Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge: Josef J. Preyer. Rez.: Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
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Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge
Josef J. Preyer
Windeck: Blitz-Verlag, 2012. 224 S.
ISBN 978 3 89840 336 8

Dr. John H. Watson wird von fiebrigen Albträumen geplagt. Seit Sherlock Holmes vor einigen Jahren nach einem erbitterten Zweikampf mit seinem Erzfeind Professor James Moriarty gemeinsam mit diesem in den Wassern der Reichenbachfälle verschwunden ist, will Watson gar nichts mehr gelingen. Eine massive Erkrankung, wie sie ihn nun in ihren Klauen hält, ist wohl nur die logische Konsequenz. Und doch beschleicht ihn gelegentlich (nicht nur in seinen Träumen) das Gefühl, dass Holmes entgegen aller Wahrscheinlichkeiten in der Nähe sein könnte ...

Sherlockianer kennen das: 1894 tritt Sherlock Holmes nach seinem vermeintlichen Tod wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Und hier setzt J. J. Preyer ein: Holmes’ akribisches Studium der Meldungen in der Times bringt diesen zu der Überzeugung, dass auch Moriarty noch lebt und der „Napoleon des Verbrechens“, wie er ihn zu nennen pflegt, wieder, zurück in London, seinem verbrecherischen Tun nachgeht. Doch dass dieser ausgerechnet den Rufmord an dem beliebten, gleichwohl von einigen Traditionalisten für seine recht bohèmehafte Lebensführung angefeindeten Poeten Oscar Wilde plant, kann sich auch Holmes nicht erklären. Erst die Lektüre eines Manuskripts des Lustspiels „Bunbury – Ernst sein ist alles“ bringt Holmes auf eine Fährte: Das Theaterstück enthält möglicherweise versteckte Hinweise auf die Herkunft Moriartys. Nur: Was hat Wilde mit Moriarty zu tun?

„Der Professor hätte Wilde töten lassen können. In diesem Fall wären dessen Stücke weiterhin aufgeführt worden. Nur der öffentliche Skandal, der Sturz des Schriftstellers, gewährleistet dessen Verstummen.“

Die Spur führt weit in die Vergangenheit der Protagonisten. Die Dinge überschlagen sich, als auch noch Watsons Gattin Mary entführt wird. Während Holmes und der langsam gesundende Watson Stück für Stück die Hinweise aus früheren Zeiten einem Puzzlespiel gleich zusammen tragen, nimmt eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes im (damaligen) Hier und Jetzt vor ihren Augen Gestalt an, die das britische Empire sowie die gesamte Welt in ihren Grundfesten erzittern lassen könnte.

Preyer, der den Doyle/Holmes-Kanon zu hundert Prozent intus hat und das auch schon bei früheren Holmesiaden unter Beweis gestellt hat, hat mit der Moriarty-Lüge wohl seinen bis dato besten Krimi um den britischen Meisterdetektiven geschrieben. Nicht nur die Storyline, also das Was, ist fein durchdacht, sondern auch und vor allem das Wie. Hier gibt’s wunderbar-spitzzüngige Dialogpassagen, die sich vor Wilde nicht zu verstecken brauchen; hinzu kommen atmosphärisch gelungene Schilderungen einer untergegangenen Epoche. Holmes selbst darf seiner Hinwendung zum Kokain recht ausgiebig frönen – überhaupt zeichnet sich Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge durch eine angenehmes Fehlen politisch korrekten Moralisierens aus. Ein subtiler Spannungsaufbau, der nahezu komplett auf jede Art von vordergründiger Action verzichtet, tut sein übriges zum Lesegenuss – einzig der unvermittelte (und etwas krude gestrickte) Schluss stellt einen, wenngleich kleinen, Wermutstropfen in einer ansonsten hinreißend komponierten Krimi-Petitesse dar.

Altmodisch – ja, und zwar im besten Sinne!

LitGes, Oktober 2012.
Mehr über Josef J. Preyer im etcetera Nr. 49/ Oktober 2012