INGRID REICHEL
im Gespräch mit Eva Riebler
erschienen im LitArena 2/etcetera 22/November 2005

Im Oktober 2005 spricht Eva Riebler mit Ingrid Reichel über ihren letzten Zyklus „zart beseitigt“, dem aus diesem Zyklus zugehörigen Bild „verlegt“, welches als Bühnenbild für die LitArena 2 dient und über die Wertigkeit der Kunst.

Liebe Ingrid, durch die Titelwahl deiner Bilderserie „zart beseitigt“ drängt sich für mich spontan die Frage auf: Kannst du dich mit Freude und gutem Gewissen Künstlerin nennen angesichts der Tatsache, dass dem ein Hauch an Asozialem im Sinne von Nichtstun oder Sinnlosem tun anhaftet?

Seit einigen Jahren vermeide ich diese Betitelung, da sie einerseits immer noch im Ruf steht, kein anständiger Beruf zu sein und andererseits beneidet wird, Narrenfreiheit zu haben. In Wirklichkeit ist man vogelfrei im Sinne einer Zielscheibe. Ich komme gerade von einem professionell organisierten Symposium über regionale Kulturarbeit in Europa. Trotz gut gemeinter Ratschläge an die Kulturschaffenden, bleibt mir ein schaler Geschmack. Ich fühle mich als Künstler missbraucht. Die Kunst wurde schon immer als politisches Sprachrohr benutzt, nur meinte ich, dass man seit 1900 in demokratischen Systemen den Weg zur FREIEN KUNST geschaffen hätte. Vielleicht liegt es an einem Definitionsproblem. Wer von Kultur spricht, spricht nicht unbedingt von Kunst. Diese ist nur eine kleine Sparte, die aber vom finanziellen Topf das Meiste fressen will und es ist noch nicht geklärt, ob sie zur Bildung oder zur Kultur gehört. Für mich persönlich ist Edukation teil der Kultur. Zwanzig Jahre scheinen nun, laut Prof. Dr. Max Fuchs (Referat: Kulturelle Identität in Gefahr?) Politiker bezüglich unserer Kultur geschlafen zu haben. Durch die freie Wirtschaft wurde sie zu einer Dienstleistung vermarktet. Nun droht uns auch hier die Globalisierung. Die Kunst an sich ist grenzenlos und wenn die UNESCO am 22. Okt. d. J. eine Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt verabschiedet hat, dann können wir nur hoffen, dass die Wirtschaft (WTO) nicht zu mächtig ist und die Ratifizierung verhindert. Wenn es Grenzen gibt im künstlerischen Bereich, dann sind es die Grenzen des Künstlers selbst und die auferlegten politischen und finanziellen. Die regionale Kultur, die trauriger Weise schon geschützt werden muss gegen die Mc Donaldisierung, hatte ja immer ihre eigenen Grenzen zu ihrem eigenen Schutz bewahrt.

Hat der Künstler also den Auftrag, der Mc Donaldisierung entgegenzuwirken?

Ich sehe für mich mittels der Malerei die Möglichkeit die Jugend zum Denken zu bewegen. Ich habe Jugendprojekte in St. Pölten geleitet, die jeweils drei zeitspezifische Themen zur Auswahl hatten. Die Kinder und Jugendlichen erfassen sehr wohl das Zeitgeschehen, wenn man sie dahin führt. Es gab Werke darunter, die Museumsreife hatten und weitere, die damals das Szenario von 9/11 mit einstürzenden Hochhäusern bereits vorweg nahmen. Unerklärlich ist mir, dass von 20 TeilnehmerInnen nur wenige Eltern zur Präsentation der Bilder im Stadtmuseum kamen. Den Erziehungsauftrag an die Lehrer und Künstler abzuschieben, halte ich für verantwortungslos.

Da du als Themenfindung für deine Werke die Assoziationskette strapazierst und viele Verweise auf historische Figuren bevorzugst, ist für mich die Nachvollziehbarkeit für Otto, dem Normalverbraucher offen.

Die Assoziationsketten sind für mich im Moment die einzige malerische Ausdrucksweise um der wirtschaftlichen Konsumation entgegenzutreten. Meine Assoziationen sind Erinnerungsfragmente aus der Kindheit und Jugend, die sich mit der Gegenwart vermischen. Ich denke, die Kultur, in der wir aufwachsen und die Bildung, die wir genießen, uns zu dem machen, was wir sind. Otto Normalverbraucher ist für mich ein Konsument und meine Bilder sind nicht zur Konsumation gedacht, sondern zur geistigen Bereicherung.

Ha, ha (lacht). Also ist der Kauf im Sinne von Konsum auch nicht vorgesehen? Deine letzten Werke bezeichnest du als Plakatbilder und sprichst über Wurzeln, Identität und sagst u.a. „wozu brauchen wir Helden?“

Für mich war die Malerei schon immer eine Möglichkeit sozial-politische Themen zu vermitteln. Die Plakatbilder, wie ich sie nenne, sind eine Kritik an unsere Kunst. Die Kunst ist nicht mehr wert als sie beinhaltet. Oft sind Plakate, ich denke an Benetton z.B. provokativer als irgendein Meisterwerk. Mein letzter Zyklus „zart beseitigt“ setzt Literatur und unseren Umgang mit ihr bildnerisch um. Die Helden, Heroen und Idole werden hergenommen um die Verantwortung auf diese abzuschieben, sei es auf Terminator, Spiderman … Warum kann man nicht zur Abwechslung einen Philosophen als Helden sehen? Sloterdijk erscheint in der Ritterrüstung und verteidigt die Kyniker, indem er sie von den Zynikern unterscheidet. Der Titel „hunde wollt ihr…“ ist nur ein weiterer Griff in die Trickkiste um unserer Gesellschaft den Spiegel hinzuhalten. Das Plakatbild „verlegt“, welches in diesem Heft erscheint, habe ich speziell für die LitArena gemacht und dient als Bühnenbild während der Preisverleihung. Der Titel „verlegt“ ist nichts anderes als ein Wortspiel. Man Verlegt etwas damit es nicht in Vergessenheit gerät, vervielfältigt es, damit es jedem zugänglich ist. Dabei entsteht das Paradoxe des Verlegens. Beim Weglegen, Wegräumen, beginnt die Kunst des Verlegens, das Unauffindbare wird vergessen. Dieses Werk drückt nichts anderes aus als: auch wenn du es trotz vieler Mühe und Unannehmlichkeiten erreicht hast, verlegt zu werden, heißt dies noch lange nicht unsterblich geworden zu sein. Die abgebildeten Autoren auf diesem Bild haben es geschafft. Insofern sehe ich meine Arbeit auch als Motivation für die (noch) nicht preisgekrönten Literaten.

Du hast eine kleine Serie Beine oder eben Gehende mit dem Titel geh.ende. Für dich ist das Thema Gehen der Urausdruck der menschlichen Existenz, die Definition des Werdens und Seins.

Die Gehenden auf meinen Bildern zeigen meine Reaktion auf das Attentat am 11.9. und auf den Angriff der USA, dem reichsten Land der Welt, auf Afghanistan, dem ärmsten Land der Welt. Sie versinnbildlichen, dass wir spätestens auf der Flucht alle gleich sind.

Liegt die Betonung bei dieser Schreibweise geh.ende nicht genauso auf ENDE?

Ja, sicher! Seh mich als geh.ende!

 
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