Grundlsee: Gustav Ernst. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Corpus familiae

 

Grundlsee
Gustav Ernst

Roman
Innsbruck: Haymon Verlag, 2013. 120 S.
ISBN 978-3-7099-7045-4

„Wenn wir gestorben sind, dann möchte ich, dass meine Knochen neben den deinen liegen. […] Weil jeder Knochen immer noch voll ist von dem, das er gelebt hat […], und sich nach dem sehnt, den er geliebt hat und mit dem er schon immer zusammengelegen ist.“ (S.113). Dass dieser letzte Wunsch liebenden Familienmitgliedern oft versagt bleibt, ist ein harter Fakt. Für manche wird der Ort der Kindheit stellvertretend das Familiengrab. Ein Ort zu dem man gerne zurückkehren würde, der aber durch die Lebensumstände unerreichbar und zum unantastbaren Mahnmal einer zielgerichteten glücklichen Existenz wird.

Der Grundlsee im schönen Salzkammergut ist so ein Ort. Eine junge Familie verbringt dort Jahr für Jahr ihre Sommerfrische. Die Kinder werden erwachsen. Von Kapitel zu Kapitel sterben die Familienmitglieder. Ihre Knochen jedoch finden nie zusammen. Der Grundlsee ist Vertreter einer geborgenen Kindheit. Dass das Leben dann anders kommt, als man es sich wünscht, die in alle Welt verstreuten Kinder nicht zu dem einst vertrauten Hafen der Kindheit zurückfinden, liegt nicht nur an unserer schnelllebigen Zeit. Der 1944 geborene Wiener Autor beschreibt die Familie als einen Körper mit harter Knochenarbeit. Wie schon in seinen vergangenen Romanen, zuletzt in „Beste Beziehungen“ (2011), besteht der Roman aus Dialogen der einzelnen Angehörigen. Durch diesen Kunstgriff des Autors ist es dennoch eine Ich-Erzählung des Vaters, des Ernährers und Beschützers, auch dann noch, wenn er schon längst unter den Toten weilt und von der Sehnsucht der Hinterbliebenen spricht, die schützenden Hand der Eltern auch post mortem zu spüren. Doch Ernst wirft dem Leser, der wie ein hungriger Löwe das Buch verschlingen will, nur häppchenweise Nahrung zu. Das Unheil lauert immer und überall und man spürt den Tod in jeder Ritze in das Haus am Grundlsee einziehen. Spannend bis zur letzten Seite und voll tiefer Gefühle. Grandios!

Erschienen im etcetera Nr. 52/ Körper/ Mai 2013

 
dekodierung der dekaden: Erika Kronabitter. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
Dekadische Gedichte

 

dekodierung der dekaden
Erika Kronabitter

Lyrik
St. Wolfgang: Edition Art Science, Wien 2012. 131 S.
ISBN 978-3-902864-13-0

Eine Dekade ist ganz allgemein ein Satz von zehn Stück. So steht es im Wörterbuch. Eine Dekade steht für zehn Tage, zehn Jahre oder zehn Gedichte. Fünf Dekaden versammelte die Vorarlbergerin Erika Kronabitter in ihrem Lyrikband DECODIERUNG DER DEKADEN, der in der oberösterreichischen Edition Art Science in der inzwischen gut etablierten Reihe Lyrik der Gegenwart als Band 25 erschien.

Noch einmal greift die Autorin die Zehn in ihrem Gedicht als ich zehn (S. 13) auf: »als ich zehn und eine kindheit hatte/war mir, als ob/mir war zorn, ein aufbegehren/noch ohne plan. (...)« Umso mehr verlaufen die Gedichte dieses Buches indes gemäß einem Plan, der einerseits von der Dekade in all ihren Bedeutungen umrahmt wird, andererseits Beziehungen und ihre mitunter skurrilen Verläufe thematisiert. Vereinzelt flackern zudem Anspielungen an politische und soziale Ereignisse und Missstände auf. Dabei bewegt Erika Kronabitter sich sehr nah an der Sprache, arbeitet mit ihr, setzt alltägliche Formulierungen und Redewendungen in Relation zueinander, zerlegt sie in ihre Einzelteile und kombiniert diese zu überraschenden Konstellationen: »tägliche meldungen brechen unscharfe/worte brechen heimlich ein rück/grat eins nach dem andern/auf und entzwei/die schwerkraft der macht weist alles/aufs schärfste zurück dementiert zementiert/ein und zu/zieht/über den tisch überzieher darüber/frühe ideale aus oder/ins lächerliche und/spuckt der wahrheit ins verdutzte/gesicht human. wir bleiben human« (S. 77).

Behutsames, »die aufgerührte verfassung zärtlichkeit/seit damals, du hobst die/hand, den finger nur/im schattenwald der blätter (...)« (S. 25), führt zu ganz persönlichen Krisen, Beziehungskrisen, »(...)/im iphone stolperte der finger/ein sos der tastatur als ob ich krise/wär mit betastungsobergrenze/(...)« (S. 27), Anrüchiges, »ein wenig stangentanz, ein wenig von diesen frühreifen/früchtchen./steckt doch in jedem von uns/eine versteckte verruchtheit. bis ins letzte molekül« (S. 75), gebärdet sich als Vorstufe zur Dekadenz, die, obwohl man es gerne glauben möchte, etymologisch nichts mit der Zehn zu tun hat: »in entstellten gesichtern spiegelt sich die/gleichgültigkeit./(...)/bilder vom verdursten in der umarmung/in stahlgesichtern eingepfercht/(...)/mit überwachungskamera/die durchlässigkeit der liebe« (S. 93).

Durchgehend kommt Kleinschreibung zum Einsatz, die Zeilensprünge erfolgen oft unerwartet, sogar Wörter werden – ohne Trennstrich – getrennt; diese Methode gibt den Rhythmus vor, den Lesefluss, der auf diese Weise ganz bestimmte Betonungen setzt und erzwingt. Dann und wann arbeitet Kronabitter mit Wiederholungen, die Wörter und Bedeutungen eindringlich machen. So etwa in alles ist nichts (S. 113): »alles ist nichts ohne vergehen/rot bleibt rot/grün ist grün/deine hand am aug bleibt hand am aug/lippe geöffnet geschlossen/bleibt lippe geöffnet bleibt lippe geöffnet/bleibt lippe geschlossen bleibt lippe geschlossen/ist kein ändern. ist kein verändern./(...)«. Das kann sogar so weit gehen, dass eine Art Gebet herauskommt: »GIB UNS/keine nachrichten mehr/keine horrorszenarien/keine hungersnotbilder/keine kriegsberichte/(...)/gib mir das ersehnte friedchen/gib mir mein himmelchen auf erden« (S. 43). Ein Gebet, das die Fürbitte mit verniedlichenden Verkleinerungsformen am Ende ins Groteske verkehrt.

Der Umschlag des Buches ist in edlem Weiß gehalten. Ein violettroter großer Punkt, sichtlich aus einer Strichzeichnung, schmückt den Buchdeckel, und das Titelblatt jeder der fünf enthaltenen Dekaden zeigt, allerdings in Schwarz-Weiß, ein Gesamtbild, in das der Punkt, eigentlich mehr ein Knödel oder Knäuel, eingebettet ist und mehrere Knäuelarme von sich streckt oder wirft. Die Illustrationen stammen ebenfalls von Erika Kronabitter, die bekanntlich auch als bildende Künstlerin tätig ist.

»deinen kleinen mund trägst du/voll mit grossen worten/im knie ein kurzer schritt/keine biegung die du nicht bessern willst/was wirst du tun/und wann. wir schreiten die tage fort/und jahre« heißt es in gross:sein, und am Ende: »warum hast du angst wirklich/gross zu sein« (S. 97). Zum Glück hat dieses Buch keine Angst, groß zu sein.

LitGes, Kurversion: etcetera 52/Körper/Mai 2013

 
Der Mensch: Johann Schwegler/ Runhild Lucius. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Barrierefrei!

 

Der Mensch
Anatomie und Physiologie
Johann Schwegler/ Runhild Lucius

Stuttgart: Georg Thieme, 5. üa. Aflg. 2011
635 Abb., 454 S.
ISBN 978-3-13-100155-9

Das völlig neugestaltete und inzwischen in der 5. Auflage erhältliche Lehrbuch zur Anatomie und Physiologie des Menschen ist nicht nur den Studenten und Studentinnen der Pflegeberufe zu empfehlen. Es bietet in (möglichst) verständlicher Ausdrucksweise einen umfassenden Einblick in die anatomischen und physiologischen Zusammenhänge und Funktionsweisen des menschlichen Körpers und erläutert im angehängten Glossar die notwendigen Fachbegriffe.

Die Ordnung der Kapitel folgt sinnvoll klassischen anatomischen Gesichtspunkten, wobei Grundlegendes über den Zellaufbau oder das Immunsystem nicht ausgespart werden.
Kurze Zusammenfassungen (MERKE, DEFINITION, KRANKHEITSLEHRE usw.) rekapitulieren wichtige Abschnitte und erleichtern das Verständnis. Viele schematische Darstellungen und Abbildungen veranschaulichen die komplizierten Organfunktionen. Die häufigsten Erkrankungen werden zwar erwähnt, dass Hauptaugenmerk des Buchs liegt aber klar auf der Funktionsweise des gesunden Körpers.
Dem logisch strukturierten Aufbau und der guten Lesbarkeit des Buches gelingt es, auf spannende Weise Wissen zu vermitteln, was bei expliziten Lehrbüchern keineswegs selbstverständlich ist.

Erschienen im etcetera Nr. 52/ Körper/ Mai 2013

 
Der Sohn des Knochenzählers: Evelyn Grill. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Versehrte Körper und verletzte Seelen

 

Der Sohn des Knochenzählers
Evelyn Grill

Roman
St. Pölten: Residenz Verlag, 2013. 132 S.
ISBN 978-3-7017-1605-0

Versehrte Körper und verletzte Seelen sind Thema des neuen Romans der Autorin Evelyn Grill. Sie entführt in die Atmosphäre eines österr. Ortes an einem See mit vielen denkmalgeschützten in Felsen verankerten Häusern, wo die nahen und bedrückenden hohe Berge nur die Hälfte des Jahres Sonneneinstrahlungen zulassen. Ausgerechnet in jenes „düstere“ Dorf bringt der ortsansässige Archäologe, den die Einheimischen Knochenzähler nennen, die junge attraktive und lebenslustige Benita, die er während einer Grabung in Italien kennengelernt hat. Er heiratet sie und bald stellt sich heraus, dass sie guter Hoffnung ist. Der Roman beginnt 20 Jahre später. Der 20-Jährige Titus ist intelligent und hat die Schönheit seiner Mutter geerbt. Doch als Benita sich nach acht Monaten noch immer nicht meldet, macht Titus sein extremes Nahverhältnis zur spurlos verschwundenen Mutter schwer zu schaffen. Die von Geburt an distanzierte Beziehung zum Vater wird zunehmend kälter. Schwer lasten die vielen Gerüchte der kleinen Gemeinde: Ist sie mit einem Liebhaber davongelaufen?

Oder von der Mafia entführt, gar ermordet worden? Polizeiermittlungen und akribische Suchaktionen führten zu nichts. Sie hinterließ ihre schönen Kleider mit einer wohligen Duftwolke, doch ihre mysteriösen Puppen aus ihren Kindertagen nahm sie mit. Titus will ein vom Vater bereitwillig finanziertes Studium nicht aufnehmen.

Zunehmend beginnt man zu verstehen, dass mehr als ein Geheimnis die Familie belastet. Grill dringt mit sachlicher Sprache in die faszinierenden Gefühlswelten der jeweilige Protagonisten ein, und erweckt diesen kurzen Roman zu einem echten Psycho-Thriller um körperliche Schönheit, menschlichen Makel und familiäre Verdrängungen.

Dennoch haben Autorin und Lektorin Astrid Graf einen schweren inhaltlichen Fehler im Konstrukt des Romans übersehen, der im Zusammenhang der Suchaktion offensichtlich wird. Schade, eine Umarbeitung diesbezüglich würde sich lohnen.

Erschienen im etcetera Nr. 52/ Körper/ Mai 2013

 
Ein Gespräch mit Louise Bourgeois: Donald Kuspit. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Zwischen ♀&♂ liegt das große Unbewusste

 

Ein Gespräch mit Louise Bourgeois
Donald Kuspit

Aus dem Engl.: Volker Ellerbeck
Bern: Piet Meyer Verlag, 2011
Dt. Erstveröffentlichung. 120 S.
24 Abbildungen
ISBN 978-3-905799-13-2

In Piet Meyers erst 2007 gegründeten Kunstbuchverlag findet man außergewöhnliche Bücher wie dieses so leicht anmutende, kleine rosa Büchlein des 1935 geborenen amerikanischen Kunstkritikers, Poeten, Kunstgeschichte- und Philosophieprofessors Donald Kuspit.
Inhalt ist ein Gespräch mit der 1911 in Paris geborenen und 2010 in New York verstorbenen Grande Dame der Bildhauerei Louise Bourgeois. Das Interview in der Originalversion erschien 1988 bei Vintage Books und ein Ausschnitt in Deutsch in einer Anthologie der Schriften der Künstlerin im Ammann Verlag 2001. Dieses Büchlein ist also die gewichtige dt. Erstveröffentlichung des kompletten Interviews. Interessant ist, dass das genaue Datum, an dem das Interview stattfand, unbekannt bleibt. Es ist überflüssig über den genauen Inhalt des Gesprächs zu schreiben, zu komplex und widersprüchlich klingen Bourgeois Antworten auf Kuspits Fragen.

Bourgeois, die durch ihre Heirat mit dem Kunsthistoriker Robert Goldwater 1938 nach New York kam, gelang der internationale Durchbruch erst Ende der 70er Jahre. Ihre 1982 ausgerichtete große Retrospektive war die erste Einzelausstellung des Museums of Modern Art in New York, die einer Frau gewidmet wurde. Ein historischer Moment, den Kuspit, neben ihrem Privatleben, das eng an ihre Kunst geknüpft war, meisterhaft für das Interview nutzen konnte. Es sind besonders diese Seiten (88-102!), die einem spannungsreich nahe gehen, als Kuspit sich als außergewöhnlicher und hartnäckiger Interviewer entpuppt und Louise Bourgeois doch noch über die männliche Dominanz in der Kunstszene zu sprechen brachte:
L.B.: Vielleicht sollte ich hier nicht darüber sprechen […].
D.K.: Weshalb? Lassen Sie Ihren Worten freien Lauf. Sie sind alt genug, um die Wahrheit zu sagen.


Ein einmaliges Zeitzeugnis einer großartigen Künstlerin und eines brillanten und subtilen Gesprächspartners. Geht unter die Haut!

Erschienen im etcetera Nr. 52/ Körper/ Mai 2013

 
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