Verdient die Elite, was sie verdient? - Eine Nachfrage von Manfred Becker-Huberti

Eva Riebler

Das 23. Philosophicum von Lech am Arlberg befasste sich 2019 mit dem Verhältnis der Eliten zur Demokratie - einem Verhältnis, das konstitutiv für Bestand und Entwicklung moderner Gesellschaften ist. Kritik an ihrer Existenz kommt von Links und Rechts, scheint sich (aber noch) die Waagschale zu halten. Wer sind die Mitglieder dieser neuen Kaste der Auserwählten und wer hat sie eigentlich dazu gemacht?

Es gab Zeiten, da wurde der eine oder die andere als Teilstück der Elite geboren. Monarchien leben noch heute davon, dass die neugeborenen Adelssprösslinge nicht nur in ihre Familien integriert, sondern von den „Untertanen“ als Repräsentanten des Systems quasi adoptiert werden. Das britische Königshaus bietet sich nach wie vor als wohlfeiles Beispiel an. Neben dem Geburtsadel teilt der Geldadel, der nur noch in wenigen Fällen identisch mit dem Geburtsadel ist, das Prinzip des Hineingeborenseins. Aber in die politischen Eliten der Demokratien werden heutzutage kaum noch Personen hineingeboren. In Demokratien gilt das Prinzip der Gleichheit aller. Und doch gilt zugleich: einige sind trotzdem gleicher als gleich. Eliten gibt es deshalb auch in Demokratien.

Eliten in Demokratien haben es schwer. So wirklich will – zumindest nach außen - kaum einer dieser Elite angehören. Sich elitär zu gebären, gehört zum politischen Pfuiba in einer funktionierenden Demokratie, denn „elitär“ ist in einer Zeit, die so gleichheitsfixiert wie die unsere ist, zum Gegenteil von „egalitär“ geworden. Wer sich elitär aufführt, positioniert sich neben der Gemeinschaft, die ihn postwendend als gestrig und systemwidrig ausgrenzt. Burschenschaften haben heute eben nicht mehr die Qualität einer Rolltreppe zur Mitgliedschaft in einer Elite. Der Schmiss auf der Backe von Opa kommt nicht mehr gut an. Elite darf heute noch die eine oder andere Universität sein, die ihre Anerkennung als vermeintliche elitäre Bildungsanstalt an der Höhe der Subsidien ablesen kann. Auch dann, wenn der Zahnarzt nach der Studienrätin wegen einer Heirat sucht, darf die Eheanbahnungsagentur „Elite“ heißen. Für alle anderen haben die tempi passati im Nachklang zu einem flotten Schlager französischer Jakobiner die Zeile zu bieten: Les élites à la lanterne! Die süffisante Frage, ob die Elite verdient, was sie verdient, versteckt in der doppeldeutigen Formulierung die moralische Frage nach dem Wert von Sein und Tun der Elitären. Entspricht das hohe Salär auch wirklich der Qualität.

Der öffentliche Missklang des Begriffs „Elite“ wird gespeist von der Annahme, der Kreis der Auserlesenen bestehe aus Leuten, die sich selbst ernennen, untereinander begünstigen und mit Macht versorgen. Dieses Verständnis hat zur Folge, dass die Feststellung, dass Eliten die Welt nicht vor dem Chaos bewahren können, die Schlussfolgerung anbietet, wenn die Elite nicht die Welt erlösen oder mindestens von Unheil befreien kann, muss man die Welt von der Elite befreien.

Die Wirklichkeit ist eine andere: In der Tat herrschen auch in Demokratien Eliten. Auch in egalitären Gesellschaften gibt es Menschen, die leistungsfähiger als andere sind, und klüger, vielleicht nicht besser, aber erfolgreicher in ihrem Agieren. Genau genommen hat es auch nie die Frage gegeben, ob man Eliten braucht, sondern nur, welche Eliten nötig sind. In geschlossenen Gesellschaften autorisieren sich die Auserwählten untereinander, in offenen, liberalen Gesellschaften bestimmt die große Zahl der anderen, wer zu der kleineren Elite gehört. Das hatte schon der Sozialphilosoph und Nationalökonom Friedrich August von Hayek (1899-1932) erkannt.

Neue globale Eliten
Die neuen Eliten sind globale Eliten, die ihre soziale Einordnung nicht irgendwelchen mehr oder minder dubiosen Privilegien verdanken. Sie sind Bürger wie andere Bürger auch, die aber durch die Wahl- oder Kaufentscheidungen der anderen Bürger in die Rolle von Eliten geraten, sich da aber auch Tag für Tag bewähren müssen. Wem das nicht gelingt, steigt in fast allen privatwirtschaftlichen Bereichen gnadenlos ab. - Die Auto- und Finanzindustrie in der Bundesrepublik konterkariert allerdings gegenwärtig dieses Paradigma.

Die neuen Eliten sind hervorragend ausgebildet, hypermobil, negieren Identitäten, Traditionen und Brauchtum. Sie sind ein Leistungsadel, der sich als antielitär einstuft und nicht den Fehler begeht, sich als Elite zu gerieren. Sie sind eine antielitäre Elite wie die Revolutionäre des späten 18. Jahrhunderts in Frankreich, die gegen die Elite als Institution anrannten, um davon abzulenken, dass sie längst im Absprung auf real existierenden Machtpositionen begriffen waren, um selbst zur Elite zu werden.

Die neuen Eliten sind eine wohlhabende Informationselite, nicht mehr lokal verwurzeltes Besitzbürgertum oder durch die Fesseln einer fragwürdig gewordenen „Ehre“ ausgebremster Erbadel. Moderne Eliten brillieren intellektuell, arbeiten als Angestellte karriereorientiert, unterordnen ihre Lebensweise und Partnerschaften ihrer Tätigkeit und leben in Netzwerken. Weil sie lokal nicht mehr verankert sind, sind ihnen Bindungen an die eigene Familie nicht mehr so wichtig, wie bei ihren Vorfahren; Bindungen an Nachbarn und Mitbürger sind den eigenen Interessen weit nachgeordnet. Es gilt die alte Erkenntnis: Die eigene Familie ist aufoktroyiert, Freunde kann man sich aussuchen und Freundschaften muss man nicht zwangsweise lebenslänglich ertragen. Wer sich über Herkunft, Sprache oder gar Religion definiert, hat sich schon selbst abgeschossen und kaum die Chance, in diesen Leistungsadel aufzusteigen.

Heimat im alten Sinn kennen Elitäre nicht mehr. Sie sind in der ganzen Welt zuhause – genau genommen in den trendigen Zentren dieser Welt. Ihre Sprache ist Englisch, digitale Kommunikation und 24-stündige Erreichbarkeit sind normal. Ihre Haltung gegenüber anderen ist tolerant, lässig und cool. Ihre Abgrenzung von den anderen Bürgern führt zu einer selbstgewählten Isolation. Das Leben in ihrer Blase befreit sie von der Auseinandersetzung mit anderen Seins- und Denkweisen.

„Intellektuelle Idioten“ vom Stamm des Kosmopoliten?
Neue Eliten definieren sich als Rebellion gegen das Mittelmaß, gegen technologischen Rückstand, gegen politischen Reaktionismus, gegen regressive Sexualmoral, gegen durchschnittlichen Geschmack und gegen Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit. Neue Eliten wollen Avantgarde des Fortschritts sein, so der weitsichtige amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch (1932-1994).

Elitenkritik scheint aber inzwischen zu einer Art von Volkssport zu werden. Deutet der amerikanische Ökonom Richard Florida (* 1957) die Eliten noch als „kreative Klasse“, polemisiert Nassim Nicholas Taleb (* 1960) schon gegen diese „intellektuellen Idioten“, die sich in einer eigenen Blase aus Statistiken, Denkfabriken, Medien und Fakultäten isolieren. Der britische Journalist David Goodhart (* 1956) scheidet die Demokraten nach „Anywheres“ und „Somewheres“. Die Ersteren sind die 20 Prozent der Menschen in entwickelten Gesellschaften, die weltweit gefragt und einsetzbar sind, während die Letzteren in der Regel auch dort sterben, wo sie geboren wurden.

Die Krise der neuen globalen Eliten gewinnt noch einen neuen Aspekt durch die kritische Innenansicht des schweizerisch-israelischen Existenzialpsychoanalytikers Carlo Strenger (* 1958), der sich nicht nur selbst zu dieser Kaste zählt, sondern deren Mitglieder auch auf seiner Couch Platz nehmen lässt. Er sieht die akademisch gut ausgebildeten neuen Eliten in den Medien, der Digitalwirtschaft, in den Bereichen der Kunst und Wissenschaft überproportional vertreten und meinungsbildend tätig. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Bildungsbürgern missachten sie den Kanon und die Tradition und handeln eklektisch. Nichts aus Tradition oder Gegenwart hat Selbstwert, sondern muss vor ihrer kritischen Vernunft bestehen, ehe es adaptiert werden kann.

Die Angehörigen der Eliten strahlen einen hohen moralischen Anspruch auf Autorität aus, verfügen gegenüber weniger gut ausgebildeten Menschen über eine argumentative ausgebildete Kompetenz und vermitteln diesen den Eindruck, ihre Ansichten seien nicht mehr gefragt, ihre Sorgen zu klein, um gehört zu werden. In genau diese Kerbe hauen populistische Politiker, die behaupten, den einfachen Leuten von nebenan, dem Volk, wie sie sagen, Stimme und Stolz zurückzugeben. Sie suggerieren einfachen Leuten, sie müssten sich dem angeblich überlegenen Wissen der Bessergebildeten nicht länger fügen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Mitglieder der Unter- und Mittelschicht, die von Populisten agitiert werden, das empfinden, was Sozialpsychologen „upward contempt“ nennen, eine gegen „die da oben“ gerichtete Verachtung.

Die Elite selbst versteht sich nicht als Egoisten, sondern als Vertreter eines konsequenten Universalismus. Sie vertreten glühend die Menschenrechte und sehen sich als Anwälte benachteiligter Menschen – allerdings um den Preis, dass ihre globale Perspektive ein Individuum aus Fleisch und Blut leicht übersehen lässt. Das Motto der Gewinner der Globalisierung lautet: „Leiste deinen Beitrag zum Gedeihen von Menschengeschlecht und Planet – oder Du hast Dein Leben verfehlt.“

Diese „verdammten“ Eliten existieren aber nicht nur in einem Dilemma, sondern in etlichen Dilemmata, die Strenger beschrieben hat. Sie leben mit dem Widerspruch, zwar selbst fixe Identitäten als Freiheitbeschränkung abzulehnen, zeitgleich aber eine identitäre Losung zu akzeptieren, an der sie ihresgleichen erkennen: Weltoffenheit und Vielfalt! Zwar lehnen sie engere gewachsene Gemeinschaften ab, die nicht selbst gewählt wurden, bilden aber dennoch eine eigene Identität – den Stamm der Kosmopoliten. Sie kämpfen mit dem Dilemma Freiheit versus Sicherheit.

Dieser Stamm, den ein bemerkenswert soziales Gewissen kennzeichnet, humanistisch mit einem Hang zur Sozialdemokratie, mit der Bereitschaft zu einer gewissen Bereitschaft zur Umverteilung in der Gesellschaft, ist gleichzeitig einem gnadenlosen internationalen Wettbewerb ausgeliefert, den es vorher nie gegeben hat. Er beherrscht kein geschlossenes Territorium, existiert aber in einem weltumgreifenden Raum, in dem sich alle jederzeit mit allen vergleichen und messen. Jedes Stammesmitglied arbeitet ständig hart daran, seinen Rang in der meritokratischen Hierarchie seines Fachgebietes zu verteidigen. Zugleich aber wird der brutale angeblich neoliberale Konkurrenzkampf gebrandmarkt.

Der Begriff der Elite ist inzwischen immer häufiger negativ besetzt. Den Antielitären ist die liberale Elite zu einem Buhmann geworden, der alles manipuliert, alles kontrolliert, alle Fäden zieht. Die gleichen Klischees, die im antisemitischen Diskurs existieren, tauchen wieder auf: Statt der Juden sind nun Eliten entwurzelt, vaterlandslos, verweigern der Heimat ihren Einsatz.

Steht das Erbe der Aufklärung auf dem Spiel? Stehen wir vor einer historischen Zäsur, einem neuen Kulturkampf? In der Tat scheint es um die Zukunft des Westens zu gehen: Soll der Westen noch die liberalen Werte mit ihrem universalistischen Anspruch und der Idee der allgemeinen Menschenrechte vertreten oder sich auf den alten Nationalismus zurückziehen, nur weil dieser für viele Menschen ein Bezugspunkt ist, mit dem sie sich identifizieren können? Wer sind wir: Deutsche, Europäer oder Weltbürger? Egal, nichts führt an der Erkenntnis vorbei, dass sich die anstehenden Probleme nur im globalen Maßstab lösen lassen.

Links oder rechts ist heute nicht mehr unterscheidend. Das einige Paradigma, das noch übriggeblieben ist, scheint der Gegensatz zwischen einem liberalen und einem autoritären Regime zu sein und damit die Frage: Wie viel Freiheit wollen wir in unserem Land haben? Wollen wir den Status des Bürgers rein rechtlich oder ethnisch definieren? Immer bleibt die Frage nach dem Antiliberalismus und mit ihm die Flucht vor der eigenen Freiheit und der damit einhergehenden Verantwortung.

Von der Pflicht der Eliten gegenüber den Antielitären
Der Befund zeigt: Die neuen Eliten haben es schwer ihr Selbstwertgefühl zu wahren. Sie chargieren zwischen Überheblichkeit und Unsicherheit, zwischen einer radikalen Leistungsbereitschaft und der Angst vor totaler Bedeutungslosigkeit. Einerseits schauen sie herablassend auf die Menschen, die sich von Populisten verführen lassen, andererseits leiden sie an ihrem hochreflexiven Habitus, der sie alle Lebensentscheidungen kritisch hinterfragen lässt, von der durch die Grünen diktierten Fleisch-Askese bis hin zur Frage nach einer biologisch akzeptablen Bestattungsform.

Es besteht sicher noch kein Krieg zwischen den maximal 20 Prozent der Eliten und den 80 Prozent Antielitären. Aber wenn die Eliten wieder zu einem positiven Image und ehrenwerten Ruf kommen wollen, der ihrem Anspruch und ihrer Qualität gebührt, dann müssen sie ihre selbstgewählte Isolation aufgeben und das Gespräch mit ihren Mitmenschen suchen. Die „verdammten“ Eliten müssen den ersten Schritt gehen und lernen, den Nichtelitären zuzuhören. Wenn sich die Eliten selbst ernst nehmen, müssen sie sich um dieses Zieles wegen, „die Hände schmutzig machen“ (Strenger).

Moralische und wissenschaftliche Kompetenz dürfen nicht getrennt werden. Das qualifizierte Wissen eines Experten demütigt niemanden. Es führt erst dann zur Demütigung, wenn der Eindruck entsteht, der Einzelne dürfe nicht mehr mitreden oder werde gar nicht mehr gehört. Wer die Verteidigung der freiheitlichen Werte unserer Gesellschaft aufgibt und resigniert, vergibt damit auf lange Zeit die Chance, an der Verbesserung der Welt arbeiten zu können.

 
 

 

 

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