Franz Reichel
FREIHEIT, EINE ILLUSION
(
Ungekürzte Fassung)

 

 
DER FREIE WILLE
Die Evolution einer Illusion.
Franz M. Wuketits:
Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 2008, 2. Auflage. 181 S.
ISBN 97€8-3-7776-1509-7

 

Prof. Dr. Franz M. Wuketits ist Evolutionstheoretiker, lehrt an der Universität Wien, ist Mitglied des Board of Directors KLI (Konrad Lorenz Institute), in mehreren wissenschaftlichen Beiräten u.a. auch der Giordano Bruno Stiftung, Autor von 34 Büchern und mehr als 400 Artikeln, Herausgeber und Mitherausgeber vieler wissenschaftlicher Sammelwerke.

 

Wir glauben, dass wir frei sind in unseren Handlungen und Entscheidungen. Besonders der Mensch, der in einer Demokratie lebt vermeint frei zu sein, Autonomie in seinem täglichen Tun zu haben und vergisst dabei, dass ungezählte persönliche Abhängigkeiten und vor allem unser Primatenerbe unbewusst aber wesentlich dieses Handeln bestimmen. Allein unser soziokulturelles Umfeld, die Prägung durch Familie und Gesellschaft, unser Bestreben nach Anerkennung und Akzeptanz, nicht zu übersehen auch unser genetisches Erbe, sind maßgebliche Einflussfaktoren unseres vermeintlichen „freien Willens“. Wuketits analysiert nicht nur den möglichen Nutzen von Religionen, von Aberglauben, sondern auch unserer Annahme, das alles sinnvoll sein müsste. Unser vorbewusster Erkenntnisapparat ist offenbar mit einer Hypothese des Zweckmäßigen ausgestattet, es lebt sich leichter im Glauben an eine gerechte Welt, die nicht naturgegeben sondern ein menschliches Konstrukt ist. Wir leiten Notwendigkeiten des Geschehenen her, begründen Ereignisse und verdrängen, dass der Zufall eine nicht von uns beeinflussbare Rolle dabei spielt. Dass die Entwicklung des menschlichen Lebens schließlich zeitlich begrenzt ist, nichts für die Ewigkeit geschaffen ist, die Evolution ohne Zweck und Ziel abläuft, ist vielen unserer Zeitgenossen unerträglich, es verletzt ihre Vorstellung vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ und religiös transzendente Ideen, die uns eine besondere Stellung in der Schöpfung einräumen.

 

Die Verfechter einer Trennung zwischen Leib und Seele, Gehirn und Geist nehmen eine immaterielle Wechselwirkung im Gehirn an, die allerdings heute allen neurologischen Befunden widerspricht, sie sind im Widerspruch mit moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis, führt Wuketits aus. Es ist aus der Biologie zu schließen, dass der Geist nicht transzendental ist, somit auch keine übergeordnete Sicht der Welt existiert.

 

Die Forschungen zum Thema Bewusstsein und Selbstbewusstsein zeigen immer deutlicher, dass ohne intaktes Gehirn als Substrat keine geistigen Vorgänge und Bewusstseinszustände zu beobachten sind.

Der Mensch mit seiner Idee der Willensfreiheit vermeint zu jeder Handlung, Alternativen wahrnehmen und sich daher schuldig machen zu können. Die Fähigkeit Schuld und Scham zu empfinden, sind in der Entwicklung der Primaten auch bei unseren nächsten Verwandten den Schimpansen in Vorstufen erkennbar.

 

Wuketits führt weiters aus, dass unser Gehirn, durch natürliche Auslese selektiert, zum Überleben dient und nicht dazu, die „Wahrheit“ über diese Welt zu erkennen. Das Erwachen des „homo metaphysicus“ muss mit zunehmendem Erklärungsbedarf über die Fragen: Warum? Wozu? Woher? Wieso? verbunden gewesen sein.

Wenn nun die Handlungen des Menschen nicht frei sind, wie kann er dann schuldig werden, etwas verantworten, wie können andere über ihn richten? Wir werden dennoch nicht von jeder Verantwortung entbunden. Als soziale Lebewesen bleiben wir mit der Fähigkeit zu moralischem und unmoralischem Handeln ausgestattet. Unsere sozialen Systeme, national oder europaweit greifen immer mehr in unser Leben ein und wir müssen entscheiden ob völlig frei oder nicht, ob wir unser Leben den Kontrollbehörden ausliefern wollen oder nicht.

Ein lesenswertes Buch.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 

Ingrid Reichel
DIE UNWICHTIGE SEITE DER WISSENSCHAFT

 

 
WARUM MAN SPAGHETTI NICHT DURCH ZWEI TEILEN KANN
Und andere Erkenntnisse vom Spaß-Nobelpreis.
Mark Benecke
Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 2009.105 S.
ISBN 978-3-7857-2368-5

 

Wir alle wissen wie schwer es ist, an Geld für die Forschung zu kommen. Ganz besonders, wenn es um unwichtige Dinge geht. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich trotzdem mit unerklärlichen Phänomenen des Alltags beschäftigen, nach Antworten suchen und auch zu Ergebnissen kommen. Für diese Menschen ist der Spaß-Nobelpreis – Ig- Nobelpreis - gegründet worden. Der Name Ig ist nach einem englisch-französischen Wortspiel benannt und heißt ignoble, was bedeutet: niedrig, unwürdig, schmachvoll. Die internationale satirische Auszeichnung wird auch als der Anti-Nobelpreis betitelt und wird von der Harvard-University (Cambridge/USA) für unwichtige, unnötige oder skurrile Arbeiten in allen möglichen wissenschaftlichen Bereichen - von der Medizin bis zur Mathematik – verliehen. Auch Literatur und sogar ein Friedennobelpreis werden alljährlich seit 1991 im Oktober vergeben. Schon längst ist der Preis keine Schande mehr. Viel mehr ist sie zu einem Amüsement geworden. Hier geht es um unterhaltsame Wissenschaft. Zu diesem Anlass erscheint das Magazin „Annals of Improbable Research (AIR). Mitarbeiter sind ehrenamtlich und dürfen sich AIR-Heads nennen. Der Kriminalbiologe und forensische Entomologe Mark Benecke, Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher ist einer dieser AIR-Heads und hat auch sichtlich schriftlich Spaß daran. Dies ist sein zweites Buch mit gesammelten Beiträgen. 46 Nominierungen der letzten Jahre, hat Benecke für dieses Buch zusammengestellt. Darunter, sie haben es bereits erraten, warum Spaghetti nie in zwei Teile brechen, eine Untersuchung zweier französischer Physiker, die dafür 2006 den Ig-Preis für Physik erhielten. Doch Benecke begnügt sich nicht nur mit Gewinnern. Gerade Kandidaten, die bei der Jury durchgefallen waren, erregten oft seine Aufmerksamkeit. Eine IG-Gesamtnote, Fotos und nette Tusche-Illustrationen von Juliane Pieper lockern das Werk erfolgreich auf. Man kann sich schon auf das dritte Buch mit neuen Erkenntnissen des Spaß-Nobelpreises freuen.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 

Eva Riebler
KREATIV

 

 
WIE WAR DAS AM ANFANG
Heinz Janisch
Illustrationen: Linda Wolfsgruber
Wien: Dom-Verlag, 2009. 30 S.
ISBN 978-3-85351-121-8

 

Ein kreatives Bilderbuch für Kinder jeden Alters. Das Bild steht im Vordergrund, bestehend aus Collagen, Stempeldrucken, Lasierungen und ausgeschnittenen Worten, die die Erzählung ergeben. Die Illustrationen Linda Wolfsgrubers sind farblich so harmonisch abgestimmt und ästhetisch so wirkungsvoll, dass automatisch die Idee der Nachahmung, der Reiz des Arbeitens mit verschiedenen Papiergattungen entstehen muss. Es juckt richtig in den Fingern. Greift man selber zu Schere und Kleister, fühlt man sich als Kind sicher nicht überfordert, da einfache Symbole verwendet werden und Papiere gerissen oder mit der Zickzack-Schere geschnitten und aufgekleistert werden.

Ebenso einfach und verständlich ist der Inhalt: Er berührt zwei der meist gestellten Fragen, nämlich: Woher kommen wir und warum sind wir, was wir sind? Kindlich naiv und philosophisch tiefgründig wird der Gedanke durchgespielt, man könnte ja auch als Eisbär, Schnecke, Kaktus oder Schneeflocke geboren werden. Gott ist der Bestimmende, der uns als Menschen schuf. Jedoch ist bei dieser Antwort in der optischen Gestaltung leider ein Einschnitt passiert: Der geschaffene Mensch ist ein Mädchen in rosarotem Kleid, noch dazu klischeehaft niedlich und Springschnur springend!

Und ich wollte dieses optisch ansprechende Werk doch einem meiner kleinen Neffen schenken!

Dabei ist Heinz Janisch ein Kinderbuchautor mit viel Erfahrung. Seine zahlreichen Veröffentlichungen wurden in 12 Sprachen übersetzt und er bekam den österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik, den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, den Bologna Ragazzi Award, die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis u.a. Auszeichnungen. Er wurde 1960 in Güssing geboren, studierte Germanistik und Publizistik und ist beim ORF (Hörfunk) tätig, z.B. als Redakteur der Reihe Menschenbilder und meint, es sei ihm wichtig, „dass Kinder Bücher als Geschenk erleben, wie eine Art Wundertüte: Man macht sie auf und lässt sich überraschen.“

Und mit Hilfe dieser hervorragenden Illustratorin, gelingt dies sicher.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 

Bernd Schuchter
ANATOMIE DES WIDERSTANDS

 

 
STROM
Ausufernde Prosa
Robert Prosser
Wien: Klever Verlag, 2009. 127 S.
ISBN 978-3-902665-13-3

 

Ein wirklich erstaunlicher und ungewöhnlicher Prosaerstling eines talentierten Jungautors. Robert Prosser legt mit Strom verwirrende und irritierende, ebenso aber beeindruckende Textstücke vor – wahrlich „ausufernde Prosa“, wie der Untertitel vorgibt. Die einzelnen Texte sind ohne wirklichen Anfang und ohne Ende und mit Namen wie Tollwut, Augustgras, Wespenstimme oder Fluchtfakten übertitelt, einzelne Bilder oder Gefühle, die fast wahllos dem Textstrom entnommen sind, wie man sich überhaupt den Text als unbearbeiteten Weltentext, als Marmorblock vorstellen kann, aus dem der Autor einzelne Szenen herausarbeitet. Gefräste Textstücke, die oft ohne Interpunktion auskommen und den Leser doppelt lesen lassen, mit kursiven Hervorhebungen, die dem Leser die Textanalyse vorgeben oder ihn auf eine falsche Fährte locken.

„und dafür lohnt es sich, halbnackt am großen Holztisch zu sitzen, den Tagesverlauf zu betrachten, welcher sich im Schnee abzeichnet, oder der Biegung einer Schlucht zu folgen, ihrem Sonneninhalt zungenspitz auf nassbrauner Erdhaut zur Ruhe gekommen und allesamt Beobachtungen oder eher ein Erspüren, ein Vertrautmachen vordringen zu einem Schwebezustand des Vertrauens um in der Welt zu lesen dank eines Blickes […]“ (S. 17). Und so weiter und sofort.

Der Textstrom reißt nicht ab und produziert unablässig Bilder in Sätzen und Wortfetzen, ein Wortmoloch, der ständig etwas zu sagen hat. Dabei sind es schöne Bilder, poetische Momente, die oft beschrieben werden, die aber in der Beschreibung sich dem Beschriebenen sofort wieder entziehen, ebenso wie dem Leser, der von Bild zu Bild hangelt, sich Wort um Wort anzueignen versucht, aber immer wieder daran scheitert; der Leser wird selbst mitgerissen von diesem Wortstrom und man bleibt während des Lesens staunend und ein wenig ratlos, folgt den Biegungen des Textflusses, hastet dem Erzähler nach, der sich immer verbirgt. Er schreibt: „[…] verlasse bekannte Gefilde zur Wortflucht in fremden Ausdruck, denn die Form ist austauschbar bis hin zur plastischen Darstellung und ich tausche dieses Quadrat des Blattes gegen das Flächenmaß der Leinwand […]“ (S. 22).

Atemlos werden die Texte vorangetrieben, atemlos ist auch die Lektüre, aber man braucht Geduld für diese feinen Bilder, die das sprachliche Talent von Robert Prosser aufleuchten lassen. Der Autor selbst arbeitet „im Textvortrag performanceorientiert“ (Klappentext) und man erahnt bei der Lektüre von Strom das Erschauern der Zuhörer, die von diesem Textwust und diesen Bildgewalten fortgespült werden. Sehr eindrücklich ist Strom, ein bemerkenswertes Debüt.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 

Ingrid Reichel
LEIDEN SIE AUCH UNTER SOCKENSCHWUND?

 

 
DAS SOCKENFRESSENDE MONSTER IN DER WASCHMASCHINE
Eine Einführung ins skeptische Denken.
Christoph Bördlein
Aschaffenburg: Alibri Verlag, 2002. 200 S.
ISBN 3-932710-34-7

 

Haben Sie sich schon gefragt, wo die verloren gegangenen Socken hinkommen? Der 1967 in Gerolzhofen/ Deutschland geborene Psychologe und Germanist Christoph Bördlein wird ihnen darauf auch keine Antwort geben. Ist auch nicht wirklich Thema des Buches. Vielmehr wird er sie zu den richtigen Fragen und Analysen führen, wenn sie mit unerklärlichen Phänomenen konfrontiert werden. Wie in einem Lehrbuch führt Bördlein den Leser zum skeptischen Denken. Bördlein, der sich wissenschaftlich mit Lernpsychologie und kognitiven Täuschung auseinandersetzt, weiß worum es geht.

 

Nämlich warum Menschen gerne Außergewöhnliches glauben und wie man sich davor schützen kann. Wie überprüft man Behauptungen, wie wertet man diese Daten aus? Bei all der Skepsis erläutert der Autor und Verfasser vieler populärwissenschaftlichen Artikeln in der Zeitschrift „Skeptiker“ die wichtigsten Methoden der Erkenntnisgewinnung. Anhand von Fallbeispielen vereinfacht er dem Leser die Theorie. Ein Buch, welches in keinem Haushalt fehlen sollte und vor allem der Jugend, die skeptisches Denken in Schulen nicht mehr lernt, sei es wärmstens empfohlen.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 
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