Eva Riebler EIN VIERTELJAHRHUNDERT LITERARISCHE GESELLSCHAFT
Das literarische Leben einer Stadt bedarf einer organisatorischen Plattform.
Am 19. Mai 2010 feiert die LitGes ihr 25 Jahre Jubiläum mit der Präsentation des etcetera-Heftes VIERTEL
Veranstaltungsort: Stadtmuseum St. Pölten, 19 Uhr
Seit den Gründungsgesprächen 1983-85 von Univ. Prof. Dr. Karl Gutkas, Kulturamtsleiter des Magistrates St. Pölten, und Dr. Karl Michael Kisler, dem Herausgeber der „St. Pöltner Lyrikbögen“, mit Klaus Sandler, dem Herausgeber des „Pult“, Dr. Karl Klement, Dr. Günther Stingl und Mag. Alois Eder war noch viel an mäeutischer Energie notwendig. Der Traisner Autor Walter Sachs und der Künstlerbund-Obmann Prof. Friedrich Martin Seitz halfen gemeinsam dem Innsbrucker Rechtsgeschichte-Professor und PEN. Mitglied Peter Leisching der erste Obmann der Literarischen Gesellschaft St. Pölten zu werden. Mit in seinem Vorstandsteam waren Mag. Alois Eder und der Hörspielautor Dr. Günther Stingl, die auch die pult-Nachfolge-Zeitschrift limes gündeten. Helga Panagl (Obfrau des Kulturstammtisches Kirchstetten), Friedrich Hahn (Wiener Galerist und Autor), Zdenka Becker, Dr. Doris Kloimstein, die Brüder Wieninger, Mag. Christiane Pabst als Autoren und Hugo Schöffer als langjähriger Veranstalter der Literaturfeste in der Synagoge führten die LitGes zu Höhen. Als der Verein ab1996 in Agonie lag, half eine neue Vorstandsgeneration 1998, initiiert von Kulturamtsleiter Dr. Thomas Karl, mit Renate Kienzl, Susanne Helmreich unter der Leitung von Dr. Doris Kloimstein darüber hinweg.
Der neue Zeitschriftenname „@cetera“ und ein aufwendiges A3-Format wurde unter dem Layouter Mag. Ernest Kienzl, der bereits den limes betreute, herausgebracht. Die Erstellung einer Homepage, die Initiierung des LitGes Poetry Slams, der Jour-Fixe und der die jährlichen Schreibwerkstätten in Lassing und des Osterspazierganges kamen infolge. Nach Dr. Doris Kloimsteins wurde 2003 die Germanistin und Bildende Künstlerin Mag. Eva Riebler Obfrau und fand mit Thomas Fröhlich, Alfred Koch, Kurt Tutschek, Dagmar Fabian, Margot Schmidradner, Thomas Havlik (LitArena) und Alois Eder ein einsetzbares Team vor. Bis Ende 2005 übernahm Alfred Koch aus Oberndorf als Obmannstellvertreter die Betreuung der Homepage und das neue A4 Layout der Zeitschrift, das seither vor allem in den Händen von Gerhard Axmann aus Herzogenburg liegt.
„@cetra“ wurde in etcetera umgetauft, die alljährliche Schreibwerkstätte in der ersten Augustwoche nach Schloss Drosendorf verlegt und die gemeinsame Hauptstadtlesung der LitGes mit dem Podium im Rahmen der St. Pöltner Festwoche gegründet. 2004 wurde die Bildende Künstlerin Ingrid Reichel als Chefredakteurin ins Team geholt. Seither floriert die von ihr erstellte und erweiterte Homepage und nicht nur die Literatur sondern auch die bildende Kunst wird vermehrt in das Licht der öffentlichen Kritik gerückt.
Unter www.litges.at finden sie nicht nur die LitArena- und Autorenbeiträge der etcetera-Hefte, sondern vermehrt interessante Kritiken und Rezensionen, vor allem aus dem reichhaltigen Kulturleben St. Pöltens und seiner Umgebung, wie dem Festspielhaus, Landestheater oder den Museen. Fleißiger Redakteur und Obmannstellvertreter bis 2008 war der Slammaster, Autor und DJ Thomas Fröhlich. Im Redaktionsteam gestaltete Mag. Martin Putschögl bis 2009 zwei Hefte und zurzeit sind Mag. Heinz Pusitz, Thomas Havlik (LitArena und Poetry Slam), Mag. Johannes Schmid sowie Mag. Franz Reichel tätig. Brigitte Goiser ersetzt die langjährige Kassierstellvertreterin Margot Schmidradner. Als Obmannstellvertreter fungiert seit 2010 Mag. Robert Eglhofer. Die Präsentation des etcetra-Herbstheftes wurde mit den Kulturwochen des St. Pöltner Blätterwirbels vernetzt und statt dem Kulturbeisl Egon das Cinema Paradisowie der frei.raum als geeignete Veranstaltungsorte entdeckt.
Im etcetera-Heft konnte zur Betreuung der Rubrik „Das Fremde im Text“ Dr. Helmuth A. Niederle, Beauftragter des Writers-in-Prison-Komitees Österreich, gewonnen werden und am 04.11.2009 wurde eine alljährlich stattfindende LitGes-Lesereihe anlässlich des Tagebuchtages eingeführt.
Somit wird nicht nur mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Litges-Literaturpreis für Literaten unter 27 Jahren, bei dem unter der Leitung von Thomas Havlik eine hochkarätige Jury sich mit den angehenden Autoren auseinandersetzt, den unbekannten oder eben renommierten Literaten durch die Organisationstätigkeit der LitGes und in der Zeitschrift etcetera eine überregionale öffentliche Stimme oder Auftrittsmöglichkeit gegeben. Öffentlich erhob die LitGes die Stimme bei der Gegendemo am Rathausplatz anlässlich des Besuches der Präsidentschaftskandidatin B. Rosenkranz im April 2010.
Wenn Sie, lieber Leser, nun nicht nur gute Ideen sondern auch das geeignete Arbeitspotential zur Verfügung haben, stellen Sie es uns zur Verfügung!
Klaus Ebner EIN VIERTEL AUFS VIERTEL
Es ist Viertel vor zwölf. Zugegeben, alle Welt redet von fünf vor zwölf: in der Diskussion um die Klimaerwärmung, beim Tierschutz und Wettrüsten, und wenn es um das zukünftige Wohlergehen unseres Planeten geht. Manche meinen sogar, es wäre bereits ein Viertel nach zwölf – doch wenn das stimmte, könnte ich mich weder echauffieren noch meine Gedanken zu Papier bringen.
Wenn wir von einem Viertel sprechen, meinen wir einen von vier (gleichen) Teilen, und das hat wiederum mit dem Verb »teilen« zu tun. Teilen mit andern – ein religionsphilosophisches Konzept mit ausgesprochen positiver Konnotation.
Doch Teilen impliziert manches Mal gewissermaßen versteckte Intentionen. Wie beim heutigen Mitbringsel für meinen acht Monate alten Sohn: drei Gummidelphine für die Badewanne. Als sein Bruder, seinerseits schon Zweitklässler, auf das Geschenk aufmerksam wird, findet er die Meeressäuger so süß, dass er ebenfalls mit ihnen spielen möchte. Um uns zu überreden, ihm die Tierchen rauszugeben, argumentiert er, mit seinem kleinen Bruder eben teilen zu wollen. Teilen, das heißt in diesem Fall, dass er das Spielzeug vorerst mal an sich reißt und es so lange behält, bis unser Säugling begriffen hat, dass da etwas, das eigentlich ihm gehört, nicht in seinen Händen, sondern in denen des großen Bruders liegt.
Natürlich sind das nette Kindereien. Doch wenn ich mich ernsthaft umsehe, finde ich kaum irgendwo den Gedanken des Teilens, sondern lediglich den einer Reduktion. Und ist nur mehr ein Viertel von etwas vorhanden, dann bedeutet das keineswegs, dass die drei anderen Viertel zum Verteilen bereitstünden, sondern oft irgendwohin verpuffen und dann einfach nicht mehr existieren. Auf diese mysteriöse Weise verschwand in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten die Zeit, die Eltern für ihre Kinder haben. Denn uns bleibt sozusagen nur mehr ein Viertel jener Zeit, die unsere Eltern einmal für uns hatten. Mein 2009 geborenes Baby wird mit einem oder spätestens eineinhalb Jahren in die Kinderkrippe müssen, weil wir uns ein Daheimbleiben finanziell einfach nicht leisten können. In meiner Kindheit war meine Mutter fast durchgehend zu Hause – was ich erst als Erwachsener und Vater eigener Kinder allmählich schätzen lernte. Denn bei uns geht das nicht mehr. Während früher mit einem einzigen Einkommen eine ganze Familie ihr Auslangen fand, kann man heute oft mit zweien kaum das Nötigste bezahlen – und ich spreche keineswegs von wirklich Armen, sondern von Menschen, die früher einmal der so genannten Mittelschicht zugeordnet wurden. Meine Schlussfolgerung soll auch bitte nicht mit jener schwachsinnigen Frauen-an-den-Herd-zurück-Politik verwechselt werden; ich wünsche mir lediglich die Möglichkeit, dass ein Elternteil ohne Einkommensverlust mindestens bis zur Schulzeit bei den Kindern bleiben kann. Ob das nun Vater, Mutter oder beide abwechselnd sind, sollen die Eltern selbst entscheiden. Ich würde mich jedenfalls als erster melden. Nicht nur, weil ich diesen intensiven Kontakt mit dem Kind jedem Erwerbsjob vorzöge, sondern weil ich überzeugt bin, dass die sichtbare Verrohung, Entwurzelung, Kulturlosigkeit und im Endeffekt die erschreckende Gewaltbereitschaft vieler Kinder von heute in direktem Zusammenhang mit der wenigen Zeit steht, die sie mit ihren Eltern verbringen können.
In vielen Bereichen müssen wir uns mit einem Viertel zufrieden geben. Mein persönliches Viertel Zufriedenheit wüchse ja schon an, wenn meine Bücher in den Regalen der Buchhandlungen stünden. Doch dort stehen sie nicht. Ich gehöre nicht zum glücklichen Viertel der Autoren, deren Bücher von Buchhändlern zum Verkauf angeboten werden. Möglicherweise wird sogar nur einem Achtel der Autoren diese Anerkennung zuteil, denn ein mir bekannter Besitzer einer Buchhandlung in Barcelona sagte vor Kurzem:
»Von den zirka 400.000 lieferbaren Büchern geben mir die Distributoren nur 50.000. Das bedeutet, wenn ein Leser zu mir kommt und nach einem Buch fragt, hat er eine 350.000-fache Chance, es nicht zu bekommen.« Und das hat überhaupt nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Sondern mit Monopolen und mit Macht. Und die üben ihre Haber in der Regel nicht nur zu einem Viertel aus, sondern total.
Die vor eineinhalb Jahren ausgerufene Wirtschaftskrise nutzten viele Unternehmen – ebenfalls eine Art von Machthabern –, um ein Viertel ihrer Mitarbeiter zu kündigen. Als Folge darauf stiegen die Aktienkurse wieder deutlich an, und wo zwischendurch mitunter die Halbierung des Börsenwertes zu verzeichnen war, befindet dieser sich wieder auf derselben Höhe wie im August 2008 oder sogar noch höher. Die Krise diente also den Aktionären, denn die haben kräftig verdient. Sie besitzen nämlich in diesem Fall die übrigen drei Viertel – oder seien wir fair: Wenn wir die Krise als unausweichliche Realität akzeptieren und ein Viertel des wirtschaftlichen Wertes unwiederbringlich verloren geben, dann haben die Aktionäre wohl nur die Hälfte ergattert. Eine mathematische Doppelbödigkeit? Jedenfalls spielt das für die nun Arbeitslosen keine Rolle. Zwei meiner amerikanischen Kolleginnen mussten ebenfalls gehen, im Rahmen einer groß angelegten »Firing«-Aktion. Helen ist auf ihren ehemaligen Arbeitgeber zwar noch immer stinksauer, doch mit ihren fünfundfünfzig Jahren nimmt sie es als eine Art Frühpension an und meint, jetzt hätte sie endlich mehr Zeit für ihren Mann. Joyce indes kann dieser Heiterkeit nichts abgewinnen; sie ist erst vierzig.
Und ich bleibe bei der Wirtschaft, allerdings nicht bei den Erwerbstätigen, die oft noch froh sind, wenn sie lediglich auf ein Viertel verzichten müssen, sondern komme zu den Produkten, die unser Thema in ähnlicher Weise berührt. Ein großes Produktionsunternehmen, dessen Namen ich nicht nennen möchte, verfügte über eine große Produktpalette, die in erster Linie daraus resultierte, dass die Kunden, ausgehend von einem Basismodell, beliebige Wünsche äußern konnten. Das jeweilige Produkt wurde also gänzlich individuell gefertigt, und die Kunden waren hochzufrieden, weil sie genau das bekamen, was sie sich vorstellten. Nun ergab es sich jedoch mit der Zeit, dass die Finanzen des Herstellers nicht mehr stimmten, und es wurde eine Consultingfirma engagiert, um die Lage zu analysieren und das Problem zu lösen. Letzteres fand sich sehr rasch: Die individuelle Fertigung war mit sehr hohen Aufwänden verbunden, doch fanden diese im Preis für den Kunden keinen Niederschlag. Aufgrund dieser Erkenntnisse führte das Unternehmen ein völlig neues Produktionsprinzip ein: Jetzt gibt es nur vier Produkte, und Sonderwünsche werden nicht mehr berücksichtigt; der ursprüngliche Preis blieb unverändert, und aufgrund der stark reduzierten Aufwände arbeitet das Unternehmen wieder mit Gewinn. Was ist geschehen? Bei gleichbleibenden Preisen verlor die Produktpalette an Qualität. Die Kunden müssen sich nun mit einem Viertel dessen begnügen, was sie vorher haben konnten, oder sogar mit noch weniger. Eine andere Lösung wäre zwar gewesen, die Vielfalt und somit die Qualität des Produktportfolios beizubehalten, doch hätten dann die Preise angepasst und somit erhöht werden müssen. Aber wenn es um Preise geht, dann wollen wir in Wirklichkeit doch auch nur ein Viertel bezahlen. Hier beißt sich die vielzitierte Katze in den Schwanz, aber genau hier steckt eine Grundmisere der heutigen Zeit: die Preise müssen runter, und das (zer)drückt die Qualität. Überall müssen wir uns heute mit einem Viertel der möglichen Qualität zufrieden geben, und dieser Trend dürfte sich noch eine gute Weile fortsetzen.
Übertreibung? Mal ehrlich, wann haben Sie zuletzt einen wirklich guten Laib Brot gekauft? Der so schmeckte, wie man das aus der Kindheit kennt. Sollte ich hier tatsächlich schon die Vergangenheit verklären? Ich meine, jetzt habe ich zwar schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber so alt bin ich nun auch wieder nicht!
Stichwort Kultur. Kürzungen, Streichungen, Verschiebungen auf unbestimmte Zeit. Aber nein, werden manche argumentieren, das Kulturbudget unserer Republik wurde nicht gekürzt. Natürlich nicht. Nominell blieben die Beträge gleich. In manchen Bereich über zwanzig Jahre. Die Inflation besorgte dann alles Übrige. Selbstverständlich gilt das nicht nur für das öffentliche Kulturbudget, sondern auch für Künstlerhonorare von Verlagen und Rundfunkstationen.
Schließlich muss man sparen.
Wie gern riefe ich jetzt, dass Kultur und die Erzeugnisse Kulturschaffender nichts mit Stützungen oder Förderungen durch die öffentliche Hand zu tun hätten. Ja, vielleicht riefe ich es sogar – wenn ich nicht wüsste, dass das beeindruckende französische Filmschaffen der 50er- und 60er- bis in die 80er-Jahre nur deshalb möglich war, weil von Staats wegen viele Millionen Francs in die Filmindustrie gepumpt wurden, wenn ich nicht wüsste, dass in Österreich kein einziges literarisches Buch ohne öffentliche Stützung gedruckt werden kann, wenn ich nicht wüsste, dass die großen Opernhäuser der Welt auf Fördergelder und private Spenden angewiesen sind. Die Kultur hat es in einer Welt zunehmender Einschränkungen nicht leicht. Die Finanzierung schrumpft mitunter auf ein Viertel (oder entfällt vollends), und die Freiheit der Kunst wird mancherorts gevierteilt und mit Füßen getreten.
Gerade der Kultur sollte die Gesellschaft eine Heimat bieten.
Auch in Krisenzeiten. Ob indes ein Museumsquartier die Lösung ist? Natürlich brauchten wir ein eigenes Viertel für die Kultur – da klingt im Hinterkopf das französische Quartier Latin mit der Sorbonne und den schillernden kulturellen Aktivitäten an –, aber trotz der offiziellen Stilisierung des Museumsquartiers zum Kulturviertel wirkt dieser Ort wie ein städteplanerischer Kraftakt, der zwar einerseits ungeheure Geldsummen verschlingt, aber andererseits doch nur eine winzige Facette innerhalb des insgesamt möglichen Kulturlebens darstellt. Und die Kulturschaffenden?
Die einen verdingen sich so recht und schlecht in Brotjobs, andere resignieren und wursteln irgendwie weiter, manche geben auf. Das haben wir nun vom Viertel, das, wie der Volksmund sagt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Eine Redewendung, die heutzutage erschreckend vielseitig wirkt.
Aber ich lehne mich zurück, um, angesichts einer Uhr, die ein Viertel vor zwölf zeigt, über diese Dinge nachzudenken und diesen kleinen (nicht geviertelten!) Essay niederzuschreiben.
Klar, am liebsten tränke ich nun ein Vierterl Rotwein, um die ganze Misere zumindest für kurze Zeit zu vergessen. Das Dumme ist nur: Ein einziges Vierterl reicht da nicht aus, aber mehr als das vertrage ich nicht.
Klaus Ebner:
Geb. 1964, Wiener. Studium der Romanischen und Deutschen Philologie. Autor von erzählender Prosa, Essays und Lyrik. Wiener Werkstattpreis 2007. Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Österreichischen Schriftstellerverbandes. Jüngste Buchveröffentlichungen: „Hominide“, Erzählung (FZA 2008); „Vermells/ Röten“, Lyrik katalanisch und deutsch (SetzeVents 2009). www.klausebner.eu
Thomas Fröhlich BETRETEN VERBOTEN!
Über a schene Leich und die Wiederentdeckung wahrhaft abseitiger Viertel in der Literatur – und die Frage, was Werwölfe mit Feminismus und Verlagsjubiläen zu tun haben
1. „We have such sights to show you!“ (Aus: Hellraiser, R: Clive Barker, GB 1987)
2. In seinem international gefeierten Debütroman „Sharp Teeth – Scharfe Zähne“, Milena Verlag 2009, führt der Autor Toby Barlow seine Leserschaft in jene Viertel der Stadt Los Angeles, die man besser nicht alleine betreten sollte.
Eigentlich auch nicht zu zweit.
Am besten gar nicht.
Die Story des Hundefängers Anthony, der an eine Gruppe Werwölfe gerät, die sich die „No Go“-Zonen einer wuchernden Alptraumstadt zu ihrem Territorium auserkoren hat, koppelt eine anrührende Liebesgeschichte mit der Psychogeografie eines urbanen Ortes zwischen Unwirtlichkeit und sinistren Sehnsüchten. Formal zwischen klassisch anmutendem Versmaß, Beatnik-Poetry, Rap-Patterns und an den Noir-Krimi der 1940er Jahre angelehnter Prosa oszillierend, schlägt das Buch eine beeindruckende Schneise von antiker Mythologie zu moderner Horrorliteratur. Übersetzt wurden die „Scharfen Zähne“ kongenial von Verena Bauer und Thomas Ballhausen. Letzterer ist auch Herausgeber der im Milena-Verlag (dem ehemaligen Wiener Frauenverlag) erschienenen Reihe „exquisite corpse“, in der die „Scharfen Zähne“ ein Zuhause gefunden haben. „Da habe ich mir vorm Übersetzen wieder einmal meine Old School Rap-Scheiben wie die von Sugarhill Gang angehört,“ erzählt der Kulturwissenschaftler Ballhausen bei einem Gespräch beim Heurigen und grinst begeistert. Rap, HipHop – all dies sind ja Phänomene, die ebenfalls in jenen Vierteln geboren wurden, die man als „anständiger“ WASP (White Anglo Saxon Protestant) nur ungern betritt. Doch um jene Spielart (anfänglich) ethnisch determinierter Popkultur (und deren Niedergang im Zeitalter von Kinderzimmer-Zuhältern wie 50 Cent oder Plattenbaukasperln wie Sido) soll es uns hier und heute nicht gehen. Stattdessen waten wir lieber in Blut, Beuschl und Paranoia, geben uns postapokalyptischer Tristesse und Alt-Wiener Heurigenseligkeit hin und stellen die Frage, was das alles mit Genderdiskurs und Feminismus zu tun hat.
3. „Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle!“ (William Carlos Williams)
4. Hölle und Heuriger: Beides beginnt mit einem großen H. Doch damit hören sich die Gemeinsamkeiten – zumindest für die meisten unter uns – auch schon auf, außer man ist Alkoholiker oder strikter Antialkoholiker, was beides höchst bedenklich ist.
Thomas Ballhausen ist an jenem Abend der dritte im Bund – schließlich zeichnet er für besagte Reihe verantwortlich. Die Kellnerin bringt die ersten Vierteln Weiß, dazu vorzüglich mundende Fleischlaberln, für die labile Menschen ein Verbrechen begehen würden; man lehnt sich entspannt zurück, spricht und denkt nach (mitunter auch umgekehrt, man ist ja nicht so).
Denn natürlich beschäftigt uns eingangs schon einmal eins ganz besonders: Was fasziniert Menschen an derlei Themen – und wieso gab es bis dato in Österreich keine Ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit so genannter Genreliteratur (und -filmen), zumindest auf Printebene? Im Web hält seit 13 Jahren das Webzine „Evolver“ als mitunter einsamer Rufer in der Wüste kanonisierter Belanglosigkeiten die Fahne der angenehm ironiefreien Beschäftigung mit den verschiedenen Spielarten der Popkultur aufrecht, zu der das Horror- und Fantastikgenre eben auch zählen – aber gedruckt sah es da bis vor Kurzem traurig aus. Ein ernsthafter Diskurs, wie er im angloamerikanischen Bereich seit Jahren gang und gäbe ist, war in Österreich de facto (bis etwa auf obgenannte Ausnahme) nicht vorhanden.
Spätfolgen des noch aus der Nazi-Zeit herauf mäandernden „Schmutz- und Schund“-Verdikts?
„Dabei waren Science Fiction oder Horror ihrer Zeit immer schon voraus!“, meint Ballhausen und ergänzt: „Heute trägt eine neue Generation das ins Akademische hinein.“ Und er wird dabei sofort konkret: „Denk zum Beispiel ans Klonen – und dann schau dir frühe Sachen von David Cronenberg [kanadischer Filmregisseur, Anm. d. Autors] an: Da wurde das alles schon verhandelt! Und nicht nur der gesellschaftlich- kritische Impetus ist da bemerkenswert – man muss auch die jeweiligen ästhetischen Ansprüche sehen!“
Das Monster als Spiegelbild, ja als Verkünder kommender Dinge?
Bei „exquisite corpse“ gehe es eben um eine konstruktivkritische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen des Unheimlichen, des Monströsen, denn auch hier, gerade hier, gelte es, aus fundiertem Wissen (und ebenso tiefer Begeisterung) heraus zu unterscheiden, die Spreu vom Weizen zu trennen, „und nicht darum, im Nachhinein Dreck zu nobilitieren“.
„Alles klar!“, ist man da versucht zu sagen – aber warum ausgerechnet im feministisch orientierten Milena-Verlag?
Vanessa Wieser hat darauf schon eine gute Antwort parat – doch zuvor lernen wir, geschätzte Leserinnen und Leser, noch ein wenig (Literatur)Geschichte …
5. Seit 40 Jahren gibt es ihn: den Milena-Verlag, vormals Wiener Frauenverlag. Gegründet wurde er 1980 im Kontext der Frauenbewegung als autonomes Projekt schreibender Frauen, die sich mit ihren Texten und ihrer literarischen (und politischen) Herangehensweise im Umfeld der damals etablierten Verlagsprogramme nicht zu Hause fühlten. Gewählt wurde anfangs die Vereinsform, da die Gruppe (zu der u.a. Elfriede Haslehner oder Inge Rowhani gehörten) kein Kapital außer ihren Idealismus und ihren Einsatzbereitschaft hatte und sich so der Wunsch nach einer egalitären Struktur am leichtesten verwirklichen ließ. Ein Forum für Literatinnen und Wissenschaftlerinnen wurde auf diese Weise geschaffen – nicht zuletzt als Reaktion darauf, dass Autorinnen ihrer männlichen Kollegenschaft gegenüber immer noch ziemlich unterrepräsentiert waren. Auf diese Weise entstand der Wiener Frauenverlag, der seit 1997 Milena Verlag heißt.. Aus dem Projekt wurde rasch ein professioneller Publikationsort. Autorinnen wie Barbara Neuwirth oder Sylvia Treudl sorgten (sowohl als Schreibende wie auch als Verlags-Masterminds) für die anhaltend hohe Qualität der Veröffentlichungen – und auch die jetzige Leiterin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, zählte zeitweise zum Verlagsteam.
37 Jahre wurde dieses Konzept mit leichten Veränderungen beibehalten. Doch dann, 2007, kam es zur – laut Vanessa Wieser, seit zweieinhalb Jahren Verlagsleiterin – notwendigen Neustrukturierung: „Seit fünf Jahren hab’ ich die Pressearbeit gemacht – und man hat halt gemerkt, dass sowohl auf Seiten der Presse wie auch auf Seiten des Publikums diese ausschließlich feministische Ausrichtung niemanden mehr wirklich interessiert hat.“, meint Wieser, selbst feministisch sozialisiert, an diesem Abend und setzt hinzu: „Die hunderttausendste lesbische Coming Out-G’schicht’ war eben auch nimmer so der Renner. Es gibt ja außerdem seit geraumer Zeit Frauenbücher bei anderen Verlagen genauso.
Das heißt, der spezielle Erkennungswert war eh schon lange fort.“ Man müsse auch nicht mehr in eine typische Frauenbuchhandlung gehen, um an diese Art von Literatur und an bestimmte Autorinnen zu gelangen. Auf amazon bekommme man das auch alles – und die so genannten Frauenbuchhandlungen gebe es sowieso nicht mehr.
Eine nachhaltige Veränderung im Produktions- und Rezeptionsverhalten also?
„Das hat sich alles überlebt.“
Und Wieser wird noch deutlicher: „Finanziell war’s halt dann auch fürchterlich. Wenn der Rubel weiter gerollt wär’
…“ Sie denkt kurz nach: „Hat er aber nicht. Und da gibt’s im Endeffekt nur zwei Dinge: zusperren oder was anderes überlegen.“
Sie macht einen Schluck und lächelt: „Ich hab’ mir halt was anderes überlegt.“
Nämlich eine Neuorientierung in der programmatischen Ausrichtung und inhaltlichen Positionierung: Nach wie vor werden zeitgeschichtlich-gesellschaftskritische und emanzipatorische Belletristik und Sachbuchliteratur veröffentlicht, doch Wieser trennt all die Belange nicht in jene von Frauen und Männern als wesensverschiedene Daseinsformen – ein Zugang, der sich auch personell niederschlagen sollte. Ein neues Verlagsteam ist angetreten, „heftige Bücher für heftige Menschen“ zu veröffentlichen, wie Wiesers Lieblingsslogan lautet. Ein verlegerisches Credo, das auch die literarischen Hervorbringungen männlicher Schriftsteller umfasst, von Bernhard Mooshammers Rock’n’Roll-Erzählung „Zeit der Idioten“ bis hin zur Neuauflage von Günter Brödls erfolgreichem und mittlerweile vergriffenem Ostbahnkurti-Krimi „Blutrausch“.
Wird dadurch der Verlag nicht auch ein wenig austauschbar, ohne sein über Jahrzehnte gepflegtes und beworbenes Spezifikum?
„Aber geh!“, meint Wieser, „Wer bitte interessiert sich fürs Gesamtangebot eines Verlages – die Publikation selbst zählt. Die muss gut sein!“
Und hier kommt Autor, Übersetzer, Kulturwissenschaftler und wandelndes Filmlexikon Thomas Ballhausen mit ins Spiel. Bei einem verlagsinternen Brainstorming wurde nämlich die Idee laut, doch „was mit Monstern, Horror zu machen“. Und Vanessa Wieser setzt hinzu: „Mir taugt das, ohne da besonders versiert zu sein. Und da ist mir der Thomas empfohlen worden.“
6. „Exquisite corpse – die schöne Leiche: das Schreiben beziehungsweise Weiterschreiben an einem Textkörper!“ beginnt Thomas Ballhausen das Konzept der Reihe zu umreißen, während sich die Sonne über der Josefstadt – wie passend – zum Untergehen anschickt.
„Es ist eine seriöse Einladung an die Leser, es sind schöne Bücher in Inhalt und Gestaltung und trotzdem leistbar!“
Ballhausens Augen, beginnen, wie immer, wenn er von etwas begeistert ist (und das ist oft der Fall), in der Dämmerung zu leuchten.
Ausgehend von der Beschäftigung mit dem Außergewöhnlichen, Unheimlichen und Monströsen in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist bei „exquisite corpse“ ein publizistischer (Frei)Raum entstanden, der auch abweichlerische ästhetische und politische Fragestellungen, also Off und Off-Off Mainstream, erlaubt. Unterstützt von einem internationalen Board zumeist junger, „hungriger“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen will Ballhausen hier einen Platz für wissenschaftliche Werke wie auch ausgewählte einschlägige Primärliteratur schaffen und diese – nicht zuletzt aufgrund einer sehr entgegen kommenden Preispolitik – einer breiten Leserschaft anbieten.
Vier Bände sind seit 2008 bis dato erschienen:
das zu Beginn erwähnte „Scharfe Zähne“ von Toby Barlow;
„Grendel“ von John Gardner, der den mythenumflorten Kampf des nordischen Recken Beowulf gegen das Monster Grendel aus der Sicht des Monsters beschreibt, das mitunter menschlicher erscheint als die in Ränke und grausame Intrigen verstrickte Menschheit;
„Liebe und Napalm – The Atrocity Exhibition“ des visionären Science Fiction-Autors James G. Ballard (der u.a. auch die literarische Vorlage zum Film “Crash” des obgenannten David Cronenberg lieferte), die Neuauflage eines in eine Vielzahl von Miniaturkapiteln unterteilten literarischen Experiments über eine sich in technologischer Raffinesse suhlenden und moralischer Auflösung befindlichen Menschheit (und die daraus resultierende Paranoia und Gewaltverliebtheit), über das die FAZ urteilte: „J. G. Ballard hat die Zukunft vorausgedacht. Es ist seine Welt, in der wir heute leben“;
und – gleichsam als Einleitung – „Delirium und Extase: Die Aktualität des Monströsen“, eine Essay-Sammlung Ballhausens selbst, die die Aktualität des Monster-Begriffes in den Mittelpunkt stellt und ästhetische mit historisch-politischen Fragen verquickt. Die thematische Vielfalt des Bandes, die von der klassischen Literatur bis zu populären Filmgenres reicht, entspricht durchaus der Vielgestaltigkeit des Hässlichen und Unheimlichen sowie dem ungebrochenen Interesse an einem Themenfeld, das den Alltag auf mehr Weisen durchdringt, als gemeinhin wahrgenommen wird: Film, Comics, Theater, Fotografie, Malerei etc. Das „Schickliche“, die „guten Manieren“ in ihrem kulturellen Kontext und deren Kippen ins Abweichlerische, Monströse sind dabei genauso Thema wie der alte Horrorfilm „The Raven“ und dessen Rezeption. Zwischen akademisch abgesegnetem Wissenschaftssprech (manche Sätze sollte man langsam lesen, so man nicht mit sämtlichen Kulturwissenschaftstheorien der vergangenen fünfzig Jahre beschlagen ist) und spürbarer Begeisterung für die Sache legt Ballhausen mögliche Zugänge und komplexe Denkwege zu ebenso komplexen wie auch scheinbar einfach zu durchschauenden Werken: ein Wegweiser in die dunklen Viertel der Orte und der Psyche. Man darf auch Erkenntnisgewinn dazu sagen.
Ein Ende der Reihe ist nicht abzusehen.
7. Langsam ist’s im Heurigengarten dunkel geworden. Thomas Ballhausen muss noch eine Retrospektive mit subversiv-schlüpfrigen Filmen im Metro-Kino eröffnen und verabschiedet sich. Vanessa Wieser und der Schreiber dieser Zeilen bleiben noch ein wenig sitzen, bestellen noch ein Viertel (man ist ja schließlich nicht zum Spaß da) und denken im sich ausbreitenden Mondlicht über die Faszination am Verbotenen, Grausigen, Unheimlichen und die Hassliebe des Menschen zum Monster nach. Der Weg vom alienverseuchten Raumschiff der Zukunft über das neblige Whitechapel eines Conan Doyle bis hin zur „gemütlichen“ Josefstadt scheint nicht weit zu sein.
Und auch die Grenzen selbst verschwimmen: „Ich bin ein Monster“, sagte beispielsweise der britische Horrorschriftsteller, Fotograf, Maler und Regisseur Clive Barker beim Filmfestival in Sitges 2009 auf die Frage, wie sich all seine Geschichten verbinden ließen. „Schauen Sie, ich bin als schwuler Junge aufgewachsen, bin geschlagen, getreten, verspottet worden. Ich habe mich immer als Monster gefühlt.“ Ob sich daran jemals etwas ändern würde? „Nein“, meinte Barker.
Dem ist wenig hinzuzufügen.
Außer dass die abseitigsten Viertel sowieso in uns selbst liegen. Auch ohne Heurigen.
Aber das wussten wir doch sowieso schon alle.
Thomas Fröhlich:
Geb.1963 in Wien; lebt in St. Pölten und Wien. Wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Red. beim Webmagazin evolver. Verfasser von Rezensionen und Essays zu den Themenbereichen Literatur/Film/Popkultur. Gelegenheits-DJ. Schreibt seit einigen Jahren auch Belletristik. Veröffentlichungen in etcetera, Rokko’s Adventures, MFG, Wiener Zeitung, Die Furche, evolver, Podium, OstraGehege, keine ! delikatessen, & Radieschen, Pandaimonion sowie diversen Anthologien. Träger des Förderpreises für Kunst und Wissenschaft (Literatur) der Stadt St. Pölten 2008.