55/verloren/Prosa: Margit Heumann - Tochter meiner Mutter

Margit Heumann

Tochter meiner Mutter

Letzte Nacht ist der Berg ins Rutschen gekommen, die Mure herabgestürzt, hat die Straße verschüttet, den Bach gestaut, das Wasser donnert in breitem Fall zu Tal. Daneben liegt ein Haus in Trümmern, ein blaues Haus, mein Elternhaus, das nie blau gewesen ist, und neben dem Durcheinander aus hellblauen Bruchstücken steht eine Person mit hängenden Armen wie nicht von dieser Welt, verloren, nicht die Mure hat das Haus zum Einstürzen gebracht, sie hat sich ihren Weg knapp daneben gesucht, es war die Erschütterung, und dann geht ein Ruck durch meine Mutter, und im Aufwachen weiß ich, gleich wird sie die Ärmel hochkrempeln, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Ordnung schaffen ist ihr Prinzip. Sie ist akkurat. Das Wort verwendeten damals schon nur noch die Alten, die Oma, die Großtanten, der zittrige Nachbar auf der Hausbank, aber es passte und passt auf meine Mutter. Alles hatte seine Ordnung. Keine auffällige, besondere, bloß das nicht, nein, aber die eine richtige. Ordnung ist das halbe Leben, das hat sie nicht grundlos beschlossen, das hat Erfahrung sie gelehrt.
«Die Mama …letzte Nacht … », Wortfetzen aus dem Telefonhörer, gefolgt von trockenem Schluchzen, aus dem Mund meines disziplinierten Vaters mehr ein Schmerzensschrei, dann wird aufgelegt. Ich rufe zurück, frage nach Wie und Warum und Was und verspreche, ich komme. Sitze im Zug und fahre durch die Nacht und ertrage nicht den Gedanken, dass meine Mutter sang- und klanglose gegangen ist. Oder war der Traum ein letzter Gruß? Wieder und wieder spiele ich ihn ab, suche Hinweise oder Anknüpfungspunkte und finde keine außer jenen, die ich hineininterpretiere und gleich wieder verwerfe. Erinnerungen drängen sich auf, solche und solche, großes Kino und kurze Einblendungen, ich nähere mich dem Todesfall, indem ich Mutterfilme ordne.

Rösle, die Verkäuferin. Sie wiegt Kartoffeln ab, bedient Kunden, kassiert, füllt Regale auf, macht Inventur, bringt das Geld zur Bank. Rosa, die Hausfrau mit Staubtuch, täglich wischt sie durch die Wohnung, am Freitag ist Aufräumtag, am Montag Waschtag, Mittwoch Bügeltag, und gebügelt wird alles, auch Unterwäsche, Taschentücher, Bettbezüge, Leintücher, und dann penibel zusammengelegt und Kante auf Kante im Schrank verstaut, „zeig mir deinen Wäscheschrank, und ich sage dir, wer du bist”, da tanzt keine Hemdkragenecke aus der Reihe, da gibt es keine windschiefen Kopfkissenstapel. Rosi, die Hobbyschneiderin, Dienstag ist Nähkurs, und wenn die Nachbarin sie abholt, muss sie noch schnell die Küche kehren, „dir lege ich einmal einen Besen in den Sarg”, bekommt sie zu hören, dazu kommt es nicht, die Nähkollegin stirbt vorher an Alkoholmissbrauch. Sonntagabend werden Herrenhosen aufgebügelt, jahrelang die des Ehemannes, der von Montag bis Samstag im Ausland arbeitet, später für den Sohn, der in eben diesem Ausland eine Ausbildung beginnt, just zu dem Zeitpunkt, wo der Vater im eigenen Land eine Stelle findet. „Dieses Hosenbügeln am Sonntagabend werde ich wohl nie los”, stöhnt sie, aber das Stöhnen hat ihr noch kein Familienmitglied abgenommen. So wie es ist, ist es für sie richtig, wenn auch mühsam. 

Auf Nachfrage, noch so ein Filmschnipsel, erzählt sie von mühsamer Kindheit und Jugend, als Dienstmädchen sei ihre Mutter ins Dorf gekommen und eine Fremde geblieben, ihr Vater nur eine Urkunde in der Küche, vor ihrer Geburt im Dienst für das Vaterland und auf dem Felde der Ehre gefallen. Von einer mageren Rente, aufgebessert durch Saisonarbeiten bei Bauern, hätten sie gelebt und von ihrem großen Garten, da sei wenig Zeit für den Haushalt geblieben, sie habe sich für die Unordnung geschämt, niemand mit heim genommen und wenn, dann habe sie vorher aufgeräumt, den Herd geputzt, das Waschbecken gescheuert, den Boden gewachst, sie habe schon immer viel Ordnungssinn gehabt. Ich nenne es Aufräumwut. Jedes Ding an seinem Platz. Die Haarbürste auf der rechten Ablage, der Handarbeitskorb im offenen Fach des Küchenbüffets, Vaters Handtuch am linken Haken. Das Bettzeug besteht aus Oberleintuch, Wolldecke, Federbett, Kopfpolster und Überwurf, von wegen übergeworfen, die Mutter streicht ihn mit einem zweckentfremdeten Besenstiel glatt, die Zierkissen bekommen den Knick mit der Handkante. Seit Jahr und Tag legt sie ihrem Mann Hemd, Hose, Pulli, Krawatte bereit, wenn sie sich über seine Unselbständigkeit beschwert, kontert er, „ich werde mich hüten, selber an den Schrank zu gehen, anfangs habe ich das ja noch probiert, aber meine Zusammenstellung war immer falsch.” Ich sehe mich aus dem Zimmer kommen, schick gemacht für den Verwandtenbesuch, da steht meine Mutter und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, „mit der Hose oder dem T-Shirt oder der Jacke kannst du doch nicht beim Patenonkel aufkreuzen”, und schickt mich zum Umziehen, damals hab ich mir geschworen, meinen Kindern werde ich nie in ihre Garderobe reinreden, mach ich auch nicht, ich erfinde meine eigenen Fehler, Mutter-Tochter-Konstellationen sind selten einfach.

Ein späterer Film, ich bin schon über dreißig, taucht auf, ein zweifelhaftes Déjà-vu, beim Blick in den Spiegel schaut meine Mutter mich an. Wie kann das sein, ich bin ein Papakind, er hat mir imponiert mit Mickymausheften und Pferdebüchern, mehr noch durch Freigeist, Kirchgangverweigerung, seltener Anwesenheit, außerdem bin ich blauäugig und blond und langmähnig, Mama brünett und dauergewellt, nur die Nase, die habe ich von ihr, und die Lippen, da bin ich froh, der Vater hat zu schmale, so gut wie gar keine. Im eigenen Spiegelbild unverhofft meiner Mutter gegenüber zu stehen, ist schräg, und nicht genug damit, spiegelt sich neben unserem Gesicht die artige Reihe meiner Schlüssel, der praktische Garderobenschrank und durch die offene Tür das aufgeräumte Wohnzimmer, da echot Mutters Erbe überlaut aus jeder Ecke, ich bin wohl mehr ihre Tochter, als ich weiß. Es gibt einen echten Film, Mutter öffnet die Haustür, weil es geklingelt hat, keiner da, sie tritt heraus, sieht sich suchend um, entdeckt den Freund mit Videokamera hinterm Baum, greift sich sofort ordnend in die Dauerwellen und springt gleichzeitig mit jugendlichem Satz zurück ins Haus. Einen Moment später tritt sie frisch frisiert und ohne Schürze wieder heraus und winkt lachend in die Kamera. Sie ist älter geworden und gelassener, wir Kinder aus dem Haus und selbständig, jedes seltene Wiedersehen großes Kino, da wird das Verhältnis automatisch besser, zumindest mit ein bisschen gutem Willen, und den haben wir beide, sie zeigt mir nicht, wie oft sie den Kopf über meinen beruflichen Zickzackkurs schüttelt, und ich sage nicht, warum kannst du nicht mal fünfe gerade sein lassen, ist doch egal, ob du den Frühjahrputz vor oder nach Ostern machst. „Genieß doch den Ruhestand”, sag ich höchstens, sie wehrt ab, «weißt du, im Alter neigt man ohnehin zur Nachlässigkeit, dem muss man beizeiten gegensteuern», und dann klagt sie, dass ihr der Haushalt so langsam von der Hand geht, dass Bettenmachen richtige Arbeit geworden ist, und keine Ahnung, wie sie das sonst alles geschafft hat.

Der nächtlichen Biennale folgen Tage voller Pflichten, ich funktioniere als Organisator, Dokumentenbeschaffer, Luftzufächler, Händeschüttler, Zuhörer, selten trifft man so viele Verwandte wie auf einem Begräbnis. Danach wartet das Loch, ich falle und falle und möchte mich, ganz Tochter meiner Mutter, ins Aufräumen retten, aber da ist nichts zu tun, auch am Tag vor ihrer letzten Nacht ist Mutter ihrem Ordnungsfilm treu geblieben. Nirgendwo ein Stäubchen, nicht in den Ecken, nicht unter den Betten, die Fenster frisch geputzt, im Vorratsschrank stehen Dosen und Gläser ausgerichtet wie Soldaten, jede angebrochene Packung Brösel, Mehl und Zucker mit Gummiring gesichert, frisches Schrankpapier in allen Schubladen, hellblau, ha!, hellblau, da ist sie, die Verbindung zu meinem Traum, das Zeichen, sie hat mich nicht ohne Gruß verlassen. 

Margit Heumann
Geb. 1949. Lebt nach Jahren in England, der Schweiz und Deutschland derzeit in Wien und Bayern. Arbeitete als Fremdsprachensekretärin, im Buchhandel, als Islandpferdetrainerin und Autorin. Schreibt regelmäßig für große Zeitschriftenverlage und gehört zum Redaktionsteam „Asphaltspuren“. Seit 2007 Einzelveröffentlichungen in Print und E-Book sowie zahlreiche Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Erschienen im etcetera Nr. 55 / verloren / März 2014