Anmerk: Haimo L. Handl. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
MAGENBITTER

 

ANMERK
Haimo L. Handl

Kulturkolumnen
Drösing: Driesch Verlag, 2010. 210 S.
ISBN 978-3-9502647-7-7

Haimo L. Handl schreibt Kulturkolumnen. Veröffentlicht werden sie regelmäßig bei Kultur-Online, vereinzelt auch in der Wiener Zeitung. Kulturkolumnen? Das sind Kommentare zu Politik und Gesellschaft, zu Wirtschaft und Wissenschaft, zum Zeitgeschehen und eben zur Kultur. Der in Vorarlberg geborene und heute in Wien und Niederösterreich lebende Autor hat zwei Jahrzehnte lang als Universitätslektor für Kommunikationswissenschaften und Politologie gearbeitet. Dieser Hintergrund und sein Engagement für Literatur und Kunst – er gründete einen Kulturverein, leitet einen Kleinstverlag, gibt eine Literaturzeitschrift heraus und organisiert grenzübergreifend kulturelle Veranstaltungen – lassen ihn geradezu prädestiniert erscheinen als Verfasser solcher gesellschaftskritischer und kulturpolitischer Essays. Das Buch Anmerk sammelt Texte aus den Jahren 2008 und 2009.

Unter dem Titel Medienhurerei befasst sich Handl mit den Auswirkungen einer bestimmten Sparte des Journalismus, mit den Chronisten und Kommentatoren der »billigen, großen, sensationsgeilen, rücksichtslosen Straßenzeitungen«, der »Massenblätter«, die wir alle kennen. Die Größe der Schlagzeilen und der intensive Einsatz von Bildern, schreibt er, komme dem »niederen Lesebedürfnis und der reduzierten Konzentration auf das ›Wesentliche‹ entgegen. All das half, ein krudes, simples Einfachbild bornierter Ausrichtung zu verfestigen. «Natürlich steckt der Wunsch nach einem hohen Absatz, nach Verbreitung des jeweiligen Printerzeugnisses im Vordergrund. Fakten und vor allem Hintergründe treten hingegen in den Hintergrund. Und das Angebot, in eine Diskussion einzutreten – die selbstverständlich eine gewisse intellektuelle Eigenständigkeit und Offenheit erfordert –, bleibt völlig auf der Strecke. Besonders gefährlich sind Unterstellungen, die gewissermaßen auf einzelnen, in der Regel aus dem Zusammenhang gerissenen Indizien beruhen. Vorgeführt wird ein konkreter Fall, in dem der bekannte Schriftsteller Peter Handke aufgrund einer Passage in einer kürzlich erschienenen Erzählung von einer der sogenannten Gratiszeitungen für schuldig (sic!) befunden wird, seine Freundin geschlagen zu haben. Die angesprochene Beziehung ist zwar schon Jahrzehnte vergangen, aber davon kein Wort. Vorwürfe der damaligen Geliebten gelangten zwar in die Presse, doch es gab keinerlei Gerichtsklage; auch davon kein Wort. Und die bewusste Passage ist eine Zeile Literatur – die Redaktion erklärt also ein paar Worte Dichtung, die Amerikaner verwenden hierfür das bezeichnende Wort »Fiktion«, zum stichhaltigen Beweis für eine tatsächlich begangene Straftat des Schriftstellers. So etwas traute sich nicht einmal ein völlig willkürlich agierender Richter. Aber eine Klage auf Verleumdung? Schadenersatz? Handke käme damit nicht durch, ebensowenig wie andere, denen ähnliches widerfährt. Es reicht, wenn ein verantwortungslos handelnder Journalist seine Unterstellung als Frage formuliert. Denn dann ist es ja eine Frage und keine Behauptung. Indes ist der Schaden bereits angerichtet, denn die Leser nehmen das, was da steht, nicht nur als Behauptung, sondern als unumstößliche Tatsache. Haimo L. Handl beschreibt dies folgendermaßen: »Die Frechheit und Sauerei ist vielschichtig. Das Schmierenblatt vermag es, in einem kleinen Artikel gleich mehrere Verleumdungen, Verdrehungen und mutwillige Mutmaßungen zu liefern, die nur aus formalen Gründen nicht rechtlich verfolgbar scheinen.«

Gleich mehrere Essays gehen auf echte oder vermeintliche Religionskonflikte ein, und hier ganz speziell auf die seltsame Entwicklung, dass Insultationen, Straftaten und Gewalttätigkeit immer mehr gesellschaftsfähig werden, wenn die Urheber sie mit »Religionsfreiheit« rechtfertigen. Europäische Werte müssen weichen, wenn irgendwelche Religionsgruppierungen ihre religiösen Gefühle verletzt sehen. Karikaturen – vielleicht geschmacklos, aber doch nur Zeichnungen – verursachen Aufruhr, Anschläge und Mord; die Schuld wird den Karikaturisten zugeschoben, Meinungs- und Redefreiheit eingeschränkt, und die Mörder kommen in den Genuss von Mitgefühl. »In Europa arbeiten Millionen von Quislingen, von feigen Opportunisten, an der Demontage jener Werte, die Europa europäisch gemacht haben. Der Hinweis auf die blutige Geschichte, die vielen Kriege, die in Europa waren oder von Europa aus die Welt überzogen, ist kein Argument für eine neue, dunkle Religiosität, eine Anbiederung an die fundamentalistischen Moslems oder sonstige Nichtdemokraten. Es ist umgekehrt eine Aufforderung, die Werte der Aufklärung stärker zu beachten und umzusetzen.« Der Autor bringt es damit auf den Punkt. Doch die Realität zeigt Selbstbeschränkung, das Erstarken einer offiziösen Zensur und immer wieder Gewalt, die nicht mehr so geahndet wird, wie sie es verdiente.

Das Lesen ist naturgemäß ein Lieblingsthema eines Autors. Vor allem, wenn Bildung und das Wissen über Kommunikation zu seinen beruflichen Tätigkeiten gehört oder gehört hat. »Lesen ist nicht sehr beliebt«, beginnt Haimo L. Handl den Aufsatz Kulturtechnik Lesen. Ja, denn »Kinder, Jugendliche und Schüler klagen über die Zumutung, schwer arbeiten zu sollen. Lesen ist Arbeit.« Und das ist in »der Spaß- und Opferkultur völlig inakzeptabel.« Schleichender Analphabetismus und Leseverweigerung stellen ein handfestes Problem dar, und zwar keineswegs trotz PISA und ähnlichen Programmen, denn deren undifferenzierte Gleichmacherei im Dienste einer kontinentweiten Messbarkeit eignet sich bestens, Lesefeindlichkeit und Denkfaulheit noch zu verstärken. Lesen ist eine Kulturtechnik; so logisch dieser Satz erscheint, so fremd scheint er doch in den Ohren vieler zu klingen, vielleicht, weil Kultur zumeist weder als menschliche Errungenschaft noch als etwas Erstrebenswertes erkannt wird. Dabei regt Lesen zum Denken an, fördert das Kritikvermögen, Wahrnehmung und Imagination sowie die intellektuelle Eigenständigkeit. Die Mächtigen wissen das, denn früher haben sogar »Kirchenleute vor dem Lesen gewarnt, weil ihnen die Verführung zu eigenen Vorstellungen, ja gar eigenem Denken höchst gefährlich schien.« Die Wirtschaft ist an biegsamen Angestellten interessiert, die wenig denken und vor allem keine unangenehmen Fragen stellen. Die Nazis verbrannten die Bücher vieler Dichter, und fanatische Islamisten äscherten Rushdies Satanische Verse im großen Stil ein. Soll die Vergangenheit wieder unsere Zukunft sein? Nein. Es gilt, eine Gegenbewegung in Gang zu setzen. Aber wie? Natürlich kann auch Haimo L. Handl kein Patentrezept liefern. Aber: »Der Hauptanreiz zum Lesen könnte vielleicht darin liegen, dass man aufzeigt, wie jeder selber eigene Welten kreieren kann, wenn er oder sie liest. Man bleibt nicht beim gelesenen Stoff, sondern arbeitet mit ihm.« Der Essay spricht vom Lustprinzip des Lesens, denn die Lektüre ist keine Mühsal, sondern Lust. Und das muss vermittelt werden.

Die Essays sprechen eine Vielzahl von Themen an; diese Buchbesprechung griff lediglich drei der Texte heraus. Haimo L. Handl beleuchtet Hintergründe und stellt Fragen. Viele dieser Fragen treffen so zielsicher ins Schwarze, dass jedem die Antwort sofort klar ist und auch, dass diese Antwort im Grunde schmerzt. Es ist ein wichtiges Buch, eines, das eigentlich in keinem Bücherregal aufgeklärter und denkender Menschen fehlen sollte. Trotzdem ist es schwierig, das Buch in einem Zug durchzulesen, denn das schlägt sich mit hoher Sicherheit auf den Magen. Handls Essays sind eher in kleinen Portionen zu lesen. Weil sie Zusammenhänge sichtbar machen, weil sie tiefsinnige Analysen liefern, weil sie schwer erträgliche Wahrheiten aufdecken. Das Buch ist in kleinen Portionen zu lesen, weil man Zeit braucht, um das Gelesene zu verarbeiten. Denn ja: das Lesen von Anmerk regt zum Denken an.

LitGes, Juni 2011