SCHLANGENWALD Paula Ender krimi Ilona Mayer-Zach Kriminalroman
Wien: echomedia Verlag, 2010. 234 S.
ISBN 978-3-902672-23-0
Die selbstständige PR-Managerin Paula Ender steckt wieder in Geldnöten und nimmt einmal mehr einen Auftrag ihres ehemaligen Chefs Santo an. Diesmal muss Paula nach Costa Rica reisen, um Werbetexte für eine neue Touristenanlage zu schreiben. Doch die von Santos versprochene Verbindung von Arbeit und Urlaubsvergnügen bleibt aus. Bald führt die Strandidylle zu jeder Menge Ungereimtheiten und Paulas Gespür lässt ihre Skepsis gegenüber der von Wiener Studenten entwickelten neuen Müllverwertungsanlage für die sich noch im Bau befindenden Hotelressorts wachsen. Zwei unaufgeklärte Todesfälle, die Wochen vor Paulas Aufenthalt in Costa Rica stattfanden - ein Absturz einer Cessna mit internationalen Umweltexperten und ein Todesfall durch Schlangenbiss im Urwald – verhärten den Verdacht um politische Korruption und Umweltkriminalität. Mayer-Zach führt uns mit diesem Krimi in die Welt der Tourismusproblematik. Arbeitsstellenbeschaffung und Umweltbelastung stehen in Kontroverse. Illegaler Goldabbau und Vorgaukelung eines Urlaubsparadieses im Naturschutzgebiet geben sich die Hand. Dennoch bleibt Mayer-Zach bei einem reinen Unterhaltungskrimi, der uns gerade soviel bei der Lektüre mit Cocktail am Swimmingpool daran erinnert, dass dort, wo viel Licht ist, auch viel Schatten ist.
LitGes, August 2010
Stefan Jahnke VAMPIRE MIT MINDERHEITEN PROBLEME
ETANAS SÖHNE, Teil 1 Tödliche Bedrohung León, Alejandro & Nathan - Band 1 Antje Jürgens Vampir-Roman
Hamburg: Verlag tredition, 2009. 292 S.
ISBN 978-3-86850-509-2
Vampire. Gerade in aller Munde, und das nicht erst seit der niemandem verborgenen Serie einer bekannten Schriftstellerin, die nunmehr auch in den Kinos mehr als nur zuhause ist.
Die Skepsis, weitere Werke zum Thema von weitestgehend unbekannten SchriftstellerInnen zu lesen, ist natürlich groß, jedoch im Falle von Jürgens Roman völlig unbegründet. Denn sie baut eine ganz eigene Welt, eine Umgebung auf, die doch eigentlich irgendwo in unserer heutigen Zeit liegt, jedoch eine Rasse mit allen Problemen der Minderheiten zeichnet, die ebenso Sorben, Elsässer oder Dänen in Deutschland sein könnten.
Natürlich sind Jürgens Etanaer völlig anders, leben zum großen Teil seit Jahrhunderten auf dieser Erde und haben eigentlich genau dieselben Probleme, wie wir als Normalsterbliche auch. Nur, und das ist bezeichnend für Jürgens Welt, bei ihnen sind sie langlebiger.
Jürgens Gestalten und Personen, Umgebungen und Bräuche sind scharf gezeichnet, jedoch auch wohltuend normal und nicht übertrieben beschrieben. Die Autorin versucht in ihrem Debütroman, das Klischee des Genres zu verdammen, reale Hintergründe einzubeziehen und damit den Leser mitten in diese doch so nahe, aber eben auch ferne Welt zu entführen.
Wie findet ein Vampir eine passende Frau, die nicht nur, wie allgemein angenommen, durch einen Biss an ihn gebunden wird, sondern auch zu ihm steht? Kann solch ein Langzahn überhaupt normal fühlen und sich familiär binden, Kinder zeugen und für diese da sein, nur allein, unter seinesgleichen oder auch in Gemeinschaften mit ‚Nichtvampiren’ leben?
Jürgens findet ganz erstaunliche Antworten und Erklärungen, dabei auch eine Art Gegenspieler, eine Frau, die seit Jahrhunderten die endliche Gabe ihrer Unsterblichkeit, die sie in einem schwachen Moment von solch einem Etanaer erhielt, bewusst ausnutzt und nun ihrerseits für ihr weiteres Überleben Mitglieder dieser Rasse mit mehr oder weniger Erfolg jagt. Dabei wird sie zunehmend zur wachsenden Gefahr der Hauptpersonen und ein mit großem Aufwand und für ein Überleben der Rasse gemeinsam von Menschen und Etanaern zu bekämpfendes Problem.
Leon, einer der vergleichsweise jungen Etanaer, kämpft seit Jahrhunderten mit einer verlorenen und vor allem damals auch sehr unglücklichen Liebe. Dabei zerfleischt er sich gar regelrecht selbst, achtet weder sein Leben noch seine Umgebung, bis er schließlich genau bei diesem Tun jene Frau gefunden zu haben scheint, die nicht nur durch ihre eigenen Besonderheiten, die Etana einst wenigen Menschen gab, zu ihm passt, sondern nach einer Weile auch noch das nötige Verständnis für ihn und die Gegebenheiten seiner Art, seines Lebens, erlangt. Doch auch dahin ist es ein weiter Weg. Und wenn man am Buchtitel noch abzulesen meint, dass auch die anderen benannten Vampire tiefgründig behandelt werden, so scheint dieser Band eben jenem Leon gewidmet zu sein, vielleicht wegen der so genauen Zeichnung ein Äquivalent zu einer wirklich lebenden Person aus Jürgens Umfeld und sicher ähnlich, wie so manch anderer Verlassener unter uns.
Wie alt werden Vampire? Sterben sie überhaupt eines natürlichen Todes? Können sie an Kummer zu Grunde gehen? Und wenn ja, wann, warum und wie? Auch hier hat Jürgens, die einen spannenden Erzählstil aufzeigt, die passenden Erklärungen im ersten Band ihres Werkes. Und ihre Einlassung zu Beginn des Buches, dass sie eigentlich nur auf die Idee kam, diese Geschichte zu schreiben, weil sie nicht auf das Erscheinen des nächsten Bandes einer allseits bekannten Reihe warten wollte, nötigt dem Leser gehörigen Respekt ab. Denn was da entstand, gleich verworren beginnt und später immer klarer erkennbar wird, das könnte man als eine neue aktuell-historisch-fiktive Abhandlung zu eben jener Rasse bezeichnen, die sich nach Anerkennung, Liebe, Sex und Gemeinschaft sehnt, jedoch immer auf ihre Verborgenheit, die Wahrung der Geheimnisse achten muss, mehr noch als der normale Mensch natürliche und künstliche Feinde hat.
Schon beim ersten Blick auf das Cover, welches schlicht wirkt, aber neben vielen geheimen Zeichen auch einen Vertreter der Etanaer zeigt, wird das Neuartige in diesem uns doch eigentlich bekannt erscheinenden Genre klar.
Wer sich bisher den Vampirstoffen verschloss oder nur die bekannten Kultfilme aus früheren Jahren kennt, sollte sich in Jürgens Buch Mut und Lust für den unbedingten Genuss weiterer Literatur über eine Rasse irgendwo zwischen Mensch und Tier, Wahrheit und Fiktion holen.
Dem, der den gerade aktuell so beliebten Stoffen huldigt, sei eine Warnung gesagt… Hier exisiert eine andere Welt. Eine, in der nicht nur die Guten und Bösen gegeneinander kämpfen, eine Zuordnung nach Monstern und Heiligen geschieht, sondern das normale Leben mit ein wenig Märchen und Fabel vermischt, und damit angenehm lesbar niedergeschrieben wurde.
Genialer Beginn einer neuen Reihe rund um die Wesen, denen Knoblauch doch eigentlich schaden sollte, die aber selbst im Sonnenlicht existieren können.
Ein Buch zum puren Entspannen? Nein, denn die Spannung steigt von Seite zu Seite.
Ein Buch zum Empfehlen? Natürlich. Man sollte es kennen, um sich ein weiteres, ganz anderes und liebevoll gezeichnetes Bild über die Vampire und den aktuellen Hype machen zu können.
DAMALS UND DORT Stimmenroman Reinhard Wegerth Klagenfurt: Sisyphus, 2010. 204 S. ISBN 978-3-901960-50-5
Jemandem die Stimme geben. Dieser Jemand kann auch ein eng anliegendes T-Shirt sein; ein Gang im Redaktionsgebäude, eine Taste des Rekorders, ein Heizöl leicht oder ein beschriebener Buchbauch (was immer das ist). Jedenfalls merkt der Leser das außergewöhnliche Ich des jeweiligen Erzählers, das in jeder Kurzgeschichte wechselt. Insgesamt sind es 78 Stimmen, die in meist einprägsamen Sätzen, sich oft monoton wiederholend und insistierend, kurze, mehr oder weniger witzige oder politisch pointierte Gegebenheiten aus den letzten dreißig Jahren, geschehen in Österreich oder Griechenland, Mexiko und anderswo berichten. Natürlich nimmt der Autor auch eine Stellung ein: Und zwar die des denkenden, meinungstragenden Ichs und die des Berichters über seinen höchstpersönlichen Werdegang als Redakteur, politisch engagierter Österreicher und als Ehemann. Die Zeiten der 70er waren reich an Agitation (von Zwentendorf bis Bob Dylan), die der 80er reich an Perestroika und Glasnost und die weiteren enthalten ebenfalls Privates und politische Schatten oder Ungereimtheiten.
Dadurch, dass die Stimme toten Gegenständen gegeben wird, entzieht sich der Autor nur scheinbar der Verantwortung über das Gesagte; zeigt jedenfalls nicht den pädagogisch wertvollen Zeigefinger sondern Tatsachen im unverklärten Licht des Gewesenen, das sich so nicht wiederholen sollte. Das heißt Reinhard Wegerth versteht es witzig und spritzig mit Wahrheiten zu kommen, die es zu überdenken lohnt. Die sexuellen Befindlichkeiten des Autors werden natürlich als Würze für Zwischendurch aufgenommen, nur politisch Einprägsames wäre ja auf 200 Seiten zu stark dosiert.
Mit diesem neuen Werk bringt der Autor ein locker gebautes Stück Vergangenheitsbewältigung auf Österreichisch, mit lakonischer Stimme aus dem Off.
LitGes, August 2010
Peter Kaiser IST DAS LEBEN EIN BUCH VON GERBRAND BAKKER?
JUNI
Gerbrand Bakker Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke Berlin: Suhrkamp, 2010. 303 S.
ISBN 978-3-518-42139-0
Gerbrand Bakkers (*1962) „Oben ist es still“ (dt. 2008), eine Art Bauernroman, wurde zu recht ein Erfolg. Die Erzählung „Birnbäume blühen weiß“ (dt. 2010) beschreibt Einbruch und Auswirkungen einer Katastrophe aus der Sicht der Betroffenen. Zu „Juni“: 1969 betritt der erste Mensch den Mond und kurz davor, am 17. Juni 1969, die Königin der Niederlande, einen Ort im Norden Hollands. Die Koinzidenz dieses gesellschaftlichen Ereignisses mit dem Tod eines Mitglieds der Familie Kaan bilden Rahmen und Zentrum des Romans zugleich. Lapidar werden beide Zäsuren geschildert und bieten dennoch Stoff ohne Ende für die ganz persönliche Mythenbildung der handelnden Personen. Bemerkenswert und kunstvoll die erzählende Technik. Wie im Film die Kamera, nimmt der Erzähler und Beobachter Orte, Tiere und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln auf. Die chronologischen Einzelbilder überlappen einander und vermitteln ein Panorama der Geschehnisse weniger Stunden und Tage. Am Ende werden wir zum Ausgangspunkt und ins Auge des Taifuns zurückkehren, alles verstehen und über die Macht des Augenblicks erschrecken. Bis dahin sehen wir eine Großfamilie und deren Landgut zerbröckeln, sich dörfliche Strukturen auflösen und die Moderne Einzug halten. Doch auch der Blick in die Kindheit vermittelt keine Idylle und ist trügerisch. Bakker versteht es, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung zu führen. Jene, welche sie zum Fluchtpunkt nehmen, scheitern wie die Mutter Anna Kaan es tut. Der Weg zurück ist versperrt. Der Tod eines Kindes ist wie zerspringendes Fensterglas und das Zerfallen der Scheunentür. Es passiert einfach und lässt uns sprachlos zurück. Wenn wir auch den Grabstein der Toten restaurieren, kommen wir der Wahrheit keinen Schritt näher. Die Zeit zerrinnt uns zwischen den Fingern und es passiert nichts, was den Momenten Bedeutung verleihen könnte. Als warte die Welt auf eine Tat von uns, welche von der drückenden Junischwüle erlösen könnte. Gelänge sie uns aber tatsächlich, sähen wir das Getane von eben dieser Zeit bald zur staubigen Erinnerung verblasen. Oder wir warten bis die Zeit für uns handelt. Das nennt man dann Schicksal. Es gibt wenige Autoren, welche unsere kleinen Lebenswelten derart intensiv beschreiben können und uns gleichzeitig die Banalität unserer Existenz ganz nebenbei vor Augen führen. Das Leben ist tatsächlich wie ein Buch von Gerbrand Bakker.
LitGes, August 2010
Klaus Ebner AM STRAND SITZEN, SCHWEIGEN, HÖREN
EINEN HERZSCHLAG NUR BIST DU ENTFERNT
Erika Kronabitter Lyrik
Wien-St. Wolfgang: Edition Art Science, 2010
113 S.
ISBN 978-3-902157-74-4
So weiß wie das »weiss auf dem papier«, ist man »weiss geblendet«, und sogar durch die geschlossenen »lider« dringt »das weiss«. Flimmernde Hitze und eine weiße Leerstelle. Weiß, weiß und wieder weiß. Wortwiederholungen und die vielfache Wiederaufnahme von ganzen Sätzen sind ein typisches Stilmerkmal dieser Gedichte, und sie erzeugen im Leser eine besondere Eindringlichkeit. »im badezimmer nicht mehr/stundenlang/beim frisieren nicht mehr/stundenlang/beim eincremen nicht mehr/stundenlang/(...)«, denn die sprachliche Wiederholung suggeriert Dauerhaftigkeit, das über viele Jahre hinweg Erlebte, das, abrupt beendet, zu einer anderen Dauerhaftigkeit überleitet, nämlich zur unvermeidlich schmerzhaften Absenz.
Die 1959 geborene Vorarlbergerin Erika Kronabitter spricht in ihrem neuen Lyrikband von Abschieden unterschiedlicher Art. So findet sich der Abschied an die verstorbene Mutter, »deine tischtücher gebügelt/immer noch schön/für keinen sonntag mehr und/keine anderen tage«, ebenso wie der vorweggenommene Abschied vom Lebenspartner, der wohl eines zukünftigen Tages entweder für den einen oder den andern Realität werden wird, »deine traurigkeit macht mir angst sagst du/kleine eule singt ihr lied nacht um nacht/wir haben noch viele/was sind zwanzig jahre oder dreissig wir/werden sterben sage ich (…) und wenn ich es bin die gehen/soll muss wird/der wind dich streicheln wenn er über/die wiesen streicht und du/wirst spüren als ob ich es wär blütenüberströmt/die deine wange berührte«.
Eine ganze Reihe der Gedichte ist mit Widmungen versehen, an Autorenkollegen, an Familienmitglieder, an den Ehemann. Jedes Gedicht trägt einen Titel, und manchmal, wie bei Requiem für eine Mutter, schrieb die Autorin einen mehrteiligen Zyklus. Durchgehend wird Kleinschreibung verwendet und zumeist auf Satzzeichen verzichtet, außerdem orientiert sich Erika Kronabitter an der schweizerischen s-Schreibung, die ja kein scharfes ß kennt. Die – wenigen – orthografischen Eigenheiten vermitteln einen sehr unmittelbaren Eindruck und scheinen geradezu darauf hinzuweisen, dass die Schreibung eigentlich nebensächlich ist. Wichtig hingegen sind die Gefühle, die dem Leser aus dem Text heraus entgegentreten, ganz gleich, ob sie in einem nur auf den ersten Blick hin nebensächlichen Gedichtanfang wie »als ob ich dich schnell anrufen müsste und dir erzählen/dass etwas passiert etwa wunderbares passiert« lauern oder in der sprachlos machenden Passage »chrysanthemen riechen nach tod sagtest du/die weide trägt trauer genug/wohin soll ich mich/wenden, wenn schmerz und gram/bin verwundert, dass du so ablehnend/tupfe das kreuz auf meine stirn/und blicke dir am grabstein in/die lachenden augen«.
Hingeworfene Gedanken, kurze Sätze, die, fast ohne Satzzeichen, den Leser oftmals mit einem Enjambement gleich zum Nächsten mitnehmen. Das kurze Gedicht ein sonnenklar springt gleich am Beginn in eine zärtliche, gefühlvolle Szenerie. »verbrauchte küsse streifen/die haut abwärts ins/immer gewusste« heißt es da, und dem Leser bleibt überlassen zu urteilen, in welchem Sinne – wohl mehrfach – die Küsse verbraucht sind. »brauchen wir den mond?« geht es dann weiter und mündet in ein Spiel mit den Elementen: »wir begreifen den regen/sag ein ja ein sonnenklar«. Schließlich streifen die lyrischen Gedanken an kosmologische Theorien, wenn zu lesen ist: »parallel zu dir zu mir/ein nächstes universum/kehrt täglich wieder«. Während das menschliche Paralleluniversum eine Brücke zu den verbrauchten und dennoch – denn das wird aus den Zeilen rasch klar – unverbrauchten Küssen schlägt, schließt das Gedicht mit dem vielschichtigen Hinweis »wir streifen die flügel ab«. Ein wahrlich streifendes Wortspiel, das Fliegen, das All, das flüchtige Streifen der Küsse über die Haut, das Flüggewerden und die Erkenntnis, dass für Höhenflüge gar keine Flügel mehr gebraucht werden, weil doch das Gefühl der Verbundenheit erdig verankert ist.
Der 1998 gegründete und seit zwei Jahren mit neuem Elan agierende Verlag Edition Art Science aus dem salzburgischen St. Wolfgang brachte den Band im Rahmen der Reihe Lyrik der Gegenwart heraus. Das Umschlagbild stammt ebenfalls von Erika Kronabitter, die ja auch als bildnerische Künstlerin bekannt ist. Und das kleine Format der Bücher trägt zusätzlich dazu bei, dass man die Gedichte immer wieder gern – auch zwischendurch – zur Hand nimmt, um ein paar Verse zu genießen.