HAPPY END
Dorothy Lane
Musik: Kurt Weil/ Liedtexte: Bertold Brecht
Landestheater NÖ, großes Haus
07.05.2010, 19.30 Uhr Regie: Jérôme Savary, Ulrich Waller Bühne: Eva Humburg, Jérôme Savary Kostüme: Michel Dussarat, Eva Humburg Musikalische Leitung: Matthias Stötzel
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, inklusive Pause
Pause: nach 1 Stunde 10 Minuten
Gastspiel einer Koproduktion der Compagnie Jérome Savary, der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des St. Pauli Theaters Hamburg.
Premiere Mai 2008 Ruhrfestspiele Recklinghausen und Oktober 2008 Hamburg.
Gangster:
Bill Cracker: Peter Lohmeyer
Sam Worlitzer: Nicki von Tempelhoff
Dr. Nakamura: Marion Ramos
Jimmy Dexter: Timo Klein
Johnny Flint: Günter Märtens
Die Dame in Grau: Angela Winkler
Heilsarmee:
Major: Peter Franke
Leutnant: Niels Hansen
Lilian Holiday: Anneke Schwabe
1929 formulierte Bert Brecht seine „Fabel“, spielend in Chicago ungefähr so: Milieu Heilsarmee und Verbrecherkeller. Inhalt: Kampf des Bösen mit dem Guten. Pointe. Das Gute siegt.
Ja, und so ist es auch geblieben. Der Ort ist Chicago, allerdings zur Weihnachtszeit. Wohl, damit zwei mögliche Gangster in der unverfänglichen Uniform des Weihnachtsmannes erschossen werden können und der Bekehrungswille ausgerechnet am Weihnachtstag besonders augenfällig wird. An so einem Tag begeht man schließlich kein Verbrechen!
Die Aufführung zeigt all das Gangsterklischee mit dem üblichen Sexappeal des unschuldigen Mädchens und die Grauslichkeiten wie heraushängendes Gedärm oder Plastikbein. Die Stimmen und die Stimmung sind hervorragend und die schauspielerischen Leistungen ebenfalls.
Schlag auf Schlag folgen die Szenen und die Distanz zum Publikum wird durch zahlreiche Auftritte der Schauspieler aus dem Zuschauerraum gemildert. Genauso durchbricht das Orchester die Schranke des Orchestergrabens und musiziert bei Szenen im Heilsarmeelokal von der Bühne herab und wechselt den Strohhut mit dem Hut der Heilsarmee.
Ein rundum gelungenes Gastspiel im Sinne des Zeitgeistes!
Ingrid Reichel DER ABEND VOR DER WAHL
LEONCE UND LENA
Georg Büchner Lustspiel
Landestheater NÖ, Theaterwerkstatt
Premiere: 24.04.10, 19.30 Uhr
Regie: Lisa-Maria Cerha
Mit:
Pippa Galli, Antje Hochholdinger, Christine Jirku,
Julia Schranz, Katharina von Harsdorf
Philipp Brammer, Klaus Haberl, Thomas Richter,
Oliver Rosskopf, Othmar Schratt, Helmut Wiesinger, Hendrik Winkler
Bühne: Thurid Peine
Kostüme: Aleksandra Kica
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten
Keine Pause
„Hat er schon seine Erbsen gegessen?“ Mit diesem Büchner Zitat aus dem Stück „Woyzeck“, welches mir seit meiner Schulzeit bekannt ist und das ich mein Leben lang in diversen Gesprächen mit süffisant genüsslichem Grinsen einzusetzen pflege, möchte ich diese Kritik beginnen. Ich meine: Hat ER schon gewählt? Der Bürger? Und SIE? Die Bürgerin? Heute, am 25. April, an diesem Tag der Bundespräsidentschaftswahl 2010 in Österreich? Eine Wahl mit der fragwürdigsten Wahlkampagne der Parteien. Wir haben eine Demokratie! Und wir brauchen den bereits vor 137 Jahren verstorbenen Georg Büchner (1813-1837), damit wir uns dessen wieder bewusst werden.
Büchner, der Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie studierte, war ein rundum gebildeter junger Mann, der sich mit der Geschichte der Französischen Revolution ausführlich beschäftigte und sich darauf in konsequenter Weise politisch für die Menschenrechte einsetzte. Auf Grund seiner radikalen politisch-oppositionellen Aktivitäten wurde er steckbrieflich gesucht und er musste fliehen. Büchner starb mit nur 23 Jahren an Typhus. Seine Theaterstücke „Dantons Tod“ (1835) und „Woycek“ (1836) trugen maßgeblich zur Entwicklung der deutschen Dramatik bei. Der Name des Revolutionärs Georg Büchner steht seit 1951 für den wichtigsten deutschen Literaturpreis und wurde erstmals 1923 - noch in der Weimarer Republik - als nur regionaler Preis in Hessen vergeben.
Büchner schrieb „Leonce und Lena“ im Frühjahr 1936 für einen Wettbewerb der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung. Doch er reichte zu spät ein und das Manuskript wurde ihm ungeöffnet zurückgeschickt. 60 Jahre vergingen, bis das Werk endlich im Mai 1895 in einer Freilichtaufführung des Münchner Theatervereins Intimes Theater uraufgeführt wurde. Die erste „Öffentliche Aufführung“ fand im Dezember 1911 im Residenztheater in Wien statt.
Der Inhalt des Stückes wäre in aller Kürze folgendermaßen beschrieben:
Der Prinz des Reiches Popo soll verheiratet werden, damit sich sein Vater Peter, die königliche Hoheit, endlich auf das Denken konzentrieren kann. Doch den jungen Prinzen Leonce langweilen die politischen Geschäfte und er will, die ihm unbekannte versprochene Prinzessin Lena vom Reiche Pipi nicht heiraten. Er flieht, sie flieht, sie fliehen also beide unabhängig voneinander und man will es nicht glauben, eben wie das Schicksal, der Zufall, die Vorsehung es will, wird das Voneinanderweglaufen der zwei verwirrten Romantiker zu einem Zueinanderlaufen. Sie treffen sich in der Mitte, wissen nichts voneinander und beschließen zu heiraten. Um ihr Vorhaben zu verwirklichen, finden die beiden Liebenden in Leonce Vertrautem Valerio und Lenas Gouvernante die nötigen Verbündeten. Damit der König sein Gesicht nicht verliert, indem da er die angekündigte Hochzeit aus Mangel an einem Brautpaar absagen muss, lässt er sich sprichwörtlich auf einen Kuhhandel ein. Auf Anraten seines Staatsratspräsidenten wird ein unbekanntes, primitiv erscheinendes Paar in Kuh- und Stierkostüm vermählt. Als die Maskerade fällt, erkennen der Regent samt Gefolgschaft und Volk, dass es sich dabei um das verkleidete Prinzenpaar handelt. „Vivat!“ Er möge leben! Die Königreiche Pipi und Popo vereinigen sich in ihrer territorialen Winzigkeit und in ihrer intellektuellen Einfältigkeit. Happy end!
Der zunächst klischeehaft, kitschige Inhalt erweist sich als grandiose Politsatire. Büchners komplexe Wortspiele und politische Andeutungen erfordern höchste Konzentration. Eine Konzentration, die bei den schnellen Dialogen nicht aufzubringen ist. Und weil der Autor als Regent weiß, dass das Volk - sein Publikum - zu dumm und zu träge ist, ihm in der politischen Kritik zu folgen, deklarierte er es gleich vorweg als „Lustspiel“, denn wer arbeitet und denkt begeht subtilen Selbstmord (Büchner frei zitiert).
Die gebürtige Vorarlberger Regisseurin Lisa-Maria Cerha machte aus dem Lustspiel gleich eine turbulente, aktionsreiche Persiflage. Büchner upgedatet! Grandios! Gewagt! Zum Erfolg trugen das großartige, schlichte doch Phantasie ankurbelnde Bühnenbild der in Berlin geborenen Thurid Peine und die anregenden und subtil verunsichernden Kostüme der polyglotten Aleksandra Kica, die ihre Erfahrungen als Kostümdesignerin der Wiener Rock- und Punkbands „Mondscheiner“ und „Kpunkt“ wunderbar einfließen ließ, bei.
Last but not least: Was wäre das großartigste Stück mit bester Regie und bestem Bühnenbild ohne schauspielerische Höchstleistung?
Das Ensemble des Landestheater NÖ hat sich in diesem Stück selbst übertroffen!
Von der kleinsten Nebenrolle bis zur Hauptrolle wurde hier bis ins Detail gefeilt. Ob Christine Jirku und Katharina von Harsdorf als strenge aber ziemlich blinde Prinzen suchende Polizist(inn!)en; Helmut Wiesinger als verzagter Schulmeister; Thomas Richter als verstörter Hofprediger; Philipp Brammer als Etiketten treuer und gewissenhafter Hof- und Zeremonienmeister; Hendrik Winkler als listiger, steifer Präsident des Staatsrats; Antje Hochholdinger als besorgte Gouvernante; Othmar Schratt als Witzfigur eines philosophisch vertrottelten Regenten; Klaus Haberl als ambitionierte, graue Eminenz des Prinzen, der sich mit Faulheitspropaganda unentbehrlich macht; beste Nebendarstellerin Julia Schranz als mächtig erotische und geile Rosetta, die verschmähte Exgeliebte des Prinzen; Pippa Galli als romantisch fliehende und Glück suchende Prinzessin Lena und schließlich Oliver Rosskopf als freakiger, sich selbst verwirklichender Prinz Leonce.
Welch eine unwahrscheinliche Knochenarbeit muss es gewesen sein, diese schwierigen Texte Büchners mit diesen handlungsreichen Abfolgen in dieser Selbstverständlichkeit auf die Bühne zu bringen?
Wer wagt noch einmal von Provinztheater zu sprechen, hat rein gar nichts verstanden!
Doch der Zuschauer spürt keine Mühen und Anstrengungen vom körperlichen und geistigen Volleinsatz, welcher den Darstellern abverlangt wurde, er wird NUR von dem Stück aufgesaugt, bleibt teilweise geschockt zurück, muss erst verarbeiten … vielleicht schafft er es bis heute Nachmittag, dem 25.04.2010, denn, wie es Büchner formuliert: „Die Herrschaft des Genies ist ein Puppenspiel!“
Ja, damals wie heute kämpfen wir gegen die Verdummung an, welch ein Theater!
Also, hat er schon gewählt? Oder will er seine Erbsen noch immer nicht essen?
Ingrid Reichel HERRN LOLLIKES FEINES GESPÜR FÜR PLANET EARTH
COSMIC FEAR
oder Der Tag an dem Brad Pitt Paranoia bekam
Christian Lollike Originaltitel: Kosmik Frygt eller Den dag Brad Pitt fik paranoia
Deutsch: Gabriele Haefs
Landestheater NÖ, Theaterwerkstatt
Premiere: 06.03.10, 19.30 Uhr
Regie: Hans-Peter Kellner
Mit: Pippa Galli, Klaus Haberl, Hendrik Winkler
Bühne und Kostüme: Thomas Oláh
Erste deutsche Aufführung: Maxim Gorki Theater Berlin 2009
Dauer: 1 Stunde
Keine Pause
1992 schrieb der dänische Autor Peter Høeg den Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Man MUSS diesen Roman, nein, eigentlich diesen unglaublichen Umweltkrimi, nicht gelesen haben, um den Titel der Kritik zu verstehen. Aber ein eindeutiger Hinweis ist er, nämlich dass man im Norden Europas sich literarisch mehr um die Umweltproblematik kümmert als in den anderen Himmelsrichtungen dieser Welt.
Nach der Premiere des Beziehungsdramas „Gertrud“ des Schweden Hjalmar Söderberg im Großen Haus überrascht das Landestheater NÖ in der Theaterwerkstatt diesmal mit einem zeitgenössischen Stück des 1973 geborenen Dänen Christian Lollike. 2008 schrieb Lollike „Cosmic Fear“ und 2009 wurde es bereits in Deutsch am Maxim Gorki Theater in Berlin aufgeführt. In Dänemark gilt er als Shooting Star, behandelt er doch in seinen Dramen aktuelle politische Themen, die die Menschen bewegen: Globalisierung, Kapitalismus, Gewalt gegen Frauen, Sterbehilfe und Terror.
Mit diesem Stück hat er sich als Visionär unter den Dramatikern ausgezeichnet. Wir wollen unsere weltpolitische Lage nicht vergessen: Im Dezember 2009 fand die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen statt. Desaströser und skandalöser kann man sich das Versagen unserer Politiker, die unter der Fuchtel der Wirtschaft stehen, kaum vorstellen. Denn zunächst muss mal der letzte Benziner verkauft werden, bevor die Produktion der Hybridautos vorangetrieben wird… aber das nur am Rande, einfach um die Feinfühligkeit und die Beobachtungsgabe dieses Autors zu belegen.
Das Stück basiert auf Recherchen und Textfragmenten von Jens Christian Lauenstein Led. Leider fehlen über diese Recherche jegliche Angaben. Auch im Internet ist darüber nichts zu finden. Wer ist Jens Christian Lauenstein Led? Und bezogen sich seine Recherchen auf klimatische Daten oder auf die Personen Brad Pitt und Angelina Jolie? Oder sind sie auf eine rein dramaturgische Ebene gemünzt? Um dies zu beantworten, müsste man den Autor fragen. Verpasste Gelegenheit meinerseits, war doch der sympathisch wirkende Autor bei der Premiere in St. Pölten anwesend und saß inkognito mitten im Publikum.
In dem Titel „Cosmic fear“ wird die Ohnmacht der Menschheit gegenüber ihren eigenen Fehlern ausgedrückt. Wir wollen uns ändern, wir wollen Verantwortung tragen, wir wollen uns bessern, wir wollen, ja, alles Menschenmögliche tun, um diesen blauen Planeten vor der endgültigen Klimakatastrophe zu bewahren, doch wir sind unfähig, wir sind träge im Handeln, aber wir reden uns den Mund fusselig, seit über 40 Jahren! Unser Reden kommt wie eine Litanei, wie eine Schallplatte mit Sprung, macht uns müde und noch unfähiger, noch träger gegenüber unserem unlösbaren, gigantischen Problem… Es ist unsere Lähmung, die uns Angst macht, eine kosmische Angst. Da braucht es dann Personen in der Gestalt eines Hollywooddarstellers, der uns Mut macht, der uns zeigt, wo es lang geht, der uns ein Vorbild ist: Brad Pitt! Und der selbstlos den Helden, den Brad Pitt, in jedem von uns erweckt! Ja! Was aber, wenn er strauchelt, dieser Held, dieser vom US-Magazin „People“ dreimal ernannte Sexiest Man Alive?
Fakten: 2007 verkündete Brad Pitt medial, dass er sich von seiner Schauspielerkarriere zurückziehen wolle, sich seiner Lebensgefährtin Angelina Jolie, seiner Familie, seinen vielen Kindern - den eigenen, wie den adoptierten - widmen wolle. Und dass er sich für humanitäre Projekte einsetzen wolle. Z.B. plane er eine Serie, in der er und Angelina Jolie über die lebensgefährliche Arbeit von Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen berichten wollen. Brangelina, wie man das Paar liebevoll in der Boulevardpresse nennt, hat sich viel vorgenommen. Mittlerweile spricht man von Trennung … Doch wen kümmert es? Der Wille alleine zählt.
Lollike zielt jedoch nicht auf das Hollywoodpaar ab. Es geht definitiv um die „Brad Pitts“ in uns. Um unsere Schizophrenie, um unsere Paranoia. Um unsere Projektionen auf Helden, damit wir unsere eigene Unfähigkeit kompensieren, ja, verdrängen können, um zu überleben. Den Schwachsinn, die Dummheit überleben, am Besten durch Ignoranz oder Hysterie. Denn eines ist klar: Wir können die Welt nicht retten, weil uns die Welt und das Universum nicht braucht. Wir sind hier nur geduldete Gäste! Und das ist die wahrhaftige, kosmische Angst, die uns Lollike auf kongeniale Art und Weise zu verstehen gibt. Er erinnert uns an die Kränkung, dass wir samt unserem Planeten nicht Mittelpunkt des Universums sind.
Bitterbös’ und zynisch ohrfeigt uns diese Erkenntnis immer wieder aufs Neue. Wer über sich selbst nicht lachen kann, wird mit diesem Stück keine Freude haben. Und wird das Lachen von nebenan erst gar nicht verstehen, wenn das schier unerträgliche Selbstmitleid zum Teufel gejagt wird, indem wir uns auch noch über unsere eigene Unzulänglichkeit mokieren. Die Fähigkeit der Selbstironie nämlich, dass wir über uns selbst nachdenken, aber nichts von diesen Einsichten umsetzen können. Mit Brad Pitt als bekennender Atheist hat Lollike wohl die beste Wahl für sein Stück getroffen.
Drei anonyme Personen A, B und C, in ihren Rollen wechselnd, in Alter und Geschlecht völlig austauschbar, Klaus Haberl, Hendrik Winkler und Pippa Galli, eine durch eingerahmte Spiegel quadratische Grasfläche als Bühne, mehr braucht das Stück nicht, um umgesetzt zu werden.
Das nenne ich die hohe Kunst des Theaters: Mit wenig, alles erreichen!
Ein großes Kompliment an den in Dänemark lebenden österreichischen Regisseur Hans-Peter Kellner und an den Bühnenbildner Thomas Oláh! Eine grandiose Zusammenarbeit!
Klaus Haberl, Hendrik Winkler und Pippa Galli bildeten eine kongeniale Symbiose von Brangelinas, Produzenten, Adabeis, Spaßhabern, Hysterikern, Paranoikern, Neurotikern, Egozentrikern und Wichtigtuern, von ICHWILLMEHRICHWILLMEHR, von DU und ICHS. Die ganze Palette haben sie durchgespielt, diese nur drei an der Zahl Vereinten in UNSEREM tiefen Leid der Unfähigkeit der Liebenden, Hoffenden, zu Erde und Staub Werdenden, der Hilflosen, Ausweglosen, völlig Entblößten… JA, hier war sie, die Nacktheit, am richtigen Ort, der arme Tor, nun steht er hier und ist so klug als wie zuvor …
Ingrid Reichel AUF DER SUCHE NACH SICH SELBST, ÜBER DIE LIEBE GESTOLPERT
GERTRUD
Hjalmar Söderberg Schauspiel in drei Akten
Deutsch: Walter Boehlich
Landestheater NÖ, Großes Haus
Premiere: 27.02.10, 19.30 Uhr
Regie: Johannes Gleim
Mit: Andrea Eckert, Patrick O. Beck, Paul Matic, Michael Rastl
Bühne und Kostüme: Daniela Juckel
Uraufführung: 13.02.1907, Stockholm
Erste deutsche Aufführung: 1920, Leipzig
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten
Keine Pause
Gertrud, eine Frau, die nachdem sie sich in ihrem Leben mit drei Männern aus drei Generationen mit drei verschiedenen Ansichten auseinandersetzte, zum Schluss kommt, dass sie besser ohne Mann zurechtkommt.
Einst war Getrud eine anerkannte Sängerin und verliebt in Gabriel Lidman, einen älteren Poeten. Die Künste haben sie zusammengebracht, seine Selbstverliebtheit wieder auseinander. Danach zog es sie zu Gustav Kanning, einen gleichaltrigen doch rationalen, karriereorientierten Mann. Sie heirateten aus Vernunftgründen. Als ihr gemeinsamer kleiner Sohn stirbt, entzieht sich ihnen die vernunftorientierte Basis. Da tritt der viel jüngere talentierte Musiker Erland Jansson in ihr Leben.
Der Vorhang geht auf. Ein ganz in Weiß gehaltenes Bühnenbild erscheint vor unseren Augen. Weiße Ziegelwände eröffnen eine Perspektive mit ungeahnter Tiefe. Eine weiße Sitzecke links, ein kleiner Schreibtisch rechts, im hinteren Abschnitt ein kleines bewegliches Bar-Tischchen. Das Heim von Gertrud und Gustav Kanning.
Klar und nüchtern präsentiert die mehrfach ausgezeichneten Bühnenbildnerin Daniela Juckel das Bühnenbild. Nur ein Spiegel in einem Goldrahmen vorne links an der Wand, eine Erinnerung an Gertruds große Liebe Gabriel, zeigt Verspieltheit und Wärme, ermöglicht Erkenntnis und Einsicht.
In den drei Akten wird das Bühnenbild schnell mit einer begrünten Hintergrundwand für eine Außenszene oder zu einer Lokalität mit zwei weißen Sitzgruppen, wo ein weißer Schnürlvorhang quer über die Bühne einen schwarzer Flügel im Hintergrund durchblitzen lässt, umkonzipiert.
Das Stück beginnt mit drei aufeinander folgenden gleichen Szenen. Zwischen den Szenen verdunkelt sich der Raum, Musik erklingt, die Schauspieler erstarren. Gertrud sitzt am Diwan und liest Zeitung. Gustav kommt nach Hause und verkündet, dass er noch abends auf ein Geschäftsessen gehen muss, wo es auch um Politik geht. Sie meint darauf, dass sie den Abend wohl alleine in der Oper verbringen wird. Die Szenen unterscheiden sich nur in Gertruds zunehmend unglücklich werdender Mimik. In der dritten Szene verkündet Gustav Gertrud, dass er für das Amt eines Ministers kandidieren wird und sie bittet ihn um die Scheidung. Ab nun holt die Vergangenheit die Protagonisten ein und die Gegenwart vermischt sich zunehmend mit der Zukunft.
Der schwedische Autor Hjalmar Söderberg schrieb dieses Stück, nachdem seine Frau von seiner Liebschaft mit einer anderen erfuhr und ihn mit den Kindern verließ. Erst später meinte Söderberg in dieser Geliebten seine wahre Liebe gefunden zu haben, obwohl er nach ihr eine andere heiratete. Wie sehr dieses Stück autobiografische Züge trägt, zeigt der Inhalt. Schreiben ist Verarbeitung. Söderbergs hohe Sensibilität ermöglichte ihm sich nahezu perfekt in die Rolle der Frau hineinzuversetzen. Die eigene Rolle, die des Mannes, dürfte ihm größere Schwierigkeiten bereitet haben. Obwohl er drei Generationen von Männern zeichnete, vermochte er doch nur den einen Typus Mann zu charakterisieren: egozentrisch, einengend bis despotisch, von Liebe sprechend, ohne welche zu geben, aber durch die Stärke der Frau an seiner Seite wachsend, sie aussaugend, dabei flehend nicht verlassen zu werden, das Alleinsein im Zusammensein aber niemals im Alleingang ertragend. Es scheint, als wäre der Mann an sich in keiner Alterslage der emotionalen und moralischen Entwicklung fähig.. Eine Erkenntnis, die heute von Soziologen wissenschaftstheoretisch geteilt wird. Die Frau, in ihren vielen Facetten nur in einer Figur verkörpert, zeigt sich gefühlsorientiert und instinktiv, egal in welchem Alter. Wahrlich ein zeitloses Stück, welches nicht ohne feine Selbstironie brilliert.
Die Beziehungsprobleme zwischen Mann und Frau haben sich trotz Gleichberechtigung nicht wesentlich verändert. Die Gefühle der Einsamkeit und des nicht Verstandenwerdens sind die gleichen geblieben, auch wenn sich heute die Gesetzeslage wesentlich zu Gunsten der Frau verbessert hat.
Die scharfe Beobachtung von Autoren wie Söderberg und Philosophen wie Sartre, dass der Mensch erst durch einen zweiten seine Existenz bestimmen kann, wurde erst in den letzten 15 Jahren durch die Gehirnforschung bestätigt. Es sind die kleinen Spiegelneuronen, die uns durch unsere Wahrnehmung unseres Gegenübers erlauben, uns selbst zu erfahren. Die Suche nach uns selbst, zieht uns magisch an. Doch sobald wir uns selbst im anderen erkannt haben, wird uns der andere wieder zunehmend fremd. Und so endet das Stück, wie es nach einer langjährigen Beziehung enden muss, nämlich mit der Frage: „Wer bist du?“ Die Erkenntnis ist so erschütternd und lässt Gertrud sagen: „Es gibt für mich keinen Platz mehr, nicht einmal mehr im Tod.“
Michael Rastl hat ungeachtet seiner Fußverletzung in der Rolle des sich trotz fortgeschrittenen Alters noch immer nach Liebe verzehrenden Poeten Gabriel Lidman überzeugen können. Ihm steht Patrick O. Beck als sich nach Anerkennung sehnendes, skrupelloses, junges Musikgenie Erland Jansson in nichts nach. Gleichwohl großartig Paul Matic, als reservierter, kühler Ehemann Gustav Kanning.
Andrea Eckhart allerdings war herausragend in ihrer Rolle der Gertrud. Ihre Mimik musste in 1,5 Stunden die breite Gefühlspalette der freudigen Frischverliebtheit bis zur entwürdigenden Verschmähung spielen. Die Erotik der Lust und die leidvolle Trauer, um geistige und körperliche Ausbeutung der Frau in der Rolle der Gertrud, kamen voll zu tragen.
Der Regisseur Johannes Gleim hat mit diesem 1907 uraufgeführten grandiosen, und leider viel zu selten gespielten Stück, eine Glanzleistung gebracht und es an den Zeitgeist angepasst.
„Gertrud“ ist bis zum 17.04.10 im Landestheater NÖ zu sehen.
Ingrid Reichel EINE PARODIE ÜBER OPERETTE UND BOURGEOISIE
OH LES BEAUX JOURS / Glückliche Tage
Samuel Beckett In französischer Sprache mit deutschen Untertitel
Landestheater NÖ, Großes Haus
Österreich-Premiere: 28.01.10, 19.30 Uhr
Regie, Bühnenbild und Lichtkonzept: Robert Wilson
Dramaturgie: Ellen Hammer
Mit: Adriana Asti, Yann de Graval
Kostüme und Maske: Jacques Reynaud
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten
Pause nach 55 Minuten
Originaltitel: Happy Days
Uraufführung: 17.09.1961, Cherry Lane Theatre, NY
Aus dem Englischen: Erika und Elmar Tophoven
Gastspiel einer Koproduktion von:
Change Performing Arts / Milan; Grand Théâtre de Luxembourg;
Spoleto52 Festival dei 2 Mondi und CRT Artificio, Milano
Premiere: 19.09.2008, Grand Théâtre de Luxemburg
Samuell Beckett ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der in Dublin noch als Brite geborene irische Schriftsteller, lebte ab 1937 vorwiegend in Frankreich. Mit seinen stark reduziert inszenierten Theaterstücken revolutionierte er das moderne Theater. 1969 erhielt er den Literaturnobelpreis. Sein bekanntestes Werk ist „Warten auf Godot“. Beckett starb 1989 in Paris.
Der weltberühmte 1941 in Waco/ Texas geborene Regisseur Robert Wilson sieht die Aufgabe der Künstler, nicht nach Antworten zu suchen, sondern Fragen zu stellen. Mit seinen Fragen führte der Allroundkünstler Wilson das Theater in eine Welt des Experimentellen.
Der Franzose Yann de Graval, in der Rolle des Willie, wechselte vom klassischen Ballett 1988 zum Theater.
In der Rolle der Winnie, die italienische Diva Adriana Asti! Man will es nicht glauben, sie feiert am 30. April 2010 ihren 77. Geburtstag! In Anbetracht ihres Alters sei ihr, ihr starker italienischer Akzent in der französischen Aussprache verziehen. Ihre hohe schauspielerische Leistung bleibt davon unbeeinflusst.
Den Zweiakter „Glückliche Tage“ könnte man als Warten auf den Tod interpretieren. Es geht um das Ehepaar Winnie und Willie - wobei Willie nur eine Nebenrolle zukommt - das sich in der Monotonie ihres Alltags ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst wird.
Wilsons Inszenierung gleicht einem Gemälde. Der dünne weiße Bühnenvorhang wird flatternd mit bedrohlicher Musik weggefegt und sichtbar wird ein Berg, ein Vulkan, dessen Masse die Bühne füllt. Aus dem Krater ragt Winnie, von der Taille abwärts umhüllt, als ob das schwarze Lavagestein ihren vergeblich auf Fruchtbarkeit wartenden Schoß als Rock diene. Willie ist nur manchmal hinten am Fuße des Berges mit dem Rücken zum Publikum, in einem Ruderleiberl zu sehen. Meistens verkriecht er sich in ein Loch des Vulkans, doch mit dem Kopf voran bleibt er gerne stecken in diesem Eingang seiner vertrauten Höhle. Aus dem Schoß der Geborgenheit, dem Uterus gibt er grölende Geräusche von sich. Willie kann sich kaum artikulieren, klingt wie ein sterbendes Tier. „Der arme Willie, lange wird er es nicht mehr machen…“ sagt Winnie etwas zynisch zu sich selbst und feilt an ihren Nägeln, spricht von ihrer Frisur und von der Körperpflege. Mit Augenrollen und gekünstelten, abgehackten Gesten versucht sie sich attraktiv zu postieren. Sie wirkt wie eine Puppenfee, oder noch besser, wie eine dieser großen unbeweglichen Madonnenfiguren, die man bei den Prozessionen auf einem Gestell durch die Stadt trägt. Winnie ist in ihrer Unbeweglichkeit zur Erstarrtheit verdammt. Dementsprechend wirkt die Monotonie ihres unerfüllten Daseins teilweise depressiv auf sie. Alles was sie braucht, hat sie in ihrer Tasche aufbewahrt. Zahnbürste und –Zahnpasta, Revolver, was man eben so braucht um den Alltag zu bewältigen. Winnie ist der Natur ausgesetzt. Die blanke Sonne strahlt auf sie nieder, der schützende Sonnenschirm fängt Feuer, die Blitze schlagen neben ihr ein. Doch sie bleibt davon unberührt und spricht von einem herrlichen Tag. Der Count Down ihres Lebens wird zur Groteske. „Wenn du gehst, was werde ich ohne dich tun den ganzen Tag?“ fragt sich Winnie, die von Willie schon lange nichts mehr gehört hat. Man wartet auf die Eruption, auf den Schuss aus der ihr immer zur Hand liegenden Pistole. Wann wird dieser Vulkan von einer Frau endlich ausbrechen? Die Spannung wird schier unerträglich, wäre es kein Beckett, der seinen Zuschauern durch die Monotonie den Spiegel ihres Daseins präsentiert. Das warten auf den Tod. Das Leben – sinnlos!
Im zweiten Akt ist es endlich soweit. Winnies Oberbekleidung wirkt durch das Lichtdesign schwarz, und dann wiederum schimmert kurz ihr kleines Hütchen am Kopf knallig Rot. Sie ist im alten Stil der 50er Jahre gekleidet. „Oh, du hast dich kaum verändert…“ sagt Winnie zu Willie, der in seinem schwarzen Anzug gekleidet vorne auf der Bühne kniend auf den Händen gestützt, erscheint. Winnie spricht mit ihm wie zu Lebzeiten, sie macht zwischen Leben und Tod keinen Unterschied. Auch „die Schwerkraft ist nicht mehr dieselbe“. Die Tage und die Nächte werden immer kürzer, die Pausen ihres Redeflusses immer länger. Das Lächeln auf Winnies Gesicht verschwindet, als sie ihren letzten Gesang unterstützt von ihrer Spieldose summt: „Lippen schweigen, / ’s flüstern Geigen: / Hab mich lieb! / All die Schritte / Sagen bitte / Hab mich lieb! / Jeder Druck der Hände / Deutlich mir's beschrieb, / Er sagt klar: / 's ist wahr, 's ist wahr, / Du hast mich lieb!
So wie das Stück mit Franz Lehárs Operettentext aus der „Lustigen Witwe“ endet, so sehr ist es nicht nur für Winnie und ihrem frustrierten Ehefrauendasein zutreffend, sondern auch für die Menschen in unserem Land NÖ. Hatte doch das ehemalige Stadttheater und nunmehrige Landestheater NÖ zur Freude des lokalen Publikums einst viele Operetten aufgeführt.
Das Institut Français de Vienne proklamierte die Aufführung in St. Pölten auf seiner Homepage. Daher waren viele Franzosen und der französischen Sprache mächtige Besucher zu diesem Gastspiel des Grand Théâtre de Luxembourg in der NÖ Landeshauptstadt zu sehen. Dafür blieb das St. Pöltner Publikum großteils mit wenigen Ausnahmen aus, obwohl dem Stück durch das Laufband mit deutschem Untertitel leicht zu folgen gewesen wäre. Traurig, werden doch die Niederösterreicher und vor allem die St. Pöltner mittlerweile, laut Aufführungskritik im Standard online, um ihre Gastspiele beneidet.
Es seien einmal mehr Isabella Suppanz und ihr Team hervorgehoben, die unerschrocken noch immer dem eher ausschließlich zur leichten Muse tendierenden St. Pöltner Theaterpublikum auch zu intellektuellen Stücken heranzuführen wagen, und damit enorm zur kulturellen Bildung in NÖ beitragen.
Schade, dass sich die St. Pöltner dieses Meisterstück mit Meisterinszenierung entgehen haben lassen…
An das Landestheater: Bravo!
An den Regisseur Robert Wilson, an Adriana Asti und Yann de Graval abermals: BRAVO!