Klaus Ebner
DIE TALENTIERTE SCHILDKRÖTE

 
DIE ERSTAUNLICHEN TALENTE DER AUDREY FLOWERS
Jessica Grant
Roman
Aus dem Englischen: Thomas Mohr
München: Goldmann Manhattan, 2010
493 S.
ISBN 978-3-442-54666-4

 

Verborgenes sehen, Dinge sehen, die anderen Menschen nicht auffallen, die es möglicherweise gar nicht gibt in der so genannten Wirklichkeit – das ist es, was Audrey Flowers ausgezeichnet beherrscht. Auf dem Flug in ihre Heimatstadt entwaffnet sie einen Air Marshal, weil sie ihn angesichts seiner versteckten Handfeuerwaffe für einen Terroristen hält. Nur der Copilot kann sie dazu bewegen, die Toilette zu verlassen, auf die sie sich zurückgezogen hat, und die Waffe wieder auszuhändigen; dazu muss er ihr allerdings erst bestätigen, was Audrey vor dem Abflug gesehen hat, nämlich wie er, der Copilot, seinen Piloten auf die Wange geküsst hatte.

Realität? Imagination? Was spielt das schon für eine Rolle. Die Hauptpersonen sind Audrey Flowers und ihre Schildkröte. Winnifred. Jessica Grant schrieb einen belletristischen Roman, der eine ganz ungewöhnliche Geschichte erzählt, deren Ungewöhnlichkeit indes in den Details liegt. Audrey kehrt von Oregon, wo sie mit Winnifred lebt, in ihren neufundländischen Heimatort zurück, weil ihr Vater im Koma liegt. Doch als sie ankommt, erfährt sie von dessen Tod. Audrey wird von der Familie und von Freunden Oddly genannt, und dass sich darin das englische Wörtchen »odd« verbirgt, ist kein Zufall. Überhaupt scheint sich die Autorin gerne Gedanken über die Namen ihrer Figuren zu machen, und das tut gut. Neben Onkel Thoby und der Schildkröte Winnifred treten ja der Air Marshal mit Namen Marshall und Byrne Doyle auf; Chuck, Linda und Cliff sehen auf den ersten Blick wie zufällig gewählte amerikanische Vornamen auf, doch sie vermitteln unbewusst ein bestimmtes Bild der Personen.

 

Jessica Grant ist eine kanadische Autorin und stammt aus Neufundland, wo auch ein Gutteil ihres Romans spielt. In einer Umgebung, die ihr gut vertraut ist, erzählt sie die Geschichte von Audrey und Winnifred in einem sehr lockeren, großteils umgangssprachlichen Stil (etwa: »Chuck und Linda schmeißen eine Weihnachtsparty«), der auch mit Kalauern, Wortspielen (z.B. »Du hast gesagt, er liegt im Komma. – Ich weiß, aber es ist vorbei. – Punktum.«) und Zitaten arbeitet. Aber auch in sehr kurzen Sätzen, und das klingt dann etwa so: »Das Kaffeewasser gurgelt. Der Duft gibt mir Hoffnung. Im Türknauf habe ich eine spitze Nase. Das kommt von der konvexen Oberfläche. Das Fenster hinter mir ist golden und verzerrt. Der Schnee fällt quer.« Im östlichen Kanada geläufige französische Wörter und Phrasen kommen vor, die auch bei der Übersetzung korrekterweise französisch geblieben sind. Thomas Mohr sorgte für diese Übersetzung, und ein Vergleich mit dem im Internet zugänglichen ersten Kapitel im Original zeigt, wie gut seine Übersetzung gelungen ist und den speziellen Tonfall des Romans im Deutschen wiedergibt.

 

Die Erzählperspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel. Mal erzählt Audrey selbst, mal ist es die Schildkröte Winnifred! Tiere erzählen zu lassen, ist zwar gerade in der amerikanischen Literatur nichts Ungewöhnliches, doch mit diesem Trick erreicht die Autorin, dass sie auch Ereignisse erzählen kann, bei denen die Protagonistin Audrey nicht anwesend ist und die sie daher nicht wissen kann. Winnifred wurde in Oregon zurückgelassen, bei Audreys Freunden, die nicht sonderlich zuverlässig sind. Das Wiedersehen mit Audrey lässt eine gute Weile auf sich warten.

Audrey wurde übrigens an einem 29. Februar geboren, was zur Skurrilität der Protagonistin beiträgt. Im Laufe der Geschichte rührt sie in alten Familiengeheimnissen, denn sie möchte erfahren, wer ihr Vater eigentlich wirklich war; ein Mann, der glaubte, Altern ließe sich heilen – und so spielen Alter und Zeit eine vielschichtige Rolle; der Leser erlebt Rückblenden in ihre Kindheit und wird Zeuge witziger Situationen, beispielsweise der mitunter bissigen Kommentare rund um die Startprobleme eines (offensichtlich alten) Lada. Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers, oder, wie das Buch auf Englisch heißt: Come, Thou Tortoise, ist ein Buch zum Schmunzeln und zum Lachen. Audreys Kommentare und Vergleiche nehmen öfters Bezug auf die Star-Wars-Filme sowie auf Shirley MacLaine und ihre esoterisch angehauchten Bücher. Zu einer wichtigen Person in Audreys Leben wird schließlich Judd, seines Zeichens quasi Experte für Weihnachtsbeleuchtungen. »Judd hat schon früh eine Vorliebe für die Dunkelheit, für Schokolade, für Verkehrsampeln entwickelt.«, sagt sie von ihm. Aber auch Warnblinkanlagen machen ihn glücklich. »Und natürlich Weihnachtslichterketten.« Und am Ende, nachdem er für Winnifred einen Schildkrötenwärmer gestrickt und mit ihr Freundschaft geschlossen hat, ist es auch Audrey, die ihn glücklich macht.

 

Litges, Mai 2010

 

Klaus Ebner
BUCHLINIEN

 

 
BRUCHLINIEN
Wendelin Schmidt-Dengler
Vorlesungen zur österreichischen Literatur
St. Pölten-Salzburg: Residenz Verlag, 1995. Neuauflage 2010
560 S.
ISBN 978-3-7017-3179-4

 

Wendelin Schmidt-Denglers Buch erschien ursprünglich 1995, war viel zu rasch vergriffen und wurde nun von Residenz neu aufgelegt. Bis auf ein paar Korrekturen sind die Texte unverändert, also auch in der alten Rechtschreibung, wiedergegeben. In Bruchlinien sammelte Österreichs bekanntester Germanist, Literaturprofessor und Kritiker, der letztes Jahr unerwartet verstarb, Vorlesungen zur österreichischen Literatur. So mancher, der in den 80er oder 90er Jahren deutsche Philologie in Wien studierte, wird hier Bekanntes entdecken. An der Universität war Wendelin Schmidt-Dengler bekannt als jemand, der den Begriff »Vorlesung« zwar wörtlich nahm und tatsächlich jeden Satz vom Blatt las, doch dies in einer virtuosen Weise und mit einer Begeisterung zu tun verstand, die ihn wohl von allen anderen Vortragenden abhoben. Eine Vorlesung bei Professor Schmidt-Dengler war allemal ein Erlebnis ersten Ranges. Ein Teil der Inhalte ist in Bruchlinien zum Nachlesen gesammelt. Und jeder, der den Professor kannte, hört beim Lesen im Hinterkopf dessen Stimme und vernimmt die eindringliche Art, mit der er es verstanden hatte, aus der sonst so trockenen Literaturwissenschaft ein spannendes Abenteuer zu machen.

Drei Abschnitte enthält das Buch, nämlich die Zeiträume 1945-1966, 1970-1980 und 1980-1990. Sie entsprechen Universitätssemestern, in denen die jeweiligen Vorlesungen gehalten wurden. In dieser Chronologie fehlen die vier Jahre zwischen 1966 und 1970, doch Schmidt-Dengler weist bereits im Vorwort darauf hin, dass sie nicht unter den Tisch fallen, ganz im Gegenteil: »Auf diese Phase, die vor allem in Österreich im innerästhetischen Bereich eine große Bedeutung hatte, komme ich mehrfach im einschlägigen Zusammenhang zu sprechen.«Die Vorlesungen behandeln in erster Linie die Werke von Autoren. Werke, die Schmidt-Dengler als wichtig beziehungsweise herausragend für die österreichische Literatur erachtet hat. Zur Auswahl und zur österreichischen Literatur im Allgemeinen erklärte er im Vorwort: »Es kommt mir eher auf die Differenzen an, auf die Risse, auf die Verwerfung und auf die Übernahme von Traditionen, auf die Widersprüche in den Werken und in der Rezeption, kurzum auf die Bruchlinien, an denen Neues sichtbar wird.« Und beim Herantasten an die literarischen Werke gerinnen die angesprochenen Bruchlinien zu Buchlinien.

Besprochen wird primär Altbekanntes, die weithin sichtbaren Felsen im Strom österreichischer Literatur, Heimito von Doderers Die Strudlhofstiege, Hans Leberts Die Wolfshaut, Ingeborg Bachmanns Erzählband Das dreißigste Jahr und ihr Roman Malina, Peter Handkes Wunschloses Unglück und Die Wiederholung, Elias Canettis Autobiografie Die gerettete Zunge und Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin. Aber eben nicht nur. Auch weniger Bekanntes kommt zum Zug, wie Josef Haslingers Der Tod des Kleinhäuslers, Alfred Paris Güterslohs Sonne und Mond und vor allem Marianne Fritz' viel zu wenig gewürdigtes 3500-Seiten-Monumentalwerk Dessen Sprache du nicht verstehst, das Schmidt-Dengler gleich eingangs mit den Worten »ein singuläres Ereignis in der deutschen Literatur, wenn nicht in der Weltliteratur« bedenkt. Ein Ausdruck des Bedauerns freilich im Vorwort, weil der Platz – in den Vorlesungen und im Buch – beschränkt ist und bei Weitem nicht alle Autoren und Bücher besprochen werden konnten, die es verdient hätten und die Schmidt-Dengler nicht nur als Philologe, sondern auch als Literaturliebhaber ein Anliegen sind.

Neben den Einzelbesprechungen, die natürlich den meisten Raum einnehmen, gibt es Kapitel, zumeist Einführungen in bestimmte Zeitabschnitte, in denen Schmidt-Dengler auf die allgemeinen Strömungen der österreichischen Literatur eingeht und diese auch in Relation zum politisch-gesellschaftlichen Geschehen setzt. Denn obgleich die meisten Werke keineswegs als politische Literatur bezeichnet werden können, hinterlässt die Politik Spuren in den Texten dieses Landes. Die so genannte Ära Waldheim – die Schmidt-Dengler lieber als Ära Bernhard bezeichnet wissen möchte – ist ein prominentes Beispiel dafür. Und selbstverständlich darf ein Kapitel über mögliche Identitätsprobleme österreichischer Schriftsteller ebenfalls nicht fehlen.

Auf die unsägliche und peinliche, vor allem von Deutschland aus gerne gestellte Grundfrage nach der Existenz einer österreichischen, d.h. nicht mit der deutschen identischen, Literatur, geht Schmidt-Dengler klugerweise kaum ein, doch verkneift er sich auch nicht den lapidaren Hinweis, dass es, solange österreichische Staatsbürger Literarisches schreiben, auch eine österreichische Literatur gibt. Zudem ließen sich Besonderheiten ausmachen: einerseits eine besondere Affinität zum Sprachspiel, andererseits eine gegenüber der deutschen Literatur doch sehr unterschiedliche Themenlandschaft, die mit der österreichischen Geschichte und der österreichischen Gesellschaft zu tun haben. Ein stets wiederkehrendes Thema der 70er Jahre ist die »Eigenwirklichkeit der Kunst«, das In-die-Mitte-stellen des Schreibprozesses selbst, denn »Die Autoren schreiben keinen Text über etwas, sondern sie schreiben einen Text.« In dieser Haltung sieht Schmidt-Dengler auch Provokation, und er meint zum betroffenen Zeitabschnitt: »Mag man dieser Phase sonst keine Wirksamkeit zuschreiben, so ist ihr doch Radikalität darin zu attestieren, daß sie ernst machte mit der Künstlichkeit der Kunst.«

Exemplarisch für viele der Vorlesungen soll jene zu Ernst Jandls literarischem Werk sein: Schmidt-Dengler zeichnet in ein paar Sätzen das literarische Werden Jandls nach und betont die wichtige Rolle der Auftritte dieses Dichters. Eine Vortragsart, die man heute eher als Performance bezeichnet, prägten Jandls typischen Stil und machten die Konkrete Poesie populär. Die Lyrik ist nur ein Teil von Jandls literarischem Schaffen, wenngleich ganz gewiss der bekannteste. Schmidt-Dengler beleuchtet indes auch die Hörspiele, die Dramen und die Reden. Aus allem wird geschöpft, und speziell Aussagen zum theoretischen Unterbau dessen, was Jandls Literatur ausmacht, figurieren als Zitate. Kunstsprache und ein permanentes Brechen traditioneller literarischer Strukturen markieren eine Grundlinie, einen roten Faden, der durch dieses Werk führt. Zum Stück Aus der Fremde führt Schmidt-Dengler aus, es sei »festzuhalten, daß so ein Stück alle möglichen Formen der Dramatik unterläuft, ohne sie aber zu denunzieren: das Künstlerdrama, das Drama der geschlossenen oder offenen Form, die Möglichkeiten der Verfremdung, das Charakterstück, die Problematik der Haupt- und Nebenfiguren. Es ist ein Monolog, aber eben nicht nur Monolog. Es hat zwar eine Hauptfigur, ist aber dennoch auf zwei angewiesen und bedarf sogar einer dritten Figur. Es wird die Außenwelt ausgeschlossen, aber sie dringt doch ein: Das ›off-stage‹wird zur künstlerischen Notwendigkeit. Es wird die Isolation des Künstlers beklagt, aber das kommt nicht larmoyant über die Bühne, und zugleich wird diese Isolation als die einzig mögliche Situation des Schreibens überhaupt erfasst.«

Wendelin Schmidt-Dengler kommt auch auf Literaturzeitschriften zu sprechen, die in der Geschichte der österreichischen Literatur zumindest bis 1980 eine bedeutende Rolle spielten. Etwa Der Plan, eine Zeitschrift, die noch in den Vierziger Jahren erschien, aber erste Veröffentlichungen einer ganzen Reihe von Autoren enthielt, die heute zum Kanon der österreichischen Literatur zählen. Stimmen der Gegenwart und Manuskripte sind zwei andere Beispiele, die nicht fehlen dürfen.

Neuerliches Bedauern im abschließenden Ausblick, dass nicht alles besprochen werden konnte, was besprochen werden sollte. Wenigstens wird der Residenz Verlag in naher Zukunft diese Bilanz verbessern, weil nämlich Bruchlinien der erste Schritt zu einer zweibändigen Ausgabe der Vorlesungen ist. Schmidt-Dengler verteidigt in seinem Schlusswort die Eigenbrötlerei und sogar Spinnerei vieler Schriftsteller und prangert den fehlenden Willen der österreichischen Literaturkritik und Verlagslandschaft an, sich auf das Literaturschaffen in diesem Land einzulassen. Wörtlich: »Ich wollte zeigen, (…) wie sich in Österreich eine doch weit über Österreich hinaus geachtete respektable Literatur entwickeln konnte, daß aber dieser Produktion keineswegs ein Betrieb gegenübersteht, der der Literatur mit der gleichen Ernsthaftigkeit und kritischen Zuverlässigkeit antworten würde.«

 

LitGes, Mai 2010

 

Eva Riebler
LEBENDIGER STEIN
Die Kunst dreht sich um den Menschen

 

 
HRDLICKA
Eine Hommage
Trautl Brandstaller, Barbara Sternthal (Hg.)
St. Pölten-Salzburg: Residenz Verlag, 2008
160 S.
ISBN 978-3-017-3087-2

 

Anlässlich seines 80. Geburtstages kam ein umfassendes Werk, den Schriftzug seines Familiennamens am Einband schrieb Alfred Hrdlicka 2007 selbst auf Bütte, mit 100 Fotografien, zum Teil Privataufnahmen aus den 60ern bis zum Jahre 2000, heraus.

Natürlich dominiert Hrdlicka als Person mit seinen monumentalen Werken, besonders interessant jedoch sind die Fotos aus dem Jahre 1996 anlässlich der Filmdokumentation „Maler Dichter Kokoschka“ und den Vorbereitungen zur Aufführung von Oskar Kokoschkas Drama „Mörder – Hoffnung der Frauen“.

14 Autorenbeiträge, von Oswald Auer, Peter Baum, Arik Brauer, Manfred Chobot, Erich Fried (Lyrik), Peter Gorsen, Ulrike Jenni, Heinrich Keller, Oskar Lafontaine, Hans Daniel Sailer, Eva Schärer Schneider, Jan Schneider, Ben Siegel und Peter Weiermair geben Einblicke in die Beziehungen und Meinungen über den Bildhauer.

Hrdlicka wird vor allem als politisch agierender Künstler gesehen; als Nazi-Hasser, als einer der die ewigen Fraktionskämpfe der Kommunisten aufs Korn nimmt, der die Unterdrückung und Gewalt in Stein oder Zeichnung festhält und als einer, der mit ironischer Distanz sich selbst sieht und beobachtet.

Er ist geprägt durch eine stramme patriotische Erziehung und die proletarische Kunst der Arbeiter.

Schon früh wehrte er sich gegen verlockende Karriereangebote der Nazis und stellte den Menschen in den Mittelpunkt und lehnte somit die abstrakte Kunst ab.

Er wollte keine endgültigen Wahrheiten aufzeigen, sondern bruchstückhaft und unvollendet arbeiten. Nicht umsonst sind seine aussagekräftigsten Figuren aus Stein.

Der vorliegende Hommage-Band gibt ein konkretes, umfassendes Bild seiner Ideen und Aussagen wieder und macht den Leser mit zahlreichen Originalzitaten bekannt. Hrdlicka wird nicht zur verklärten Ikone verbrämt, sondern als unbequemer Zeitgeistiger erkannt.

Die beiden Autorinnen, Trautl Brandstaller, geb. 1939 in Wien, lebt als Journalistin, ORF-Redakteurin und Autorin in Wien, und Barbara Sternthal, geb. 1961 in der Steiermark, ebenfalls freischaffende Autorin und  Redakteurin in Wien, stellen den Künstler und dessen Werke auf Papier und in Stein so aufrührend und provokant vor, wie sie sind.

Alfred Hrdlicka starb am 05.12.2009 im Alter von 81 Jahren in Wien und verzichtete auf eigenen Wunsch auf ein Ehrengrab der Stadt Wien, sondern wurde in einem rotlackierten Sarg im Familiengrab beigesetzt.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Robert Eglhofer
BERÜHMTE LESBEN?

 

 
FRAUENLIEBE
Berühmte weibliche Liebespaare der Geschichte.
Hilde Schmölzer
Wien: Promedia Verlag, 2009
236 S.
ISBN 978-3-85371-295-5

 

Hilde Schmölzer, etablierte Journalistin und zuletzt freiberufliche Autorin, beschreibt sieben Frauenbeziehungspaare des 19. und 20. Jahrhunderts. Jeweils eine der beiden Frauen hat es geschafft, eine wichtige Position in der Kultur- oder Geistesgeschichte zu besetzen (Bettine Brentano, George Sand, Charlotte Brontë, Auguste Fickert, Virginia Woolf, Gertrude Stein und Anna Freud) und fungiert sozusagen als publizistischer Aufhänger. Die jeweilige Partnerin wird aus der historischen Versenkung geholt, wenngleich sie zu Lebzeiten die Angesehenere, Wohlhabendere und Prominentere gewesen sein mag.

Jedem Paar wird eine Einleitung vorgestellt, die Frauenbeziehungen der betreffenden Zeit thematisiert (z.B. Romantik und Bettine Brentano, viktorianisches England und Virginia Woolf).

Ob es sich tatsächlich um gleichgeschlechtliche Sexualität gehandelt hat, bleibt in einigen Fällen dahingestellt, wie die Autorin in ihrer Einleitung festhält.

Im ersten Kapitel des Buches wird ein kurzer historischer Überblick über lesbische Liebe gegeben, um im letzten Kapitel in die Gegenwart weitergeführt zu werden.

Deutlich erkennbar ist die feministische Grundtendenz des Buches, etwa nach dem Motto: Nicht nur männliche Homosexualität hat ihre Berechtigung sondern auch weibliche.

Nicht beschönigt wird die Tatsache, dass Frauenliebe genauso schwierig und herausfordernd sein kann wie Heterosexualität. Das wird beispielsweise besonders deutlich in der Beziehung von Virginia Woolf und Vita Sackville-West, beide verheiratet, die sich immer wieder entfremden und dann einander wieder annähern.

Eine gewisse Sonderstellung nimmt Anna Freud ein, weil ihre Vaterfixierung gar keine andere Partnerschaft zuließ als die zur unglücklich verheirateten Amerikanerin Dorothy Burlingham.

Kein Zweifel kann aufkommen über die Natur der Beziehung zwischen Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Beide lebten recht glücklich über Jahrzehnte als klassisch lesbisches Paar.

Das gründlich recherchierte und wissenschaftlich verlässliche Buch wird nicht nur historisch Interessierte ansprechen sondern auch Feministinnen, weil sie verschiedene

Ansätze vorfinden, wie frau sich aus dem Patriarchat emanzipiert.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Eva Riebler
GEMEINSAM SIND WIR STARK

 

 
EINS UND VIER MACHT STARK
Anne-Kathrin Behl
Wien: Picus Verlag, 2009
32 S.
ISBN 978-3-85452-149-5

 

Zuzüglich dem alten Motto: „gemeinsam, statt einsam“ ergibt das Leben für fünf Tiere wieder Sinn.

Bär, Fuchs, Wildschwein, Eichkätzchen und Biber gestehen sich und einander ihre jeweiligen Ängste. Bär hat Angst, dass er während fünf Monaten Winterschlaf viel versäumt, Eichkätzchen kann nicht auf den Baum fliehen, da es Höhenangst hat, Biber ist wasserscheu und Wildschwein schläft nachts statt tagsüber, da es sich in der Dunkelheit fürchtet. Dadurch hat es am Tag keine Spielgefährten und fühlt sich wie Fuchs einsam.

Gemeinsam, ohne einander zu fressen oder zu bedrohen, bewältigen sie ihr Leben besser. Dies sollte unseren Kindern eine einleuchtende Maxime sein. Wollen wir doch stets, dass unsere Nachkommen eine Dosis mehr an Kultiviertheit mitbekommen und ein friedlicheres Miteinander pflegen können.

Ein leiser Wertewandel macht sich bemerkbar, unsere Kinder dürfen die Schwachstellen des ach so starken Bären und die Stärken einer Gemeinschaft erkennen.

Eine philosophische Auseinandersetzung in einfacher Sprache, geeignet zum Betrachten und Vorlesen ab drei Jahren.

Der Titel führt vielleicht etwas in die Irre, denn auch zwei oder drei Tiere fühlen sich durch Freundschaft gestärkt und in einer kleineren Gemeinschaft geborgen.

Bebildert ist dieses Erstlingswerk der 27-jährigen Deutschen mit aussagekräftigen Bildern. Schlicht, knapp und einfach wie die Wortwahl erfreuen die bunten Collagen.

Das Kinderbuch erweist sich als poetisch und trotzdem unprätentiös und als künstlerisch hervorragend gestaltet.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 
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