ST. PÖLTNER GESCHICHTEN
Hans Rankl (Hg.) Salzburg - St. Pölten: Residenz Verlag, 2009.
224 S.
ISBN 978-3-7010-1536-7
Ein Irrglaube ist, dass ein Autor und Herausgeber eines Erzählbandes sich dezent hinter seine 50 Autoren stellt oder diesen mittels Bibliografi e oder Biografie zu vermehrtem Bekanntheitsgrad verhilft. Wahrheit vielmehr ist, dass der Herausgeber nach zwei Vorworten auf der letzten Buchseite als einziger eine Seite Biografie mit großformatigem Portraitbild einnimmt und zusätzlich am Umschlag, von Hubert Schorn karikiert, prangt.
Außerdem sollte eine Karikatur etwas Besonderes oder Witziges darstellen, was mit der Darstellung eines überdimensionierten Kopfes, dessen sichtbarer Oberkörper so lang wie dessen Nase ist, keinesfalls erfüllt ist. Ebenso erfüllt sich der Hinweis nicht, die Biografien wären über dnb.ddb.de https://portal.d-nb.de/ abrufbar. So wird der Leser nicht erfahren, wer die 11-jährige Geschichtenschreiberin ist oder welchen Beruf so mancher Autor hat. Dabei wäre nach jeder der 70 Erzählungen genügend Raum für eine mehr oder minder kurze Biografie gewesen. Schade! Wegen dieses Entrees und Fauxpas werden weniger St. Pöltner zu diesem Buch greifen oder eben wegen ungenügender Information enttäuscht sein. Die 70 Geschichten der St. Pöltner sind wirklich aus dem Leben gegriffen und spannend erzählt. Auf alle Fälle freut es den Leser, Bekannte des öffentlichen Lebens verewigt zu finden, Erzählungen zu lesen von und über Prälaten, Bischöfe, vom Altbürgermeister, Museumsdirektor, vom Gastwirt Leo Graf, von Gemeinderäten oder Malern sowie etwas über die Schließung der Glanzstoff , von Episoden der Kriegszeit, der Gasexplosion oder dem Alltag in der Sparkasse oder auf dem Markt zu erfahren. Die St. Pöltner U-Bahn aus der Erzählung Manuela Püringers Alltagsbewältigung suche ich allerdings noch immer im unterirdischen Weichbild der Stadt, genauso wie ich eine Hervorhebung des Illustrators Franz Schellnhammer vermisse. Seine aufwändigen und präzisen Zeichnungen des Rathausplatzes, der Kremsergasse oder des Riemerplatzes usw. hätten sehr wohl ein passendes Coverbild ergeben.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Eva Riebler AUS WORTEN LASSOS DREHEN
WORTREICH. VERSCHWIEGEN.
Dine Petrik Gedichte
Fotos: Gerald Zugmann
St. Pölten: Literaturedition NÖ, 2009
90 S.
ISBN 978-3-902717-01-6
Dine Petrik, geboren 1942 im Burgenland und Autorin zahlreicher Erzählungen, Sachbücher und zuletzt der Biografie über Hertha Kräftner, widmet sich wiederum der Lyrik und vereint fast 60 Gedichte im vorliegenden Band. Sie ist sich der Möglichkeiten der Sprache bewusst und will keine oberflächlichen Reimgedichte. Ihre Gedichte sind nichts für ungeduldige Leser, die gleich auf den Punkt kommen wollen. Schon alleine wegen des Enjambements müssen Zeilen zweimal gelesen werden. Ihr Stil ist präzise und erlaubt stets einen Interpretationsrahmen, der dem Inhalt mehr Raum und Dichte gibt. Wir erfahren vom morbiden Leben in Venedig S. 52 in „dancer in the dark“:
lehnt er sich weit hinaus/ der gondoliere tänzelt// steppt am platz/ im takt sein ruder// rührt geschichten auf/ in der schachmatt/ grünen lagune// ... der canale grande/ wird letzter begleiter sein/ ins nasse gras der isola// oder von Städten und Stätten, von Spaziergängen, Glyzinien oder Taktlosigkeiten. Jedes Thema ist möglich und so manche Wortkombinationen laden zum Nachdenken ein: Z. B. bereits der Titel „glück mit klick“ oder „mond geladen“, „stress los“, „aus.leuchten“, der wie so manche Gedichte den letzten Atemzug oder den Tod zum Thema macht. Poetisch sind alle Zeilen, die S. 80 ff in „aus.leuchten“ anlässlich des Todes von Hertha Kräftner 1951 besonders:
/ .../ still/ hast du/ dich jenen// längst entzogen/ die dich biegen beugen// ernst belachen aus/ leuchten im mark// singst in/ die stille// die gedanken/ furchen fügen// sich ins atem/los ... Geglückt ist die Kombination der Gedichte mit den sechs Farbfotografi en des Wieners Gerald Zugmann.
Er ist freischaffender Fotograf seit 1978, unterrichtet an der TU Wien mit dem Schwerpunkt Architektur- und Ausstellungsfotografie und beschäftigt sich seit bald 15 Jahren mit der „Pflanzenarchitektur“. Auch seine Bilder sind eigenwillig, aussagekräftig und poetisch. Bilder wie Texte fangen den Leser ein und sind zu einem weiteren kostbaren Band der Literaturedition gefügt worden.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Eva Riebler VON DER UNMÖGLICHKEIT EINER PAARBEZIEHUNG – ODER – ZWEI IM KÄFIG
MUTWILLIGE SOMMERVÖGEL
Peter Miniböck Eine Trilogie
Kirchstetten: Verlag Kulturstammtisch Kirchstetten, 2009
376 S.
ISBN 3-902263-13-X
Peter Miniböck, geb. 1946, Mitglied des P.E.N., der IG-Autoren u.a., hat drei Erzählungen, die jeweils eine wenig funktionierende und doch intime Paarbeziehung zum Inhalt haben, in einem Werk vereint. In der ersten Erzählung geht es um einen älteren Mann, der stets apathisch mit offenen Augen dasitzt, aus dem Fenster blickt, seinen Gedanken nachhängt und immer weniger gern aufsteht oder die Wirklichkeit wahrnimmt. Im Raum steht oft eine mehr oder minder nackte Asiatin, die unter seiner geistigen Abwesenheit leidet und nun versucht, dieser unangenehmen Situation zu entkommen. Sie sehnt sich nach großen Reisen, am besten bis China oder Japan, jedoch schaff t sie es kaum, kurze Wege zu bewältigen und einfach das Nötigste einkaufen zu gehen. Die Angst vor einem kleinen Ortswechsel manifestiert sich wie bei ihrem Lebensgefährten. Auch sie ist eine verworfene Gestalt, die für das normale Leben untauglich geworden ist.
In der zweiten Erzählung, die eher der Richtung „Absurdes“ zuzuordnen sei, stehen sich zwei Gestalten, wiederum ein Mann und eine Frau, im Museum, im Zimmer oder am Abhang eines Hügels gegenüber. Sie erkennen einander und sich selbst kaum, sind auf einander bezogen und doch weit entfernt. Das Ungewisse in der Beziehung, die eigentlich keine ist, nimmt überhand.
Es werden so viele Unklarheiten und Scheinaussagen aneinandergereiht, dass man das Interesse an der Aufklärung, in welcher eigentümlichen Beziehung diese Zwei sich nun befinden, als Leser verliert. Vielleicht sind sie ja nur einem Bild von Edward Hopper im Museum entstiegen, das allerdings nach 50 Seiten der Erzählung von der Wand des Museums verschwunden ist. Auf jeden Fall geht es um die Poesie des vielleicht gemeinsamen Denkens, Schauens, Fühlens und eine behutsame Symbiose, egal welcher Art. Vielleicht wird die Sehnsucht von Mann und Frau nach gemeinsam verspürter Nähe gleichzeitig durch die Angst davor gestört und die Verwirklichung unmöglich gemacht.
Die dritte Erzählung „Mutwillige Sommervögel“ war für den Band Titel gebend und ist laut Autor ein Versuch einer Paraphrase des Urfaust-Themas. Heinrich und Gretchen sind die Handlungsträger, sie reflektieren, vor allem das alleine gelassene Gretchen, über Gott, über das Gute und Böse, über die Liebe und das aneinander Vorbeireden oder über den Gestank des Hundes. So wie in dieser Faust Annäherung viele interessante Gegensatzpaare sprachlicher Natur vorkommen – Zitat Gretchen: „Das, was er wirklich über das Leben wisse, sei der Tod“, oder eine Essenz: - Heinrich hat über das Suchen nach Worten und Antworten, das Sprechen als bedeutungslos angesehen und findet vielmehr im Schweigen die Möglichkeit sich mitzuteilen - so endet auch der Inhalt paradox. Heinreich sieht sich nicht mehr als Mann der Tat, als Verführer, sondern eher als Sprachloser, dem die Grenzen seines Befindens verschwimmen.
Gretchen hat viele Männer, wird zur Hure und lernt Nein zu sagen. Dazu das Schlusszitat: „Nichts gleicht dem schrillen Schrei eines kleinen Mädchens“.
Peter Miniböck lotet in diesem seinem achten Werk auf über 360 Seiten die Untiefen der Beziehungen zwischen Mann und Frau aus. Kein Buch für Ungeduldige, Rat oder Erbauung Suchende, jedoch für jene, die um das Paradoxe des Gefühllebens und der Paarbeziehung wissen und philosophische Gedanken und die feinen Facetten der Sprache lieben.
Das Coverbild von Robert Floch, der Peter Miniböcks letzten Band „wortkarg“ interessant illustrierte, verdeutlicht diesmal leider weniger in die Abstraktion gehend mit seiner kopflosen weiblichen Leiche und der Amsel als Todesvogel daneben, das mortale Ende, zumindest des weiblichen Parts einer Beziehung.
etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Klaus Ebner DEM LICHT ZU
RABE DES NICHTS
Ingram Hartinger Lyrik
Klagenfurt/Celovec: Wieser Verlag, 2010. 177 S.
ISBN 978-3-85129-871-0
Das ist ein Zitat aus Ingram Hartingers neuem Gedichtband Rabe des Nichts. Das Buch des 1949 in Saalfelden geborenen und heute in Klagenfurt lebenden Autors ist eine Sammlung von Gedichten, die in fünf Abschnitte unterteilt werden. Jeder Abschnittstitel beginnt mit dem Wörtchen »Manchmal«, wodurch beim Leser die passende Grundhaltung, geprägt von Neugier und Abwarten, erzeugt wird.
»Du stehst am Meeresufer und sachte schwappen/Wellen über deine nackten Füße/Wieder bist du noch einmal davongekommen/Davongekommen und der Wind bläst dir/erfrischend seine Musik ins Gesicht«. Gefühlvoll. Nachdenklich. Melancholisch. »Der Garten Eden versperrt, Zerberus/Kläfft zur Irritation des Subjekts/Was ist da passiert, Pawlows Antwort/Klar und deutlich zur Therapie und/Zerstörung«. Mythisch. Analytisch. Intellektuell. Das sind bloß zwei Facetten dieses Gedichtbandes.
Manchmal schreibt Hartinger in Versen, angelehnt an klassische Gedichtformen: »Es kann sein dass ich den gezähmten Adler/Fliegen lasse weit weg für immer und fort/(...)«, und manchmal erzählt er Geschichten und konfrontiert den Leser mit Prosagedichten: »Zwei alte Ohnmächtige tanzen, nein, sie machen sich was vor. Auf dem Glasdach liegen getrocknete Organismen. Dort unten die Stadt im Abstand. (...)« Diese Prosagedichte, in denen Erinnerungen, Reflexionen über Gelesenes und Erfahrenes anklingen und die bisweilen wie Tagebuchauszüge wirken, sind normalerweise im Flattersatz gedruckt. Im Blocksatz erscheint jedoch Bibliothek der Aschen, geradezu unbarmherzig in die rechteckige Form gepresst, sodass manche Wörter über den Zeilensprung ohne Trennzeichen zerstückelt werden: »(...) die zusammenbrachen und keine neue ent/stehen ließen und dies klagten die Menschen/dass sie sich einem Gegenüber mit entgegen/gesetztem Konzept ausgeliefert fühlten hoff/nungslos (...)«
Wie hier typografisch manifestiert, zeigt der Autor generell eine Neigung zum Enjambement, nämlich auch über die Strophen hinweg. So heißt es etwa: »Du hast wie andere auch versucht jener//Unerbittlichkeit des herrschenden Todes dich/querstellend zu trotzen/Hättest du das nicht tun sollen und was für ein//Wunsch der dich so hinters Licht führt und/du genaseweist zurückgelassen wirst«. Sprünge, die sich auch in semantischer Hinsicht wiederfinden und dem Leser eine besondere Aufmerksamkeit oktroyieren. Denn auf diese Weise geraten die Texte niemals zur Routine, weil stets neue Wendungen erfolgen und auf der nächsten Seite möglicherweise ein völlig anderer Gedichttypus auftaucht.
Die Prosagedichte kümmern sich naturgemäß um keine Strophen, Verse oder damit verbundene Zeilensprünge. Da gibt es lyrische Szenen: »Der Boden festgefroren, die Blätter des Herbstes verstreut am Wegrand, so stapften sie zur Arbeit. (…) Wir schlurften, während das Spital noch im Schlaf atmete, exquisit einer Oberfläche entgegen, einem Horizont aus ununterbrochener Unruhe und Morgendämmerung. (…) Die Kälte hielt es nicht auf.« Beunruhigendes: »Und das Meer wird keinen Spiegel haben und kein Boot von Menschenhändlern weit und breit. Keine Spur. Hier ist nur Schwarz, hier ist nur Weiß. Nur ein dreckiges Laken wird an den Strand schwappen.« Und scheinbar Widersprüchliches übt Kritik an den Menschen und an sich selbst: »Aber von unseren Lippen kommt mehr und mehr der Verrat. Woran wir uns festhalten, das hält uns nicht. Auch daran halten wir fest. Und es trifft immer die anderen. Hin zu den alten Partisanen sehnt sich der Idiot. Damals wie heute.« Diese Zeilen verraten auch, dass manchmal ein Wort das andere ergibt.
Hartingers Gedichte verbinden die mitunter sehr ernste Realität mit einem poetischen Moment, einem Einhalten in Gedanken, bereit, die Worte sich verselbständigen zu lassen. »Der Mann im Rollstuhl/er konnte nur mehr sein Kinn bewegen/mit dem schob er den blauen Ball nach vorne/sodass der Motor anhob ihn zu rollen/(...)« beschreibt im Grunde Ernstes, doch das Gedicht erzeugt ein besinnliches Innehalten. »Die Stimmen klangen klirrend«, heißt es stabreimend an einer Stelle, und doch klingen die Stimmen in sehr vielfältiger Weise im Kopf des Betrachters. Mag der Rabe durchaus sein Nichts krächzen: es ist ein buntes, reiches, lyrisches Nichts!
Ungekürzte Fassung: etcetera 40/ Viertel, Mai 2010
Ingrid Reichel “WENN BEI CAPRI, DIE ROTE LILI MARLEN IM MEER VERSINKT …“
SCHLAGER & TREFFER
Batya Horn/Chr. Baier (Hg.) Anthologie
Wien: Edition Splitter, 2009.
176 S. und 1 CD
ISBN 978-3-901190-89-6
„Wenn bei Capri, die rote Lili Marlen im Meer versinkt samt dem Mariandl, jandl, jandl …“so steht es in schlampiger Schreibschrift auf dem Cover, kreiert von Günter Brus. Oberhalb sind die fünf nicht parallel geratenen Notenlinien, ein ungeschickter Notenschlüssel und Noten, darüber zwei gleiche Köpfe in ungleicher Größe verspiegelt, ein spitzer Gegenstand ähnlich einem Stechzirkel ist auf der Stirn eingeschlagen, aus dem Mund fallen die Zähne, die die Noten unterhalb formen. Um die Köpfe der Tuschezeichnung sammelt sich rote Farbe – Blut – auf knallig gelben Hintergrund. Trefflicher kann ein Künstler wohl kaum den köstlichen Inhalt dieser Anthologie beschreiben.
Der Verlegerin Batya Horn und dem Autor Christian Baier ist ein umfassende Sammlung von Texten und Kunstwerken zum Thema Schlager und Treff er gelungen. Teilweise völlig seriös, dann wieder durchtrieben und mit schwarzem Humor getränkt, befassen sich die einzelnen Autoren und Künstler entweder mit dem Schlager oder dem Treff er. Nur wenige lassen sich auf eine Kombination ein. Eine davon soll als Repräsentant für diese Rezension herhalten: die Kurzgeschichte „Nebenluft“ vom Mitherausgeber Christian Baier. Mit vier mittelalterlichen Freunden, die den besten Platz in einem Lokal belagern, um dort ihr regelmäßiges Treff en abzuhalten, gelingt es Baier ein besonders vorzügliches Szenario von Treff er und Schlager darzustellen. Die quirlige Viererbande hält nach Beute Ausschau und findet ihr Opfer in einem Mann, dessen dubioser und zwanghafter Lebensinhalt es geworden ist, jede und jeden, um Lesley Gore zu fragen. Kennen Sie Lesley Gore? Nein? Ich wette doch, denn während Sie diese fantastische Geschichte lesen, geht sie Ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Sie werden sich dabei ertappen, dass Sie fröhlich lesend eine gewisse Melodie mitsummen werden. Eine beiliegende CD verschaff t einen „Hörblick“ über den österr. Jazz-Komponisten Franz Kogelmann und rundet diese Anthologie ab. Perfekt!