Hermine Reisinger: Der kleine Bericht vom großen Kindesmissbrauch. Ingrid Reichel

Hermine Reisinger

DER KLEINE BERICHT ZUM GROßEN KINDESMISSBRAUCH

 

 
Eine Internetrecherche brachte Ingrid Reichel zu einem digitalen Briefwechsel mit Hermine Reisinger. September 2008.
(etcetera 35/ KIND)

 

Wir leben in einer Zeit, in der man dem Kindesmissbrauch gegenüber hellhörig geworden ist. Vermutlich sind es die Schicksale von Natascha Kampusch oder die Angehörigen des Herrn Fritzl, die uns, auch wenn nur kurzweilig, für die Jüngsten unserer Gesellschaft sensibilisieren.

Eine Internetrecherche brachte mich in Kontakt mit der Kärntnerin Hermine Reisinger. Ihre Homepage www.gegensexuellegewalt.at bietet eine Plattform für Aufklärung und Information gegen sexuelle und körperliche Gewalt. Sie war sofort zu einem Interview bereit. Unser Mailkontakt war schon ziemlich fortgeschritten, als der bekannte Kinderpsychiater und Experte Dr. Max H. Friedrich wegen seiner Gutachten plötzlich im Kreuzfeuer der Presse und auch des Gerichtes stand. Am 14.09.08 wurde im ORF 2 um 22 Uhr in der Sendung Im Zentrum mit renommierten Gästen eine Diskussion geführt. Wie schlecht Österreichs medizinische Gutachter bezahlt werden, dass sie keinerlei Verantwortung tragen müssten und dass im Generellen durch gesetzliche Defizite es keine fachlichen Standards bezüglich dieses Themas im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz gebe. In Österreich herrschen skandalöse Zustände, soweit waren sich alle einig. Doch H. Reisinger veröffentlichte auf ihrer HP seit langem die misslichen Zustände in Österreich, von den psychiatrischen Gutachten, den Vorgangsweisen der Gerichte, bis hin zu den Jugendämtern. Laut einem Artikel des Falters aus dem Frühjahr 2007 (http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=455) hat Hermine Reisinger „496 entlassene tickende Pädokriminelle“ aus Zeitungsmeldungen herausgefiltert und auf ihrer HP veröffentlicht.

Es ist eher der Trend so, dass das Opfer schweigen soll und nicht erzählen darf, was ihm der Peiniger angetan hat! Und dagegen verwehre ich mich!

 

Sie selbst nennt sich „Ex-Kindopfer von sexueller sowie körperlicher Gewalt“. Von einer Tortur, der sie von ihrem 2. bis zu ihrem 14. Lebensjahr ausgesetzt war, befreite sie sich selbst indem sie mit einem Erziehungsheim vorlieb nahm und sich gegen jenen Pflegeplatz, den die Fürsorge für sie bestimmt hatte und der für sie zur Hölle wurde, entschied. Jener Pflegeplatz war von der Fürsorge Linz Urfahr/ Umgebung als einer der besten Österreichs ausgezeichnet. Mit 15 Jahren hatte sie schließlich mehrere Anzeigen gemacht und dadurch zwei weiteren Mädchen von sechs und acht Jahren, die wieder von der Fürsorge zu jenen Pflegeeltern gebracht worden waren, die Hölle erspart! Als Kind hatte sie drei Täter zu verkraften, erzählt sie mir weiter.

 

Mir kann niemand mehr die Qualen abnehmen, aber ich will, dass die Menschen davon hören […]. Die Kinderschänder sind gut organisiert. Durch die Justiz und die Gesetze, den Psychiatern und Sanatorien sind sie vor einer Haft geschützt oder werden durch vorzeitige Entlassung unterstützt. Ich, als Opfer musste selbst schauen, wo ich bliebe! Es muss sich gravierend in unserer Gesellschaft etwas verändern.“, schreibt sie mir weiter. „Als ich angezeigt habe, und der Haupttäter und die Mittäterinnen frei gingen, hatte ich Schuldgefühle, die mich lange Jahre quälten, da ein Freispruch für mich gleichzusetzen war mit der Unschuld der Täter und Mittäterinnen für die Öffentlichkeit. Außerdem passierte dies in dem Ort, wo ich 14 Jahre lang gewohnt hatte! Ich gab mir selbst die Schuld! Und ich vertraue bis heute keinem Menschen, auch nicht Gerichten!

 

Gemeinsam erläutern wir den psychologischen Effekt des Schuldgefühls bei Kindern, die Opfer eines sexuellen Verbrechens wurden. Aus mangelnden rhetorischen Fähigkeiten büßt das Kind seine Glaubwürdigkeit ein, wird durch Drohungen manipuliert, verdrängt und verliert schließlich sein Selbstbewusstsein. Das seien im Wesentlichen die Gründe, warum erst nach Jahren „die krassen Fälle durch die Opfer selbst aufgedeckt werden“.

 

Die traurigste Rolle in dieser Misere spielen allerdings die Mütter. Die Mütter würden nur selten die Initiative zur Rettung des Kindes ergreifen. Der leichtsinnige Glaube an die falschen Versprechen ihrer Männer, es nicht mehr zu tun, ließe sie an die „Idylle der guten Familie“ festhalten. „Man traut keinem Menschen mehr, denn wenn die Mutter nicht einmal fähig ist die Qualen eines Kindes zu beenden, wer sollte es dann noch tun wollen?“ fragt sich die Initiatoren der Selbsthilfegruppe. Am schlimmsten für die Kinder wären jedoch die Hilfeversprechen, die nicht eingehalten werden.

 

H. Reisinger ist davon überzeugt, dass die Verurteilung des Täters die Schuldgefühle des Kindes mildern würden. Die Aufklärungen in der Schule bezüglich sexuellen Missbrauchs hingegen bezeichnet H. Reisinger als teure und zahnlose Rollenspiele. Nicht betroffene Kinder könnten ihrer Ansicht nach nichts damit anfangen. Aufklärungsunterricht sollte vielmehr für die Eltern und die Lehrer organisiert werden. „Ich habe die Erfahrung in Villach gemacht, dass die Schulpsychologin ablehnte, als ich für Eltern und Lehrer Vorträge bei Elternabenden vorgeschlagen hatte.“

 

Viel gravierender als die Fälle Kampusch und Fritzl empfindet sie die zahllosen sexuellen Peinigungen, denen Kinder für „Kinderpornographien“ - bei denen sexuelle Gewaltverbrechen mitgefilmt werden, ausgesetzt werden. Die Gesellschaft verharmlose schlichtweg. Es fehle der „ehrliche Umgang“ mit dem Thema.

 

H. Reisinger sieht große Fehler und verabsäumte Hilfestellungen bei den Behörden. Sie findet es unverantwortlich, wenn sich Fürsorgeämter und Kinderschutzvereine bei Kinderschändung gegen eine Anzeigepflicht wehren. „KEINE Anzeigepflicht, ist Kinderschänderlobbyismus in meinen Augen! Denn die Dunkelziffer ist weit höher, aber die Fürsorge und Kinderschutzzentren sind Vereine und kontrollieren sich selbst und daher gibt es auch keine Transparenz! (Ein Beispiel: 2004 NÖ. 5000 Anzeigen bei diesen Vereinen – 108 Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft!) Was ist mit den anderen 4892 Fällen und Kinderschändern geworden? Waren das alles unschuldig Verdächtigte? Oder wurden sie zu Neustart in Therapien geschickt mit dem Versprechen dem Kind nichts mehr zu tun?

Auch wären die Kontrollen der Fürsorge nichtssagend, da sie ihren Besuch 14 Tage vorher schriftlich bei den Pflegeeltern ankündigen. Daran habe sich in den letzten 50 Jahren nichts geändert.

 

H. Reisinger kämpft für die Veröffentlichung der Täternamen. Sie hat sich während ihrer Tätigkeit keine Freunde gemacht. Auf die heikle Frage der damit verbundenen möglichen unberechtigten Denunziation reagiert sie entschieden: „Das höre ich in allen Diskussionen und auch TV-Sendungen, wenn man dieses Thema sexuelle Misshandlung - Gewaltverbrechen diskutiert!

Ich verachte solche Methoden und bin für harte Strafen, wenn Frauen falsche Verdächtigungen aussprechen und Kinder zu solchen Aussagen manipulieren, um dem Mann oder Ex-Partner eins auswischen zu wollen!

Aber da es gar nicht so leicht ist, sexuelle Misshandlungen an Kindern bei Gericht durchzukriegen, so kann ich es mir ehrlich gesagt sehr schwer vorstellen, dass das die Masse sein soll!

Aber wenn falsche Beschuldigungen stattfinden, tut man so, als ob es Hunderttausende solcher Fälle wären!

Im Vergleich wagt H. Reisinger zu behaupten, dass drei Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch im Jahr in Österreich aufgedeckt werden. Diese würden ganz groß medial präsentiert. Hingegen gebe es 200.000 Kindopfer, die niemand kenne oder die von Familien und Fürsorgen vertuscht werden würden. Die anteilige Zahl dieser Prozesse in Österreich beriefe sich auf nicht einmal 0,01 %.

H. Reisinger verweist nochmals auf die vielen „sexueller Misshandlungs-Folter- Gewaltverbrechensfilme“, die auf Videos und DVDs erscheinen, mit denen gehandelt wird, die getauscht werden und schließlich auf den Plattformen der Kinderschänder abgelegt werden und im gesamten Internet kursieren. Beweise wären für diese Verbrechen genug zu finden. Die am 15.01.09 angelobte neue Justizministerin Mag. Claudia Bandion-Ortner versprach bei ihrer Amtsantrittsrede verstärkt gegen Kinderpornographie vorzugehen.

 

Kurzbiografie: Hermine Reisinger

Geb. 1951 in Linz OÖ. Beruf: Glasmalerin,– freischaffendes Horizontales Gewerbe -spätere Ausbildung zum Glaskünstler 1996 bis 1998, Unternehmerprüfung 1997. Selbsthilfegruppe begonnen Mai 1994 bis Dez. 2004 beendet. Lebt in Kärnten. Homepage „Information und Aufklärung“ für Betroffene aber auch „NICHT“ Betroffene seit 2003.

www.gegensexuellegewalt.at

 
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