Lucas Bosch Gelatin. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
VON DER KUNST DER KUNSTLOSIGKEIT

 

SARAH LUCAS - HIERONYMUS BOSCH - GELATIN
Kunsthalle Krems
Ausstellung: 17.07.2011 – 06.11.2011
Ausstellungskonzept: Hans-Peter Wipplinger, Brigitte Borchard-Birbaumer

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Aufgrund von aktuellen Installationsfotos erscheint er erst im August:
LUCAS BOSCH GELATIN
Hrsg. Hans-Peter Wipplinger/ Kunsthalle Krems

Mit englischer Übersetzung der Textbeiträge
Köln: Verlag Walther König, 2011. 160 S.
ISBN 978-3-901261-48-0
Preis: 24,90.- Euro

Gemeinsam mit der Kunstwissenschafterin Brigitte Borchardt-Birbaumer hat sich der Direktor der Kunsthalle Krems, Hans-Peter Wipplinger ein hohes Ziel gesetzt: Mit Hieronymus Bosch (1450-1516), dem niederländischen Künstler des Spätmittelalters, der zur Schwelle der Neuzeit stand, sollen 500 Jahre Kunst überbrückt werden und in die Kunst der Gegenwart münden, vertreten von der 1962 in London geborenen Künstlerin Sarah Lucas und dem 1993 gegründeten Künstlerkollektiv Gelatin, bestehend aus Wolfgang Gantner (geb. 1968), Ali Janka (geb. 1970), Florian Reither (geb. 1970) und Tobias Urban (geb. 1971).

 
Hieronymus Bosch Nachfolger:
Die Versuchung des Heiligen Antonius, um 1500/1510
Dommuseum Salzburg
Foto: Josef Kral
 

Bosch, eigentlich Jeroen Anthoniszoon van Aken (von Aachen), benannte sich nach seiner Heimatstadt‚ ’s-Hertogenbosch, bzw. Den Bosch (vom Wald). Der Sohn einer Malerfamilie hat ein faszinierendes und nachhaltiges Werk hinterlassen, welches bis heute Rätsel aufgibt. Bosch unterzog jeden Stand, inklusive den Klerus, der Kritik. 1488 trat er der religiösen Bruderschaft „Unserer-Lieben-Frau“ bei und bekam somit Zugang zum höchsten Adel und Patriziertum. Seine weltbekannten Triptychen „Der Heuwagen“ und „Der Garten der Lüste“, die wie Altarbilder anmuten, waren jedoch zur Belehrung und Unterhaltung der Oberschicht gedacht. Hauptmotiv seiner Bilder waren die sieben Todsünden. Als Leitfaden boten sich die Versuchungen des Heiligen Antonius durch den Teufel an. Die Quelle seiner Informationen fand er in Athanasius von Alexandria (gestorben 373 n. Chr.) verfasster Originalversion, möglicherweise stand Bosch auch die im späten 13. Jahrhundert von Jacobus de Voragine entstandene Sammlung von Heiligenleben Die Goldene Legende zu Verfügung [1].

Bosch malte die Krone der Schöpfung in seiner tiefsten Versuchung und Verderbtheit, zeigte seine Ängste vor dem Tod, dem Purgatorium bis hin zur Apokalypse, indem er ihn mit dem Animalischen kombinierte. Resultat ist immer ein Bild der Groteske. Bosch, der zu seinen Lebzeiten in den Niederlanden von Inquisition und Hexenverbrennung verschont blieb, begab sich in seinen Darstellungen in Grenzbereiche und Zwischenwelten des homo ludens, des durch Spiel sich selbst entdeckenden Menschen.
In diesem Zusammenhang wird der Bogen zu Sarah Lucas und Gelatin gespannt.

 
Ausstellungsansicht:
„Lucas Bosch Gelatin“
Vorne rechts:
Sarah Lucas, 2011
Foto:
Christian Redtenbacher, 2011
 

Lucas gehört der 1988 entstandenen britischen Künstlerbewegung Young British Artists (YBA) an. YBA verkörpert eine Gruppe von Künstlern, die unter Verwendung von Schockelementen eine Vereinigung von Provokation und Marktorientiertheit gemeinsam haben [2]. Schließlich wurden sie von niemand geringerem als Werbeprofi und Kunstsammler Charles Saatchi in den überbewerteten internationalen Kunstmarkt katapultiert. Absolut erfolgreichstes Zugpferd im Saatchi Stall ist Damien Hirst, der mit seinem mit Diamanten besetzten Totenkopf For the Love of God, 2007 den Sensationspreis von 75 Millionen Euro erzielte. Lucas Werke sind dagegen von bestechender Bescheidenheit. Lucas hat für diese Schau direkt vor Ort ihre neuesten Installationen zusammengestellt, alle sind 2011 datiert: Aus Beton gegossene High Heel Frauenstiefel in Kombination hängende Frauenbrüste aus mit Watte gefüllten fleischfarbenen Nylonstrumpfhosen sind in der Kunsthalle das immer wiederkehrende Hauptmotiv. Lucas thematisiert in ihrem Werk männliches Lustverhalten in Beziehung zum weiblichen Rollenverständnis.

Das österreichische Künstlerkollektiv Gelatin arbeitet ebenfalls mit anspruchslosen Materialien: Plastilin, Stoffe und Holz, Zeichnungen und Fotos. In dieser Schau haben sie vor allem alte Stühle zu eigenwilligen Objekten umgestaltet. So ist im Oberlichtsaal eine Serie von absurden Sesseln zu sehen, jeder trägt für sich einen Namen wie James, Roy oder Roswitha… eine humorvolle Art die Betrachter mit der IKEA-Wohnkultur zu konfrontieren, oder sollte man sagen zu vermöbeln?

 
Ausstellungsansicht „Lucas Bosch Gelatin“,
Gelatin: Sesselserie, 2011;
Sarah Lucas: Father Time (Treppe), 2011
Foto: Christian Redtenbacher, 2011
 

Gelatin hat wie Lucas ebenfalls eigens für die Boschkontroverse direkt vor Ort in der Kunsthalle Rauminstallationen erarbeitet, präsentiert jedoch auch Werke älteren Datums. Der 1928 geborene österreichische Kunsthistoriker Werner Hofmann sieht Gelatin in der Tradition der „Kunst der Kunstlosigkeit“. In seinem Essay „Ein Bett ist groß genug für alle“ [3] erklärt er Gelatins Wirken im Zusammenhang des von Ernst H. Gombrichs entwickelten Begriffs der „gestörten Form“ [4], der den von Künstlern bewusst aufgesetzten Defekt das Vollendete ins Ungewisse umkippen lässt. Obwohl die Perfektion der Destruktion ausgesetzt ist, bekommt die Zerstörung durch die Infragestellung einen positiven Aspekt. Gelatin unterscheidet sich jedoch von dem herkömmlichen Aktionismus, verzichtet das Künstlerkollektiv doch auf Happenings im eigentlichen Sinne. Gelatin lädt nämlich zur Partizipation ein. Wie Hoffmann es in seinem Essay gleich zu Beginn erwähnt: „Es gibt keine Türen für verborgene Bedeutungen. Die Spannung zwischen Kunst und Leben, um deren Überwindung es im Kunstwollen unserer Tage sehr oft geht, ist somit aufgehoben, die künstlerischen Deutungssprüche sind beseitigt.“

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem, welches wir auch schon bei den österreichischen Künstlern Erwin Wurm und Franz West feststellen konnten, deren künstlerisches Wirken unter anderem sich gegen die Erstarrung der Skulptur richtet. Sobald Ausstellungsbesucher aufgefordert werden, Teil des Kunstwerks zu werden, zu partizipieren, sich einzubringen, entsteht ein Konfliktfeld auf zwei Ebenen. Einerseits sind die Besucher irritiert und getrauen sich nicht, andererseits sind Museen und Ausstellungsinstitutionen zur Archivierung und Konservierung verpflichtet. Wie lässt sich also eine Integration des Betrachters in das Kunstwerk sorgenlos gestalten? Eine Möglichkeit bietet der junge österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz in seiner Kurzgeschichte „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (Suhrkamp Verlag, 2011), in der ein Künstler der Menschheit eine Tonskulptur in Form eines Kindes schenkt und die Skulptur von Stadt zu Stadt reisen lässt mit der Auflage, dass die Betrachter die Skulptur vervollständigen, indem sie selbst Hand anlegen müssen.
Wie es schon 2007 im MuMoK im MQ Wien nicht geklappt hat, so ist es auch jetzt in der Kunsthalle Krems passiert. „Don’t touch!“ heißt die Devise und bringt damit Gelatins Ansinnen selbst zu Fall!

 
Gelatin und Sarah Lucas in der Kunsthalle Krems
Foto: Florian Schulte, 2011
 

Zu Beginn der Ausstellung sind ähnlich wie Steckenpferde Ganzkörper-Pferde-Kostümierungen für die Besucher vorgesehen, mit denen man durch die Ausstellung reiten könnte! Doch nichts da, der Stall bleibt für die Besucher verschlossen. Dabei handelt es nicht nur um ein unlösbares versicherungstechnisches Problem, sondern auch darum, dass man befürchtet, dass die zwar klobig anmuteten jedoch de facto ziemlich fragilen Installationen von Gelatin und Lucas einfach angerempelt, sie aus dem Gleichgewicht gebracht und gar zerstört werden könnten. Das Spiel mit der Zerstörung geht also nicht auf und der Ausstellungsbesucher kommt erst gar nicht in Versuchung.

Aber gerade um Versuchung geht es in dieser Schau. Ich erinnere an den Heilligen Antonius, der Favorit unter den Sujets von Bosch. Man könnte meinen das Ausstellungskonzept ist in seine eigene Falle getappt. Welch paradoxe Intention!
Vielleicht ist aber Bosch auch nur ein Zugpferd zur Vermarktung der Ausstellung…

 
Hieronymus Bosch:
Der Kampfelefant, 1560.
Albertina, Wien
 

Von den laut Katalog 34 gezählten Alten Meistern sind nur sechs von Bosch, alles Kupferstiche, kein einziges Ölbild. Auffallend dominant muten dagegen die etwas später als Bosch lebende niederländische Künstlerfamilie Bruegel – vorherrschend mit Pieter Bruegel den Älteren (1525/1530-1569), aber auch Pieter Brueghel den Jüngeren (1564–1638) und Jan Brueghel den Jüngeren (1601-1678), die unter Einfluss von Bosch stehend sich ebenfalls den Versuchungen des Heiligen Antonius widmeten. Mit der Albertina, dem Kunsthistorischen Museum Wien und der Sammlung Liechtenstein als Hauptleihgeber hatte die Kunsthalle Krems gute Kooperationspartner für die Ausstellung gefunden, und konnte somit zu den Kupferstichen auch ein paar Ölbilder dazu gewinnen. Hinzukommen noch andere Werke der Renaissance wie Johannes Sadeler, Pieter van der Heyden, Herri met de Bles und weitere Niederländische Meister, die bis heute anonym geblieben sind. Ältestes ausgestelltes Werk dürfte „Der Heilige Antonius von Dämonen gepeinigt“ des 1445/1450 im Elsass geborenen und 1491 in Breisach/ Rhein verstorbenen Martin Schongauer sein (Kupferstich undatiert, Albertina), woran man deutlich erkennen kann, dass Bosch die Qualen des Heiligen Antonius nicht alleine erfunden hatte.

 
Martin Schongauer:
Der Heilige Antonius von
Dämonen gepeinigt, undatiert
Albertina, Wien
 

Auch aus der Moderne mischte man ein paar Künstler wie die beiden Amerikaner Paul McCarthy und Jason Rhoades, den französischen Textilkünstler Olivier Marie Garbay, die österreichische Keramikerin Christine Millbacher, den österreichischen Starkünstler Franz West sowie ein 65 Minuten-Video „Energy Dairies“ (2010, Talk: Sarah Lucas, Franz West, Andreas Reiter Raabe) des 1971 geborenen Briten Julian Simmons. Diesmal brilliert die Kunsthalle mit fehlenden biografischen Daten der Künstler. Immerhin findet man im Katalog genauere Daten von den Hauptkünstlern Bosch, Lucas und Gelatin und eine umfassende Werkliste der Ausstellung.

„Die Ausstellung in der Kunsthalle Krems versucht die Weltinterpretationen von Hieronymus Bosch und seinen Zeitgenossen wie Nachahmern mit aktuellen Positionen von Sarah Lucas und Gelatin kurzzuschließen.“, so Hans-Peter Wipplinger in seinem Prolog im Katalog. Dieser Versuch ist leider missglückt. Zum einen weil Boschs Visionen erfüllt von Dämonen waren, die uns auch in der Zukunft verfolgen werden und daher keiner Aktualisierung bedarf. Zum zweiten, weil Lucas und Gelatin Werke weder ins Fantastische, noch ins Groteske oder gar Absurde gehen, auch wenn Kunsthistorikerin Brigitte Borchhardt-Birbaumer in ihrem Essay „Chaosmose“ im Ausstellungskatalog den Leser vom Gegenteil überzeugen will und Gelatin als „Exorzisten der Kunstwissenschaft“ sieht, die durch Austreiben der Logik jedoch wieder neue Phantome erzeugten.

Die Künstler der Gruppe Gelatin haben ihre Spielwiese aus gemeinsamen Kindertagen nie verlassen. Die kritischen Aspekte bleiben an der Oberfläche, kein einziges Werk könnte einen annähernd im Traum verfolgen, obwohl Wipplinger und Borchard-Birbaumer sich einig über den Surrealen Bezug in Gelatins Werk äußern. Die offensichtliche Sehnsucht nach Exzess, Emotion und Rebellion, wie sie Wipplinger weiters beschreibt, widerspiegelt eher eine kindlich pubertierende Anarchie ohne intellektuellen Anspruch. Lucas deklarierter Feminismus, scheint mittlerweile in der 68er Revolution, die unter anderem die angebliche sexuelle Befreiung der Frau auslöste, stecken geblieben zu sein.

Gelatins und Lucas’ Aspekt des Roughen und Schmutzigen, das vom vermeintlich schlechten Geschmack Dominierte, die Übersteigerung von Bildinhalten und Zeichen verbinde diese Künstler mit manchen Bildaspekten Boschs, so Wipplinger in seinem Essay „Die Dinge des Lebens“ im Ausstellungskatalog mit der Zusatzbemerkung: „… freilich ohne die in der christlichen Ikonografie eingebetteten Erzählungen und Weltinterpretationen.“ Die Frage stellt sich, was letztendlich dann übrig bleibt?
Übrig bleibt Provokation: „Du musst eben Kunst machen, die provokativ ist, die provokative Fragen aufwirft, sonst verlierst du kritisches Bewusstsein.“ [5] und „Du musst über alles zweimal nachdenken, was ich meine; ob ich es ernsthaft oder lustig meine. Das ist provokativ.“ [6] (Zitate: Sarah Lucas)

Doch leider ist die Rechnung nicht aufgegangen. Der Dialog zur Überbrückung 500 Jahre Kunst ist bei den zahlenden Besuchern im Ärger über die fehlenden Boschgemälde im Keim erstickt.

Fazit: Auch wenn die aufwendig inszenierte Ausstellung zum Teil amüsiert, so wird einem letztendlich bewusst, dass Gelatin, Lucas und Special Guests, im Gegensatz zu den Visionen der Kunst der beginnenden Renaissance, für sich niemals 500 Jahre überstehen würden, sondern sich schon in der Gegenwart selbst überholt hat. Eine schockierende Feststellung einer keines Falls provokativen Ausstellung, die aber Aufgrund vieler Derbheiten für Kinder und Schulklassen der Unterstufe nicht geeignet ist!

Quellen:
[1] Seite 122 aus Virginia Pitts Rembert: „Bosch. Hieronymus Bosch und die Lissabonner Verführung: Eine Perspektive aus dem dritten Jahrtausend.“ London: Parkstone International, 2004. Übersetzung: Martin Goch.
[2] Seite 24: Jacqueline Nowikovsky: „Der Wert der Kunst. $ 100.000.000?“ Wien: Czernin Verlag, 2011.
[3] Seite 65 im pdf des zur Ausstellung erscheinenden Katalogs: Hrsg. Hans-Peter Wipplinger/ Kunsthalle Krems: „Lucas Bosch Gelatin“. Köln: Verlag Walther König, 2011.
[4] Ernst H. Gombrich (1909-2011), britischer Kunsthistoriker österreichischer Provenienz: Wiener Dissertation 1934 „Zum Werke Giulio Romanos“ revidierte seinen Standpunkt in „Zauber der Medusa“ 1987, S. 22, laut Hofmann im pdf Ausstellungskatalog S. 85/7.
[5] Sarah Lucas im Gespräch mit Noemi Smolik: Kunstforum international, Bd. 139, 1997. S. 275
[6] Uta Grosenick (Hg.): Women Artists. Künstlerinnen im 20. und 21. Jahrhundert. Köln: Taschen Verlag, 2011. S. 333

LitGes, August 2011