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Heinz Pusitz PORNOGRAPHISCHE MÜDIGKEIT
PORNOGRAPHISCHE NOVELLE Jürg Amann Köln: Tisch 7 Verlagsgesellschaft, 2005, 100 S. ISBN 3-938476-06-0
Hörbuch PORNOGRAPHISCHE NOVELLE Christian Brückner liest Jürg Amann Edition Parlando ISBN: 978-3-935125-77-2
In alter Rechtschreibung zur ewigen Wiederkehr eines Themas? Als Titelbild eine liegende Frau mit gespreizten Beinen in Stöckelschuhen, mit vollen Brüsten? Im Text eine Frau mit amputierten Brüsten, ohne Stöckelschuhe? Am Umschlag „Pornographische Novelle“ – im Buch „Pornographische Novelle“ und „Liebe Frau Mermet“ nach Briefzitaten von Robert Walser? Weiter in diesem fragen- und brücheproduzierenden Wider- und Gegensinn des Innen und Außen? Eine Engführung von Novelle und Pornographie? Ein Kurzschluss von chirurgischen, sadistischen und biblischen Bildern? Eindeutig die erste Begegnung, der bedeutungsvolle erste Blick: „Sie hatte mir in die Augen geschaut, alles andere hatte sich daraus ergeben ... Wir konnten nichts dafür, wir konnten nichts dagegen. Der ganze Abgrund hatte sich wieder einmal aufgetan.“ Hier schwingt das erste Mal die – wie ich sie nenne - „pornographische Müdigkeit“ hinein, die Amann genau weiterführt: „... dass alles zwischen Mann und Frau immer wieder ganz neu ist und immer wieder das Alte. Immer wieder wie zum ersten und immer wieder wie zum letzten Mal. Voll Anfang und voll Ende. Weltstürzend und doch nichts als Wiederholung.“ Dem folgen – in genuin pornographischer Müdigkeit – Sequenzen körperlichen Handelns. Auf Innenzustände verweisen Seufzer. Nichts mehr.
Der Text zwingt zu fragen, inwieweit die Entwicklung des pornografischen Diskursfeldes und des Behaviorismus Parallelitäten aufweisen. Amann präsentiert aus der Palette der pornografischen Müdigkeit Urintrinken, Masturbation in gegenseitiger Beobachtung, Flaschen und Obst wird eingeführt und die Banane etc. gleich aufgegessen, „69“ beschrieben, ein Kapitel Analverkehr, Fisting, – und das Abrutschen: „Ich wollte sie mit mir bedecken. Ich wollte meine Haut über die ihre ziehen. Sie mit mir umgeben, mich an ihren Adern bergen. Aber es war klar, sagte er, daß das nur ging, wenn ich mich oder sie aufschnitt.“ War das nun eine moralische Aussage? Ist Pornographie in der totalen Verfügbarkeit der Körper und Reduzierung auf den Körper vielleicht nur faschistisch und auch nur in morbide und sadistische Phantasien mündend? Es ist schwer, sich einer Irritation durch den Text zu entziehen. Ob man durch diesen Text pornografisch mündiger wird? Durch das, was fehlt?
„Liebe Frau Mermet“ ist besser zuerst zu hören, da Walsers „Frau Mermet“-Beschwörungen von Jürg Amann in Schweizer Mundart gelesen werden. Diese Briefzitate sind reines Vergnügen, die Zwischentöne erreichende Anordnung ist voll mit Entdeckungen von Verstecktem. Also doch?
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