APOSTOLOFF Roman Sibylle Lewitscharoff Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 2009. 247 S. ISBN 978-3-518-42061-4
Die 1954 in Stuttgart geborene Bachmann-Preisträgerin (1998) Sybille Lewitscharoff lässt sich in ihrem neuesten Roman „Apostoloff“ auf ihre bulgarische Wurzeln ein. Bedeutende autobiographische Ereignisse bilden den roten Faden des Romans. Lewitscharoff, deren Vater in den 1940ern von Sofia nach Stuttgart emigrierte, eine Deutsche heiratete, erfolgreich eine gynäkologische Praxis führte und schließlich Suizid beging, beschreibt die bulgarische Community der „heimatlosen Ausländer“.
In der Fiktion hat der Arzt zwei Töchter. Mittlerweile sind die Mutter und alle Freunde des Vaters verstorben, bis auf Tabakoff, der nach Amerika ging und es zu richtigem Reichtum schaffte. Ihn, hat nun im hohen Alter die Sehnsucht nach seiner Heimat und die fixe Idee gepackt auch seine verstorbenen Freunde hätten den Wunsch nach Bulgarien zurückzukehren. Mit Einverständnis der Familien werden nun 19 Exilbulgaren in ihren Urnen in einem Limousinenkonvoi samt Angehörigen ins Vaterland überführt und beigesetzt. Die zwei Schwestern, die wie Tag und Nacht eine Einheit bilden, dehnen mit Runen Apostoloff, den sie als Chauffeur engagieren ihre Reise durch Bulgarien aus. Apostoloff dient als Vermittler in dieser gespaltenen Icherzählung. Zwischen Hassgefühlen gegenüber diesem Land, welches ihnen auf psychologische Weise den Vater so früh genommen hat, ergießt sich langsam aber kontinuierlich die Versöhnung und mündet schließlich in ein Liebesbekenntnis zum Vater und seinen Wurzeln, wie es wohl nur Frauen auf unsentimentale Art zustande bringen. Lewitscharoff quillt über in kurzen, prägnanten und subtilen Beschreibungen vom Alltag, wie: „Er entknickt seine Lesebrille, ein schickes Exemplar, das für gewöhnlich als Schmetterlingspuppe in enger Hülle ruht.“ (S. 33), vom Verfolgungswahn und der Tendenz zu Verschwörungstheorien der Bulgaren, denn es kann nicht sein, dass ein echter Bulgare sich einfach so entleibt. Da muss es einen triftigeren Grund als Depression geben. Vermutlich steckt da die dt. Ehefrau dahinter oder gar der bulgarische Geheimdienst. Lewitscharoff schlachtet diese Absurditäten in ihrer gesamten Tragweite aus, charakterisiert die Kommunismusnostalgie, die „eingefleischte Ostromantik“ und den ungebrochenen Stolz der Bulgaren. Letztendlich führt die Reise in die Fremde immer wieder zu einem selbst zurück. Für mich, der beste deutschsprachige Roman dieses Jahres mit einer von der Autorin selbst gestalteten sensationellen Umschlagsillustration.
etcetera 38, November 2009
Eva Riebler REFLEXIONEN
SCHÖNHEIT
Konrad Paul Liessmann Reihe UTB Profile
Stuttgart: UTB Verlag, 2009. 119 S.
ISBN 978-3-8252-3048-7
Konrad Paul Liessmann, geboren 1953, ist seit 13 Jahren wissenschaftlicher Leiter des Philosophicums Lech und hat zum heurigen Thema: „Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung“ ein Werk herausgegeben. Es ist ein Traktat, das den historischen Begriff der Schönheit von Sokrates, Plato, Hippias über die Renaissance bis Kant im Kapitel: Die „große Theorie“ erörtert und die Bedeutung der Schönheit in der Kunst im Kapitel: Das Schöne und die Kunst nachzuvollziehen versucht. Denn seit der Antike galt diese Schönheit in der Kunst als entscheidendes Ziel menschlicher Kreativität und kosmischer Harmonie, die die Trias mit dem Guten und Wahren bildet.
Die Schönheit in der Kunst kam jedoch ab der Mitte des 20. Jahrhunderts unter den Kitschverdacht und Gegenströmungen setzten ein. Die gefällige oder geschmeidige Form und der erbauliche Inhalt waren nicht mehr erstrebenswert. Insofern wurde die Schönheit entzaubert. Aber bereits Kant schied ja die ästhetische Urteilskraft von der moralisch-praktischen Bedeutung.
Das Kapitel: Die Subjektivierung des Schönen zeigt u. a., dass der Begriff, was schön sei, im Auge des Betrachters liege und die Rückbindung das Schöne sei das Gute, praktisch nicht haltbar sei. Das Verhältnis von Freiheit und Erscheinung wird thematisiert und Schiller zitiert, nach dem „Schönheit also nichts anderes als Freiheit in der Erscheinung (= Darstellung)“ sei, und es wird aufgeworfen, ob unter Freiheit die Freiheit zur Sittlichkeit zu verstehen sei.
Liessmann widmet im Kapitel: Attraktivität: Über die Formbarkeit des Menschen einige Seiten der Schönheit des Körpers und dem Schönheitswahn unserer Zeit. Er spricht vom entwicklungstechnischen Vorteil ein schönes Baby zu sein bis zur schönen Leich. Da die Momente des Schönen im Leben so selten sind, werden diese überhöht oder führen leicht zu Melancholie. Die Schönheit ist jedoch in Stendhals Reflexionen „Über die Liebe“ nur „ein Versprechen von Glück“, ein Versprechen, das keine Erfüllung garantiert, sondern Erwartungen und Begierden schürt. Ist die Leidenschaft wieder verflogen, ist die Schönheit entthront. Dieses Risiko schwingt immer mit.
Die Schönheit soll nachvollziehbar, also reglementierbar und mitteilbar sein (Kant). Sie verbindet (Kant) und wir fühlen uns ihr verbunden Sie ist subjektive Empfindung oder ein Ausdruck einer objektiven Idee, jedoch niemals demokratisch herstellbar, obwohl sie seit der Postmodernen unseren Alltag ästhetisiert. Dies behandelt der Autor in den Kapiteln: Positionen der Moderne: Schein, Form, Trieb und Distanz und in Schönheit im Alltag: Mode, Design und Werbung.
Mit diesem Band liegt eine spannende sowie ausführliche Kontroverse über die Bedeutung, Herkunft und Natur des ambivalenten Begriffes der Schönheit vor, die auch in Häppchen zu genießen ist.
etcetera 38, November 2009
Franz Reichel FAST MÖCHTE MAN ZUM LEHRLING WERDEN
KOCHLUST
Toni Mörwald, Herbert Hacker, David Ruehm Wien: Pichler Verlag, 2009. 313 S.
ISBN: 978-3-85431-476-9
Toni Mörwald, ein Multigastronom betreibt nicht nur mehrere Restaurants sondern bietet in Feuersbrunn, im Landgasthaus zur Traube, seinen Fans seit fast 20 Jahren Kochseminare an. Die Intention dieses Kochbuches ist es den Hobbyköchen höchst praktische, verständliche und detaillierte Anleitungen zu vermitteln, die auch vermeintlich schwierige Gerichte und Saucen gelingen lassen. Der Aufbau des Werkes erinnert an altehrwürdige Klassiker. Von Suppen, Saucen, Fonds und Jus, Teige angefangen über die fleischlichen Kapitel Steaks und Kräuter, Rind und Lamm bis zu den deftigen Gulasch und Ragout, abgeschlossen durch Die neue Art Wein zu trinken erfährt der Kocheleve praktisch alles was zu einer Grundausbildung im Kochen dazugehört. Mit diesem Wissen kann der Neuling unsere Kochkultur nicht nur als Konsument sondern auch als Produzent genießen. Kochen ist wie uns in vielen TV-Sendungen oft vermittelt wird ein Stressberuf und das wird auch in der im Konkurrenzkampf um Hauben und Sterne befindlichen Gastronomie der Falls sein. Kochen ist im privaten Kreis aber eine höchst anregende und erfüllende Tätigkeit. Man isst nicht nur, man kostet, schmeckt ab, gibt dem Gericht seine persönliche Note mit, experimentiert und überrascht seine Freunde und Gäste. Damit dies auch gelingt sind gewisse Grundtechniken und Tricks vonnöten. Denn zerronnene Saucen und matschig gegarter Fisch oder gar versalzene Suppen verleiden Freude. Das zentrale Motto des Buches von Mörwald und Hacker ist daher die Kochlust, die begründete und fundierte Lust an der Zubereitung von Köstlichkeiten. Es würde zu weit führen alle Techniken und Tricks die der Meisterkoch verrät aufzuzählen aber die Didaktik des Buches ist einfach gelungen und stimmig. Schnitttechniken – Putzen – Parieren - Filetieren, Kochverfahren – Pochieren – Dämpfen – Dünsten – Blanchieren. wie man Nudeln kocht, welches Fleisch für welches Gericht und vieles mehr wird gut erklärt. Besonderen Wert legen die Autoren auch auf die bodenständigen Produkte, was das Buch sehr österreichisch macht. Der Essig-Künstler - Erwin Gegenbauer (S.102), Im Schneckenland (S. 134), Kaviarproduzent Grüll (S. 144), Der Fischfreak - Fischzucht Alexander Quester (S.167), Der mit den Büffeln tanzt – Käsemacher R. Paget (S. 196), Landart – die Königsklasse – Paul Brzon Produkte für Feinschmecker (S. 262) auf diesen Seiten werden Produzenten und deren Produkte vorgestellt.
Die Auswahl und Gestaltung der Gerichte ist modern, vergisst aber nicht unsere österreichische Tradition weshalb es sehr erfreulich ist Gerichte wie Wiener Schnitzel, Gulasch – scharf – klassisch, Erdäpfelgulasch, Rostbraten und man glaubt es kaum ein einfaches aber herzhaftes Gericht – „Saure Wurst mit Zwiebel und Apfelessig“ hier vertreten zu finden. Natürlich gibt es Lamm, T-Bonesteak, Ente, Wild, Huhn und Wachtel – nein, zu viel ist schon verraten – lesen und probieren sie es lieber selbst.
Auf den letzen Seiten wird die Welt von Mörwald, seine Restaurants, seine Produkte und Aktivitäten beworben.
Der Fotograf, David Ruehm hat dieses Kochbuch mit tollen Bildern und Verarbeitungssequenzen, die einzelne Prozesse erklären bereichert. Wenige künstlerische Unschärfen, gut gewählte Perspektive und Details tragen das ihre zum gelungenen Werk und dem dabei unvermeidlich entstehenden Appetit bei.
Für Hobbyköche ein Muss! Als Aperitif für jedermann zu empfehlen.
etcetera 38, November 2009
Klaus Ebner LUFTIKUS
LUFT Erzählungen Wilhelm Pevny Klagenfurt: Wieser Verlag, 2009. 182 S.
ISBN 978-3-85129-835-2
Zehn Kurzgeschichten legt Wilhelm Pevny in seinem Band „Luft“ vor. Geschichten aus dem Leben, möchte man meinen, und dennoch Geschichten, die durch ihre überraschenden, skurrilen und manchmal sogar mit ungläubiger Erwartung vorhergesehenen Wendungen verblüffen.
Wie die gut gemeinte Regung, jemandes Berufssituation durch tatsächlich ausgesprochenes Lob zu verbessern, aufgrund einer trotzigen Schwerfälligkeit des gesamten Systems nicht nur boykottiert, sondern ins Gegenteil verkehrt werden kann, führt uns „Die Filialleiterin“ vor, ein Text, der frappant an Dürrenmatt erinnert.
Mit „Handyman“ nimmt Pevny die heute übliche Handymanie gelungen auf die Schippe. Ein unverbesserlicher Dauertelefonierer streicht lebenslang im Ort herum, bis sich – anlässlich seiner Ehrung als Pionier auf diesem Gebiet – herausstellt, dass er offensichtlich nur mit sich selbst spricht. Doppeldeutiger Schlusssatz: „Man war im wahrsten Sinne des Wortes unter sich.“ Einzig irritierend, dass engl. handyman eigentlich Heimwerker bedeutet, aber in diesem Fall darf das Wort wohl ausschließlich neudeutsch gelesen werden.
In den Titeln der Geschichten schwingen Anspielungen an Bekanntes aus der Literatur an. Aus „Die größte Erfindung der Menschheit“ schimmert Zweig, aus „Der Floh im Ohr“ natürlich Canetti, und „Der Club der Gesichtslosen“ klingt an den allseits bekannten Film an. Feine Allusionen, die aufgrund des ans Absurde grenzenden Inhalts noch einmal auflachen lassen.
Hinreißend „Der Tag ohne Mitleid“, in dem aufgrund eines meteorologischen Phänomens quasi das „Mitleidsgen“ der Menschen mutiert und sich alle plötzlich berufen fühlen, die Leiden und Missstände der Welt beiseite zu räumen. Eine Geschichte, die durch Umkehrung der Realität nachdenklich stimmt. Der Autor nimmt auch hier die Rolle eines Hofnarren ein, und zwar mit Bravour.
etcetera 38, November 2009
Franz Reichel ANTWORTEN VOM MEISTER
FÜR ALLE FRAGEN OFFEN Antworten zur Weltliteratur Marcel Reich-Ranicki München: DVA, 2009. 223 S.
ISBN: 978-3-421-04437-2
Wer kennt den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki nicht aus der Sendung „Das literarische Quartett“, das bis 2001 im ZDF von ihm geleitet wurde? All jene, die seine scharfen, kritischen und oft harten Analysen von Werken und Autoren gleichermaßen noch in Erinnerung haben, besonders aber jenen, die seine Position zur Weltliteratur noch nicht kennen, sei dieser Sammelband ans Herz gelegt. Er enthält eine Auswahl von Antworten auf Leserfragen an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die in der Kolumne „Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki“ in den Jahren Jänner 2006 bis Juni 2009 erschienen sind. Nicht genannt werden die Namen der Fragesteller sowie das Erscheinungsdatum der jeweiligen Fragen.
In fünf thematisch geordneten Kapiteln, mit den Untertiteln „Fragen zu …“ kann man die fachkundigen, oft kurz und prägnant, dann aber wieder ausführlich analysiert, so wie auch heiter bis verärgert formulierten Antworten nachlesen. Es geht um Fragen nach angeblich vergessenen Schriftstellern, nach der Stellung von Schriftstellern in der Weltliteratur, nach persönlichen Ansichten über Autoren und deren Werk, was das Werk und seine Bedeutung verschiedener Autorinnen und Autoren denn ausmacht und vieles mehr. Die kurzen Antworten bestehen nur aus wenigen Zeilen, die ausführlichen füllen einige Seiten.
Es werden hier keine Details verraten. Der Leser soll in diesem interessanten Sammelband genüsslich schmökern und die Ansichten eines großen Literaturkenners erfahren. Man muss nicht um jeden Preis einer Meinung mit Ranicki sein. Aber besonders für junge Leser, Deutschlehrer und Literaturbegeisterte bietet sich hier die Möglichkeit eines Einstiegs zur kritischen Auseinandersetzung mit Literatur.
Ein Autorenregister sowie ein Werkregister erlauben dem Leser gezielt nach Personen und Themen zu suchen. Eine gelungene Zusammenstellung, ein ideales Buch für jede Tages- und Nachtzeit.