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Ingrid Reichel
DER MEISTER DES SCHNAPPSCHUSSES IN WIEN
DER KOMPASS IM AUGE:
Amerika – Indien - Sowjetunion
Henri Cartier-Bresson
Kunst Haus Wien, Museum Hundertwasser
Pressegespräch: 16.11.2011, 10.30 Uhr
Ausstellung: 17.11.2011 – 26.02.2012
Kurator: Andreas Hirsch
Ausstellung in Kooperation mit Magnum Photos und der Fondation Henri Cartier-Bresson
Henri Cartier-Bresson, ein Name, dessen Klang die Herzen höher schlagen lässt, Henri Cartier-Bresson ist in Wien! Natürlich nicht er selbst, denn Cartier-Bresson - das internationale Auge, wie man ihn nannte - wurde 1908 geboren und verstarb 2004.
Der französische Reise- und Fotojournalist hat jedoch an Aktualität nichts eingebüßt, seine Werke sind Zeugen seines Engagements, seiner Rastlosigkeit, seiner Präsenz und Authentizität. Cartier-Bresson revolutionierte nicht nur die Fotografie im Zusammenhang mit dem Journalismus, er setzte sich auch für die Stellung des Fotografen ein, indem er eine Agentur mit dem Namen Magnum Photos 1947 gründete, die die Fotografen von der Bittstellung gegenüber den Zeitungen und Magazinen befreite. Ein großes Stück Unabhängigkeit für ein Metier, das im Dienste des Journalismus stand und für sich noch keinen künstlerischen Anspruch stellen konnte. Die Agentur stand Pate, um die Rechte der Fotografen zu erstreiten.
Cartier-Bresson, der von einer wohlhabenden industriellen Firma abstammte - die Bresson-Werke sind in Frankreich heute noch bekannt für ihre Produktion von Garn, Zwirn und Stickfaden – hatte nicht vor die Familiengeschäfte zu führen. Was er für die Fotografie an Pionierarbeit leistete, begann mit Familienrebellion. Er interessierte sich für die Kunst, vor allem für den Surrealismus, und studierte zunächst ein Jahr Malerei beim Kunsttheoretiker und Kubisten André Lothe in seiner académie rue d’Odessa. Nachher begann er sich für die Fotografie zu interessieren und startete seine Reisen quer um die Welt. Bereits 1933 stellt er seine Fotografien in der Julien Levy Gallery in New York aus. Seine Werke gehen von da an in die Richtung der dokumentarischen und antigrafischen Fotografie. Es folgten Tätigkeiten als Regieassistent und Regisseur. Berühmt wurde Cartier-Bresson durch seine Fotografien, die die Befreiung von Paris von den Nazis 1945 dokumentierten und den Dokumentarfilm Le retour (Die Rückkehr) über die Repatriierung von Kriegsgefangenen und Inhaftierten.
Sein erstes Buch Images à la sauvette (Der entscheidende Moment) erschien 1952 und deklariert ihn als Meister des Schnappschusses.
Im Pressegespräch erzählten Andrea Holzherr, die Vertreterin der Agentur Magnum Photos in Paris und Marco Bischof, Präsident der Magnum Foundation Frankreich was für ein Mensch Cartier-Bresson war. Beide konnten ihn persönlich kennenlernen und bei der Arbeit assistieren. Bischof, dessen Vater ein Kollege von Cartier-Bresson war und mit ihm eine Seelenverwandtschaft teilte, durfte Cartier-Bresson als Fünfzehnjähriger bei Fotoaufnahmen durch die Schweiz begleiten. Bischof beschreibt ihn als tänzerischen Fotografen, der ohne klassische Fotoausrüstung nur mit seiner Leica bestückt sich auf die Pirsch nach Motiven machte. Die Liebe zur Leica wurde ihm oft als Spleen nachgesagt. Doch die Laica war eine relativ kleine Kamera, die er gut in der Hand verstecken und für seine überraschenden Schnappschüsse einsetzen konnte. Entscheiden für Cartier-Bresson war das Abdrücken im richtigen Moment, nicht die Dunkelkammer, bekundet Bischof. Seine Arbeit widmete er den Menschen, sein Interesse galt dem, was Leute denken, so studierte Carier-Bresson das Leben, meint Bischof. Cartier-Bresson hatte die wunderbare Gabe am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt zu erscheinen. So war er bei Mahatma Gandhi kurz bevor dieser ermordet wurde. Seine Portraitaufnahmen sind niemals gestellt und zeigen enorme Authentizität der Charaktere bekannter sowie unbekannter Gesichter.
Cartier-Bresson war sein Leben lang Anhänger der Schwarz-Weiß-Fotografie. Ursache darin lag die schlechte Druckqualität der Farbfotografie von einst, beantwortete Holzherr meine Frage nach den Farbfotografien von Cartier-Bresson, die Ausnahmeerscheinungen blieben wie ein Buch über Frankreich oder Auftragsarbeiten für Zeitschriften.
Als Andrea Holzherr Cartier-Bresson traf war sie 30 und er bereits 80. Er war einfach, hatte aber alles auf den Punkt gebracht. Er war ein Mensch mit sehr viel Energie, mit starken moralischen Ansprüchen und einem scharfen Auge, beschreibt Holzherr Cartier-Bresson. Er hat sich mit 60 aus den Tagesgeschehen herausgenommen, wohl kleine Aufträge angenommen, aber sich vor allem seinem Fotoarchiv gewidmet. Im Zuge der Revisualisierung überprüfte er einzelne Werke auf ihre Essenz. Aus Furcht schlechte Fotos könnten ausgestellt werden, errichtete Cartier-Bresson eine eigene Stiftung, erzählte Holzherr.
Der Direktor des KunstHauses Franz Patay erklärt, dass eine Retrospektive der Werke von Cartier-Bresson die Räumlichkeiten des Museums sprengen würde. So beschränkte man sich auf Reisen in Länder, die Cartier-Bresson wiederholt in einer spannenden Zeit besucht hatte: Amerika, Indien und die Sowjetunion. Der Spanische Bürgerkrieg, die ersten Konflikte nach dem 2. Weltkrieg in Korea, die Zeit des Kalten Krieges und die gewaltfreie Bewegung, die Indien in die Unabhängigkeit führte. Cartier-Bresson reiste bedacht mit langen Vorbereitungszeiten, erklärt Patay, dafür fotografierte er im entscheidenden Augenblick rasch.
Wenn man zu Lebzeiten das Auge des Jahrhunderts genannt wird, läuft man Gefahr auf Weniges reduziert zu werden, erläutert der Kurator der Schau Andreas Hirsch, so bliebe Vieles unbekannt. Die Ausstellung zeigt, wie Cartier-Bresson die bereisten Länder politisch beobachtete. Sie zeigen auch Cartier-Bressons Faible fürs Paradoxe. Der Hang zum Surrealismus hatte ihn nie verlassen. 214 Fotos aus fünf Jahrzehnten aus drei höchst verschiedenen Ländern füllen bis zum 26. Februar 2012 die Räumlichkeiten des KunstHaus Wien. Nicht versäumen! Ein Muss für Fotofreunde!
Im Shop sind zwei empfehlenswerte Kataloge erhältlich:
Henri Cartier-Bresson. Sein 20. Jahrhundert: Hg. Peter Galassi
München: Verlag Schirmer/ Mose & The Museum Of Modern Art NY, 2010. 276 S.
ISBN 978-3-8296-0391-1
Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister: Clément Chéroux
München: Verlag Schirmer/ Mosel, 2008. 160 S.
ISBN 978-3-8296-0377-5
LitGes, November 2011
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