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Thomas Fröhlich
LEICHTFÜSSIG
PAPIERTIGER
Radek Knapp
Piper Verl., München 2004
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
ISBN 3-492-24174-3
„Sollen Wünsche sich wirklich erfüllen? “Vor dieser Frage steht der von Radek Knapp mit leichter Hand und doppelbödigem Witz gezeichnete Walerian, als er, mit etwa 30 Jahren, nach verschiedensten Jobs vom Krankenpfleger bis zum Weihnachtsengel (!) von dem Verleger Netzlow
– beinahe über Nacht – zum neuen Shooting Star der Literaturszene aufgebaut werden soll. Mehrwöchige Lesereisen durch Deutschland, nur unterbrochen von Parties und den Avancen hübscher Literaturgroupies – pardon, Bewunderinnen, bestimmen plötzlich Walerians Leben.
Charmante Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb, ein durchaus sympathischer „Held“ sowie sanfte Gemeinheiten zur Befindlichkeit der heute 30jährigen – Radek Knapp schrieb mit „Papiertiger“ eine Geschichte in 5 Episoden, die Leserinnen und Lesern von Literaturzeitschriften wohl ähnlich behagen dürfte wie jenen von gehobenen Lifestylema-gazinen. Die Crux des Ganzen: die Leichtigkeit (mitunter darf man auch Oberflächlichkeit oder Beliebigkeit sagen), mit der hier die Anfechtungen eines jungen Schriftstellers präsentiert werden, tut zwar in Zeiten, in denen nicht wenige Autorinnen und Autoren mit geradezu faustischer Verbissenheit das Rad der Literatur neu erfinden möchten, durchaus gut. Doch bewegt die Story an sich wahrscheinlich niemanden mehr sonderlich. Um nicht missverstanden zu werden: die einzelnen Episoden sind unterhaltsam genug - für Wochen oder Monatszeitschriften. Ob man damit allerdings ein eigenständiges Buch hätte füllen müssen, sei dahingestellt.
„Wieviel angebrachter war es, stattdessen auf dieser Terrasse zu bleiben und auf seine neue Bewunderin zu warten, die zweifellos schon mit einem neuen Glas zu ihm unterwegs war.“
Dem ist wenig hinzuzufügen. |
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Alois Eder
ELEGANTES DEMENTI
der herr norrrdwind
H. C. Artmann
ein opernlibretto
Residenz-Verlag, St. Pölten 2005
ISBN 3-7107-1410-X
Euro 14,90.-, 96 Seiten
Erstaunlich, wie zur Wachablöse im Vatikan bestellt erscheint - auch gleichzeitig zum Einstand des vormals Salzburger Residenz-Verlags in Niederösterreichs Hauptstadt - ein posthumes Märchenopern-Libretto H. C. Artmanns, das in einen Showdown mündet, in dem die korrupte geistliche Obrigkeit die Baseballschläger eines Rächerkommandos für die verfolgte ländliche Armut zu spüren bekommt. Herbert Brandl als Illustrator lässt auf S. 94 mit einem kräftigen POING sogar den Holzhammer schwingen - am Ende ein kritisches Widerhäklein?
Ohne viel in diese offenbar in den letzten Lebensjahren des Dichters entstandenes Werklein hineingeheimnissen zu wollen, es widerlegt im vollen Wortsinne schlagend, dass der Residenzverlag unter seinem neuen Besitzer nach der Pfeife des St. Pöltener Bischofs tanzen muss, wie besorgte Stimmen schon befürchtet hatten. Habe heute seine gnaden/ den herrn bischof eingeladen/ ein gewaltges freßkonzil/ auszuführen ist mein ziel, mit dieser Arie beginnt die 9. und - wie man sich erinnern muss - noch in der Ära Krenn zu Papier gebrachte Szene. Blinder Zufall, dass man sich an einen andren Wortlaut erinnert fühlt, nämlich will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen/ mag ers nur sagen/ ich spiel ihm auf...? Nur dass es bei Artmann eher um die soziale und nicht um die erotische Frage geht. Aber sicher zugleich auch um eine filmreif genutzte Gelegenheit für ein internes Signal an die Klientel, ein elegantes Dementi klerikaler Supervision des übersiedelten Avantgarde-Verlags.
Im Grunde handelt es sich allerdings um eine Märchenmelange, in der eine liebliche Frau Holla die Gemahlin des gestrengen Herrn Norrrdwinds ist, bei der der Bauer Geppone um ein milderes Klima interveniert, aber mit einem nahrhaften Kästchen-deck-dich gegen den Hunger abgespeist wird, das ihm aber die geistliche Grundherrschaft sofort wieder streitig macht von wegen des Zauber- und Hexenwesens, das sie dann doch in den Dienst eigener Völlerei stellen. Tischlein deck dich, die stets schon Witterungs-aktive Frau Holle und die ganze Märchenschar der Brüder Grimm lassen grüßen.
Leider fehlt dem Band ein editorischer Bericht, sodass man schwer abschätzen kann, ob die verdiente Prügelorgie das beabsichtigte Ende des Librettos ist, oder ob hier der Tod dem Autor die Tastatur aus der Hand genommen hat. Allfällige Eingriffe in den von H. K. Gruber für eine Uraufführung im Züricher Opernhaus komponierten Text sind ebenfalls nicht ausgezeichnet. Nur ein paar Bemerkungen Ingrid Haimböcks für das Herbert-von-Karajan-Zentrum, das Artmanns letzters operl in Auftrag gegeben hat, sind zur Einbegleitung vorgeschaltet.
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Kurt Tutschek
AUF UND DAVON
DIE VILLEN DER FRAU HÜRSCH
Alfred Komarek
Haymon-Verlag, 2004
ISBN 3-85218-444-4
202 Seiten
All jene LeserInnen, die Alfred Komarek wegen seiner Polt-Romane schätzen, seien vorab gewarnt: dies hier ist kein Kriminalroman. Die kriminalistische Spurensuche - sofern man sie als solche bezeichnen möchte - die der Ex-Chefredakteur Daniel Käfer in dem Buch unternimmt, ist äußerst unspektakulär. Es ist die Suche nach der eigenen Vergangenheit.
Da sein Lebenswerk, die Zeitschrift 'IQ', Sparmaßnahmen des Verlags zum Opfer fällt, nimmt sich Käfer eine Auszeit und begibt sich zu den Plätzen seiner Kindheit. Er fährt ins Salzkammergut und wird mit den Menschen, der Landschaft, längst vergangenen Tagen konfrontiert. Alfred Komarek weiß, wovon er spricht, wenn er das Ausseerland beschreibt, er kennt die Plätze und die Bewohner. Dementsprechend plastisch entsteht das Bild dieser ruhigen, etwas verschlafenen Landschaft. Die Sprache des Romans passt sich dabei ganz der Sommerfrische-Stimmung der Umgebung an, ordnet sich unter. Noch langsamer als in den Polt-Romanen schreitet die Handlung voran, tritt beinahe in den Hintergrund. Die Suche nach den Spuren einer verstorbenen Verwandten, der Dienstbotin Mizzi Käfer, und der tragischen Geschichte, die sich hinter diesem Namen verbirgt, gerät mitunter ins Hintertreffen. Komarek legt großen Wert auf Realismus – Gasthäuser, Ortschaften, selbst die Villen der Frau Hürsch existieren tatsächlich.
Daher ist es vor allem eines, was das Buch vermag: die Lust zu wecken, ganz einfach die Koffer zu packen, sich auf und davon zu machen, und dem Ausseerland einen Besuch abzustatten, vielleicht sogar an einem heißen Sommertag den Sprung in den Grundlsee zu wagen. Neben den dominanten Schilderungen der Landschaft und ihrer mitunter äußerst kauzigen Bewohner wirken die Hauptprotagonisten des Romans recht blass. Dennoch: vielleicht nicht derart einprägsam wie der Landgendarm Simon Polt, ist doch auch der Redakteur Daniel Käfer eine sympathische Figur, der man kleine Fehler nicht allzu übel nehmen kann.
Drei weitere Salzkammergut-Romane rund um Daniel Käfer sollen folgen. Gut so, denn der Schluss des Buches lässt den Leser doch einigermaßen ratlos zurück, da Käfers Zukunft ebenso ungewiss bleibt, wie zu Beginn.
Fazit: ein vergnüglich zu lesender Roman, der die Neugier weckt, Bad Aussee und die Villen der Frau Hürsch selbst zu entdecken.
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Alfred Koch
GEQUIRLT - NICHT GESCHÜTTELT
NIHIL
Lukas Kollmer
Literaturverlag LUFTSCHACHT
ISBN 3-902373-03-2
Sein innerstes zuäußerst kehren machte sich schon in der romantik gut. Allerdings pumpten Brentano & co alles, was sich unter der gürtellinie staute, so lange in die obersten regionen, bis es als blütenweißer seelenschwulst zwischen buchdeckel passte. Dieser mühe unterzieht sich Lukas Kollmer nicht, ein erguss schonungsloser selbstentblößung ist die nur allzu natürliche folge. Gequirlt ergibt das zwar ausreichend material, einen hübsch layoutierten paperback-band zu füllen, aber ob es mehr ist als das, daran zweifelt wohl auch der herausgeber. Würde er sonst in seinem vorwort betonen, dass es " nicht gilt, den Text zu kritisieren"? Statt dessen wirbt er um verständnis für "den Menschen", als wäre er ein betreuer für schwere fälle. Dieser Kollmersche "mensch" also, dessen welt- & selbstekel vor möglichen leserInnen ausufert, geizt nicht mit detaillierter aufgeregtheit & setzt, da spannungskurven erzählendes schreiben voraussetzen würde, stattdessen rhythmisch höhepunkte der unappetitlichkeit. Das ist wohl der preis für die art wahrhaftigkeit, wie sie der herausgeber versteht: "So wahrhaftig wie Hunger, Stuhlgang, Haut."
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Kurt Tutschek
KRACHERL, JUNGSCHAR, FÜHRERSCHEIN
WARTINGER SUCHT DAS PARADIES
Andreas Renoldner
Edition Geschichte der Heimat
ISBN 3-900943-98-2
205 Seiten
…und weitere 100 Begriffe oder mehr, die das Leben Wartingers beschreiben könnten. Andreas Renoldner nimmt sich in diesem Roman viel vor – den 'Roman einer Generation'. Und natürlich handelt es sich dabei um die 68er, eine Generation zwischen Aufbruch und Scheitern. Exemplarisch durchkomponiert und vorgeführt anhand des tragischen Helden Wartinger, der privat und beruflich sein Leben in den Griff zu bekommen versucht, daran beinahe zerbricht, doch immer wieder auch kleine Momente des Glücks erlebt bis der nächste Sturz unweigerlich folgt.
Die katholische Kindheit hängt bleischwer an Wartinger, sie zu überwinden dauert eine halbe Ewigkeit. Ein Entwicklungsroman also, im herkömmlichen, im besten Sinne, der mit der Geburt Wartingers einsetzt. Unterschiedlichste Ideologien begleiten sein Leben, der verzweifelte Versuch in einer Landkommune mit Selbstversorgung Erfüllung zu finden, die Suche nach dem einen, seinen Platz in der Welt – ob in der Einsamkeit der Berge, hinter der Theke, in der Universität oder als Café-Besitzer.
Der Roman einer Generation? Zunächst und in erster Linie der Roman einer Sinnsuche, die von einer Vielzahl von Rückschlägen heimgesucht wird. Die Wiedererkennbarkeit so mancher Situation, durch die Wartinger stolpert, scheint von Andreas Renoldner durchaus intendiert zu sein. Immer wieder ist man als Leser versucht 'ganz genau so war das damals' zu rufen, weil die Probleme, in die Wartinger während seiner Irrwege durchs Leben gerät, uns allen nur allzu bekannt sein dürften. Insofern also tatsächlich der Roman einer Generation. Erinnerungen an eigene am Jungschar-Lagerfeuer verbrachte Abende, an quälende Sonntagsausflüge mit den Eltern oder an das hehre Ziel der Jugend, den Hunger in der dritten Welt eindämmen zu wollen, stellen sich durchaus ein. Auf dieser Ebene funktioniert der Roman hervorragend, bietet ein in sich geschlossenes überaus stimmiges Bild. Ein wenig ermüdend wirken hingegen jene Passagen, in denen Wartinger mit Freunden heute längst Allgemeingut gewordene Kapitalismuskritik formuliert. Dem Zeitrahmen des Romans zwar durchaus angemessen, befremden diese Einschübe dennoch ein wenig.
Überaus ärgerlich beim Lesen hingegen das offenbar lieblos hingeschluderte Lektorat. Da mehren sich die Druckfehler von Seite zu Seite.
Ein letzter Tipp: Einfach hinsetzen, die erste Seite aufschlagen, zu lesen beginnen und ein wenig in Erinnerungen schwelgen – knallrote Kracherl, Hüttenabende am Berg, schweißnasse Hände in der Tanzschule. Was will man eigentlich mehr? Das Leben ist doch wunderbar.
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