Tote Kinderseelen: Hermine Reisinger. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Hoffnung

 

Tote Kinderseelen
Mein Weg zurück ins Leben
Hermine Reisinger

Klagenfurt: Wieser Verlag, 2011. 158 S.
ISBN 978-3-85129-921-1

Bereits im März 2008 berichtete etcetera über Hermine Reisinger und ihren Kampf gegen Kindesmisshandlung. Von der 1951 in Linz geborenen Gründerin der Internetplattform www.gegensexuellegewalt.at (2003) erschien nun ihr authentischer Lebensbericht.

Manche mögen im Schreiben eine Eigentherapie mit Selbstheilungschancen anpeilen, doch Reisinger hat all die Möglichkeiten der Fremd- und Eigenhilfe längst genutzt, vielmehr bietet sie seit Jahren selbst Hilfe für Opfer sexueller Gewalt an, recherchiert und schreibt unermüdlich Artikel zu aktuellen Geschehnissen.

In ihrem ersten Buch beschreibt sie nicht nur, wie sie bereits als Fünfjährige zum ersten Mal Opfer der sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen ihres Pflegevaters wurde, sondern auch die daraus resultierenden Konsequenzen für ihre Weiterentwicklung. Offen zeigt sie die Missstände in Jugendämtern und Vormundschaftsgerichten, die trotz Menschenrechtskonventionen existieren, auf, erzählt vom harten Leben in Kinder- und Jugendheimen.

Ihr Fall liegt über 50 Jahre zurück, doch von einem Justizminister zum anderen ändert sich zum Schutz des Kindes nichts. Kinderpornographie blüht und gedeiht weiterhin, vereinzelt treten weltweit familiäre Verhältnisse à la Fritzl auf. Die einzelnen Aufdeckungen erscheinen wie Alibiaktionen.

Es gibt weiterhin nicht mehr Geld für adäquate Opferbetreuung, für Aufklärung, für härtere Strafgesetze gegen Menschen, die sich an Kindern und Jugendliche vergreifen. Zum Wohle der Gesellschaft kehrt man wieder einmal das Problem unter den Teppich, denn: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Noch heute werden Opfer als selbstverantwortlich bezeichnet oder gar zum Täter abgestempelt. Die Frage nach der Verjährung solch einer Straftat wird verdrängt.30 Jahre ist die Durchschnittszeit, bis sich ein Opfer zu der im zugefügten Tat äußern kann, manche erholen sich ein Leben lang nicht. Doch Reisinger macht Menschen Mut sich ihren Problemen zu stellen, gibt ihnen Hoffnung, dass es nie zu spät ist für einen Neubeginn.

LitGes, etcetera 47/ Pöbel/ März 2012