Der schöne Tod in Wien: Isabella Ackerl, Ingeborg Schödl, Robert Bouchal. Rez.: Ingrid Reichel

 

Ingrid Reichel
DAS FLAIR DES MORBIDEN

DER SCHÖNE TOD IN WIEN
Isabella Ackerl, Ingeborg Schödl
Fotos: Robert Bouchal
Wien-Graz-Klagenfurt: Pichler Verlag, 2008
168 S.
ISBN 978-3-85431-471-4

Beim ersten Blick könnte man das vorliegende Buch als Bildband bezeichnen, denn der mehrfach ausgezeichnete Niederösterreichische Naturfotograph Robert Bouchal begleitete die beiden Autorinnen Isabella Ackerl und Ingeborg Schödl auf einen Rundgang der Wiener Friedhöfe, Grüfte und Gedächtnisstätten. Tatsächlich aber kann es noch viel mehr…

Doch zunächst zu den beiden Autorinnen: Isabella Ackerl wurde 1940 in Wien geboren. Sie absolvierte das Studium der Geschichte und der Germanistik an der Uni Wien und arbeitet als wissenschaftliche Sekretärin in einer Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ersten Republik. Von 1990 bis 2002 war sie im Bundespressedienst des BKA tätig.

Ingeborg Schödl wurde ebenfalls in Wien geboren und ist Jahrgang 1934. Sie ist ehemalige Redakteurin der „Wiener Kirchenzeitung“ und langjähriges ORF-Gremiumsmitglied. Beide Frauen weisen zahlreiche Publikationen und Auszeichnungen auf.

Die Kombination dieses Dreier-Teams erweist sich als sensationell, denn normalerweise entspricht ein Bildband eher der Tradition des Schmökerns: Viel Schauen, wenig Lesen und dann weglegen.

Nicht so bei Ackerl, Schödl und Bouchal. Wer einmal in dieses Buch reinschaut und anfängt zu lesen, hört bis zur letzten Seite nicht mehr auf. „Es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis Einäscherung auch in Wien möglich wurde. […] Heftiger Gegner der Einäscherung einer Leiche war die katholische Kirche. Am 19. Mai 1886 sprach sich das Heilige Offizium der römisch-katholischen Kirche gegen das Verbrennen der Leichen aus und belegte Gläubige, die sich verbrennen lassen wollten, mit dem Verbot des Sakramentempfanges.“ S. 26. Auf angenehme Art und Weise, weder dozierend, noch wissenschaftlich mit Zahlen erschlagend, bringen uns die beiden Damen in neun Kapiteln den geschichtlichen Werdegang des Todes in Wien näher. „Im frühen Mittelalter hatten die Menschen noch einen vertrauten Umgang mit dem Tod, denn das Sterben bedeutete für sie den Übergang von einem mühseligen Leben auf Erden in die Freuden des Paradieses.“ S. 13. Themen wie Gedenken und Riten, Stadtplanung und Friedhöfe, die Bedeutung der Finanzkraft im Zusammenhang mit den Orten der ewigen Stille, öffentliche sowie private Grabstätten, die zu Denkmälern unserer Geschichte und Gesellschaft, zu Zeugen im Wandel der Zeit wurden, bilden die Grundlage dieses Buches. Dieses Buch fesselt mit Geschichte, Anekdoten und Kuriositäten und motiviert zum Besuch der beschriebenen Orte, um wie André Heller in die Michaeler Gruft nur zum „Phantasieren“ hinabzusteigen (S. 53) oder den enormen Prunk, oder die unendliche Trauer mancher Grabstätten zu erleben. Vielleicht auch um die ewige Ruhe in unserem hektischen Zeitalter zu einer Lebensqualität zu verwandeln. Ein Buch für Spaziergänger sowie Stubenhocker, für Einzelgänger und Großfamilien, ein Buch für Wiener und Fremde, ein Buch kurzum für Jung und Alt.

(etcetera 36)