MIT DIR OHNE DICH
Wolfgang Hermann Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2010. 152 S.
ISBN 978-3-85218-624-5
Orte der Leere. Orte der Spannung. Wolfgang Herman stammt aus Bregenz und studierte Germanistik und Philosophie in Wien und erzielte nach mehreren Auslandsaufenthalten große Erfolge mit seinen Faustini-Romanen. Nach dem Anton Wildgans-Preis 2006 bekam er 2007 den Österreichischen Staatspreis für Literatur.
Mit diesem Roman bringt der Autor Details aus seinem zwei-jährigen Aufenthalt in Japan ein, widmet sich nicht nur dem gängigen Thema des Literaten mit Schreibblockade, sondern fügt der Selbstbetrachtung die Schilderungen exzessiver Sexspielchen aus der Feder einer Frau hinzu. Sex lässt sich verkaufen, gibt ihm seine Agentin zu verstehen, und es stehen daher nur mehr die Gewissenskonflikte im Raum, da die Veröffentlichung der Erotik-Versatzstücke unter seinem Namen ein Plagiat bedeuten und er sich damit möglicher Weise in die erpresserischer Hände der Autorin begeben würde. Durch die Abwesenheit und den Trennungswunsch seiner geliebten Ehefrau sowie den nahe bevorstehenden Tod seiner Mutter besinnt sich und handelt die Hauptfigur des Romans dann anders. Jedenfalls ist mit dem Ende der brütenden Hitze, die den ganzen Roman begleitete, auch die Schreibblockade des Literaten behoben.
Ein spannender Roman, der die Einsamkeit einer empfindlichen Seele auslotet und mit obskuren sado-maso Berichten würzt. Das Ineinander von Realität und Fiktionalität erschreckt und die Aufdeckung der Unzulänglichkeiten des Haupthelden nähern sich einer Psychoanalyse.
LitGes, August 2010
Ingrid Reichel AKÜHLUNG GEFÄLLIG?
DIE SCHÖNE UND DER TOD
Bernhard Aichner Krimi
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag TB, 2010. 352 S.
ISBN 978-3-85218-827-0
Eigentlich wollte Max Broll Journalist werden. Alles ging zuerst gut in Wien: das Studium, der Nebenjob bei einer Zeitschrift und die Liebe zu seiner Dorfliebe Emma, bis sein Vater schwer erkrankte, er sich seiner Verpflichtungen besann und nach Tirol zurückkehrte, seinen Vater pflegte und seinen Job übernahm. Denn schließlich musste die Arbeit des Totengräbers in seinem Heimatort erledigt werden. Seitdem Max auch seinen Vater begraben hat, ist er in diesem Dorf geblieben. Er fühlt sich wohl, bis Emma wieder in sein Leben tritt. Der Selbstmord ihrer Schwester Marga zwingt die mittlerweile erfolgreiche Designerin aus London in dieses Tiroler Kaff zurück und bringt das bescheidene aber glückliche Dasein des sympathischen jungen Totengräbers völlig aus dem Gleichgewicht. Mit dem Tod der schönen Marga werden alte Erinnerungen aufgefrischt, aber vor allem will Max, als die Leiche von dem einstigen Mode-Model verschwindet nicht mehr an einen Selbstmord glauben. Wer sucht wird auch meistens fündig, und so will Max mehr denn je alles was er zwischen Wien und der Tiroler Landidylle aufspürt, lieber heute als morgen begraben.
Dem 1972 geborenen Innsbrucker Autor Bernhard Aichner gelang mit der schönen Toten und der Tod ein spannendes Krimidebüt. Aichner neigt nicht zu Verschnörkelungen und verliebten Details. Dennoch sind seine Charaktere von Max, seiner Stiefmutter, Emma, seinem Freund Baroni bis hin zum Dorfpfarrer präzise beschrieben. Anschaulich stellt er dar, wie das verdorbene Wiener Milieu die saubere Tiroler Landluft verdreckt. Die essentielle Frage ist jedoch, wer in aller Welt Interesse an einer Leiche hat, die schon sicher beerdigt ist … Haben Sie schon eine Idee? Nein? Jedenfalls können Sie sich mit Bernhard Aichner von der extremen Hitze, die uns diesen Sommer ereilte, wunderbar abkühlen!
LitGes, August 2010
Ingrid Reichel GLÜCKSZUTATEN
SOMMERLÜGEN
Bernhard Schlink Geschichten
Zürich: Diogenes Verlag, 2010. 280 S.
ISBN 978-3-257-86197-6
Nach seinem letzten Buch „Das Wochenende“(2008) - Schlinks Auseinandersetzung mit dem was aus den 68-ern übrig blieb – folgen Geschichten. - ? Ja, Beziehungsgeschichten. Jede einzelne steht, wie der Titel des Buches schon besagt, für eine Lüge. Meistens handelt es sich um Selbstbetrug, denn wer seinen Partner hinters Licht führen will, gaukelt sich letzten Endes nur selbst etwas vor. Manchmal erleichtern kleine Lügen das Leben, denkt man und handelt danach. Ab und an jedoch treten sie Lawinen los, begraben und zerstören das was man liebte, wofür man log. In diesem Sommer erfreut uns Bernhard Schlink mit sieben solcher obskuren Geschichten.
Beziehungen mit verloren gegangenen Gefühlen zwischen Paaren, zwischen Vater und Sohn, zwischen einer Mutter und ihren Kindern und gegenüber Fremden. Schlink analysiert nicht nur unsere Einschätzungen sondern stellt auch unsere Entscheidungen minutiös in Frage. „Die Suche nach dem Glück“ führe oft am Leben vorbei (S. 173) und ist nicht mehr als ein anstrengender Einsatz im Dienst der Eitelkeit. Wie sehr können wir unserem Urteilsvermögen, unserem Bauchgefühl trauen? Würden die Emotionen, die uns verleiten, durch Rationalität ersetzt werden, uns zu einem besseren Leben führen?
Schlink konfrontiert uns mit von Kindheit an genährten Treuekomplexen und Klassenzwängen, Harmoniebedürfnissen und Perfektionsdrängen. Was passiert, wenn ein Autor den Rollentausch nachvollziehen kann, wie in dem Haus am Wald? Man ist als Leser jedenfalls wieder in die klassische Schlink-Falle getappt, denn dem deutschen Autor und Rechtswissenschafter Bernhard Schlink ist mit dieser Sammlung an Kuriositäten wieder ein gar „menschliches“ Werk gelungen. Schlink bleibt keine Schwäche, keine innere Zerrissenheit verborgen, keine, die er nicht liebevoll unter die Lupe nimmt. Keine mit der wir selbst nicht schon gehadert hätten und die wir vielleicht aus menschlicher Unvollkommenheit einfach all zu gerne verdrängen wollten … Ein klassischer Schlink!
LitGes, August 2010
Klaus Ebner GOLEM GANZ MODERN
AM ENDE SCHUF DER MENSCH …
Gerhard Josef Langer Roman
Salzburg-Wien: Edition Tandem, 2010. 336 S.
ISBN 978-3-902606-40-2
Es geht um jüdische Geschichte und jüdische Mythen. Der Beginn des Buches führt ins Jahr 1941, mitten in die Shoah und zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die versuchen, vor den Nazischergen zu flüchten. Allein der Prolog beschreibt eine Szene, die den Leser vor Entsetzen einmal das Buch beiseite legen lässt. Doch nach einer Atempause sollte man die Lektüre unbedingt fortsetzen.
Die Flüchtenden, in der Jetztzeit alte Männer, spielen auch im weiteren Ablauf des Romans eine Rolle. Doch zentrale Figur des Romans »Am Ende schuf der Mensch ...« von Gerhard Josef Langer ist der nicht-jüdische Professor für Judaistik Michael Fürst. Er wird, mehr oder weniger zufällig, in eine Geschichte gezogen, die mit der mythischen Erschaffung eines Golems zu tun hat. Alte Papiere, die in der Salzburger Universitätsbibliothek lagerten, sollen den Schlüssel zur Erschaffung eines menschlichen Wesens bloß mit Hilfe von hebräischen Buchstaben sein, die, wie Kabbalisten über Jahrhunderte zu erforschen suchten, in ganz bestimmter Reihenfolge zu sprechen sind.
Der Leser bewegt sich ganz plötzlich in einem jüdischen Umfeld und zwischen den Städten Salzburg und Wien. Der Roman ist genau genommen eine überaus spannende Kriminalgeschichte, doch in unaufdringlicher, weil nämlich ganz natürlicher Weise bringt einem der Autor jüdische Traditionen nahe. Diese enden keineswegs irgendwo in der Vergangenheit, sondern führen ins heutige Österreich, holen den Nahostkonflikt heran und involvieren sogar den Mossad.
Fürst kommt in Besitz des besagten Manuskriptes, das jedoch ein Kollege, Gerschom Herzig, ursprünglich aus der Bibliothek entwendet hat. Dass Herzig eigentlich nicht der ist, als den Fürst in kannte, wird im Laufe des Romans immer klarer. Am Anfang steht ein Bombenanschlag auf die israelische Botschaft, bei der ein hochrangiger Diplomat stirbt, Fürst, der mehr oder weniger zufällig anwesend ist, mit viel Glück unverletzt davonkommt und die rätselhafte Rut Landau die Bühne des Geschehens betritt.
Welche Rolle Rut für Michael und für den Mossad spielt, was Gerschom Herzig vorhat, welche Verbrechen dahinterstehen, in welcher Weise sich die alten chassidischen Herren einbringen und was das alles mit dem Golem zu tun hat … das werde ich nicht verraten.
Das Buch ist spannend bis zum Schluss. Langer schreibt aus einer allwissenden Erzählposition heraus und wechselt sehr rasch die Perspektive: einmal folgen wir Michael Fürst, dann gehen wir mit Rut, und auf der nächsten Seite lesen wir die Gedanken von Gerschom Herzig. Die Geschichte wird linear erzählt, doch manchmal greifen die Handlungsstränge zeitlich ineinander, weil sie aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. An manchen Stellen mag man das Gefühl haben, hier wurde einfach jeder mögliche Aspekt jüdischen Lebens hineingepackt, doch entspricht dies wohl der Realität: da kommt der Ewiggestrige ebenso vor wie die Orthodoxen, israelische Geheimagenten und palästinensische Terroristen ebenso wie der Goj (Nicht-Jude), der eine Menge ins Rollen bringt, und die Erschaffung des Golems verleiht dem Buch ein märchenhaftes Element.
LitGes, August 2010
Ingrid Reichel POLIZEINOTSTAND
OHNMACHTSPIELE
Georg Haderer Kriminalroman
Innsbruck: Haymon, 2010. 316 S.
ISBN 978-3-85218-630-6
Seit seinem letzten Fall („Schäfers Qualen“) ist Major Schäfer depressiv und labil. Außerdem leidet er unter Panikattacken. Seine Lebenssäfte spürt er erst wieder, als er eine Verbindung zwischen ein paar unzusammenhängenden, unaufgeklärten Todesfällen herstellt. Da wären zunächst eine anonyme männliche Leiche aus dem Drogenmilieu, dann, die in der Donau ertrunkene beliebte Lehrerin Sonja Ziermann, die eingesperrt in ihrem Badezimmer in der Badewanne ertrunkene Laura Rudenz – gebürtig aus der industriellen Familie Laska - und ihr Mann, der bei Schneesturm von der Straße abgedrängt wurde und durch diesen Autounfall ums Leben kam. Scheinbar alles Unglücksfälle. Nicht für Schäfer, der Blut leckt, aber den man nicht lecken lassen will. Doch da Einsparungsmaßnahmen in der Polizei Priorität haben, will man den „Hirngespinsten“ Schäfers, demnach zwei Serienkiller nach dem Muster eines Kartenspiels morden, nicht glauben. Auch den etliche Zeit zurückliegenden Fall der erschossenen Frau Chlapek will er neu aufrollen. Die Mittel für die Untersuchung werden nicht genehmigt. Haderer bringt über seinen Protagonisten eine zwiespältige politische Kritik an der Polizeireform und die damit verbundenen Schwierigkeiten an. Effiziente kriminalistische Arbeit geht mit dem angesagten Sparpaket nicht einher. Schließlich geht es um die Sicherheit der Bürger. Aber ein echter Tiroler wie Schäfer lässt sich durch die Wiener Behörden nicht unterkriegen. Ob Schäfers kriminalistischer Instinkt und Genialität wieder zur Lösung mehrerer Fälle beitragen wird oder ob er sich trotz Therapie völlig in eine Fiktion verirren wird und eher einer Paranoia erliegt, eins bleibt gewiss: die Ohnmacht der Polizei wird deutlich spürbar.