Eva Riebler
WO WOHNEN SIE, HERR SCHRÖDER?

 

 
ARTGUIDE AUSTRIA 2020
Alle Museen. Alle Galerien. Alle Auktionen. Das komplette Jahresprogramm.
Alexander Teissig (Hg.)
Wien: KGV Verlag, 2009.
290 S.
ISBN 978-3-902645-40-1

 

Um es gleich vorwegzuschicken: Der Artguide Austria ist zweisprachig Deutsch/ Englisch, beinhaltet aber nicht nur die Kunstlandschaft Niederösterreichs, also nicht nur für Lower Austria, wie es das Vorwort des Landeshauptmannes Dr. Erwin Prölls vermuten lässt (Titel: Kunstlandschaft Niederösterreich) sondern listet Museen, Galerien und Auktionen, wie der Titel verspricht, österreichweit auf.

Es wurden ja auch Exemplare ohne das Vorwort des NÖ Landeshauptmannes herausgegeben, die dann weniger Verwirrung stiften.

Dass das Essl-Museum Klosterneuburg unter Wien statt NÖ eingereiht wurde, blieb dem Landeshauptmann, vielleicht auch dem Herausgeber, verborgen, er würde sicher den attraktiven Wert dieses modernen Kunstbetriebes lieber für NÖ verbuchen.

 

Der Artguide bedeutet eine Bereicherung für den Tourismus und für alle Kulturinteressierten und Kunstliebhaber. Er beinhaltet Kommentare und Essays (z.B. S. 92 von P. Jenner von Microsoft Österreich), deren Bedeutung für dieses Werk allerdings unergründlich bleibt und die auch im Inhaltsverzeichnis nicht aufzufinden ist; ansonsten weist er ein gutes Nachschlagewerk auf und beinhaltet auch die Kunstmessen und deren Öffnungszeiten aller Bundesländer, teilweise auch in Englischer Sprache. Wie allerdings Kunst- und Künstlervereinigungen, die keine Ausstellungsräumlichkeiten besitzen (einige S. 241) und z.B. ein Künstlerbund (S. 242), der weder Ausstellungen noch Ausstellungsadresse angibt, in diesen Katalog kommen, ist unklar. Wenn als einzige Adresse die private Adresse des jeweiligen Obmannes (S. s. o.) angegeben wird, so bietet dies kaum eine korrekte Information oder die Möglichkeit Exponate an der richtigen Adresse zu besichtigen. Wir fragen ja auch nicht, wo Herr Dr. Carl Aigner oder Dr. Klaus Albrecht Schröder wohnt, wenn wir das Landesmuseum NÖ oder die Albertina besuchen wollen.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Eva Riebler
ERLEBTE GESCHICHTE

 

 
DAS Y IM NAMEN DIESER STADT
Ein Steyr Lesebuch
Erich Hackl, Till Mairhofer (Hg.)
Steyr: Verlag Ennsthaler, 2008.
424 S.
ISBN 3-85068-646-9

 

Im Sinne Erich Hackls ist die Anthologie mit mehr Geschichte als Geschichten gespickt. Mehr Wirklichkeit, die genug Spannung aufweist, als Fiktion.

Die 52 Beiträge ordnete er historisch chronologisch in sechs Kapiteln an. Der Wille ist klar: Die beiden Steyrer wollten mittels Berichten, Erzählungen und Lyrik ihre Heimatstadt und die Geschichte ihrer Einwohner einfangen. Vor allem sind es die Arbeiterschicksale und nicht die der Großbürger, die sie interessierten.

Die Hälfte der Texte entstand so durch Veranlassung und die andere durch Zufall, über Hinweise oder beharrliche Suche, durch gute Recherche eben, wie es Erich Hackl seit seiner Erzählung „Sidonie“ stets zu tun pflegt. Die Namen der Autoren tun nichts zur Sache. Einen Beitrag von Bert Brecht hätte man gar nicht gebraucht. Bekannte wie unbekannte Namen bürgen für Qualität. Andreas Renoldner, Walter Wippersberg, Herbert Pauli, Anna Seghers, Erwin Einzinger oder Oskar Holub u.a.

 

Die beiden Herausgeber ließen es den 49 Autoren frei, ob sie vom Beobachten des Benzinflusses beim Zapfen an der Tankstelle ihre Gedanken spinnen zu den Blutströmen der Bauernkriege, ob sie die Steyrerwägen preisen, ob sie politisch aktiv einstimmen, ob sie in der Ich-Form erzählen oder fiktives Gestalten mit Vor- und Rückblenden vorziehen.

 

Die Spannung geistert durch die Jahrhunderte und entblößt oft die Obrigkeit oder zeigt schlicht die Verhältnisse, die Arbeitslosigkeit, die Entbehrungen, den starken politischen Willen zur Veränderung oder die bittere Armut der 20er und 30er Jahre. Zum Leben wird die ganze Stadt erweckt, seien es die Baulichkeiten, die Straßen oder die Vierteln wie die Ennsleite mit den Steyrer Werken, das Münichholz oder der Wehrgraben usw. Man blickt aus Fenstern auf Bürgerhäuser, auf die Enns oder Steyr, weilt in Hinterhöfen, versteckt sich vor der Exekution im Heu der Scheune eines Kleinhäuslers, hört von der Jagd auf den Hammermörder oder von der Suche nach den entflohenen Sträflingen in der Ennsau, ärgert sich über den Kleingeist der Stadt oder über die Verwandten, die einen nie zu Kaffee und Jause einladen und ist einfach anwesend.

 

Wer die Örtlichkeiten kennt, genießt das Erlebnis der Wiedererkennung, wer in Steyr nie war oder lebte, kann es sich durch die erzählerische Einkreisung gut vorstellen.

Der Sprachduktus ist durchgängig qualitativ hochwertig und zeigt das Gespür für die Zeit und den Zeitgeist. Nie schlägt man eine Seite auf und ist enttäuscht, weil man nicht versteht oder über holprige Sätze stolpert. Das Vergnügen am Lesen ist groß. Authentizität wird nicht suggeriert, sondern ist da, gefüllt mit Erlebtem, ohne nach Phrasen oder Anekdoten greifen zu müssen. Dichte Atmosphäre vermittelt Sammlung statt Zerstreuung.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Eva Riebler
ZUSAMMENHALT

 

 
TIERE ALLEIN
Monika Helfer
Illustrationen: Sofie Loeprecht
Weitra: Bibliothek der Provinz, 2009
32 S.
ISBN 978-3-85252-998-1

 

Wie gut, dass Tiere nicht nur dieselbe Sprache sprechen, sondern auch einander verstehen und helfen. Die Menschen streiten auf ihrer Ferienfahrt in den Süden und der Hund Max, der den Streit durch Bellen schlichten will, wird kurzerhand aus dem Auto geworfen. Nicht lange ist er alleine auf der Autobahn. Ihm wird geholfen und er findet neue Freunde: ein Pferd, das von seinen Besitzern ebenfalls hinausgeworfen wurde, und eine Tigerkatze, die alleine das Haus hütet, da ihre Herren auf Urlaub in Afrika sind.

Die Handlung wird unprätentiös in schlichten Sätzen lakonisch und realistisch geschildert. Ein 7 oder 8-Jähriger kann selber das Lesen probieren und wird sich sicherlich an den großformatigen Zeichnungen erfreuen. Diese sind derart gelungen, dass man beim Umblättern wirklich stets auf die nächste der 11 seitenfüllenden Zeichnungen gespannt ist. Sie stammen wahrscheinlich von Sofie Loeprecht, der Enkelin der Autorin, als sie sechs Jahre alt war. Leider fehlen dazu die biografischen Angaben.

Das Buch ist qualitativ vom Verlag gut ausgeführt und für Kinder ab 3 Jahren wärmstens zu empfehlen.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Ingrid Reichel
HERZSCHLAG

 

 
REISE NACH UNTERKRALOWITZ
Manfred Chobot
Hohenems: Limbus Verlag, 2009
Reihe Zeitgenossen
192 S.
ISBN 978-3-902534-29-3

 

Was auch immer es ist, was Familien verbindet, sei es der Herzschlag oder ein Gemischtwarengeschäft, sie haben auf jedenfall eine gemeinsame Geschichte.

Die Reise nach Unterkralowitz ist also die Reise des Autors Manfred Chobot in die eigene Vergangenheit, eine Vergangenheit, die er mit der Großmutter väterlicherseits beginnen lässt, Katharina Chudy, gebürtig aus Unterkralowitz, Dolní Kralovice, einer Gemeinde mitten im heutigen Tschechien. „Die Wiener düngten sich den zugewanderten Böhmen überlegen und spotteten. […] Ohne Zutun der böhmischen Zugereisten wäre die k.u.k. Reichs- und Residenzstadt (Wien) bevölkerungsmäßig und auch sonst zu einem Provinzdorf verkommen.“ (S. 115) Wir schreiben das Jahr 1899 als der 43-jährige Johann Hera mit seiner Katharina einen „Greißlerladen“ in der Thalheimergasse eröffnete. Die damaligen Arbeitssuchenden waren zwar Fremde in der Stadt, aber „Bürger desselben Reiches“. Abgesehen von den vielen kleinen und großen Schicksalsschlägen, die jede Familie für sich selbst durchlebt, haben wir alle eine gemeinsame Vergangenheit und somit auch eine gemeinsame Zukunft.

Chobot springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Manchmal weiß man nicht, spricht er von seinem Vater, von seinem Großvater oder vom Großvater seines Vaters…? Die Familie verwebt sich sprichwörtlich mit der Geburt seines Sohnes ab der ersten bis zur letzten Seite. Auch wenn ab Seite 130 Chobot zunehmend politisch wird, bleibt dieses Buch eine Hommage an seine Vorfahren und eine Liebeserklärung an seinen Sohn. Berührend einerseits und aufschlussreich von der österreichischen Geschichte her. Mit seiner ganz persönlichen Reise wird uns das Ja zum Leben in Österreich wieder bewusst, trotz des Rechtsradikalismus mit seinem ganzen Fremdenhass, der schon wieder oder immer noch im Wachsen ist.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 

Eva Riebler
RUNDGANG DURCH ST. PÖLTENS GESCHICHTE UND ALTSTADT

 

 
ST. PÖLTEN
Junge Metropole – reich an Tradition
Walter M. Weiss, Josef Herfert
St. Pölten – Salzburg: Residenz Verlag 2009.
176 S.
ISBN 978-3-7017-3137-4

 

Vor etwa sieben Jahren kam der hervorragende Bildband St. Pölten - Urbane Horizonte mit Texten von Hugo Portisch, Siegfried Nasko, Hannes Reichl, Thomas Karl und Thomas Pulle heraus, nächstes Jahr wird die wechselvolle Stadtgeschichte von Siegfried Nasko St. Pölten im 20. Jahrhundert herausgegeben werden und nun halten wir gleichzeitig mit dem Band St. Pöltner Geschichten ein opulentes Werk zur 850-Jahre Feier der Stadt in Händen.

Walter M. Weiss ist nach 70 verfassten Büchern ein Garant für hervorragende Recherchearbeit, historisch wie die Wirtschaft betreff end, für Modernität und Textqualität.

Und so ist es auch: Wir fi nden die jüngst eröffnete Box oder das Café Public des Festspielhauses genauso wie die Möglichkeiten einer Nutzung der ehemaligen Kopal-Kaserne Gründe oder des Glanzstoff - Geländes.

Am Puls der Zeit ist Walter M. Weiss mit dem erst November 2009 eröffneten Zubau des Landesmuseums mit Café und Foyer und der für 2010 geplanten Nutzung der ehemaligen Tennishalle am Ratzersdorfer See für die Cyber-Sportart „Lasertron“ und dem teuren Projekt des Landes, dem der Parkour-Community der Austrian Freestyle Foundation über die Dächer St. Pöltens.

Wenig Einfallsreichtum oder Modernität bei der Bildbearbeitung, besonders wenn man mit dem grafisch hervorragenden Band Urbane Horizonte vergleicht, jedoch frischen Wind bei der Personen-Ablichtung bringt der gebürtige St. Pöltner Fotograf Josef Herfert. Er dokumentiert nicht nur Altstadt, Wirtschafts- und Freizeitleben sondern auch Momentaufnahmen aus der Beisel- oder Jugendszene. Dass er den Besucherraum des Landestheaters fast völlig entleert zeigt, wird ihm wenig Sympathie der Intendantin eintragen, jedoch macht er es mit einer kleinen Außenaufnahme zur Zeit des Blätterwirbels vielleicht wieder gut.

Hervorragend repräsentiert sind Regierungsviertel mit Landesmuseum, Festspielhaus und diverse Bürgerhäuser weniger die zahlreichen mehr oder minder verfallenen oder romantischen Front- oder Hinterhofseiten diverser Stadtvierteln oder der Frei.raum, das Jugendzentrum der Stadt. Völlig fehlen Zoom- und Detailaufnahmen oder interessante Einblicke aus so noch nicht gesehenen Perspektiven.

Ob man schräg gestellte Fotos und unscharfe Personen nun mag oder nicht, bleibt eine Geschmacksfrage, jedenfalls bietet der Band eine zeitgemäße Sicht auf die Landeshauptstadt und dokumentiert Vergangenheit wie Alltag vor allem in textlicher Sicht in qualitativ hervorragender Weise.

 

etcetera 40/ Viertel, Mai 2010

 
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Nächste > Ende >>

Ergebnisse 26 - 30 von 412