Der Amateur: Richard Latzin. Rez: A. Eder

Alois Eder
VORHANG AUF!
Erstmals die Landeshauptstadt im Roman

 
DER AMATEUR
Richard Latzin
Wien: A-Uhudla Verlag, 2007. 320 S.
ISBN 10: 3-901561-75-7
Euro 21.90

 

 

 

... dass St. Pölten, ausgerechnet St. Pölten, dem niederösterreichischen Sonderstatus ein Ende gesetzt hat. Eine Stadt, die nach einem Gegenpapst benannt ist ... Sicher ein Stein des Anstoßes für einen Hobby-Geographen, der stolz darauf ist, alle Hauptstädte der Welt nennen zu können, aber auch die Ausnahmen: Länder ohne eine solche. Und wenn dieser Held des Romans dann auch noch Beamter der niederösterreichischen Landesregierung ist und es als Erniedrigung empfindet, sich aus der Wiener Herrengasse an die Traisen verlegen lassen zu müssen, ist das ein Leidensdruck, der der im Jahre 1993 spielenden Romanhandlung schon etliches an Dynamik verleihen kann.

Die erste literarische Bearbeitung eines der umfangreichsten innenpolitischen Geschehnisse am Ende des ausgehenden letzten Jahrtausends also, wenn auch nicht unbedingt eine Lobeshymne: die Verballhornung des Stadtnamens zu St. Blöden wird ebensowenig ausgelassen, wie die Ludwig-Werbung mit dem Vergleich eines Landes ohne Hauptstadt mit einem Gulasch ohne Saft, der Glanzstoff-Gestank der Hauptstadt-Luft oder die als Ersatz angedachte so genannte Vatikan-Lösung für den Wiener Standort der Landesregierung.

Der Klappentext des Uhudla-Verlages spart diese Nahebeziehung des Buchs zum blaugelben Bundesland übrigens schamhaft aus - möglich, dass der namensmäßig eher dem Burgenland verpflichtete Verlag oder auch der oberösterreichisch-stämmige Autor diese unique-selling-proposition fürs Wiener Umland nicht so in den Vordergrund rücken wollten, um Leser aus den übrigen Bundesländern nicht von vorneherein zu vergraulen.

Man setzte hier stärker auf die Pseudo-Spionage-Handlung, in die sich der Held verstrickt, indem er, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, sich dem künftigen EU-Partner Luxemburg als Geheimnis-Lieferant andient. Der Rest der Handlung spielt dann bis auf einen Showdown mit dem ebenfalls, aber auch nur vage, Geheimdienst-gesteuerten Landhaus-Portier Sedlacek auf der St. Pöltner Landhaus-Baustelle in Luxemburg ab, und die überkorrekte Art des Helden Dr. Wasner wird dort auf eine überraschende Art gebrochen, die nicht nur Liebe, Mord und Totschlag, sondern auch ausgeflippte Kleidung mit sich bringt.

Nein, allzu ernst darf man Richard Latzins Romanhandlung auch in dieser Beziehung nicht nehmen, eher als eine Art unterkühlte Satire, wobei sich freilich gleich die Frage stellt: worauf eigentlich? Wenn als für die austriakische Kultur repräsentatives Werbegeschenk an einen sich dann als weiblich herausstellenden Luxemburger Journalisten ausgerechnet die gesammelten, in Leder gebundenen Kolumnen des Telemax Robert Löffler herhalten müssen, fragt sich der Leser, ob da ein Zufallsprinzip waltet oder etwa gar eine Privatfehde mit der Kronenzeitung ausgetragen wird.

So entsteht insgesamt der Eindruck, dass der Autor hier eine neue Abart der Gattung präsentiert, die verhaltene oder sozusagen schaumgebremste Groteske. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum dem Leser im Unterschied zum herkömmlichen Thriller nähere Auskünfte zu den Spionage-Inhalten versagt bleiben - möglicherweise als Satire auf den bürokratischen Leerlauf, der auch Dr. Wasners Tätigkeit auch sonst zu charakterisieren scheint, ehe er sich die immer stärker verlängerte Auszeit in Luxemburg nimmt. Wenn am Ende des Bandes die Unkorrektheiten auch sonst in Familie und Umfeld des Helden überhand nehmen, dürfte das aber doch auch auf keine Weltverbesserungs-Mission des Buches zugunsten größerer Lockerheit hindeuten. Es gehört wohl zum Genre, dass der Leser mit einem bunten Strauß von Fragezeichen wieder in die Realität entlassen wird, in der die Dienststelle des Helden längst an der Traisen amtiert. Man kann das Buch aber auch als den längst fälligen Startschuss für das literarische Rennen um den Preis betrachten, der neuen Landeshauptstadt endlich einen gebührenden Platz im poetischen Diskurs zu sichern.
(Okt. 2007)

 
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