Inhalten mehr Zeit gewidmet hätte werden können: Und zwar der Ästhetik des Raumes, der Qualität eines Ortes – sei sie durch den Menschen geformt oder nicht - und der damit verbundenen intensiven leiblichen Erfahrung und dem Gespür von Stimmungen und Emotionen... E.R-Ü.

Vortrag „Utopische Technologien in technologisierten Gesellschaften“ Sascha Dickel
Wissenschaftssoziologe Technische UNI München 
Zu Beginn des Vortrages ging Dickel auf die Ambivalenz der bekannten Zukunftsvision des Cyborg als Repräsentant des Transhumanismus ein. Der Transhumanist baut eine Brücke zum posthumanen Cyborg-Nachfolger, der natürlich noch mehr Fähigkeiten aufweist. Problematisch erscheint es mir, dass der Technische Direktor von Google - Ray Kurzweil – als mächtiger Mann eine so intensive Tendenz der Nanotechnisierung des Menschen durch Implantate, verbunden mit dem Internet, rund um die Uhr befürwortet. Dickel hingegen befürwortet eine wissens- und kultursoziologische Beobachtung der Beobachter anderer. Er weiß, dass die Zukunftsvisionen welche der Gegenwart sind und nicht statt finden müssen, also spekulativ sind, jedoch viel aussagen über die utopisch aufgeladene Gegenwart. Zusätzlich interessant waren Dickels Ausführungen über die Romantisierung und Traditionsgebundenheit des Begriffes Natur. Die Natürlichkeit symbolisiert Vertrautheit. Jedoch die biokonservativen Schwärmer werden als Ignoranten der Technikwelt angesehen. Hier fehlt vielleicht ein Zwischenglied, ein Sowohl-als-auch-Denken, wie ich meine. Dickel jedenfalls sieht jedoch im Vergleich zu Ray Kurzweil die Vor- wie Nachteile, die möglichen neuen Lasten und Unfreiheiten! E.R-Ü.

Vortrag „Welchen Menschen wollen wir? – Zur Ethik der Verbesserung des Menschen” Johann S. Ach
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Geschäftsführer des Centrums f. Bioethik der Westfälischen Wilhelms-UNI Münster.
Ach nähert sich dem Thema auf semantischem Weg: Verbesserung- Handlungen sind nicht notwendiger Weise Optimierungs- oder Perfektionierungs-Handlungen. Als Optimierungs- oder Perfektionierungs-Handlungen lassen sich solche Verbesserungs-Handlungen bezeichnen, die auf einen bestimmten, vorab definierten Endzustand ausgerichtet sind. Ob es sich bei Enhancement-Maßnahmen auch um Optimierungsund Perfektionierungs-Handlungen handelt, hängt davon ab, ob man annimmt dass es ein Optimum des Menschen gibt, ein benennbares Endziel oder einen Zielzustand der Verbesserung des Menschen“. Die semantische Analyse des Ausdrucks „Verbesserung“ hilft zu verstehen, warum mit unterschiedlichen Begriffen von Enhancement operiert wird. Ob es die „Natur des Menschen” zu bewahren oder zu verändern/ zu gestalten gilt, ist hochgradig umstritten. Ach bezieht sich auf Eric Parens, der zwischen zwei Human Enhancement- Lagern unterscheidet. VertreterInnen des gratitude framework nehmen ein essentielles, wahres Selbst des Menschen an. Die VertreterInnen des creativity framework gehen von der Idee einer autonomen Selbsterschaffung des Menschen aus. Im Weiteren stellt Ach fest, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob das Objekt der Verbesserungs-Handlung der eigene Körper ist oder der Körper eines anderen, etwa eines Ungeborenen oder eines Kindes. Es macht einen Unterschied, ob man über pharmakologische Substanzen oder über Gehirn-Computer-Schnittstellen spricht. Es gibt keine allgemein gültige Antwort, es gilt „enhancement by enhancement“. Ein Unterschied besteht auch, ob es sich um kompetitive oder non-kompetitive Verbesserungs-Handlungen handelt. Selektive Zugangsmöglichkeiten und soziale Ungleichverteilungen können zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führen. Es muss zwischen freiwillig und unfreiwillig unterschieden werden, z.B. Verbesserungs-Handlungen von Eltern an Ungeborenen oder unmündigen Kindern. Erwachsenen Personen könnten von Arbeitgebern oder Versicherungen Verbesserungs- Handlungen aufgezwungen werden. Ein wesentlicher Unterschied besteht bei den sogenannten moderaten und radikalen Verbesserungs-Handlungen. Letztere könnten durch ein Auseinanderdriften der menschlichen Gesellschaft zu Diskriminierung und Unterdrückung führen. Nach einer Reihe weiterer Unterscheidungen schließt Ach mit vier Thesen: 1. Um zu verstehen, was Verbesserungs-Handlungen sind, muss man die verschiedenen semantischen Dimensionen des Verbesserungsbegriffes in den Blick nehmen. 2. An einer „case-by-case-Analyse” führt kein Weg vorbei. 3. Verbesserungsmaßnahmen müssen das „Recht auf eine offene Zukunft” von Ungeborenen und von Kindern achten, das Recht auf Selbstbestimmung respektieren, die Freiheitsspielräume Betroffener nicht über Gebühr einschränken, und keine gravierenden sozialen und ökonomischen Ungleichheiten verursachen. 4. Eine kollektiv verstandene Pflicht zur Verbesserung des Menschen lässt sich schwerlich begründen. Letztlich bliebe sie eine Pflicht unter anderen. Eine Reihe von Pflichten, die wir im Hinblick auf globale Herausforderungen von Klimawandel, Weltarmut oder Flucht und Migration haben, stehen auf sehr viel weniger tönernen Füßen. E.P.

Vortrag „Das Streben nach Exzellenz im Sport – Perfektionierung des Menschen durch Doping?” Claudia Pawlenka
Privatdozentin am Institut Philosophie der UNI Düsseldorf
Durch seinen immanenten Steigerungsimperativ „schneller, höher, weiter“ könnte der Sport ungewollt Vorreiter für den Einsatz von Gentechnologie und anderer Zukunftstechnologien werden und damit zur Bühne für den „neuen Menschen“. Andererseits ist der Sport der bislang einzige Bereich, in dem eine Begrenzung der ungehemmten Leistungssteigerung durch das Dopingverbot stattgefunden hat. Die umstrittene bioethischen Frage ist daher, ob der Sport zum Präzedenzfall für andere Enhancement-Bereiche werden kann. Der Sport eine Sonderwelt? Die Spielregeln erschaffen ein Spiel, in dem sie Spielzeit, Spielraum, Spielziel, Spielhandlungen usw. definieren. Die Spielregeln grenzen damit den Sport aus der Lebenswelt aus. Wir akzeptieren die Begrenzung der prinzipiell verfügbaren Mittel, da diese die sportliche Handlung überhaupt ermöglicht. Sport ist der freiwillige Versuch, nicht-notwendige Hindernisse zu überwinden. Perfektionierung des Menschen durch Doping? Nicht die gemessene Leistung als solche ist von anthropologischem Wert, sondern nur unter der Berücksichtigung seiner Entstehungsbedingungen, das heißt, durch wen und wie er zustande gekommen ist. Die Dopingregel ist somit Spielregel und verdeutlicht den internen Zusammenhang zwischen Spielregeln und Spielziel bzw. Spielergebnis. Die Beschränkung auf die körpereigenen Mittel ist folglich ein grundlegendes Merkmal des Sports. Die Folgenlosigkeit sportlicher Leistungen, die keinem lebensweltlichem Zweck dienen, idealisiert und überhöht nämlich zugleich die menschliche Leistung. Der sportliche Wettkampf inszeniert das anthropologische Drama der Leistungserbringung. Mut, Hingabe, Selbstüberwindung, Gewinnen und Verlieren. Den Sport kennzeichnet als einzigen Leistungsbereich eine Ästhetik des Scheiterns. Er ist eine Sonderwelt, da er durch Spielregeln erzeugte fiktive Welt ist. Der Sport ist andererseits jedoch auch ein Spiegel der Gesellschaft und insofern gerade keine Sonderwelt, da er ein Symbol für herausragende menschliche Leistungen durch Fleiß und Begabung ist. Es stellt sich die Frage, was Perfektion und Vollkommenheit in einer Alles-Könner-Welt per „Upload“ oder Hirnchip noch bedeute? Eine vollkommene sportliche Leistung setzt die Anerkennung einer intrinsischen Obergrenze durch Respektierung der natürlichen Fähigkeiten des Menschen voraus. Ein rein quantitatives Verständnis der sportlichen Leistung, das diese natürliche Obergrenze durch den Einsatz von Doping oder Gendoping unterläuft, zielt gleichsam „ins Leere“, das heißt, lässt keine Vollkommenheit zu. Aufgrund der Zwecklosigkeit sportlicher Handlungen kann der Sport wie kein anderer Bereich zeigen, dass schneller, höher und stärker noch keine besseren Leistungen sein müssen. Eine technische Zurichtung des Menschen mit dem Ziel einer rein quantitativen Steigerung würde also keine Perfektionierung oder Verbesserung bedeuten. „Enhancement-Society“ oder „Doping-Gesellschaft - Der Sport ein Wegweiser? Der Sport kann zum Nachdenken über den Sinn einer ungehemmten Steigerung und insofern als Wegweiser dienen. In der gesellschaftlichen Diskussion um die Normierung und Legitimierung neuer Wege oder Formen des Menschseins kann er jedoch nicht „federführend“ sein. Transhumanistische Visionen „neuer Menschen“ und die Diskussion um „Converging Technologies“ haben eine tiefgehende anthropologische Dimension und machen Selbstverständigungsprozesse notwendig. Es kann auch keinen sportlichen Alleingang in Fragen der Perfektionierung des Menschen geben. Der Sport kann kein „museales“ Anliegen vertreten, das heißt kein Naturreservat für den Homo sapiens oder gentechnisch unveränderten Menschen in einer transhumanisierten Gesellschaft sein. Im Sport wird unsere Leiblichkeit kultiviert und in den Vordergrund gestellt. Gerade bei Fragen nach dem guten oder glücklichen Leben kann der Sport mit seinem ganzheitlichen Blick auf den Menschen ein wichtiges Korrektiv auf dem Weg zu einer technizistischen Entwicklung des Menschen sein. E.P.

Vortrag „Parahumanität. Technisches Handeln, Teilsouveränität und andere Tücken“ Karin Harrasser
Prof. für Kulturwissensch. Kunst UNI Linz,

MitHG der Zeitschrift für Kulturwissenschaft (am Foto mittig) Harrasser referiert äußerst interessant über die erste Hälfte des 20. Jhdts., das schon viele Zukunftsversionen des modernen technisierten Menschen hervorgebracht hat. Zukunftsszenarien haben oft Fluchcharakter, doch es gilt der Wahrnehmungsoptimierung eines farbenblinden Neil Harbisson wie den Paralympics Tribut zu zollen. Die Enhancement-Debatte ist aufgebrochen – man denke an die Teilnahme eines Oscar Pistorius mit künstlichen Füssen – also einem zeitgenössischen Cyborg - an den Olympischen Spielen Peking 2008. Sehr beeindruckend war der gezeigte Werbespot acht englischer Paralympics, die mit stolzer, kraftvoller Miene ihr heroisches Selbstverständnis darstellten. Ihre körperliche Fehlerhaftigkeit bzw. Andersartigkeit wird durch besonders hohe Technikaffinität ausgeglichen. Sie werden zu Menschen 2.0. Ihr Ethos ist das der Selbstverbesserung. Die Technologien sind nicht nur funktional, sie werden zu Artefakten, welche Einbildungskräfte anregen und den Körper dabei verwandeln. So wie ein Pfau mit besonders langen ihn behindernden Schwanzfedern als besonders fit gilt = Handicap-Theorie von Amotz und Zahavi. Anschließend führt Harrasser weitere sehr interessante Beispiele für Aktivitätsverbesserung durch Technik an und möchte den Begriff „Kohumanität“ statt posthuman vorschlagen. Weiters findet sie zielgerichtet vier Thesen zum Körper, seiner technischen Modifikation, deren ethischen Vertretbarkeit, Fragen über positive und negative Rechte aller Beteiligten unterscheidbar. Sie fordert, in Zukunft müssten noch mehr Protokolle installiert werden und Entscheidungshilfen vorhanden sein. Abhängigkeiten und Verbindungen zwischen technischen und organischen Akteuren müssen beobachtbar und analysierbar sein! Teilsouveränes Handeln und nicht vereinzeltes, voluntaristisches Entscheiden sei zu idealisieren! E.R-Ü

Vortrag „Transhumanistische Ethik: Annahmen, Ideale und Implikationen“ Anne Siegetsleitner
Prof. f. Praktische Philosophie UNI Innsbruck, Präsidiumsmitgl. D. Ö. Gesellsch. für Philosophie und der Society for Women in Philosophy Austria, MitHG der Reihe „Angew. Ethik“
Siegetsleiter holte zu keiner umfassenden Kritik des Transhumanismus aus, sondern vermengte die Begriffe Ethik und Transhumanismus ohne wirklich Grundlegendes klar zu stellen. Etwas naiv lässt sie stets andere – meist Bostrom - formulieren: „Why I Want to be a Posthuman When I Grow up“ Titel T. Bostrom 2008. Sie meint genauso unreflektiert, „dass es im Transhumanismus um Stimmungen und Emotionen geht, bei denen unser subjektives Glücksempfinden bisher von einer vorgegebenen genetischen Ausstattung bestimmt werde. Dies könnte durch entsprechende Psychopharmika unter Kontrolle – hoffentlich der eigenen – gebracht werden.“ Hic! Weiters meint die Referentin, dass die transhumanistische Ethik „offen für Neues“ sei! Was sonst?, fragt sich da der Zuhörer. Zitat: „Positiv geht mit der transhumantischen Ethik eine grundlegende Offenheit für Neues einher. Sie macht sich Gedanken –(seit wann denkt die Ethik?!) - über neue Entwicklungen und bringt in mancherlei Hinsicht eine optimistische, anpackende Einstellung zum Ausdruck. Mut und Wagnis werden positiv gesehen.“ Hic! Die Schlussbemerkungen waren leider auch nur in einem einzigen Satz persönlich gehalten, der da lautete, dass die Flüchtlingsströme der vergangenen Tage die Aufmerksamkeit der Dringlichkeitsdebatte des Transhumanismus entzogen hatte.

E. R-Ü.

Vortrag „Humangenetik – quo vadis?“ Markus Hengstschläger 
Prof. für medizinische Genetik an der Medizinischen UNI Wien, Mitglied zahlr. nat. und internat. Verbände, Kommissionen und Gesellschaften
2014/15 ist ein wichtiges Jahr, denn es ändern sich die Möglichkeiten der Gentechnik wesentlich, kann man doch von exogener nun auf endogene Genetik übergehen! D.h. nicht mehr das Erbgut eines einzigen Patienten genetisch verändern – sondern sich in die Genetik der kommenden Generationen unwiederbringlich und ohne Wissen auf den weiteren Verlauf einschreiben, so Hengstschläger. Das Hauptproblem ist nicht nur der spätere fragliche klimatische Aufenthalt des Menschen (das Klima stellt andere Anforderungen, man denke an Malaria) mit veränderten Genen, sondern auch der zukünftige unbekannte Partner mitsamt seinen 25 000 Genen und dessen Auswirkung auf das veränderte Erbgen. Endogene-Fremdoptimierung des Menschen geht nie wieder zurück, so warnte Hengstschläger eindringlich. Gott sei Dank sind in Österreich Eingriffe in die Keimbar (Samenzelle vom Vater und Eizelle von der Mutter) verboten, denn niemand kann ein Parameter erstellen: Was ist gesund, was ist krank. Was ist Durchschnitt und was ist bereits Enhancement? In der letzten sehr angeregten Diskussionsrunde des Philosophicums warnt Hengstschläger außerdem vor Mehrheitsübereinkunft. Denn „Ethik hat mit Mehrheiten nichts zu tun!“ E. R-Ü

Vortrag „Zwischen Perfektionierung und Meliorisierung – Menschenbilder aus theologischer Sicht“ Dietmar Mieth
Prof. em., Dr. theol., UNI Erfurt, Leiter der Forschungsstelle Meister Eckhart
Kurz zusammengefasst seine ethische Kriterien: Für die Wissenschaft gilt gegenüber der Gesellschaft das Transparenzgebot. Das schließt ein, dass auch über Stagnation, Rückschritt und Misserfolg informiert wird. Ferner muss darüber im Einzelnen informiert werden, dass jeder Fortschritt im Wissen auch ein Fortschritt in der Nichtwissenskenntnis ist. Wer mehr weiß, weiß auch in der Wissenschaft mehr darüber, was er genauerhin nicht weiß. Das Gebot einer präzisen Sprache: In der Wissenschaft sollte Forschung nicht mit Hilfe von Werbesprache vermittelt werden. So ist der Ausdruck Therapie fehl am Platz, wenn es in Wirklichkeit keine Therapien gibt. Er instrumentalisiert die Hoffnungen von Kranken, ohne sie einlösen zu können. Gefordert ist die Verträglichkeit mit Menschenwürde und Menschenrechten, im Einzelnen: Überlebensverträglichkeit, Freiheitsverträglichkeit, Gesundheitsverträglichkeit, Verträglichkeit mit der Ausbildung selbstbestimmter Identitäten, Sozialstaatsverträglichkeit, Umweltverträglichkeit. Das Prinzip der Folgenbewertung könnte so lauten: Man soll Probleme nicht so lösen, dass die Probleme, die durch die Problemlösung entstehen, größer sind als die Probleme, die gelöst werden. Dieses Kriterium mag einen mehrfach strittigen Diskurs auslösen. Man wird ihm aber zustimmen, wenn man bei der Nutzung der Atomenergie einsieht, dass von Anfang an Probleme sichtbar waren, deren Lösung man nicht sehen konnte. Die Verlangsamung des einzelnen ethisch prekären Fortschrittes zugunsten der ethischen Reflexion, aber auch zugunsten genauerer Erkundung der Umsetzbarkeit, der Verflechtungen, der Folgen ist immer wieder erforderlich. Es scheint so zu sein – z.B. in der Gentherapie und bei den Stammzellen aus Embryoderivaten – dass die angekündigten Erfolge sich entweder nicht so schnell oder eingeschränkt gegenüber den Erwartungen einstellen. Verlangsamung steht einerseits im Dienst der Präzision und der Realistik, andererseits im Dienst der gesellschaftlichen Reflexion. Die Bevorzugung rückholbarer oder zumindest partiell revidierbarer Manipulationen an der Natur und am Menschen. Mit einer solchen Liste von Points to consider werden zunächst Normen im Vorhinein festgelegt. Sie bedürfen des ethischen und gesellschaftlichen Diskurses. Sofern die Demokratie die Beteiligung aller an den sie betreffenden Entscheidungen sucht, muss diesem Diskurs immer wieder Raum geschaffen werden, ohne diesen Raum durch Präjudize der Macht des Verbundsystems Wissenschaft – Technik – Ökonomie zu beschränken. E.P.

si!kommunikation/alle Fotos©Florian Lechner

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