Engel: Gerd W. Götzenbrucker. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Der Tod und Wien

 

Engel
Meisterwerke der Friedhofskunst
Gerd W. Götzenbrucker

Wien: Wiener Dom Verlag, 2011. 208 S.
ISBN 978-3-85351-235-7

2008 erschien im Pichler Verlag "Der schöne Tod in Wien" von Isabella Ackerl, Ingeborg Schödl und dem Fotografen Robert Bouchal. Man könnte meinen, dass der Dom Verlag mit "Engel. Meisterwerke der Friedhofskunst" des gebürtigen Kärntners Gerd W. Götzenbrucker einen Folgeband veröffentlichte. Denn Götzenbrucker erkundete von 2003-2011 ausschließlich Figuren der Wiener Friedhöfe vom Zentralfriedhof, Mauer, Grinzing, Ober-Sankt-Veit, Matzleinsdorf, Hietzing bis zum besonderen Juwel unter den Wiener Totengärten, den Biedermeierfriedhof St. Marx, den letzten seiner Art in Europa,.

Götzenbrucker erklärt die Entwicklung der Skulpturen im Laufe der Epochen in der Sepulkralkunst, sodass sie auch ein Laie unterscheiden kann, vergisst jedoch dabei, da es ein populärwissenschaftlicher Bildband ist vorweg, die Bedeutung des Wortes sepulkral zu erläutern. Sepulcrum ist das lateinische Wort für Grab, daher bedeutet sepulkral zum Begräbnis oder Grabmal gehörend.
Die Sepulkralkunst hat sich noch vor der griechischen und römischen Antike entwickelt. Man findet sie bereits im Alten Orient und im Alten Ägypten.
Götzenbrucker führt uns durch die verschiedenen Epochen. In dem von den Pestepidemien gezeichneten Mittelalter gewann das Leben nach dem Tod an Bedeutung, die Mahnung zur Gottgefälligkeit im memento moriendum esse - sei Gedenk, das du Sterben musst - entstand die neue Kunstgattung ars moriendi, die Kunst des heilsamen Sterbens, die die christliche Vorbereitung auf den Tod lehrte und den Weg ins Himmelreich sicherte. Die Bedeutung des Todes zeichnet sich an den Skulpturen in den Friedhöfen und Grabmälern ab.

Waren es zu Beginn noch allegorische Todesbilder mit Skeletten und Totenköpfe, dem Sensenmann und von Ungeziefer zerfressenen Leichnamen, die bis zum Barock die Ikonografie des Sterbens ausmachten, so schwand mit der Aufklärung und ihrem Appell zur Vernunft die Bedeutung von Religion und Kirche, der Glaube an ein Leben nach dem Tod rückte in den Hintergrund. Die Zeit des Barocks war geprägt von den pompösen Bestattungen der Habsburger Dynastie, denn wer mächtig bleiben wollte, musste seine Ahnen dementsprechend verehren. Das 19. Jahrhundert mit seiner Industrialisierung war wiederum geprägt von der Antike. Es galt die Reinheit und Schönheit vor dem Dreck der Fabriken herauszukehren und führte schließlich zum Schönen Tod im Jugendstil. Nach dem 1. Weltkrieg war die Ästhetik des Todes nicht mehr angebracht.

Götzenbrucker führt uns die Entwicklung der Genien, die engelsgleichen Skulpturen aus der Antike, anschaulich vor Augen, wie sie sich zu Engeln und später zu Trauerfiguren entwickelte. So unterscheidet er klassische und knieende Genientypen sowie Mischskulpturen und zunehmend weiblich und engelhaft anmutende Darstellungen. Wichtig sind bei der Deutung Mimik und Gestik der Figuren und ihre verschiedenen Attribute, die voller christlicher Symbolik sind.
Der Engel als Vermittler zwischen Gott und Mensch entzieht sich jedoch dogmatischer Vereinnahmung, meint Götzenbrucker (S. 27).
Ob nackte Jünglinge ohne Flügel, geschlechtsneutrale Körper mit Flügel oder weibliche Körper in wallenden Gewändern, ob Schutz- oder Trauerengel, in Sandstein, Marmor, Granit oder Mischmaterial angefertigte kostbare Einzelstücke oder als in Serien erstellte Galvanoplastiken, die Figuren um den Tod bleiben ein beeindruckendes Zeugnis unsere Sterbekultur.

Götzenbrucker hat hier ein Werk geschaffen, welches nicht nur historisch die Geschichte der Engel und die Friedhofskunst generell erklärt, sondern mit seinen hervorragenden Fotografien ein detailliertes Werk der Wiener Sepulkralkunst geschaffen. Nicht zuletzt macht er es neugierig und lädt zu Spaziergängen in diesen wunderschönen Wiener Freilichtmuseen ein.
Ein Buch, welches nicht nur informiert, sondern - ob der eindrucksvollen Skulpturen - schwelgen lässt und sich daher (nicht nur zur Weihnachtszeit!) auch als schönes Geschenk eignet.
Einzige Kritik: Es fehlt die Biografie des Autors und Fotografen Gerd W. Götzenbruck. Auch im Internet ist leider nichts über ihn zu finden, das ist schade!

LitGes, Oktober 2012