Ingrid Reichel
EN PASSANT

 

 
LESS IS MORE
Robert Rutöd
Katalog dreisprachig: Englisch/ Deutsch/ Französisch
Text: Christine Dobretsberger
47 Farbfotos
Norderstedt: Books on Demand, 2009. 104 S.
ISBN 978-3-8370-3549-0
Limitierte Auflage
49.- Euro

 

Wenn weniger mehr ist, dann ist nichts vielleicht alles… „If less is more maybe nothing is everything“ sagte der niederländische Architekt Rem Koolhaas und inspirierte damit den Wiener Fotografen und Filmemacher Robert Rutöd. Es sind Momentaufnahmen des Lebens, die, wenn sie Rutöd fotografisch nicht festgehalten hätte, der Bedeutungslosigkeit anheim gefallen wären. Aber eben gerade in diesen bedeutungslosen Augenblicken sind oft Witz und Ironie verborgen, kündigen sich die großen Momente an, entfaltet sich eine besondere Ästhetik der Unbekümmertheit, Teilnahmslosigkeit und der Ungestelltheit. Die Aufnahmen sind gemischt in den Motiven. Einerseits sind es Menschen in ihrer Tätigkeit: unbeobachtet trinken sie, essen sie, arbeiten sie, sitzen, stehen und warten sie bis Rutöd mit seiner Kamera den Auslöser tätigt. Und dann sind die Aufnahmen von Dingen, die dem Fotografen bei seinen Spaziergängen, bei seiner Suche nach dem Zufall begegnen: Ein Regal voll mit eingemachtem Gemüse, das Foto der Köchin angeklebt am Regalbrett; ein nummerierter Parkplatz, wo ein Lichteinstrahl wie ein Spot auf die Nummer leuchtet; das Rauchverbot über einem Kruzifix; zwei nebeneinander liegende Puppen mit verschiedenen Hautfarben, die eine weiß, eingepackt in einer Plastikfolie, die andere schwarz ohne Schutzhülle; zwei unbekleidete männliche Modepuppen in einer Auslage, kopflos, nur einen Schal um den Hals und das Ausverkaufsschild mit –50 % und –30% im Genitalbereich. Der Zufall spielt Assoziationsauslöser, die Zeit bleibt stehen, konzentriert sich auf diesen Moment für die Ewigkeit. Aufschlussreich der Text im Katalog von der einstigen langjährigen Kulturredakteurin der Wiener Zeitung und Autorin Christine Dobretsberger: „Robert Rutöd greift niemals in die Situationen ein, die er vorfindet, sondern wahrt stets die Magie des Augenblicks.“

 

Vom 15. bis 25.04.2010 findet die Fotoausstellung „Less is more“ in der Siebensterngalerie Ruth Maier, 1070 Wien statt. Der in Ästhetik und Form sehr ansprechende Katalog ist bereits 2009 bei Books on Demand erschienen und kostet 49.- Euro, zusammen mit dem Print „Dachshund“ in limitierter Auflage 99.- Euro.

 

LitGes, April 2010

 

Franz Reichel
DES AFFEN ZIEL MIT MENSCHLICHEN MITTELN ERREICHT

 

 
DER AFFE IN UNS
Warum die Kultur an unserer Natur zu scheitern droht
Franz M. Wuketits
Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 2002, 1. Auflage. 287 S.
ISBN 978-3-7776-1117-4

 

Der Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits lehrt an der Universität Wien, ist Mitglied des Board of Directors KLI (Konrad Lorenz Institute), in mehreren wissenschaftlichen Beiräten u.a. auch der Giordano Bruno Stiftung, Autor von 34 Büchern und mehr als 400 Artikeln, Herausgeber und Mitherausgeber vieler wissenschaftlicher Sammelwerke.

 

Aldous Huxley schreibt in seinem viel zu wenig bekannten Buch „Ape and Essence“ den Satz: „Ends are ape chosen; only the mean´s are man´s“. Frei übersetzt: Die Ziele setzt der Affe in uns, der Mensch liefert nur die Mittel dazu. Wuketits macht deutlich, dass die menschliche Natur in allen unseren Lebensbereichen unseren Wünschen und Träumen, wenn auch nicht immer bewusst, unserer Entwicklungsgeschichte entsprechend wirkt.

Als Darwin-Kenner räumt der Autor mit falschen Interpretationen der Evolutionstheorie auf und macht dem Leser klar, welche gewaltigen Zeiträume wir hier betrachten müssen, dass die Theorie für die Einschätzung unserer Gegenwart und möglichen Zukunft eminent wichtig ist. Vom Gedanken, dass der Mensch ein Kulturwesen sei und damit seine Natur überwinden könne, müssen wir uns verabschieden. An Beispielen aus unserem Alltag wird gezeigt, dass auch heute die natürliche Auslese wirksam ist. Jeder, der ein Verkehrsmittel benutzt, muss auch damit rechnen, dass er nicht wie geplant heimkehrt, sondern in einem Krankenhaus, schlimmstenfalls am Friedhof endet, von Naturkatastrophen ganz zu schweigen.

“Nicht nur können wir uns der natürlichen Auslese nie ganz entziehen, sondern wir liefern ihr sogar immer neue „Angriffsmöglichkeiten“. (S. 37)

Die Sinnlosigkeit der Evolution und die Zwecklosigkeit unseres Daseins ist vielen unserer Artgenossen nicht nur ein Rätsel sondern auch unerträglich, dennoch sieht Wuketits Möglichkeiten dem individuellen Sein, Sinn zu verleihen, ohne auf ein transzendentes uns unzugängliches Bewusstsein zu reflektieren. Klischees wie „Die niedere Abkunft des Menschen“, „Sind Menschen auch Affen“ werden anhand unserer Stammesgeschichte und an gut gewählten Beispielen entkräftet. Sehr plausibel erklärt der Autor unser Verhalten im Kapitel „Zum Überleben programmiert“ aus unseren ererbten Programmen, die im Laufe der Entwicklung des Menschen vererbt wurden.

“Welche Entdeckungen und Erfindungen unsere Spezies in den letzten Jahrtausenden auch gemacht hat, so großartig diese Entdeckungen und Erfindungen auch sein mögen – sie sind Leistungen eines Gehirns, das bereits vor etwa 40.000 Jahren in seiner heutigen Form im wesentlichen ausgeprägt war. [...], die Entwicklung des Gehirns gehört zu den sehr schnellen Evolutionsvorgängen.“ (S 145) Der homo sapiens, das Geistwesen der idealistischen Philosophie, muss einsehen, dass die Evolutionstheorie zu Ende gedacht zwar die Entstehung eines Lebewesens, das an Gott glaubt, aber nicht Gott selbst, erlaubt. (S 146 – 147). Im Folgenden werden interessante Fragen wie die Erziehbarkeit des Menschen, die menschliche Freiheit, die Entwicklung unserer Zivilisation, Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“, der Einfluss der Gene und  der Kulturpessimismus im Lichte der Evolutionstheorie behandelt. Im Nachwort meint Wuketits am Beispiel von Reality Shows zu zeigen, „dass diese jede ernsthafte Diskussion über die Herkunft des Menschen ersetzen. Sie demonstrieren diese Herkunft einfach - allerdings unfreiwillig und unbeabsichtigt -, indem sie Primaten zu Wort kommen lassen, denen ihre eigene Herkunft gleichgültig ist.“ „Aber was leben sie uns eigentlich vor? […] Den Affen in uns? […] Es muss sich ja nicht lange bewähren – langfristiges Planen ist des Menschen Sache nicht -, wichtig ist nur, dass im Augenblick möglichst viele Affen etwas davon haben (und dass die Einschaltquote stimmt).“

 

Als besonders positiv ist die sehr ansprechende Ausdrucksweise zu erwähnen, mit der es dem Autor gelingt, komplizierte wissenschaftliche Befunde der Evolutionsforschung leserfreundlich darzustellen und den Leser zu fesseln. Ein Glossar erlaubt Schlüsselbegriffe nachzuschlagen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis regt zum weitern Lesen an.

 

Das Buch ist mehr als lesenswert und lädt zum Nachdenken über den Menschen und seine Rolle in der Welt ein.

 

LitGes, Juli 2010

 

Franz Reichel
WER ERZIEHT WEN?

 

 
DIE ANGST VOR DEM KINDLICHEN TYRANNEN
Eine Geschichte der Erziehung im 20 Jahrhundert
Miriam Gebhardt
München: DVA/ Random House,1. Auflage 2009. 330 S.
ISBN 978-3-421-04413-6

 

Miriam Gebhardt, geboren 1962, ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die ZEIT, den STERN und für Frauenzeitschriften. Sie promovierte in Münster, habilitierte sich an der Universität Konstanz, an der sie als Privatdozentin lehrt.

 

Die Autorin versucht in diesem wissenschaftlichen Werk, die Frühsozialisation von Kindern in der bürgerlichen Erziehungsavantgarde des 20. Jahrhunderts zu analysieren. Es geht um die Rekonstruktion von dominanten Sozialisationsmustern, erforscht anhand von Elterntagebüchern, die bisweilen akribisch die Fortschritte und Entwicklungen der Kinder dokumentieren. Die Familien der drei letzten Generationen sind sehr unterschiedlich mit diesem gesellschaftlichen Wandel umgegangen, von konservativer Zurückhaltung bis zum Übereifer in der Umsetzung der neuen Trends. Um ein Ordnungskriterium zu implementieren, unterscheidet die Autorin das beobachtete, kontrollierte und das eigene Kind.

Dieses für Erzieher, Lehrer und Eltern hoch interessante Buch zur Erziehungsgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt auf, dass sich bereits zu Beginn der 20er Jahre eine ganze Reihe von Ärzten, Hebammen und Wissenschaftlern anschickte, junge Eltern mit Thesen und Ratschlägen zur Erziehung zu versorgen. Motiv dafür waren die in der bürgerlichen Kultur im Mittelpunkt stehenden Ziele für körperliche und seelische Gesundheit. Begonnen wurde, dem Zeitgeist entsprechend, im Sinne einer Höherentwicklung des Volkskörpers, beim Neugeborenen. Dieser Druck auf die Eltern alles richtig zu machen, führte dazu, dass die jungen Mütter und Väter, verunsichert durch diese Ratgeber, den eigenen Gefühlen und Impulsen immer weniger vertrauten, mit dem Ergebnis eines entwicklungspsychologischen und seelischen Nachteils für die Heranwachsenden. Man vertraute der Expertenmeinung besonders bezüglich der Themen von Grenzsetzung, Strenge und Disziplin.

Die Kuschelpädagogik der letzten Jahrzehnte scheint uns vor allem dann bei Kindern und Jugendlichen auf den Kopf zu fallen, wenn sie weder in der Lage sind noch den Wunsch dazu hegen, sich in Schule und unsere Gesellschaft zu integrieren. Dass die Erziehungsinkompetenz vieler Eltern für unsere Gesellschaft unangenehme Zeitgenossen produziert, ist ein Faktum, das nicht nur auf Unterschichtkinder zutrifft.

Die Neuorientierung von Erziehungszielen, die Berücksichtigung überlieferter Normen und Werte sowie die notwendige Reflexion über die Beziehung von Eltern und Kindern, ein ausgewogenes Verhältnis von Liebe, Zuwendung und sinnvoller Einschränkung, muss selbstkritisch reflektiert werden. Kinder sind kein Partnerersatz und keine Verlängerungsmöglichkeit eigener, von den Eltern selbst nicht erreichten Ziele. Förderungen dürfen den Kindern nicht zur Last oder Überforderung werden. Eltern müssen. wenn auch fehlbar, Vorbilder sein und gleichzeitig Reibebäume, an denen sich der junge Mensch in seiner Persönlichkeitsentwicklung abarbeiten kann.

Den Ruf nach mehr Disziplin und Strenge sowie die Idee eines Elternführerscheins, um möglichst viele Regeln zur Ernährung und Erziehung an die Eltern zu bringen, sieht Gebhardt im historischen Rückblick sehr kritisch. Vielleicht gelingt es der Autorin, den zukünftigen Eltern mehr Selbstbewusstsein zu ermöglichen und weniger Vertrauen in zweifelhafte Erziehungs- und Gesundheitsgurus zu setzten.

Das mit vielen Details der Erziehungsgeschichte, gut recherchierte und kompetent verfasste Buch ist ein wertvoller Beitrag zur pädagogischen Diskussion, welches mit einem umfangreichen Literatur- und Quellenverzeichnis zum weiteren Studium des Themas einlädt.

 

LitGes, Juli 2010

 

Franz Reichel
WIR WERDEN ES ERLEBEN

 

 
2020
So leben wir in der Zukunft
Sven Gábor Jánsky
Wien: Goldegg Verlag, 2009. 318 S.
ISBN 978-3-901880-04-9
ISBN eBook 978-3-901880-07-0

 

Sven Gábor Jánsky ist Diplom Journalist und der Shooting-Star unter Deutschlands Trendforschern. Mit 300 Innovations-Chefs entwirft er Geschäftsmodelle und Produkte die unsere Zukunft prägen werden.

Mit dem Erwerb dieses Buches erhalten sie ein kostenloses Jahresabonnement für Forward2business-TV.

 

Der Autor Sven Gábor Jánsky nimmt den Leser auf eine realistisch anmutende Zeitreise mit. Wir begleiten eine Familie durch den zukünftigen Alltag, und erfahren wie unser Tagesablauf in 10 Jahren und unsere Vernetzung mit der Informationswelt aussehen werden. Es ist dies ein Reisebericht durch den Alltag, der nicht trocken Vermutungen über unsere Zukunft abarbeitet. Im Kontrast zu anderen Prognosen bemüht sich der Autor, keine Utopien zu beschreiben, sondern jene möglichen Innovationen, die realisiert werden können. Vieles davon ist schon angedacht und im Labor erprobt. Einen wesentlichen Aspekt vergisst Jánsky nicht zu beleuchten, den Zweifel an der immer stärkeren Vernetzung moderner Kommunikations- und Informationsstrukturen. Ob wir von der zunehmenden Informationsüberflutung durch „Rob“, den persönlichen Assistenten, der in fortgeschrittener Anwendung künstlicher Intelligenz unser persönliches Interessensprofil so gut kennt, dass er in den tiefen des Netzes Relevantes für uns selektiert und damit sicher vor Spam und Desinformation schützt – ob ihm das wohl gelingt? – eine Superlative zu den bereits von Internetbuchhandlungen praktizierten Methoden, nicht nur namentlich zu begrüßen, sondern Vorschläge und mögliche Interessen anzupreisen, geschützt werden, sei dahingestellt. Das heikle Thema auch schon jetzt andiskutiert, Bodytuning oder Doping in Form des Braindoping zur Steigerung unserer Gehirnleistung wird wohl unvermeidlich sein, genauso wie das Implantieren von Chips zu diversen Zwecken, seien sie medizinischer Art oder einfach zur Identifikation. Die ethische Diskussion, der der Autor nur oberflächlich Raum gibt, wird wie immer zu spät kommen, denn es geht nicht nur um die Frage des Nutzens und der Nebenwirkungen, sondern wer sich diese Neuropusher leisten kann. Die ethische Dimension ist hier analog zu Lifestyle-Präparaten das Ungerechte einer Zwei- vielleicht sogar Mehrklassengesellschaft, deren Mitglieder sich auf Grund ihrer sozialen und ökonomischen Position Schönheit, Gesundheit und geistiges Potential kaufen können. Dies ist aber nichts Neues, wird aber nicht kritisch artikuliert. Die beschriebene Familie ist eine gut situierte, die am Aufschwung teilhat und die mit der Arbeitswelt, wie sie beschrieben wird, keine Probleme hat. Im Buch wird Zeitarbeit sehr positiv dargestellt und praktisch unterstellt, dass das viele Menschen wollen und wir in solchen Arbeitsverhältnissen leben werden. Das wir in unserer Gesellschaft Experten haben werden, die sich ihre Jobs nach Angebot und Nachfrage aussuchen können, ist gewiss, aber die Mehrzahl der Arbeitnehmer wird nicht von zunehmender Unsicherheit begeistert sein. Was wenig oder schlecht ausgebildete Menschen in dieser Gesellschaft zu tun haben werden, bleibt offen.

Ebenso werden die Probleme der Individualisierung, der Überwachung und die taxonomische Erfassung des Einzelnen, die negativen Aspekte und Möglichkeiten dieser so schönen technologischen Welt von Morgen nur oberflächlich behandelt. Ob wir die Auflösung der Grenzen des Familien- und Company-Cocon wirklich wollen, ist eine Frage der Individualität und vor allem der Bereitschaft in fast allen Lebensbereichen von Firmen abhängig sein zu wollen. Jobnomaden und Patchworkidentitäten sind wohl nicht das Ziel von jedermann und ob Identitätsmanagement nicht einer Nivellierung der Vielfalt von Persönlichkeiten gleichzusetzen ist, bleibt dahingestellt.

 

Das Thema Datenschutz wird blauäugig und unrealistisch, fast möchte man sagen, ahnungslos abgehandelt. Und wer kein Handy hat – ja was soll der machen? Vielleicht existiert er in dieser Welt gar nicht mehr…

Global gesehen sind diese Prognosen nicht zu halten. Es wird in 10 Jahren noch mehr Armut auf diesem Planeten geben wie heute. Wer in der dritten Welt wird einen persönlichen Assistenten haben? Ob Alltagsoutsourcing für unqualifizierte Arbeitskräfte tatsächlich eine Zukunft darstellt, ist fraglich. Sie sind ja minder qualifiziert! Widersprüchlich erläutert Jánsky einerseits die Sorge um die Auswanderung solcher Hilfsarbeiter (S. 215), andererseits den vorherrschenden Einwanderungstrend solcher Arbeitskräfte aus Asien und Afrika.

 

Das Buch schließt mit einem Epilog, der einen Ausblick für 2020 zusammenfasst. Die Prognosen des Sozialwissenschafters und Beraters der US-Regierung James Canton, sieht der Autor zwar kritisch, bleibt aber in diesem Buch weitgehend ein Gag. Schon Cantons erste Prognose der Teleportation von Objekten zeigt Cantons Unwissen in Physik, ebenso münden seine futuresken Ideen über „Manipulation von Materie zur Nahrungsmittelproduktion“ in eine verbal beraterische Schaumschlägerei.

 

Im Anhang erfahren wir die Antworten von Innovationsexperten im forward2business-ThinkTank, und der Leser kann seine Einschätzung mit jener der Experten vergleichen. Das Glossar ist hilfreich, es erklärt viele neue Begriffe und noch nicht geläufige Termini Technici. Ein Literaturverzeichnis, Interview- und Redenverzeichnis, gefolgt von einem Endnotenverzeichnis schließt das Buch ab. Nur das hilfreiche Stichwortverzeichnis hat man sich erspart. Das hätte wohl sonst „Rob“ gemacht!

 

Für IT-Insider bringt das Buch nicht wirklich Überraschendes oder Neues. Für den interessierten Laien ist es eine Fundgrube von Informationen und Ideen, die in locker und angenehm lesbarer Form vermittelt werden. Verglichen mit anderer Prognoseliteratur ist der Inhalt realistisch und kompetent, wenn auch ein bisschen zu oberflächlich. Den einen oder anderen wird es zum Nachdenken bringen.

 

LitGes, Juli 2010

 

Franz Reichel
GEPLAUDER ÜBER ALLES UND NICHTS

 

 
RECHNEN MIT GOTT UND DER WELT
Betrachtung von Allem und Eins
Rudolf Taschner
Salzburg: Ecowin Verlag, 2009. 1. Auflage, 207 S.
ISBN: 978-3-902404-78-7

 

Rudolf Taschner, Jahrgang 1953, studierte in Wien Mathematik und Physik. Er ist am Institut für Analysis und Scientific Computing der TU Wien tätig. Bekannt wurde er durch sein Engagement zur Popularisierung der Mathematik, die Gründung des „math.space“ im Wiener Museumsquartier und durch die Veröffentlichung zahlreicher Sachbücher.

 

Taschner fasst in diesem Buch sein umfangreiches Wissen in leicht verständlicher, fast möchte man sagen, oberflächlicher Weise zusammen. Enttäuschend für die Leser, die sich beim Titel „Rechnen mit Gott und der Welt“ vermutlich mehr Mathematik und weniger einen breit gespannten Bogen von Naturwissenschaft, vor allem Physik, Philosophie und Religion erwarten. Das Bild auf dem Buchcover mit dem Autor in einer Kugelrechenmaschine integriert, führt zusätzlich in die Irre. Im Vorwort erfährt man, dass manche Teile in anderem Zusammenhang bereits veröffentlicht wurden. Für den Buchkäufer leider zu spät. Taschner setzt in einigen Kapiteln die Mathematik in Beziehung zum Himmel, zur Kunst, zum Leben. Der Höhepunkt des Buches befindet sich allerdings in den, möchte ich sagen, sonderbaren Beziehungen der Mathematik zu Moral, Schöpfung und Religion.

 

Im ersten Teil wird ein wenig Zahlenmystik bemüht: z.B. die Vier im Zusammenhang der Elemente-Lehre und JHWH – der hebräische Name Gottes oder die Fünf - Quinta Essentia. Hier kündigt sich bereits an, dass Taschner, ein höchst konservativer Autor, ja fast ein versteckter Theologe, nicht viel übers Rechnen erzählen wird, sondern seine ganz persönlichen Ansichten in vielen Geschichten und Anekdoten über berühmter Wissenschaftler verpackt. In den folgenden Kapiteln werden alte Hüte aus der Physik, Astronomie, Optik und Wirtschaft abgehandelt. Dabei ist es dem Autor offenbar ein Anliegen all jene Berühmtheiten, die in sein Weltbild nicht ganz hineinpassen, zu desavouieren. Er kritisiert z.B. M.C. Eschers Werk auf den Seiten 40 bis 41: „Eschers Werk ist nicht einmal eine schlechte Kunst, eigentlich ist sie nur scheinbare Kunst, weil sich hinter der als Kunstwerk gebärdenden Kulisse buchstäblich nichts befindet“, so der Kunstkenner Taschner.

 

Zur oft zitierten „dritten Kränkung des Menschen“ durch die Psychoanalyse Freuds : „[…], dass das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“(S. 23) etwas heftiger vom Autor: „Rhetorisch raffiniert erzählt Freud diese Mär, um die Psychoanalyse gegen Kritik wissenschaftlich fundierter Psychologie zu immunisieren und sich als einzigartige Koryphäe und verkannten Geisteshelden präsentieren zu können.“ Aufs Korn nimmt Taschner auch Girodano Bruno, Richard Feynman, John von Neumann, G. Hardy und den Philosophen G. Fichte u.a.m. Vor seiner Kritik würdigt er diese Personen aber immer als herausragende Persönlichkeiten, vielleicht, um den Verdacht zu zerstreuen, dass es immer die Freigeister und Atheisten sind, die Taschners Seele quälen.

 

Das Kapitel Mathematik und die Schöpfung schießt geradezu den Vogel ab. Am Unterschied der Begriffe Wissen und Glauben nach Jaspers, gibt er eine unverhohlene Anleitung zum Duckmäusertum, Mitlaufen, nicht Anecken mit dem Wissen, ja sein Wissen, in aller Stille gegen die Autorität geheim zu halten, denn, wie man am Beispiel Brunos und Galileis gesehen hat, ist diese Methode der Aufgabe der eigenen Position unter Druck zielführend, weil man eben nicht verbrannt wird. Bruno ist für Taschner ein Glaubender, ein nicht wissender Phantast, der seinen Ideen nicht abschwört, Galilei hingegen ein Wissender, der sich arrangiert (S. 120). Hier scheint Taschner eine Haltung des 17. Jhdts. zu propagieren, die man nicht wahllos ins dritte Jahrtausend übernehmen kann, schon gar nicht in eine Gesellschaft der Demokratie und der freien Meinungsäußerung. Soll man das allen Menschen die in Diktaturen leben empfehlen? (S. 120) „Für eine objektive Wahrheit, die es nicht wert ist, wie ein Glaubenssatz verkündet zu werden, gibt nur ein Verrückter sein Leben hin.“. Heißt das etwa, dass es sinnvoll ist, sein Leben für Glaubenssätze zu opfern, nicht aber für eine objektive Wahrheit (wobei es philosophisch nicht einfach ist, von objektiver Wahrheit zu sprechen)? Der Sinn dahinter ist nichts weiter als für seine Eminenz Christoph Kardinal Schönborn eine Lanze zu brechen, dessen Unterstützung des „Intelligent Design“ hier verteidigt wird und für Universitätslehrer (M. Reiss) Position einzunehmen, die wegen dieser Haltung in Schwierigkeiten mit der Royal Society kamen.

„Darum ist es unangemessen, wenn von der Evolutionstheorie überzeugte Biologen Personen, die Darwins Theorie nicht als letztgültige Wahrheit sehen wollen, wie zum Beispiel Kardinal Christoph Schönborn, mit wilden Polemiken angreifen.“ (S. 122)

 

Des Autors kasuistische Ergüsse über den Zufall (S. 125 – 134) müsste man einer eigenen kritischen Analyse unterziehen. Für Taschner ist die Position, dass die gesamte Evolution dem Zufall unterworfen ist, unhaltbar, er leidet offenbar an der zweiten Kränkung. „Ein sich seiner Existenz bewusstes, ein „ich“ sagendes Wesen hat das Wesen des Begriffs „Zufall“ nicht verstanden, wenn es zugleich sein Dasein als „zufällig“ bezeichnet. Es darf dies nicht, weil seine Existenz einmalig ist, der Begriff „Zufall“ aber nur bei gleichartigen Ereignissen zur Sprache kommen kann [...] Ein Wesen aber, das von der Beiläufigkeit seiner Existenz überzeugt ist, weiß gar nicht, dass es überhaupt existiert.“ (S. 130)

 

Jugendliche Leser wird man mit diesem Werk nicht vom Bildschirm abholen können, schon gar nicht die wenigen, die sich vielleicht für Mathematik und Naturwissenschaft begeistern können.

Negativ bei mehreren ECOWIN Autoren stößt die immer wieder werbetechnisch zweifelhafte Lobhudelei anderen Autoren des Verlags gegenüber auf.

Die wenigen mathematischen Passagen, kurze Rechnungen, fließen höchst unanschaulich und unstrukturiert im Text mit. Kein Fenster, in dem diese leicht nachzuvollziehenden Überlegungen didaktisch aufbereitet dargestellt werden. Im Kapitel Mathematik und Klang ist der Großteil der Diagrammachsen nicht beschriftet, es ist wie vieles in diesem Buch langweilig und entbehrt der Spannung.

 

Daniel Kehlmann lobt das Werk am Buchrücken überschwänglich: „Er öffnet die Tore weit für die nicht Eingeweihten, und die scheinbaren Mysterien werden durch seine Begabung, das Komplizierte nicht einfacher als es ist, aber so klar wie möglich zu machen, plötzlich durchschaubar, durch seine Hilfe erkennen wir… und schöpfen Mut, uns, in den alten und schönen Worten Immanuel Kants, der eigenen Vernunft auch ohne Anleitung zu bedienen.“

Entweder hat Kehlmann das Buch nicht gelesen oder nur überflogen. Kants zitierte Worte sollte man jedoch Folge leisten: sich der eigenen Vernunft auch ohne Anleitung zu bedienen. Vor allem ohne jener von Taschner. Denn offensichtlich sind Taschner, wenn er mit Gott und der Welt rechnet, einige gehörige Rechenfehler passiert.

 

LitGes, Februar 2010

 
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