Fliegende Koffer: Annegret Held. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
KRISENSTIMMUNG

 

 
FLIEGENDE KOFFER
Annegret Held

Roman
Frankfurt/ Main: Eichborn Verlag, 2009
296 S.
ISBN 978-3-8218-5732-9

 

Und wieder hat Annegret Held mit ihrem neuesten Roman zugeschlagen, indem sie die Unterhaltungsliteratur nutzt Probleme unserer Gesellschaft verständlicher zu machen und damit auf Themen hinweist, die wir für die Belletristik nie in Erwägung ziehen würden.

Die Autorin, die Berufe ausübt über die sie dann schreibt, hat sich in Zeiten der verschärften Terrorismusangst auf die Flughäfen orientiert und ist in die Rolle des Sicherheitsbodenpersonals geschlüpft. Geringer Lohn, unzumutbare Arbeitszeiten, dafür umso höhere Verantwortung mit großen Stressfaktoren zeichnen diese Berufssparte aus. Der Umgang mit den Menschen aus aller Welt, die enttarnten Geheimnisse des Einzelnen, der Einblick in sein Gepäck, der Übergriff in die Intimsphäre durch Kontrolle, Abtasten, Entblößung… die sprachlichen Barrieren, die Ungeduld und das Unverständnis der Passagiere charakterisieren diesen Job. Ein Job der, wenn die Angst zum Alltäglichen wird Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit zulässt oder ins Gegenteilige kippt und zu einem Verfolgungswahn mutiert.

Die Protagonistin ist über 30 Jahre alt und heißt Annette. Sie hat in ihrem Leben noch nicht viel erreicht. Sie kann sich gerade die Miete ihrer kleinen Wohnung leisten und ist froh in dieser allgemeinen miesen wirtschaftlichen Lage diesen ermüdenden Job zu haben, als sie ihre alte Liebe Simon wieder trifft. Zwischen den vielen Checks vor den Abflügen, den vielen Körpern, den verschiedensten Textilien, die Annette abtastet, den Gerüchen und Emotionen, denen sie ausgesetzt ist, mischt sich ihr Privatleben mit allen Sehnsüchten und Hoffnungen. Politische, wirtschaftliche und private Krisen formen sich zu einer einzigen spannenden Achterbahnfahrt. Unser Bedürfnis wegzufliegen, unserem Alltag zu entfliehen kostet viel Anstrengung und macht uns nicht zuletzt durch Annegret Helds Erzählung sensibler gegenüber Menschen, die uns Sicherheit garantieren sollen. Absurditäten, Widersprüchlichkeiten der Sicherheitskontrollen werden nicht banalisiert, sondern durchleuchtet und auf den Punkt gebracht. „Dann plötzlich wurde es mir zuviel. – Aber sieh mal, Simon, das macht doch irgendwann keinen Sinn mehr! Wir werfen 120 Milliliter Make-up weg und Fischdosen, weil da Öl drin ist. […] Vorgestern habe ich einer Oma aus Ungarn die Marmelade dringelassen […]. Und weißt du noch was?? Ich hatte ein einbeiniges Mädchen, dem hatte ich NICHT die Prothese abgenommen, ich reiße Behinderten nicht die Prothese vom Leib, verstehst du das??“ – „Annette! Du kannst doch den Dienst nicht nach Lust und Laune machen! […] Da braucht doch nur ein Radikaler seine Oma vorschicken […}! Weißt du eigentlich, wie ernst die Lage ist?“ S. 114

Wie schon in ihrem letzten Roman „Die letzten Dinge“, wo es um die Altenpflege ging, schafft es die 1962 in Westerwald geborene freie Schriftstellerin auch in „Fliegende Koffer“ einfache Menschen in Dienstleistungsverhältnissen zu wahren Heroen zu machen. Dies alleine verdient das Prädikat „bemerkenswert“ und man ist schon gespannt in welche Rolle sie als nächste schlüpfen bzw. in welchen Beruf sie sich einschleusen wird, um darüber zu schreiben.

(etcetera 36)