EINS UND VIER MACHT STARK
Anne-Kathrin Behl Wien: Picus Verlag, 2009
32 S.
ISBN 978-3-85452-149-5
Zuzüglich dem alten Motto: „gemeinsam, statt einsam“ ergibt das Leben für fünf Tiere wieder Sinn.
Bär, Fuchs, Wildschwein, Eichkätzchen und Biber gestehen sich und einander ihre jeweiligen Ängste. Bär hat Angst, dass er während fünf Monaten Winterschlaf viel versäumt, Eichkätzchen kann nicht auf den Baum fliehen, da es Höhenangst hat, Biber ist wasserscheu und Wildschwein schläft nachts statt tagsüber, da es sich in der Dunkelheit fürchtet. Dadurch hat es am Tag keine Spielgefährten und fühlt sich wie Fuchs einsam.
Gemeinsam, ohne einander zu fressen oder zu bedrohen, bewältigen sie ihr Leben besser. Dies sollte unseren Kindern eine einleuchtende Maxime sein. Wollen wir doch stets, dass unsere Nachkommen eine Dosis mehr an Kultiviertheit mitbekommen und ein friedlicheres Miteinander pflegen können.
Ein leiser Wertewandel macht sich bemerkbar, unsere Kinder dürfen die Schwachstellen des ach so starken Bären und die Stärken einer Gemeinschaft erkennen.
Eine philosophische Auseinandersetzung in einfacher Sprache, geeignet zum Betrachten und Vorlesen ab drei Jahren.
Der Titel führt vielleicht etwas in die Irre, denn auch zwei oder drei Tiere fühlen sich durch Freundschaft gestärkt und in einer kleineren Gemeinschaft geborgen.
Bebildert ist dieses Erstlingswerk der 27-jährigen Deutschen mit aussagekräftigen Bildern. Schlicht, knapp und einfach wie die Wortwahl erfreuen die bunten Collagen.
Das Kinderbuch erweist sich als poetisch und trotzdem unprätentiös und als künstlerisch hervorragend gestaltet.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Ingrid Reichel ROMANDEBUT NACH EINEM VIERTERL WEIN
LETZTE LIEBE
Dorothea Razumovsky Roman
Frankfurt/ Main: Weissbooks, 2009
152 S.
ISBN 978-3-940888-44-0
Die 1935
geborene bekannte deutsche Medienberichterstatterin Dorothea Razumovsky hat sich nach einem Glas Wein vom Verleger Rainer Weiss zu einem Buch überreden lassen. Mit 74 Jahren wurde also ihr Erstlingsroman veröffentlicht!
Der schwülstig klingende Titel „Letzte Liebe“ soll jedoch nicht abschrecken. Auf den knapp 152 Seiten gibt es weder Kitschgeplänkel noch Druck auf die Tränendrüse. Alternde verwitwete Dame mit Hündin tauscht Haus gegen Altersheim, weil sie ihre bissige Stieftochter und deren Allüren nicht mehr ertragen will.
So könnte man den Roman in Kurfassung abhandeln.
„Eigentlich merkwürdig, dass im Märchen immer die Stiefmutter die Böse ist, nie die jüngere Generation.“ (S. 20). Geschickt schaff t es Razumovsky den Leser trotz klischeebehafteten Inhalts in heitere Spannung zu versetzen. Denn alt ist nur, wer im Herzen alt ist. Und so fällt der Protagonistin, deren hohes Alter von 80 Jahren erst auf Seite 86 verraten wird, im Altersheim allerhand ein, was sie mit ihrem Leben noch anfangen kann. Mit dem 16-jährigen Wowa hat sie eine neue Lebensaufgabe gefunden. Doch Razumovskys Erzählung ist mehr als ein netter Roman im Trend der Zeit. „In meiner Lokalzeitung sind die Todesanzeigen fast immer im Sportteil zu finden. Super Leistung, das Ziel erreicht?“ (S. 25). Mit trockenem Humor verbindet sie Alt und Jung, zeigt wie frisch und agil sich trotz körperlicher Wehwehchen die ältere Generation fühlt, dass geistige Aktivität und Lebensfreude vom Altern nicht beeinträchtigt werden, gewisse Meinungen, Lebenserwartungen, Vorurteile und Emotionen – z.B. bezüglich Frauengleichberechtigung – kein Ablaufdatum haben. Aber vor allem überzeugt Razumovsky mit der Figur der alten Dame. Schlau und rege manövriert sie sich durchs Leben. Rigoros, diszipliniert und mutig setzt sie ihre Pläne um und ähnelt somit dieser außergewöhnlichen Autorin.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Ingrid Reichel EIN VIERTERL GEFÄLLIG?
WOS I IMMA GSOGT HOB …
Komisches für Zwischendurch.
Alfred Koholek, Willy Zwerger (Hg.) Illustration: W. Hoffelner
Wien: Edition Barrique, 2009
132 S.
ISBN 978-3-200-01540-1
Wos hast ans? Mit einem Vierterl Wein könnte Alfred Koholek nicht das Auslangen haben, ergeben doch die Anfangsbuchstaben seines Vor- und Zunamens schon Al-Kohol!
Als Schankbursch bis zum Weinauktionator hat sich der ausgebildete Sommelier und Inhaber einer Taverne auf Kreta durch den Wein gekostet und ist beim Samos hängen geblieben. Abgesehen vom griechischen Wein, ist sonst alles echt wienerisch.
Koholek druckt G’schichtln, wie man in Österreich sagt.
Dies ist das zweite Buch voll mit wienerischen Kolumnen. Der Verleger Willy Zwerger schrieb die ersten nieder und brachte zuerst „Die Abenteuer des Alfred Koholek“ in der Edition Barrique heraus.
Weil Koholek ein Schulzeugnis gefunden hat, das bestätigt, dass er schreiben kann, schrieb er das zweite Buch selbst. Alltagssituationen werden auf die Spitze getrieben, manches hat man ohne Übertreibung tatsächlich schon selbst erlebt: zwei sich um den Geisteszustand ihrer Sprösslinge streitenden Mütter, eine geplagte Kassiererin und Filialleiterin im Supermarkt, eine Begegnung mit der Polizei, eine Situation im Flugzeug, das Warten auf eine Verabredung in einem Lokal, die Sehnsucht nach weißer Weihnacht und der geplagte Schneeschaufl er u.a.… alles Erlebnisse hautnah von Koholek persönlich erlebt oder belauscht.
Und wo Koholek sich herumtreibt, ist der Alkohol nicht weit. Und dann gibt es noch Dialoge. Einer mit Zwerger und dem Medicus erinnert an eine wortspielreiche Doppelconférence von Waldbrunn und Farkas, andere sind aus der Fabelwelt, wenn sich z.B. zwei Hunde über die Freiheit unterhalten … das Ganze wird noch durch die hervorragenden Illustrationen von Wolfgang Hoffelner intensiviert.
Für Freunde des Wienerischen - in Geist und Sprache – witzig und spritzig!
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Eva Riebler VOM LETZTEN VIERTEL DES LEBENS
AM FENSTER
Luc Bondy Wien: Zsolnay Verlag, 2009
160 S.
ISBN 978-3-552-05472-1
Der erfolgreiche Regisseur Luc Bondy, geboren 1948 in Zürich, hat als Erstlingswerk einen Roman über den Lebensabend eines alternden Mannes, genauer gesagt eines 61-Jährigen, geschrieben.
Dass sich hier Autobiographisches einmischt, wollen wir nicht bezweifeln, allerdings ist diese Romanfigur mit 61 physisch bereits so krank und klaustrophobisch senil, dass wir es doch bezweifeln wollen. Er hat Angst von seiner um einiges jüngeren zweiten Frau verlassen zu werden. Er stellt sich ständig Fragen, auf die es kaum Antworten, und wenn, dann philosophische, gibt. Was ist z. B. der Unterschied zwischen seinen drei Freundinnen und seinen zwei Gattinnen?
Er denkt an seine verstorbenen Freunde und ist sich sicher, dass diese nun im Jenseits mehr verstehen als vorher im Diesseits, denn auch er erkennt sie jetzt erst in ihrer Komplexität.
Die Gedanken und zum Ärger seiner Frau stets laut artikulierten Selbstgespräche gleiten zum toten Großvater und zu seiner Mutter, die ihm im Wäschekasten versteckt einige Briefe über ihr Leben hinterlassen hat. So versteht es der Autor durch Briefe der einst vor Hitler flüchtenden Mutter und Erzählungen geschickt die Nazi- oder Kriegszeit hervorzuholen und Reflexionen über z. B. das Judentum anzustellen: „Der Jude ist eitel, er mag es über sich selbst Witze zu erzählen und dabei nicht gut wegzukommen“ S. 116.
Alle Gedanken führen ihn in die Vergangenheit und zu den Schicksalen anderer. Und er meint treffend: „Denn nur die Erinnerungen, auch die falschen, sind das Leben, der Rest ist Tun“ S. 120. Als alternder, kranker Mann bleiben ihm außer Erinnerungen noch die Träume und er weiß sie zu schätzen und zu genießen: „Seit ich 60 bin, weiß ich, dass nur die Träume wahr sind, alles andere ist eine Konstruktion oder ein Lügengebäude.“ S. 15. Seine Konstruktion Ehe geht demnach den Bach hinunter und er taucht ein zweites Mal in die Kindheitsträume hinab, denn es bleibt ihm außer der Vergangenheit nicht mal der ungetrübte Geschmack des Kaffees, wie Luc Bondy bereits eingangs seines Werkes bemerkt hat.
So schließt sich der Kreis und der Anfang vom Ende steht noch immer oder schon wieder vor ihm.
Ein Paradoxon bleibt: Vielleicht ist das Vegetieren das eigentliche Leben, denn S. 120 „Wo das Leben aufhört und man nur noch vegetiert, da beginnt vielleicht das Leben.“ Ja, das Nichtstun hat komplexe Gesetze und die hat der Autor trefflich, witzig und humorvoll gegenüber der eigenen Hinfälligkeit ausgelotet und in pointierte Sprache gekleidet.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Maria Seitz LUST AUF WIEN-MARGARETEN
DAS LITERARISCHE SPRACHLABOR
Stefan Krist, Patricia Brooks, Günter Vallaster (Hg.) Workshop-Konzepte für den Unterricht. Arbeitsbuch.
Wien: Praesens Verlag, 2009
164 S.
ISBN 978-3-7069-0491-9
In diesem Band werden 19 Workshop-Konzepte für kreatives Schreiben im Deutsch-Unterricht vorgestellt. Als Teilnehmer lernen wir unser Potential an Phantasie und Ideen auszuschöpfen und nach außen zu bringen. Auf spielerische Weise nähern wir uns dem Text. Themen sind: Surrealer Bildimpuls, Lautmalerei, Wortklang, Resonanz des Textes im Körper, visuelle und musikalische Poesie, Texte zerlegen, montieren, assoziatives Experimentieren zum „Zug“ und die Möglichkeit, uns anhand von Graffity-Kunst an sub-kulturellen Strömungen zu bereichern.
So schöpfen wir aus dem eigenen Repertoire, unserem ganz persönlichen Wortmaterial und lassen daraus Gedichte, kurze Geschichten oder Prosatexte entstehen, deren Formen und Sinn stets ihren ureigenen, persönlich gefärbten Reiz entstehen lassen – die charakteristische Note eben.
In Gruppen- oder auch Einzelarbeit gehen wir humorvoll an den eigenen Wortschatz heran und machen uns dadurch prägende Themen oder Denkweisen bewusst, die auf uns einwirken.
Empfohlen für Leute, die keinen Anspruch auf Perfektion beim Schreiben haben, sondern es auch gerne mal wagen, den Versuch des Texteschreibens an sich als Baustein des Arbeitens mit dem Text zu akzeptieren. Für alle, die sich gern vorantasten im Bewusstmachen und Weiterentwickeln des eigenen Sprachgebrauchs.