Österr. Medienwelt von A bis Z: Harald Fidler. Rez.: I. Reichel

 

Ingrid Reichel
CHARMANTER DURCHFALL

ÖSTERREICHS MEDIENWELTEN von A bis Z
Harald Fidler

Wien: Falter Verlag, 2008
632 S.
ISBN 978-3-85439415-0

<<Das komplette Lexikon mit 1000 Stichwörtern von „Abzockfenster“ bis „Zeitungssterben“>> lautet der lange Untertitel des 2008 erschienenen und 632 Seiten dicken Bandes, des österreichischen Journalisten und Publizisten Harald Fidler, in welchem er Personen, Unternehmen, österreichische Fach- und Sonderbegriffe sowie Hintergrundinformationen mit teilweise scharfer Zunge beschreibt. Ergänzend dazu richtete er die Webseite www.dieMedien.at ein, wo er das Lexikon laufend mit weiteren Informationen aktualisiert. Fidler wurde 1969 in Klosterneuburg, NÖ geboren. Seit 1995 ist er Medienredakteur bei der Tageszeitung Der Standard. 2004 veröffentlichte er „Im Vorhof der Schlacht“ im Falter Verlag und 1999 mit Andreas Merkle „Sendepause. Medien und Medienpolitik in Österreich.“ in der Edition Lex Liszt 12. Fidler gilt als Experte der österreichischen Medienszene, kennt ihre Verstrickungen und Intrigen. Das Lexikon habe er, so in seiner Dankesschrift, geschrieben, damit er selbst ohne langes Suchen das bereits Recherchierte wieder findet. „Ich dachte, das könnte auch anderen Menschen nützlich sein.“ (S. 19).

Aufhänger der umfassenden Publikation dürfte jedoch die in große Bewegung geratene kleine österreichische Medienwelt sein (S.5) Gemeint sind vor allem: der vermeintliche Verfall des ORF mitsamt der gefloppten Fernsehproduktion „Mitten im 8ten“; der offene Brief des ehemaligen Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer mit seinem nunmehrigen Nachfolger Werner Faymann an den Herausgeber der Kronen Zeitung (der Tageszeitung, die laut Statistik mehr als 40 % der Österreicher und Österreicherinnen ab dem 14 Lebensjahr (sic!) lesen), an Hans Dichand, den Betagten, den Mann, den man hierzulande für die Machtperson Nr. 1 – den Kaiser ohne Krone – hält, jener Brief also, der die noch 2008 amtierende Regierung zu Fall brachte; die Verlagsgruppe News mit ihrem „Fellnerismus“ und vieles mehr.

Natürlich erweist sich dieses „Lexikon der Querverweise“ als eine Fundgrube journalistischen und wirtschaftspolitischen Wissens und könnte Basis vieler unterhaltsamer Abende mit Freunden sein. Bei genauerer Betrachtung jedoch machen sich auffallend viele Lücken und somit Mängel bemerkbar.

Ein Beispiel hierfür: Unter „Thurnher, Ingrid“ wird lediglich zu Gagen und Preisen quer verwiesen. Blättert man zu „Gagen“ muss man sich zweieinhalb Seiten bis zur letzten Zeile durchkämpfen, um schließlich auf den Namen Ingrid Thurnher zu stoßen, der dann laut Bedienungsanleitung rot geschrieben sein müsste, jedoch in seinem Schwarz im Text völlig untergeht und daher das erleichterte Suchen, welches Fidler doch ein Anliegen ist, zu einer Qual macht. „Einen der höchsten Marktwerte dürfte Ingrid Thurnher (früher „ZiB“, nun „Im Zentrum“) haben.“ S. 172. Unter dem Begriff „Preise“ schließlich schlägt man ermüdet das Buch zu, ohne Kenntnis darüber erhalten zu haben, wer oder was Frau Thurnher eigentlich ist oder tut.

Fidler konzentriert sich letztendlich nur auf die großen der kleinen Medienlandschaft Österreichs: ORF, die Zeitungen Krone, Kurier, Heute, die Presse, der Standard, Österreich und die Verlagsgruppe NEWS. Abgesehen von der Verlagsgruppe Styria, erscheinen nur wenige Verlage es Wert zu sein in dieses „Lexikon der 1000 Stichwörter“ zu gelangen, Kleinverlage sind nicht existent. Über Kulturmedien ist so gut wie gar nichts zu finden. Österreichs Musik-, Kunst- und Literaturzeitschriften dürften für Fidler nicht zur Medienwelt gehören. Zu wenig bewegend vielleicht für Fidler. Zu wenig mächtig und skandalös, politisch sowie wirtschaftlich unbedeutend… Großes gehört zu Großem eben… Dennoch hat sich eine der wenigen Literaturzeitschriften Österreichs, das etcetera nämlich, auf dieses Werk mit anfänglicher Euphorie gestürzt, um es schließlich, nach langem Nachschlagen, enttäuscht über die vorgefundene Verarmung Österreichs Medienwelt wegzulegen.

(etcetera 36)