Ruhm am Nachmittag: Karl-Markus Gauß. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
Geruhsam und aufwühlend

 

Ruhm am Nachmittag
Karl-Markus Gauß

Journal
Wien: Zsolnay Verlag, 2012. 282 S.
ISBN 978-3-552-05567-4

Das neue Buch von Karl-Markus Gauß lässt sich in die Linie der persönlichen Journale einreihen, obwohl die unterschiedliche Titelgebung darauf schließen lässt, dass sich gegenüber den früheren Journalen doch ein wenig geändert hat. Und so beginnt das Buch wie ein Roman, hier werden Personen in einer Art und Weise geschildert, die mit narrativem Fabulieren zu tun hat, aber eigentlich nicht mit dem von Gauß gewohnten Essaystil. Dieser folgt freilich gleich nach, denn der Autor reflektiert politische und gesellschaftliche Tagesmeldungen, erstaunt regelrecht über die euphemistische und bewusst täuschende Wirkung des Fernsehens, womit er diese seinen Lesern sehr deutlich vor Augen führt.

Einer der Fäden, die sich durch die Seiten des Buches ziehen, handelt vom ungarischen Schriftsteller Sándor Márai und dessen Tagebuch. Karl-Markus Gauß nimmt Letzteres zum Anlass zur Auseinandersetzung mit dem Genre des Tagebuches, vordergründig mit Blick auf Márai, doch stets mit einem Schuss Allgemeingültigkeit: »Von Anfang an hat er das Tagebuch nicht als Ort der privaten Selbstaussprache betrachtet und das diaristische Schreiben auch nicht als jene pietistische Gewissensbefragung betrieben, die für die Ausbildung des europäischen Tagebuchs als literarischer Gattung so wichtig war. Es ist auch kein Arbeitsjournal, das er führte und in dem er die Einfälle festhielt, die ihn später womöglich für seine Romane nützlich werden könnten. (…) Er schreibt also nicht, um der Welt Kenntnis zu geben von dem, wovon er selbst Kenntnis bereits gewonnen hat, sondern um sich in der täglichen Arbeit des Schreibens zu erschaffen, (...)« Sándor Márai führte ein bewegtes Leben, und es hat mit der Nazidiktatur ebenso zu tun wie mit dem ungarischen Kommunismus; wie das Leben eines Schriftstellers unter solchen Rahmenbedingungen ablaufen könnte, zeigen Márais Biografie und natürlich auch sein Tagebuch.

Ruhm am Nachmittag führt uns an verschiedene Orte Europas, zu Autoren, die – wie Márai – bereits sehr bekannt oder – wie der Slowene Boris Pahor – weitgehend unbekannt sind, und zu einer Lesung nach Bukarest, die mancherlei Missgeschicke bot. Einflüsse der Weltpolitik machen sich dann bemerkbar, wenn etwa die Rede auf den iranischen Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan kommt, der zuerst in seiner Heimat sehr bekannt war, dann in Ungnade fiel und mit dem Tod bedroht wurde und heute in Deutschland lebt. Nicht nur über diese äußeren Umstände erfahren die Leser, sondern auch den Inhalt des ersten auf Deutsch erschienenen Romans von Cheheltan.

Vieles zeigt Bezüge zu Österreich, und an vielen Stellen hat Gauß Skurriles und auch Erschreckendes über unsere Heimat beziehungsweise über so manch illustren Bewohner zu berichten. Etwa über den Kärntner Landeshauptmann (nicht den verstorbenen, sondern den jetzigen, aus wenn es aus dem Munde des ersten stammen könnte), der im Rahmen seines Wahlkampfes mit einem rassistischen Witz aufhorchen ließ und nach dem fulminanten Wahlerfolg die Kritiker als lediglich humorlos abtat. Im Buch heißt es dazu unter anderem: »Sieht man davon ab, dass Neger, wenn Österreich weiterhin so verkärntnert, wie sich das die Dörflers allenthalben vorstellen, in österreichischen Zügen bald nichts mehr zu suchen haben, hat der Witz großen Anklang gefunden, denn Dörfler wurde wenige Wochen später mit 45 Prozent der Stimmen zum Landeshauptmann von Kärnten gewählt.« Und ein paar Zeilen weiter: »Die Tourismusindustrie wird das gewiss aufnehmen: ›Kärnten, das Land, wo das Lachen stattfindet.‹«

Dazu passt auch, dass, wie Karl-Markus Gauß darlegt, eine europäische Forschungsstelle herausfand, dass in keinem Land der EU die Immigranten nach zehn Jahren die Landessprache so schlecht beherrschten wie in Österreich. Aber nicht als Kritik an der Integrationspolitik wird dieses Ergebnis hierzulande verstanden, sondern als Wertung der »dümmsten, faulsten und kriminellsten« Zuwanderer. Aus diesem Grund schiebt die Innenministerin die Thematik des Sprachlernens gleich an die Herkunftsländer ab, denn »Da es die Ausländer in Österreich nicht und nicht schaffen, Deutsch zu erlernen, sollen sie es nachweislich bereits können, bevor sie zu uns kommen. Weil sie in Österreich nicht möglich ist, hat die Integration in die österreichische Gesellschaft ab sofort im Ausland vollzogen zu werden.« An solchen Stellen wünscht man sich als Lesender, es würde sich tatsächlich um einen Roman handeln, doch ist das natürlich nicht so. Wir spüren hier die spitze Feder eines Essayisten, der es versteht, mit seiner Aufmerksamkeit, seinem Sarkasmus und nicht zuletzt seinem Humanismus das aufzuzeigen, was eigentlich nicht sein sollte. Dass dies in einer sprachlich perfekten, literarischen Weise geschieht, macht die Lektüre zu einem wahren Vergnügen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gauß' Bücher, obwohl Journale und Reise-Essays, in die Nähe narrativer Texte gerückt werden. Etwa in einem Aufsatz von Hans Höller zu den Journalen. Zum Romanhaften, zur Erzählung gehören denn auch Ereignisse und Erinnerungen aus dem Leben des Autors, vielleicht mehr noch als zum Essayistischen. Insgesamt eine gut abgewogene Mischung, die Karl-Markus Gauß' Bücher völlig losgelöst von etwaigen Gattungszuordnungen zu einem interessanten Lesestoff machen.

LitGes, Mai 2012