Böse Philosophen: Philipp Blom. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
TOTGESCHWIEGEN

 

BÖSE PHILOSOPHEN
Philipp Blom
Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung

München: Carl Hanser Verlag 2011. 400 S.
ISBN 978-3-446-23648-6

1761 wurde das Buch Le christianisme dévoilé (Das entschleierte Christentum) in einer ersten Auflage in Nancy gedruckt. Dies musste unter strengster Geheimhaltung geschehen. Der fingierte Verlagsort: a Londres und der ebensolche Verleger: par feu M. Boulanger.

Zur Illustration der Gefährlichkeit solcher Unternehmungen: Ein Buchhändler, welcher das wieder nach Paris retour geschmuggelte Buch verkaufte, erhielt fünf Jahre Galeere, sein Gehilfe acht und seine Gemahlin wurde ins Irrenhaus gesteckt.
Todesurteile wurden für weniger vollstreckt, als diese radikalste literarische Anklage gegen das Christentum des Baron Thiry d´Holbach (1723-1789), Philosoph der französischen Aufklärung.

In seinem (vergriffenen!) Le Système de la Nature, 1770 wieder unter Pseudonym veröffentlicht, stellt d´Holbach sein diesseitiges Weltbild in seiner Gesamtheit vor. Es ist die Ablehnung aller Metaphysik und spekulativer Begrifflichkeit. Theologisches und Jenseitiges finden keinen Platz in dieser materialistischen Welt. Der Mensch ist unverbrüchlicher Teil der Natur. Nicht mehr und nicht weniger. Alles andere ist Aberglaube und wird missbraucht die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen, um sie beherrschbar zu machen.

 
Paul Thiry d’Holbach um 1785,
Ölgemälde von Alexander Roslin
 

Die Menschen werden sich immer irren, wenn sie die Erfahrung um solcher Systeme willen preisgeben, die durch die Einbildungskraft geschaffen wurden. Der Mensch ist das Werk der Natur, er lebt in der Natur, er ist ihren Gesetzen unterworfen, er kann sich nicht von ihr freimachen, er kann nicht einmal durch das Denken von ihr loskommen. (Zitat aus: Das System der Natur)

D´Holbachs Buch ist das Ergebnis langer naturwissenschaftlicher Forschungen, der Lektüre u. a. von Epikur, Lukrez und Montaigne und – damit sind wir im Auge des Taifuns angekommen – der endlosen Gespräche im Salon des Baron d´Holbach.

Die Gäste und Weggefährten über kürzere oder längere Etappen hinweg waren Denis Diderot, David Hume, Abbé Fernandino Guliani, Jean-François Marmontel, Friedrich Melchior Grimm, Horace Walpole, Edward Gibbon, Jean-Baptiste le Rond d’Alembert und viele andere mehr.
Bis zu über dreißig Personen stapelten sich im Salon der Madame d´Holbach, der durch seine Gaumenfreuden, den guten Wein und die offenen Gespräche europaweit bekannt war.

Der 1970 in Hamburg geborene deutsche Historiker Philipp Blom stellt diesen Zirkel in sein dazu gehörendes Lokal- und Zeitkolorit und erörtert die moralischen und ethischen Überlegungen der radikalsten der Aufklärer. Aufklärer, welcher schon zu Lebzeiten sogar von einem Voltaire ob ihres Anarchismus und ihres Atheismus abgelehnt wurden.

Die Nachwelt hat es nicht besser gemeint. Von Denis Diderot (1713-1784), der in der Neuzeit als einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung gilt, haben ein paar Romane überlebt und natürlich sein Lebensprojekt L´Encyclopédie. David Hume ist im deutschsprachigen Raum völlig vom idealistischen Kant überlagert. Gottgläubige Schwärmer wie Rosseau und zynischen Machtmenschen wie die Terroristen der Französischen Revolution haben das Rennen gemacht.

Bloms Buch öffnet ein Tor zum wichtigsten Teil der bewußt verschütteten Aufklärung, dem absolut diesseitigen, lebens- und lustbejahenden und ethischen Materialismus: Ein gottloses Leben, bedacht auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse und derjenigen der Gesellschaft durch das Studium und Verständnis der natürlichen Vorgänge in uns und außerhalb von uns.

Mehr ist nicht, also an die Arbeit!

Fotoquelle Wikipedia: Paul Thiry d’Holbach um 1785, Ölgemälde von Alexander Roslin

LitGes, Mai 2011