PETER HENISCH
im Gespräch mit Eva Riebler
erschienen im ERSTE KLASSE/etcetera 23/März 2006

Das Interview entstand nach der Preisverleihung des Würdigungspreises des Landes NÖ am 25.11.05 im Festspielhaus St. Pölten.

In Österreich gibt es nicht allzu viele Autoren, die ohne einen Nebenerwerb, sei es an der UNI oder in einem Sekretariat, von Ihrer Literaturproduktion leben können. An oder ab welchem Ereignis erkennt man als Autor, NUR Literat und Autor sein zu wollen oder zu müssen?

Henisch: Was mich betrifft, so war die Idee, Schriftsteller zu werden, schon sehr früh da. Eigentlich schon in der Volksschule, obwohl von ernsthaftem und konsequentem Schreiben erst in den Gymnasialjahren die Rede sein kann. Noch als ich in die 7. Klasse gegangen bin, wurden erste Texte von mir veröffentlicht, und zwar in den Neuen Wegen, einer Zeitschrift des Theaters der Jugend, die damals eine nicht geringe Bedeutung für die sog. Junge Literatur gehabt hat. Darin sind z. B. auch schon sehr früh Texte von Aichinger, Artmann und Mayröcker erschienen. Ich studierte dann, aber im Grund genommen im hinhaltenden Kampf gegen das Ergriffenwerden durch eine sogenannte bürgerliche Beschäftigung. Die Studienfächer (erst Psychologie und Kunstgeschichte, später Philosophie, Geschichte und Germanistik) haben mich durchaus interessiert, aber was mir wirklich wichtig gewesen ist, war das Schreiben. Diese mir gemäße Ausdrucksform immer besser zu beherrschen, daran und somit an mir und meiner Wahrnehmung der Welt zu arbeiten, und das nicht abreißen zu lassen. Das war mir das Wichtigste. Alles andere habe ich insgeheim nur als Mittel zu diesem Zweck gesehen. So war das. Das hab ich ungefähr sieben Jahre durchgehalten. Und die ganze Zeit über immer wieder Texte an Literaturzeitschriften geschickt. Davon gab`s damals mehr als heute, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, außerdem haben auch manche Tages- und Wochenzeitungen literarische Texte abgedruckt. Auch Lesungen hab ich gemacht, gemeinsam mit Autorenkollegen bin ich in Kellertheatern und Kulturbeiseln aufgetreten, also da war schon einiges los, bis es richtig losgegangen ist. Richtig losgegangen ist es dann gegen Ende der Sechzigerjahre, da hat es schon eine gewisse Nachfrage nach meinen Texten gegeben. Da ist immer mehr von mir in österreichischen aber auch in deutschen Zeitschriften erschienen. Na ja und dann hab ich eines Tages einen Anruf von einem Lektor des S.Fischer-Verlags bekommen. Von so etwas können viele Kollegen und Kolleginnen nur träumen, heute ist das noch unwahrscheinlicher als es damals war, aber zu jener Zeit waren die Verlage sehr offen für Neues, haben nicht nur in Bestsellerkategorien gedacht, es gab da einige neue Reihen für junge und experimentelle Literatur. Na jedenfalls hab ich einen Verlagsvertrag von Fischer zugeschickt bekommen, einen Vertrag für ein erstes Buch ("Hamlet bleibt") mit einer Option auf zwei weitere Bücher. Und das war für mich schon der Punkt: jetzt hab ich es erreicht, hab ich mir gesagt, jetzt bin ich ein freier Schriftsteller. Ich sag manchmal "freischwebender Schriftsteller", weil das sowohl das gute Gefühl kennzeichnet, das ich dabei habe, als auch das Bewusstsein des Risikos: wer frei schwebt, kann natürlich jederzeit abstürzen. Aber das gehört dazu, wer allzu große Sicherheitsbedürfnisse hat, muss einen anderen Beruf ergreifen. Und das ist ja kein Beruf, wie die meisten anderen - ich meine, die meisten anderen Berufe sind genau genommen Jobs. Etwas, das man macht, um Geld zu verdienen, dies oder das, im Grunde genommen ist es egal, worum es sich handelt, Hauptsache man wird ordentlich dafür bezahlt. Es gibt Ausnahmen, gewiss, den Lehrberuf zum Beispiel, wenn man ihn verantwortungsbewußt betreibt und noch ein paar andere. Aber generell ist es doch so: Es kommt nicht darauf an, was du machst, sondern was du verdienst, das, was man Selbstverwirklichung nennt, findet für einen Großteil der modernen Menschen nicht im Beruf statt, sondern in der Freizeit - das lässt man sich zumindest einreden. Beim Schreiben, so wie ich versteh, ist das halt anders: das ist eine Existenzform. Dazu gehört es nicht unbedingt, dass man materiell davon lebt, aber ideell tut man das gewiss. Besser ist es wohl, wenn man es auch materiell schafft, ganz einfach schon deshalb, weil es, wenn man es ernst nimmt, den ganzen Menschen fordert. In meinem Fall war es so, dass ich damals, als der Verlagsvertrag gekommen ist, die Dissertation , mit der ich zu diesem Zeitpunkt seit drei, vier Jahren beschäftigt war, weggelegt und in den nächsten paar Jahren alle Brücken zu so genannten anständigen Berufen hinter mir abgebrochen hab. Die Möglichkeiten, doch noch einen anderen Beruf zu ergreifen, reduzieren sich dann ohnehin sehr rasch. Sicher: Eine Zeit lang hätte ich noch immer meine Lehramtsprüfung machen und als Gymnasiallehrer arbeiten können. Das hätte ich, wie gesagt, auch für sinnvoll gehalten. Aber als ich die ersten zehn Jahre als freier Schriftsteller hinter mir hatte, also die zwischen 30 und 40, da wär das vermutlich auch kaum mehr möglich gewesen. Also hab ich meine Bücher geschrieben. Erstens, weil das genau das war, was ich gewollt hatte, und zweitens, weil ich gar nichts mehr anderes tun konnte. Manche von diesen Büchern leben noch immer. Und ich lebe auch noch immer. Also bin ich ein lebendes Beispiel dafür, dass das geht.

Wie lebt es sich seit der Würdigung als Preisträger für Literatur 05 des Landes NÖ?

Henisch: Ein Preis ist natürlich etwas Erfreuliches. Wenn man ihn annehmen kann, weil einem die Leute, die dahinter stehen, nicht allzu peinlich sind, so kann man ihn, bei aller prinzipiellen Skepsis Lobhudeleien und Ehrungen gegenüber, auch als ehrenvoll empfinden. Hier wird also mein bisheriges Werk gewürdigt, ich finde, das hat seine Richtigkeit. Ich hoffe, noch eine gute Weile dran weiter arbeiten zu können - die 11.000 Euro, die man mir angewiesen hat, sind ein Beitrag dazu. Man braucht sich keine Illusionen darüber zu machen, wie lang das vorhält. Aber es ist nicht schlecht, es ist eine Hilfe. Im Grund genommen geht es doch immer nur darum, von einem Buch zum nächsten zu kommen. Das kann ich auch ohne Preise (und ich hab vor dem jetzigen schon ziemlich lang keinen finanziell nennenswerten bekommen), aber mit Preisen geht es besser.

 
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