Eva Riebler führte das Interview mit dem Künstler des Heftes etcetera Nr. 40 „Viertel“ Robert Weber im Frühjahr 2010.
Lieber Robert, bei deinem Schaffen steht sowohl in der Plastik wie in der Malerei die Figur im Vordergrund. War das immer so?
Neben der Landschaftsmalerei, war mir die Figur immer wichtig. So entstanden auch meine figurativen Landschaften, die reduziert noch immer in meinen Arbeiten vorkommen.
Was interessiert/fesselt dich mehr, die Arbeit mit Metall oder die rasch hingeworfene Skizze?
Die hingeworfene Skizze.
Wieso beschränkst du dich auf die Farben Schwarz und Rot?
Diese Farben verstärken das grafische Element, das ich bevorzuge.
Hast du in deinen Anfängen farbiger agiert?
Nicht nur in meinen Anfängen, auch später habe ich oft kräftige Farben verwendet. Diese jedoch reduziert eingesetzt. Man sieht dies zum Beispiel bei den zwei Bildern mit Bäumen aus der Ausstellung „Von der Landschaft zur Figur“ 1992. Dabei ist mir das grafische Element sehr wichtig. Daraus hat sich auch die Metallskulptur entwickelt. Meine Skulpturen sind eigentlich dreidimensionale Zeichnungen. Es ist mir wichtig, dass die Skulpturen und Bilder eine Handschrift zeigen. Wahrscheinlich auch der Grund, warum ich Schwarz-Weiß arbeite. Rot, meine bevorzugte Farbe, versuche ich nur sparsam einzusetzen. Was mir aber nicht immer gelingt.
Wie kommst du zu deinen Bildtiteln?
Einfach über die Bilder. Bilder die immer und überall vorhanden sind. Sogar im Traum. Diese Bilder übersetze ich spontan. Skizzen mit Bleistift und Farbstift auf Papier. Daraus entstehen dann die weiteren Arbeiten. An einen Titel denke ich dabei überhaupt nicht. Er ist mir auch nicht wichtig. Obwohl ich mir oft zwischendurch Notizen mache bekommen die Arbeiten erst zum Schluss einen Titel. So wie Kinder einen Namen bekommen. Dass diese Titel einen starken Bezug zu den Arbeiten haben, kommt aus der intensiven Beschäftigung mit diesen.
z. B. bei deiner Skizze „Erinnerungen“ erzählst du eine ganze Geschichte …
Nein, ich erzähle keine Geschichten. Die Geschichten sind einfach vorhanden. Ich muss sie nur aufgreifen und in meine Welt transportieren. Dabei werden sie verfremdet und auf das Wesentliche reduziert. Während des Arbeitsprozesses lebe ich in dieser Welt. Das Formale und meine persönliche Handschrift sind mir dabei sehr wichtig.
Hast du auch das Gefühl, rechtzeitig aufzuhören ist schon das Zweitwichtigste?
Bei mir ist ein Bild erst fertig, wenn es verkauft oder aus meiner Reichweite ist. Dadurch habe ich schon sehr viele meiner Bilder übermalt und verändert. Auf Fotos konnte ich dann feststellen, dass die alte Version sehr gut war. Schade, jetzt hätte ich gerne beide. Man darf bei der Arbeit keine Angst haben und überlegen, ob man schon aufhören soll, nur weil einiges schon sehr gelungen scheint. Die Dichte bekommt es erst durch mehrere Arbeitsschritte. Dabei darf das Spontane nicht verloren gehen. Das ist die Kunst.
Arbeitest du in thematischen Zyklen?
Da ich immer an mehreren Bildern arbeite, entstehen dadurch Zyklen. Auch bei Einladungen zu thematischen Ausstellungen. Obwohl nur ein bis zwei Arbeiten gewünscht sind, verfolge ich das Thema weiter und kann nicht aufhören. So bin ich oft ein Getriebener.
Wie spornte dich das Thema VIERTEL an? Ideenfindung etc. …
In meiner Jugendzeit als Grafiker und Layouter hatte ich immer mit Themen zutun. Es hat mir immer viel Spaß gemacht, mit den verschiedensten Themen herumzuspielen. Auch damit viel Geld zu verdienen. Dein Briefing zum Thema „VIERTEL“ hat mich am Anfang etwas verwirrt. Erst nach deinem dritten Mail konnte ich erkennen, dass es sich um ein fünfundzwanzig jähriges Jubiläum handelt. Ein Musterexemplar der Zeitschrift hast du mir wie versprochen leider immer noch nicht geschickt. So bin ich eigentlich wieder froh, mich in meine gewohnte Arbeit zu stürzen. In meine Bilder mit seinen verfremdeten und veränderten Figuren, die die verschiedensten Deutungen zulassen. Ein Gefühl der Freiheit.
Die Unklarheit, dass dies ein Jubiläumsheft ist, war auch bei der Info für die Autoren ein bisschen Absicht, damit ich nicht lauter jubilierende bis feierlich getragene Texte zugesandt bekomme, bzw. Einschränkung und Festlegung punkto Kreativität und Assoziation mit dem Begriff VIERTEL heraufbeschwöre. Dir kein „etcetera“ Heft zugesandt zu haben, ist natürlich unverzeihlich!
Robert Weber:
Geb. 1943 in Wien. Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt Wien bei Prof. Rudolf Pleban. Seit 1971 als freischaffender Maler und Grafiker tätig. Ab 1980 zweites Atelier in Scheiblingkirchen, NÖ. Dort entstehen die ersten dreidimensionalen Arbeiten. Materialbilder und Skulpturen aus Karton, Holz und Eisen.
1994 Einladung und Auftrag zu einer Outdoor-Skulptur für das C.J. Rodman Center for the Arts. Leitung eines Workshop-Seminars (Metallskulpturen) im Art Department of Ripon College, USA. Ausstellung von Skulpturen und Grafiken in der BRÜCKE im NÖ Landhaus 2009.
Mitglied der Wiener Neustädter Künstlervereinigung. Im Vorstand des Landesverbandes der NÖ Künstlervereine. Beirat für Bildende Kunst der Stadt Wiener Neustadt.
Manfred Chobot WER A FEIND IS, BESTIMM I
Eva Riebler interviewte am 18.10.09 Manfred Chobot im Atelier der bildenden Künstlerin Ingrid Reichel, die anlässlich der NÖ Tage der offenen Atelier eine Lesung mit dem Autor organisierte. Mehrere Lehrer befanden sich im Gespräch, daher die Frage:
Lieber Manfred, möchtest du Lehrer sein?
Nein, eigentlich nicht, obwohl es immer wieder heißt, ich würde zum Schulmeistern neigen. Vielleicht stimmt das sogar.
Womit bist du pädagogisch wertvoller, mit deiner Lyrik oder mit deiner Prosa?
Vermutlich mit meinen G´schichtln, meiner satirischen Prosa, durch die ich den Leuten Inhalte „reindrücke“! Sagen wir besser – vermitteln kann.
Was hast du zum Dialekt für ein Verhältnis?
Ein gutes und ein gesundes, denn der Dialekt ist viel poetischer als die Hochsprache.
Die Dialektautorin El Awadalla vertritt die These: Dialekt macht g´scheid. Wie stehst du dazu?
Dialekt macht es auf alle Fälle poetischer, denn du hast im Dialekt vü mehr Möglichkeiten. Z.B. „Hau di üba di Häusa“ ist doch wunderbar, im Vergleich zu: „ Wirf dich über die Häuser“!
Oder: „Der ist im Bründ’l.“ – „Er ist im Brunnen.“ Das geht nicht.
Du bist im Wienerischen zuhause?
Ja, und das kann ich irgendwie nicht loswerden. Ich habe einige Jahre in München gelebt und dort hat man mir den Österreicher, den Ösi, immer angemerkt. Ich habe mich um eine Vermischung bemüht. Einige Dialektgedichte sind bairisch-österreichisch. Es gehören ja beide Mundarten zusammen, wenn man „bairisch“ mit „ai“, also ohne „y“, schreibt. Es ist in München vorgekommen, dass die im Supermarkt mi ang´schaut hab´n, wenn i zwoa Fleischpflanzln g´sagt hab, nämlich zwa Fleischlabern. Als ob ich in einem südchinesichen Dialekt sprechen würd´.
[Lacht]
Ich hab´ mir gedacht, die spinnen! Das Bayrische hab ich nie wirklich erlernt.
Gehören Dreiviertel deines Herzens der Sprache?
Definitiv! Dreiviertel gehören der Sprache und das andere Viertel dem Rotwein!
Deine Frau kann uns soeben nicht hören, aber was sagt sie als deine Gattin dazu?
Dreiviertel ihres Herzens gehören der Bildenden Kunst und ein Viertel dem Weißwein. Wobei es eigentlich der Rotwein wäre, aber die Histamine verursachen bei ihr am nächsten Tag Niesen und daher muss sie zu ihrem Bedauern als Rotweintrinkerin Weißen trinken.
Welches Wiener-Viertel behagt dir besonders?
Zurzeit Ottakring, weil das Brunnenmarkt-Viertel jene Gegend ist, wo meine Eltern ihr Lebensmittelgeschäft gehabt haben. In Meidling bin ich aufgewachsen, aber in Ottakring kam es zu einem Aufschwung, dort hat sich viel geändert. Das Geschäft meiner Eltern war in der Yppengasse, die zum Yppenmarkt führt, wo damals ein Großhandelsmarkt war. Zu meinen Oldies kamen die Greißler, kauften ein, bevor sie ihr eigenes Geschäft aufgesperrt haben. Mir wurde bald klar, das ist keine Hack´n für mi. Meine Eltern sind um vier Uhr aufg´standen und haben um fünf die Bude aufg´sperrt. Ich finde vier Uhr ist eine gute Schlafenszeit und keine Aufstehzeit!
Gibt es oder gab es im 16. Bezirk eine rassistische Radikalisierung?
Es hat sich dort eine Multi-Kulti-Gesellschaft etabliert, mit der ich keinerlei Probleme habe. Ein Taxler hat mal zu mir gesagt: „Kann man dort überhaupt leben? Lauter Ausländer.“ „Ich weiß nicht, woher Ihre Vorfahren kamen, aber meine kamen aus Tschechien, als das noch zu Österreich gehörte.“ Ich habe ihm kein Trinkgeld gegeben und er hat gewusst, warum.
Das Restaurant „Kent“ zum Beispiel hat eine Vorreiterrolle gespielt. Es war ein türkisches Beisl, in das sich die Leute zuerst nicht hineingetraut haben. Bis sie merkten, da gibt es keine Probleme. Das Lokal war anfangs 24 Stunden geöffnet und bot warme Speisen spottbillig an. So kamen vor allem junge Leute. An einem Tisch saßen die Türken und spielten, z.B. Backgammon und daneben saßen eventuell zwei österreichische Frauen ohne männliche Begleitung. Diese wurden aber nicht angepflaumt. Heute ist die Gegend um den nahe gelegenen Brunnenmarkt, der immer schon in ausländischer Hand war, absolut multi-kulti.
In türkischer Hand?
Nein, nicht immer, vorher, also nach dem Zweiten Weltkrieg, in bulgarischer! Es gibt wie überall auch ein paar Trotteln und vernünftige Leute. Die Bulgaren haben den Österreichern gezeigt, wie man Gemüse am besten anbaut. Bei den türkischen Marktstandlern kann man das Obst und Gemüse angreifen und in das Sackl tuan.
Bei den österreichischen nicht?
Es gibt keine österreichischen mehr, sondern nur türkische! Eine Frau, die ich dort interviewte, meinte, seit ihr Mann gestorben sei, müsse sie um sechs Uhr aufstehen, aufsperren und alle Kisten selber tragen, dann wieder abbauen. Dies sei ihr zuviel. Bald werde ein Türke auch ihr Geschäft aufkaufen, denn die türkische Familie hat fünf bis sechs Leute, die sich abwechseln können. Und wie gesagt, kann man bei ihnen das Obst mit der Hand aussuchen und bei den österreichischen Marktständen war das verpönt. Bei denen wird keiner kaufen wollen, auch wenn sie sich noch so lautstark beklagen, dass ihnen die Türken das Geschäft wegnehmen! So einem sagte ich einmal, ich war sogar per Sie mit ihm: „Zu Ihnen wird keiner kommen und kaufen, Sie werfen einen halb gefaulten Paradeiser ins Sackl!“
Auch St. Pölten hat Vierteln, sogar ein Marktviertel. Hast du zu irgendeinem Viertel einen besonderen Bezug?
Eigentlich am ehesten zum Regierungsviertel! Dort bin ich immer wieder. Kenne mich bestens aus.
Früher hatte das Podium noch ein Büro in St. Pölten am Rande des Regierungsviertels und wir zwei haben die gemeinsame Hauptstadt-Lesung zwischen dem Podium, Literaturkreis Neulengbach, und der LitGes St. Pölten aus der Taufe gehoben.
Ganz genau, vor fünf, sechs Jahren. Geboren wurde die Idee aus den Viertels-Lesungen. Ich dachte, die Hauptstadt ist an sich ein Viertel. Dorthin gehört auch das Podium. Am genialsten finde ich punkto Regierungsviertel die Bezeichnung „Neue Herrengasse“. Denn als die NÖ Landesregierung noch in Wien war, war sie in der Herrengasse und nach dem Umzug nach St. Pölten in der „Neuen Herrengasse“. Das bezeichne ich als schöpferische Großtat! Da ist den Herrschaften genial viel eingefallen! Da werden sie wochen- oder monatelang gesessen sein und gegrübelt haben!
Umgekehrt sind immer noch wie damals, als wir nicht Landeshauptstadt waren, viele literarische Veranstaltungen, z.B. des St. Pöltner Residenz Verlages, in Wien in der Herrengasse.
Weil der Besucherzustrom in St. Pölten oft an den Fingern einer Holzfällerhand abzählbar ist. Und weil Niederösterreich noch immer Wurzeln in Wien hat, trotz der Trennung von Wien, ich glaube, das war anno 1923, als Niederösterreich ein eigenes Bundesland wurde. Jetzt hast du es klar erwiesen, dass ich schon wieder schulmeistere.
Da musst du dich ja heute über den zahlreichen Besuch deiner Lesung freuen!
Ja, eine wohlwollende, großartige Ausnahme! Und das liegt an Ingrid Reichel.
So wie damals in der Schupfengalerie in Herzogenburg!
Ist in kleineren Orten entweder die Information besser oder kein so dichtes Programm, heute zum Beispiel war in St. Pölten um 11 Uhr die LitGes-Heft-Präsentation „Schleim“ mit Lesung Stefan Slupetzkys im Cinema Paradiso, um 14 Uhr der Literarische-Spaziergang des Stadtmuseums und nun um 17 Uhr deine Lesung?
Es hängt natürlich in erster Linie von der Persönlichkeit eines Veranstalters ab, der sich im Laufe der Zeit ein Stammpublikum heranzieht.
Wie lange gibt es deiner Meinung nach die Literarische Gesellschaft St. Pölten schon?
Auch sehr lange! 30 Jahr oder so. Uns, das Podium, gibt es bald 40 Jahre! – Aber wieso sage ich noch immer „uns“? Vielleicht eine Parallele, vergleichbar damit, dass noch immer in der Herrengasse niederösterreichische Veranstaltungen abgehalten werden. Ja, die Wurzeln…
Eigentlich tragt ihr Neulengbach im Namen. Warum heißt es immer noch: „Podium, Literaturkreis Schloss Neulengbach“?
Die Gründung war in Neulengbach, weil eines der Gründungsmitglieder, Peter Müller, der damals im Denkmalamt arbeitete, schon vor langer Zeit gestorben, Neulengbacher war. Längst könnte man diesen Zusatz streichen, was ich auch überlegt und vorgeschlagen habe, als ich noch Obmann des Podiums war. Wir bekamen von Neulengbach weder Subventionen noch werden wir zu einer Lesung eingeladen!
Im vorigen Jahrhundert fand dort im Schloss mal die eine oder andere Veranstaltung statt. Sogar ein Symposium. Nur mehr „reifere Jahrgänge“ können sich daran erinnern. Die anderen sind verstorben. Das Podium ist inzwischen das „Podium“ – ohne Neulengbach und ohne Schloss. Jetzt wird die Elfriede Bruckmeier gleich über mich herfallen und widersprechen, dass sie doch einmal im Jahr eine Podium-Lesung in Neulengbach organisiert. Da falle ich zurück und antworte: „Sehr billig für die Gemeinde. Eine Okkasion für den Literaturschluss-Verkauf. Schluss mit Schloss, dafür Lengbacher Saal.“ Ob die Miete geschenkt ist, weiß ich nicht, aber wegen zwei- oder dreihundert Euro haut es mich trotzdem nicht vom Hocker. Ich erinnere mich, dass wir zu meiner Zeit als Obmann für das Putzen des Saals bezahlt haben.
Hätte die Stadtgemeinde vermutlich in den finanziellen Ruin gebracht.
Und dann haben sie dich gestrichen?
Nein, nicht gestrichen! Ich bin gegangen, hab´ mi g´schlichen. Nicht „still und leise“, aber dennoch. Bin als Obmann zurückgetreten.
Ich war nicht „amtsmüde“, wie manche mir unterstellt haben, sondern war schlicht und einfach „ang’fressen“! Lieber trink i mei Viertel allein oder hock mit Freunden beim Heurigen. Frei nach dem Wiener Bürgermeister Lueger sag ich: „Wer a Freund is, bestimm i.“ Gewisse Dinge wollt’ i nimmer mittragen, net mitspielen, was mir net passt!
Nicht einmal zu einem Viertel!
Nicht einmal zu einem Viertel und auch zu keinem Achtel! – Prost, liebe Eva!
Eva Jancak, Wiener Psychologin und Psychotherapeutin, ist Autorin von etwa 20 Romanen und den Mitgliedern der Litges St. Pölten keine Unbekannte. In letzter Zeit hat sie sich mit ihrem Literaturblog literaturgefluester.wordpress.com wieder deutlich in Erinnerung gerufen. Robert Eglhofer interviewte sie am 05.01.2010 in ihrer Praxis in Wien Margareten.
Du bist Wienerin, hast aber einen starken Bezug zu St. Pölten. Warum?
Ich habe einen Nebenwohnsitz in Harland (Anmerkung: Stadtteil von St. Pölten) Mein Mann ist in St. Pölten aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wir haben eine Wohnung im Hause seiner Eltern. Als unsere Tochter klein war, haben wir eine Zeit lang dort gewohnt und sind nach Wien gependelt. Jetzt sind wir nur mehr im Sommer und an den Wochenenden dort.
Manche Menschen halten St. Pölten für touristisch uninteressant. Du fährst weiterhin gerne her. Warum?
Das Haus meiner Schwiegereltern liegt an der Traisen. Dort nutze ich die ausgedehnten Radwege. In Harland sitze ich auf der Terrasse mit Blick in den Garten und schreibe. Das ist ein wunderbares Feeling. In die Stadt fahre ich hauptsächlich zum Markt auf den Rathausplatz und in die Thalia Buchhandlung. Ich arbeite im Sommer zwei Tage in meiner Praxis als Psychotherapeutin in Wien, den Rest verbringe ich meist in Harland, mache Sommerfrische und Schreiburlaub.
Gibt es noch andere Ausflugsziele?
Am Wochenende wandere ich mit meinem Mann oft auf die Rudolfshöhe oder wir fahren mit dem Rad nach Herzogenburg, Traismauer und an die Viehofener Seen.
Wie weit bist du vertraut mit der St. Pöltner Literaturszene?
Da ich in Wien lebe, kenne ich mich in der Wiener Szene besser aus. Dort gibt es auch mehr Möglichkeiten zu literarischen Veranstaltungen und eigenen Lesungen. In den 90er-Jahren, als wir in St. Pölten wohnten, lernte ich auf einer Regionalversammlung der IG Autoren Niederösterreichs Doris Kloimstein kennen. Dann auch Günther Stingl und Alois Eder, Letzteren bei einer literarischen Veranstaltung in Wien.
Manfred Wieninger wurde damals bekannt. Einmal hätten wir eine gemeinsame Lesung gehabt, die er allerdings absagte, so las ich alleine und hatte nicht viel Publikum.
Längere Zeit hatte ich wenig Kontakt zu den St. Pöltner Literaten, nur hin und wieder traf ich Zdenka Becker und Doris Kloimstein. Jetzt gibt es durch dich wieder mehr Kontakt, durch meinen Blog bin ich auch auf Cornelia Travnicek aus Traismauer gestoßen, deren Schreiben ich interessiert verfolge.
Und die Osterspaziergänge?
Vor Jahren war ich einmal dabei. An den letzten beiden Osterspaziergängen haben wir gemeinsam teilgenommen. Hingekommen bin ich, glaube ich, durch Doris Kloimstein und Alois Eder.
Unser etcetera ist dir auch vertraut?
In einer der ersten Ausgaben erschien ein Text von mir. (Der Schokoladewettbewerb). Hin und wieder habe ich die Zeitschrift gelesen. Das letzte Heft (Litarena) hat mir sehr gut gefallen. Nicht nur die Jungautoren des Wettbewerbes, sondern den gelungene Querschnitt durch den etablierten Literaturbetrieb fand ich faszinierend. Das ist sicher eine interessante Literaturzeitschrift.
Von der St. Pöltner Literaturszene zu deinem eigenen literarischen Schaffen.
Ich schreibe seit 36 Jahren, seit meiner Matura, und zwar vorwiegend realistische Prosa, Erzählungen und Romane. Durch den “Arbeitskreis schreibender Frauen”, an dem ich von 1979 bis 1983 teilnahm, bekam ich Kontakt zum Literaturbetrieb und habe beispielsweise Marie Therese Kerschbaumer, Christa Stippinger, Elfriede Haslehner, Erika Danneberg, El Awadalla dort kennengelernt und begann auch meine Texte an Literaturzeischriften zu schicken. Im “Wespennest” hatte ich 1988 nach meinem GAV-Eintritt einen Text, aber auch in der Rampe, Podium, Wortbrücke etc. Mein Roman „Hierarchien oder Kampf der Geräusche“ ist 1990 in Jack Unterwegers Edition Wortbrücke erschienen.
Seit 1986 bin ich Mitglied in der GAV (Anmerkung: Die Grazer Autorinnen Autorenversammlung mit dem Sitz in Wien wurde 1973 in Graz als Gegenpol zum österreichischen P.E.N.-Club gegründet).
Realistische Prosa heißt Romane und längere Erzählungen, soweit ich mit deinen Büchern vertraut bin. Was ist dein inhaltlicher Schwerpunkt?
Ich bin sehr sozialkritisch und siedle meine Handlung oft im Wiener Alltagsmilieu an, befasse mich mit Randgruppen, Außenseitern, Menschen in Ausnahmesituationen etc. In meinem letzten Roman „ Die Radiosonate oder das einsame Jahr“, aus dem auch im ORF gelesen wurde, geht es um die Rahmenhandlung einer erfolglosen Autorin, die einen Roman über eine Frau schreiben will, die so depressiv und einsam ist, dass sie nur noch Kontakt zu zwei Radiomoderatorenstimmen hat, außerdem kommt noch ein tschetschenischer Asylwerber vor, der eine verloren geglaubte Mozart-Sonate von Grosny nach Wien bringt und dadurch die Wiener Musikszene durcheinander wirbelt.
Wie veröffentlichst du deine Erzählungen?
Es ist nicht so leicht, einen Verlag zu finden. Da mir das nach den „Hierarchien“ nicht mehr wirklich gelungen ist, brachte mich mein Mann auf die Idee, die Bücher selbst im Digitaldruckverfahren herauszubringen. 19 solche Bücher sind bis jetzt erschienen: Books on demand.
Von welcher Auflagenzahl und von welchen Kosten sprechen wir da?
Das ist relativ billig. Bei einer Auflage von 50 Exemplaren kostet das Buch zwischen fünf und zehn Euro, je nach Umfang. Das sind die Kosten für die Druckerei. Einige Exemplare gehen weg für Rezensionen, zwei trage ich in meiner Handtasche und zeige sie her. Bei Lesungen lege ich sie auf und ich stelle sie auch ins Internet. Von Verkauf kann man bei dieser Auflagezahl kaum sprechen. Die Bücher sind eher dazu da, mein Schreiben zu dokumentieren.
Was sind die Nachteile?
Zuerst die Vorteile: Man wird nicht von einem Zuschussverlag ausgebeutet. Bei den Kleinverlagen hat man auch oft wenig Kontrolle und die Abrechnung ist nicht immer durchschaubar. Da mache ich es gleich selber, behalte die Kontrolle und kann es machen, wie ich es will.
Zu den Nachteilen zählt, dass der Literaturbetrieb sehr überheblich auf Publikationen im sogenannten Eigenverlag reagiert und sie nicht zu Kenntnis nimmt. Ich gebe aber nicht auf. Bei den Textvorstellungen in der Alten Schmiede gibt es keine Probleme und ich habe inzwischen auch Rezensionen und manchmal eine Radiosendung.
Du organisierst auch eigene Veranstaltungen...
Die GAV gibt Gelegenheit dazu. Längere Zeit organisierte ich die Lesungen zum „Tag der Freiheit des Wortes“, der an den 10. Mai 1933, den Tag der Bücherverbrennungen durch die Nazis, erinnert, aber auch generell auf Unfreiheit und Unterdrückung hingewiesen wird. Seit einigen Jahren veranstalte ich eine Lesereihe “Die Mittleren - Literatur von Frauen“, bei der ich nach und nach die Frauen vorstelle, die ich im Laufe meines literarischen Lebens kennengelernt habe. So habe ich zum Beispiel mit Marlen Schachinger, Elfriede Haslehner, Judith Gruber Rizy, Erika Kronabitter, El Awadalla gelesen. Die nächste Lesung ist mit Ruth Aspöck, Cornelia Travnicek, Andrea Stift und Susanne Schneider geplant.
Von deinem literarischen Internetblog war schon mehrmals die Rede. Wie bist du dazu gekommen und wie handhabst du ihn?
Ich verfolge seit längeren die Lesungen zum Ingeborg Bachmann-Preis im Internet und habe bemerkt, dass schon in den Pausen die ersten Kommentare dazu in diversen Blogs auftauchen. Mit Hilfe meines Mannes habe ich dann meinen eigenen Blog eröffnet (
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
). Ich besuche viel literarische Veranstaltungen, lese einiges und weiß viel über den Literaturbetrieb, so stelle ich fast jeden Tag einen Artikel darüber ins Netz. Weiters ist das auch eine gute Möglichkeit, über das eigene Schreiben zu berichten und interessante Leute kennen zulernen. Durch die Möglichkeit per Mausklick gleich einen Kommentar abzugeben, kommt viel Kommunikation zustande. So habe ich z. B. Cornelia Travnicek durch meinen Blog kennen gelernt und verfolge auch ihren mit Interesse.
Kannst du uns vielleicht ein Beispiel geben?
Als ich wieder einmal in Harland war, schrieb ich einen Blog über Sommerfrische. Ich dachte: Schau dir den Residenzverlag an. Da ging ich durch den Stadtwald, den ich von einem Osterspaziergang kannte und stand auf einmal vor der Mülldeponie. Das NÖN Pressehaus steht auf einem freien Feld, vor dem Portal rauchten ein paar Männer und ein Schild mit „Unbefugten ist der Zugang verboten“, gab es auch. Das habe ich in meinem Blog beschrieben und erhielt am nächsten Tag einen Kommentar von Herbert Bitsche, dem Leiter des Residenzverlages.
Warum ich zur letzten Frage nicht mehr kam, steht im folgenden Ausschnitt aus Eva Jancaks Blog vom 05.01.2010.
Mein erster Erwerbsarbeitstag im neuen Jahrzehnt hat mit einer literarischen Begegnung begonnen, ist doch zu Mittag Robert Eglhofer mit seinem Aufnahmegerät gekommen und hat mir vorher die entsprechenden Fragen durchgegeben. Wie ich zu St. Pölten und der literarischen Gesellschaft stehe? Was es über meine Bücher und das Literaturgeflüster zu sagen gibt? Zu den Zukunftsaussichten sind wir dann nicht mehr gekommen. Da stand schon die nächste Klientin im Wartezimmer, was aber nichts machte, denn über Zukunftsaussichten lässt sich nur bedingt Auskunft geben.
Von meiner Seite ist es zwar einfach: Ich werde schreiben, solange ich kann und mir was einfällt, von der anderen ist es schwieriger...
Danke, liebe Eva, für das Interview. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute, vor allem, dass die andere Seite zu der dir gebührenden Einsicht kommt.
Eva Jancak:
Geb. 1953 in Wien, dort Psychologiestudium . Seither als Psychologin und Psychotherapeutin tätig. Lebt zeitweise auch in Harland/ St. Pölten. Schriftstellerische Arbeiten seit 1973 (Erzählung, Novelle, Roman). Seit 1987 freiberufliche Tätigkeit. Seither auch Mitglied bei der GAV. Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien 1982, Theodor-Körner-Preis, 1988 „Hierarchien oder der Kampf der Geräusche”, Roman 1990, Edition Wortbrücke, seit 1999 Herausgabe des unveröffentlichten Gesamtwerkes im Digitaldruck, zuletzt “Das Haus” 2009.
Bernd Damovsky KUNST DER VERGÄNGLICHKEIT
Seit 19 Jahren verbindet Batya Horn in einer kleinen Seitengasse - der Salvatorgasse 10 - in der Wiener Innenstadt Literatur, Bildende Kunst und Musik in ihrer Edition Splitter und Galerie Splitter Art. Bücher, Lesungen, Ausstellungen und Musikveranstaltungen fügen sich hier zu einer natürlichen Symbiose. Es ist das Lesen, das Schauen und Hören, diese Gleichzeitigkeit an Sinneswahrnehmungen, die Ingrid Reichel immer wieder in diese kleine Galerie im 1. Bezirk, am Rande allen Trubels, der VIPs, Jetsetter und Adabeis führt.
Der deutsche Bühnen- und Kostümbildner Bernd Damovsky vereint nicht nur in seinem Beruf, sondern auch als Mensch und Künstler die Kriterien der Sprache, der Musik und des Bildes. Seine bildnerischen Arbeiten wurden erstmals in Österreich ausgestellt.*
Zur Ausstellungseröffnung am 06.12.09 kam Bernd Damovsky am Vortag aus Berlin angeflogen. Mitten in den letzten Vorbereitungen sprach Ingrid Reichel mit dem außergewöhnlichen Künstler in der Galerie. Keine Atmosphäre der Hektik, sondern der Gemütlichkeit, der Besinnung erfüllte den noch nicht ganz fertigen Ausstellungsraum.
Dennoch, leicht macht es einem der sich selbst „ Sonntagsmaler“ nennende Damovsky nicht. Seit 2003 ist die Bühne der Deutschen Oper Berlin sein Berufsfeld. Privat drückt er sich künstlerisch ganz anders aus. An der Wand sechs Ölbilder. „Logbilder. Flüchtige Kartographie von Sehwegen“ von satten Farben und virtuosem Pinselstrich ergeben aus der Abstraktion eine Flut an Informationen für den Betrachter und ermöglichen ihm, seine eigene bildnerische „Wahrheit“ zu sehen. Verzerrte Figuren ringen mit Grimassen, schweben in einem luftleeren Raum. El Greco- und Bacon-Erscheinungen, Himmel und Hölle, Antike und Christentum kämpfen um ihre Existenz. Am Boden: mutwillig aufgelegte, gesammelte, kartonierte „kleine graphische s/w-Momentaufnahmen, in denen sich oft minimale Bewegungen,`“ Kopf- und Muskelreflexe“, in zeichenhafte Bildsprache übersetzen“. Welche Diskrepanzen sich von einer großen Bühne zu einer kleinen Ausstellungsfläche ergeben, welche Gedankengänge und welche privaten Anliegen damit verknüpft sind, dem ging Ingrid Reichel nach.
Das Bühnenbild ist eine Form von Kunst, die aber nach dem Stück wieder abgebaut, möglicherweise auch zerstört wird.
Es gibt Häuser, wie die Deutsche Oper Berlin, in denen Stücke seit 30 Jahren auf dem Spielplan stehen. Wir haben da noch Bühnendekorationen aus den 60ern. An einem normalen Stadttheater ist es so: Wenn ein Stück zwei Spielzeiten überlebt, ist es schon viel. Dann sind sie aber auch 30-mal gespielt worden. Es gibt aber auch Uraufführungen, die werden nur 4-mal gespielt, werden abgesetzt und wieder verschrottet.
Aber immerhin wird es dokumentiert.
Heutzutage gibt es Videoaufnahmen. Falls man das Stück wieder aufnehmen möchte oder für eine mögliche Fernsehübertragung. Aber sonst ist es eigentlich nicht üblich. Da guckt man als Bühnenbildner dann manchmal zu, wie seine Arbeiten zerkloppt werden und im Container landen.
Menschen fragen immer wieder: Tut das nicht weh, wenn zuerst etwas geschaffen und anschließend wieder zerstört wird?
Ich habe damit kein Problem. Ich habe auch von mir selber viele Sachen zerstört, verbrannt und habe dann gedacht: Hebe die Asche wenigstens auf. Habe ich auch gemacht und danngedacht, wirkliche Größe ist, die Asche auch noch wegzuwerfen.
Sie haben in Stuttgart Bildhauerei bei Rudolf Hoflehner studiert. Wie kommt man da zur Bühne?
Ich wollte anfänglich auch Bühnenbild studieren. Doch aus verschiedenen Gründen habe ich mich für Bildhauerei entschieden. Eigentlich interessierte ich mich damals schon mehr für Aktionskunst. Ich habe einen Steinbruch gemietet, wo ich mit einem Vorschlaghammer immer nur auf die Steine gehauen habe. Das war für mich damals „Kunst nach 1945“. Man hat sich halt als Student der 70er Jahre eher an Künstlern wie Marcel Duchamp & Co orientiert. Angesagt waren Happenings und Aktionskunst. Der große Oberkünstler war für mich Josef Beuys.
Warum sind sie nicht zu Beuys gegangen?
Ich glaube der hatte damals schon zu lehren aufgehört. 1975 war ich auf der “Documenta“, da hatte Beuys gerade diese 100 - Tage Akademie abgehalten. Damals habe ich einen Tesa-Film über ihn gedreht. Ich habe mir aus Tesa-Rollen eine Kamera gebaut und bin damit durch die Akademie gegangen und habe ihn „gefilmt“. Immer noch stolz bin ich darauf, dass der Meister, als er das sah, inne hielt, aufhörte zu reden und milde vor sich hinlächelte, bevor er seinen Vortrag fortsetzte. Das war für mich eine Art Initiationserlebnis. Natürlich habe ich auch brav am Aktzeichnen teilgenommen, was zum Bildhauerstudium gehörte.
Kommen wir zurück zur Vergänglichkeit, bzw. zur Kunst, die nicht für die Ewigkeit geschaffen ist. Ist das nun eine Frage des Gegenwartsbezuges oder war Kunst noch nie für die Ewigkeit da?
Ich glaube schon, dass klassische Bildhauer, die in Stein arbeiten, sich ein Material aussuchen, welches zumindest sie überlebt. Gestern habe ich einen Filmbericht über Stonehenge gesehen, wo man versuchte zu rekonstruieren, wie diese riesigen Menhire überhaupt errichtet werden konnten. Es wurde auch probiert, sie mit heutigen Werkzeugen zu bearbeiten. Das hat nicht funktioniert. Ich finde es faszinierend, dass die großen Steinplastiken der Megalithkulturen der Wissenschaft heute noch solche Rätsel aufgeben.
Haben Sie sich die Ölmalerei ausgesucht, damit sie Sie überlebt?
Nein.
Warum haben Sie dann Öl genommen?
Ich dachte: Wenn schon Farbe, dann Öl, weil die Ölfarbe eine stärkere Leuchtkraft hat als z.B. Acryl. Farbe ist für mich etwas sehr Rätselhaftes. Malen ist ein sehr intimer Vorgang zwischen Augen, Kopf, Bauch, Farbe, Pinsel oder Finger und der Leinwand. Da ist kein Stück dazwischen, keine große Bühne. Am Malen interessiert mich hauptsächlich der Prozess und nicht so sehr das Ergebnis.
Francis Bacon hat das einmal sehr schön beschrieben.
Francis Bacon ist ein gutes Stichwort. Als das Buch von David Sylvester mitBacon`s Interviews** damals in den 70ern herauskam, habe ich es wie viele andere verschlungen. Es war eine Sensation. Nachdem es lange vergriffen war, ist es, glaube ich, wieder neu aufgelegt worden. Es ist immer noch aktuell und spannend.
Ich fand interessant, wie jemand den Arbeitsprozess beim Malen als aufregenden, ja erotischen Vorgang beschreibt. Natürlich muss man auch dabei verzweifeln können. Anders als bei der Arbeit an einer Plastik aus Holz oder Stein kann man ein Bild aber jederzeit übermalen. Ich habe meine Bilder oft übermalt und dann hat meine Frau gesagt: „Um Gottes Willen, das war gerade so schön, und jetzt hast du es kaputt gemacht!“ Aber das fand ich nicht.
Wie ist das: Hat man früher von vorne bis hinten geplant? Oder ist die Behauptung: Künstler wüssten genau, wie das Endresultat eines Gemäldes ausschaut, ein Märchen? Ich frage, wenn es wirklich Kunst ist - und nicht irgendein Produkt der Vermarktung - kann es da überhaupt sein, dass der Künstler es fix in seinem Kopf haben will? Ist es nicht die Entwicklung, die den Anreiz gibt? Mit den eigenen Launen bekommt das Werk doch erst eine eigene Dynamik … und wird nicht starr.
Die Kommunikation zwischen Maler und Bild ist für mich das Reizvolle am Malen. Aber nicht unbedingt das Endergebnis. Es ist ja auch immer die Frage: Wann ist das Bild fertig? Es ist ein unbewusster Vorgang mit vielen Nebenaspekten, oft schwer in Worte zu fassen. Im Gegensatz dazu ist die Arbeit an einem Bühnenbild ein ganz anderer Vorgang, der strengen Gesetzen unterliegt. Da gibt es den Text des Stückes und die Musik, an denen man sich reiben muss, und die in Bilder umzusetzen sind. Beim Malen hingegen befindet man sich im offenen Raum, in einer Art Schwebezustand. Das kann sehr befreiend sein, aber auch beängstigend.
Doch sie entwerfen nach konkreten Gesichtspunkten. Sie haben vielleicht keine genaue Vorstellung. Da gibt es die Unschlüssigkeit der Betitelung der Werke. Sie haben vor der Aufzeichnung des Gesprächs von dieser Pinwand als Memento und Assoziationsstütze bei der Bühnenarbeit gesprochen. Die haben Sie ja auch beim Malen im Kopf.
Als Hinweis auf diese geistige Pinwand, die ich in diesem Fall von der Wand auf den Fußboden verlegt habe, bilden die auf Karton aufgezogenen SW-Fotografien eine Art Distanz oder Irritationszone. Obwohl der ganze Krempel, der sich im Kopf befindet und immer mitschwingt, einerseits anregt und etwas auslöst, andererseits auch blockiert und behindert, bekommt das Bild ein Eigenleben. Es soll auf keinen Fall die Illustration eines Themas sein. Gemälde sind etwas Organisches, wie Lebewesen. Jedes Bild ist eine Expedition in ein unbekanntes Land. Man begibt sich auf eine Reise, die in dem Bild festgehalten wird, und daraus entsteht etwas wie ein Logbuch.
Was bedeutet der Übertitel ihrer Ausstellung „Schweigendes Betreten“?
Es gibt ja das „Betretene Schweigen“. Natürlich hat das mit meiner Geschichte zu tun. Auf der Bühne wird gesprochen und gesungen, die Dinge werden verbal geäußert. Malen kann ich in der Stille.
Ein Bild kann schweigen, sich im Schweigen mitteilen. Es gibt Farben und Formen, aber keine Texte, keine Geschwätzigkeit. Im Grunde ist auch ein Bildtitel schon wieder eine Verbalisierung. Andererseits, wenn der Titel es schafft, Assoziationen zu erzeugen, die den Betrachter einladen, seine eigenen Phantasien einzubringen, ist eine zusätzliche Ebene gewonnen. Es gibt auch Künstler, die sich speziell des Textes in ihren Bildern bedienen. Ich denke z.B. an Anselm Kiefer oder Cy Twombly.
Auch für mich sind die mythologischen Erzählungen, die ja den großen Theaterstücken und Opern zugrunde liegen, Fundus und Inspiration. In meinen malerischen Arbeiten interessiert mich aber weniger deren Interpretation als die großen stummen Rätsel, die sie beschreiben, und die hoffentlich nie gelöst werden.
Dann tragen Sie ja zur Ewigkeit doch bei...
Mich fasziniert nicht die Ewigkeit, sondern die Vergänglichkeit. Die Naturprozesse. Das, was wächst, verwelkt, stirbt und wieder kommt. Der Prozess des Werdens und Vergehens, der vermutlich ewig ist. Ich glaube, dass es so einen ewigen Zyklus gibt. Was real ist, ist die Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod, vor dem Nicht-Mehr-Existieren. Das ist etwas, womit ich mich beim Malen beschäftige. Aber interessanterweise wird die Angst dabei nicht größer, sondern kleiner.
Sehen Sie darin einen Auftrag der Kunst?
Ich glaube, die Kunst hat den Auftrag, das Phänomen der Kreativität zu dokumentieren, das allen Menschen, vielleicht der gesamten Schöpfung eigen ist. Das ist eine gigantische Aufgabe. Vielleicht entdeckt die Menschheit doch eines Tages, dass jeder Mensch ein Künstler ist, zumindest sich kreativ betätigen kann.
Ich denke, das ist ein schönes Schlusswort. Danke für das Gespräch.
*Werkschau und Raum-Installation Bernd Damovsky: 07.12. 09 – 24.02.10 in der Galerie Splitter Art, Salvatorgasse 10/ Fischerstiege, 1010 Wien, www.splitter.co.at
**David Sylvester: Gespräche mit Francis Bacon. Erstauflage, London, 1975; Erweiterte Auflage, München, New York: Prestel, 1997. 220 S. Neuauflage 2009. 80 Farbabb., 116 s/w Abb.. ISBN 3-7913-4272-6
Originalausgabe: David Sylvester: The Brutality of Fact: Interviews with Francis Bacon. Thames & Hudson.
Bernd Damovksy:
Geboren 1953 in Fladungen/Deutschland. Studierte 1972 – 1978 Bildhauerei an der Akademie der Künste in Stuttgart beim österreichischen Staatspreisträger Rudolf Hoflehner. Seit 1984 Bühnen- und Kostümbildner, u. a. in Basel, Berlin, Bremen, Dortmund, München, Köln, Bonn, Freiburg und Hamburg. Zusammenarbeit mit Karl-Ernst Herrmann, Peter Stein, Jürgen Kruse und Claus Peymann sowie mit der Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms in Kiel und an der Deutschen Oper Berlin.
Seine enge Zusammenarbeit mit Peter Stein fand ihren Niederschlag unter anderem in der legendären »Orestie« an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. Künstlerisch und ästhetisch prägte er die Intendanzzeit von Kirsten Harmsam Theater Kiel (1995–2003) und an der Deutschen Oper Berlin (seit 2003). Er zeichnet für zahlreiche Ausstattungen an namhaften Häusern in Hamburg, München, Freiburg und Dresden verantwortlich. Zuletzt wurde sein Bühnenbild für das Ballett »Krieg und Frieden« (Choreographie: Xin Peng Wang) am Theater Dortmund als »Beste Ausstattung des Jahres 2008« mit dem Kritikerpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
Mark Benecke SPONTANE SELBSTENTZÜNDUNG
Ingrid Reichel bemühte sich keine Spuren zu hinterlassen, als sie den deutschen Kriminalbiologen und Spezialisten für forensische Entomologie Mark Benecke im Rahmen der GWUP-Konferenz (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) 2009 in Hamburg interviewte. Der Begriff Entomologie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Insektenkunde. Benecke konnte also anhand der Insektenbesiedlung auf einer Leiche so manchen Fall bearbeiten…
In Hamburg allerdings berichtete er über das Phänomen der Selbstentzündung, von Menschen also, die ohne Zutun sich in Flammen auflösen. In der Esoterik beteuert man immer wieder die innere Hitze als Beweis der menschlichen Energie. Ob es die Liebe oder gar der Hass ist, der uns so heiß macht, es wäre nicht verwunderlich, wenn Menschen, die zuviel Energie in sich haben und nicht wissen wohin mit ihrem Überschuss, sich einfach entflammen. Fiktive und phantasievolle Darstellung von Künstlern, davon gibt es ja genug. Und Menschen lieben die Mystik und das Unerklärliche. Wenn also ein Feuerwehrmann einen Leichnam findet, dessen Arme oder Beine beinahe unversehrt bleiben, hat er was zu rätseln. Und wenn er clever ist, benachrichtigt er z.B. Mark Benecke und erzählt ihm von seinem unglaublichen Fund.
Benecke zeigte anhand von Fotografien, wie sich ein Stück Fleisch, in seinem konkreten Experiment waren es Schweinebrustkörbe sowie ein ganzes Schwein, reagieren, wenn es bekleidet angezündet wird. Außerhalb verkohlt es, doch unterhalb der schwarzen und abbröckelnden Kruste bleiben noch klar erkennbare Substanzen übrig. Das heißt in dem Fall der spontanen Selbstverbrennung müsste das Fleisch von innen her verkohlen, tatsächlich ist es aber immer von außen her verkohlt. In dem einen konkreten Fall, wir nennen ihn nach dem Opfer den Fall der Adele, konnte Benecke nachweisen, dass die vermutete Selbstverbrennung über das Sammeln von Muscheln passierte. Muscheln, die mit Phosphorpartikeln aus Bomben aus dem zweiten Weltkrieg behaftet waren, entzündeten sich in der Jackentasche der Sammlerin, während sie im Auto neben der aufgedrehten Heizung saß. Frau Adele überlebte mit knapper Not, weil sie mit ihrer Familie unterwegs war, als der Vorfall passierte. Benecke recherchierte über einige Jahre, bis er den Fall vollständig klären konnte.
Ist der Beruf des Kriminalbiologen nicht noch eine Rarität?
Das kommt darauf an. Genetische Abdrücke machen viele. Es gibt in jedem Land ein örtliches oder bundesweites Kriminalamt …
Aber diese forensische Entomologie …
Ja, das ist eine besondere Spezialisierung. Ich bin zudem öffentlich bestellter und vereidigter beeideter freiberuflicher Sachverständiger; das ist gewiss ungewöhnlich.
Führt dich diese ungewöhnlich Kombination auch ins Ausland, z.B. nach Amerika?
Nicht bei echten Fällen, die können die KollegInnen auch alleine bearbeiten. Ich habe aber von 1997 bis 1999 in der Rechtsmedizin Manhattan als Kriminalbiologe gearbeitet und fahre immer noch zu den U.S.-Kongressen der Forensiker.
Speziell auf die Häufigkeit der Spontanverbrennungen, wie oft kommt das tatsächlich vor? In den Medien wird davon kaum berichtet.
Das hängt davon ab, ob es der Presse, dem Fernsehen oder einem Kollegen erzählt wird. Das kann ich nicht sagen, wie oft das vorkommt. Das weiß ich nicht. Wie oft jetzt diese spezielle Zusammenstellung stattfindet, die dann in dieser Erscheinung resultiert, dass hauptsächlich nur mehr Arme oder Beine übrig bleiben, das weiß kein Mensch. In Amerika und Europa guckt man da natürlich eher drauf, weil dort gründlicher dokumentiert wird. Aber was da in Asien passiert oder in anderen, kleineren Ländern… es ist halt eine Frage der Berichterstattung. Darüber kann man keine Statistik machen.
Du hast in deinem Vortrag erwähnt, dass du ausschließlich Kleidung aus Synthetik trägst. Gibt es dafür einen besonderen Grund?
Weil man die sehr gut waschen kann. Baumwollklamotten gehen beim häufigen Waschen sehr schnell kaputt oder färben aus oder beides.
Synthetik brennt doch aber leicht, ich denke an die Experimente, die du zur Veranschaulichung dieses Vortrags gefilmt hast.
Ich weiß gar nicht, ob die so leicht brennen. Ich trage so Outdoor-Equipment, das könnte auch irgendwie schwerer entflammbar sein.
Bezüglich des Outfits, warum bist du mit so vielen Karabinerhaken ausstaffiert?
Ich habe für meine Koffer, die ich immer im Zug schleppen muss, so ein Gestänge, da muss ich meine Taschen anklemmen. Meine Ausrüstung besteht aus einer Zusammenstellung verschiedener Taschen. Mit den Karabinern befestige ich sie über ihren Henkel an das Gestänge.
Wie genau kann man heute in so einem Kriminalfall den Todeszeitpunkt feststellen?
Das kommt auf die Umstände an. Wenn du die Temperatur gut kennst, ja vor allem die Temperatur, aber auch den Kaliumgehalt des Auges, die Erregbarkeit der Skelett-Muskulatur und so weiter, dann kann man den Zeitpunkt des Todes an einer Leiche ziemlich genau feststellen.
Im Krimigenre, ob Literatur oder Film, wird damit massenhaft Schindluder getrieben. Berätst du Autoren?
Ja klar. Wenn sie mich fragen. Die meisten Autoren lehnen aber eine Beratung ab, weil sie im Endeffekt ja was Verrücktes erfinden wollen. Sie wollen nur ein paar wissenschaftliche Worte hören, die sie einstreuen können. Aber in der Regel sind sie nicht daran interessiert, ihren Fall realistisch vorzuführen, weil sonst der ganz Plot kaputt geht. In 99 % der Fälle ist das nur ein Witz. Man streut ein bisschen Wissenschaft als Salzkörnchen rein. Aber das ist fast nie ernst gemeint.
Es boomt an forensischen Serien. Wie sehr liegen die daneben?
Das weiß ich nicht. Ich habe keinen Fernseher.
Kein CSI, keinem Täter auf der Spur?
Kein Fernseher.
Als freiberuflicher forensischer Entomologie, von wem wirst du beauftragt?
Wen es interessiert. Es können mich Angehörige anrufen, die Betroffenen selber, der Staatsanwalt, der Richter oder die Polizei. Das ist wie bei einem Kfz-Sachverständigen. Wir haben laufend mehrere Fälle zu bearbeiten. Es ist viel zu tun.
Und das sind ja ausnahmslos Kriminalfälle. Wie steht es mit den anderen Fällen, von denen du berichtet hast?
Ja, die nehmen wir auch auf. Das sind dann eher Anfragen, Presseanfragen. Da war was mit Geisterjägern in der Art, sie fragen mich dann: „Sag mal, verarschen uns die Leute jetzt? Es gibt doch keine Geister!“ und sie wollen wissen, wie man das prüft. Da kommt es dann darauf an, was diese Quelle behauptet genau gesehen zu haben. Hat die Person einen Schatten gesehen, eine Windböe, was hat sie gehört? So etwas nehmen wir auch als Fall auf, aber nur wenn es eine konkrete Fragestellung dazu gibt. Wenn die Leute fragen: „Gibt es Geister?“, dann kann ich nichts dazu sagen. Wir können nur konkrete Ereignisse prüfen, bei denen es etwas zu messen und anzusehen gibt.
Die Aufklärung des Falls der Adele, den du in deinem Vortrag als Fall der Selbstverbrennung gebracht hast, dauerte über Jahre. War Frau Adele dann zufrieden mit deiner Antwort?
Ich weiß gar nicht, ob sie über den letzten Stand der Dinge informiert worden ist, weil nicht sie, sondern National Geographic der Auftraggeber war. Wie weit sie von National Geographic informiert wurde, weiß ich nicht. Sie hat es aber hoffentlich im Fernsehen gesehen, das lief ja zigmal rauf und runter...
Glauben tatsächlich Menschen, dass sie von sich aus brennen können?
Ja, das glauben sehr viele Leute. Wenn du dir die Bücher anschaust, die gelesen werden, siehst du, dass viele Leute daran glauben. Es fängt mit Yoga als Energiequelle an und autogenem Training. Das geht dann stufenlos weiter über psychische Energien und Auren sowie mit dem Glauben, dass man mit gewissen Teilchen - noch nicht entdeckten Pyrotronen - was sprengen kann. Diese Energievorstellungen sind sehr weit verbreitet. Der Großteil der Menschheit glaubt an irgendwelche Energieströme. Dass man dabei selbst entflammt, ist nur eine Variante. Z.B. wie definierst du, dass beim autogenen Training deine rechte Hand warm wird? Die meisten Leute würden sagen, dass das durch Energieflüsse passiert. Dass die Blutgefäße arbeiten, würden ja nach Denkrichtung nur sehr wenige antworten.
Emotionale Reaktionen …
Genau. Aber der Sammelbegriff "Energie" stimmt ja immer.
Ich danke für das Gespräch und informiere noch unsere Leser und Leserinnen, dass Mark Benecke Autor von über 10 Büchern ist, die auch großteils ins Englische übersetzt wurden. Das letzte „Warum man Spaghetti nicht durch zwei teilen kann“ erschien beim Verlag Luebbe, 2009, in dem er wieder vom Spaß-Nobelpreis/ Ig Nobel Prizes berichtet. Die Rezension befindet sich im Rezensionsteil dieses etcetera.
Mark Benecke:
Geboren 1970 in Rosenheim/Bayern. Studium der Biologie, Zoologie und Psychologie an der Uni Köln. Polizeitechnische Ausbildungen im Bereich der Rechtsmedizin in den USA, darunter FBI-Academy. Unterrichtet an Polizeischulen und ist Gastdozent in den USA, Vietnam, Kolumbien und auf den Philippinen.
Publikation vieler populärwissenschaftlicher Bücher. Gastherausgeber der Forensic Science International und Mitglied der GWUP. Veröffentlichungen in deren Zeitschrift „Skeptiker“. Seit 1999 jeden Samstag Beiträge auf Radio Eins (Deutschland). 1989-2000 Schlager-Punk-Band „Die blonden Burschen“. Bekannt auch wegen seiner rechtsmedizinischen Beratung als Kriminalbiologe bei Sendungen wie „Niedrig und Kuhnt – Komissare ermitteln“, „Galileo Mistery“, „Medical Detectives“ und „Autopsie“. www.benecke.com