Tropenkoller: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
AFRIKA, DAS GIBT ES NICHT!

 
TROPENKOLLER
Georges Simenon
Ausgewählte Romane Band 2
Aus dem Französischen von Annerose Melter
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„Le coup de lune“, 1933
Zürich: Diogenes, Neuauflage Oktober, 2010. 192 S.
ISBN 978-3-257-24102-0

Der große Irrtum, welchem auch John Banville auf der Rückseite des vorliegenden Buches erliegt, ist, Georges Simenon für einen Philosophen zu halten. Das einzige aber was Simenon interessiert, ist das Handeln der Menschen. Er besitzt einen feinen sozialen Instinkt, aber jede metaphysische Spekulation ist ihm fremd. Wie in einem experimentellen Modell ordnet er die Versuchpersonen an, setzt sie in perfekt inszenierter Umgebung aus und lauert darauf, was sie wohl so anstellen werden. Das Besondere an Simenon (und deswegen mögen ihn manche für einen Philosophen halten) ist: er beobachtet und versucht zu verstehen, aber, und das ist das Wichtigste, er urteilt nicht. Simenon ist ein mitleidender Experimentator, der betrübt scheint über das Unvermögen seiner Kreaturen. Wenn man eine Schublade für ihn finden müsste, so wäre es am ehesten die des Humanisten, der jeder Art von Moral und Gesetz mit großer Skepsis gegenüber steht. Ein Widerspruch, aber nicht weniger widersprüchlich wie das Leben selbst. Ebenso ist der Vergleich von „Tropenkoller“ mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ein mehr als hinkender. In Conrads schaurig-schönem Roman ist Afrika voll tiefem Geheimnis in dem das Grauen (und mit ihm das schlummernde Mystische in uns) noch zu finden ist. Bei Simenon wissen wir, dass wir in seinem Dschungel höchstens auf menschliche Grausamkeit, Gier und Dummheit stoßen werden. Daran ist wahrlich nichts geheimnisvoll. Viel eher werden wir an Bertrand Taverniers Film „Der Saustall“ (nach dem Roman von Jim Thompson) erinnert und damit an das Musterstück des zynischen Kolonialisten Philippe Noiret. Schweißtriefende Erotik unter Moskitonetzen, Korruption, die feige Überheblichkeit und Brutalität der weißen Kolonialisten und Kolonialistinnen, Chinintabletten und Schnaps sind die Ingredienzien von Simenon und Tavernier. Zum Inhalt. Ein junger gebildeter Mann, Joseph Timar aus La Rochelle und gutem Hause soll in Libreville/Gabun eine ihm zugesagte Arbeit im Dschungel annehmen. Doch das Versprechen erweist sich als wertlos. Die Holzfirma SACOVA scheint zahlungsunfähig; die Stelle nicht vakant. (Hier erinnern wir uns an den somnambulen Filmbeginn aus Jim Jarmuschs „Dead Man“. Das Kaff Machine ist Libreville nicht unähnlich.) Doch da beginnt die dralle, reife Hotelsbesitzerin Adèle ihren Gast Joseph Timar zu umspinnen. Wenige Tage später stirbt ihr Mann an Gelbsucht und ein schwarzer Boy wird ermordet. Nach einem diktierten Telegramm von Adèle an Josephs einflussreichen Onkel in Frankreich, findet sich Timar plötzlich als Geschäftspartner der Witwe wieder und er beschließt, „wie ein Mann zu wirken, der weiß, was er tut.“

LitGes, Oktober 2010