Erwin Javor: Ich bin ein Zebra. Rez.: Eva Riebler-Übleis

 

Eva Riebler
Wissen öffnet.

Erwin Javor
Ich bin ein Zebra
Eine jüdische Odyssee
Wien: Amalthea 2017
978-3-99050-092-7

Wie kann man ein Buch über das Schicksal von Juden lesen? Müssen wir als Kinder/Enkel der Kriegsgeneration uns nicht diesem Auftun an Gräuel verwehren, um nicht in den Verdacht zu kommen, Gefallen am Leid zu finden? Warum ist die Judenverfolgung und Not, Krieg und Flucht wie aus einer fernen Welt, wenn täglich Massen an Flüchtlingen nach Europa strömen?

„Wir hätten da niemals mitgemacht“, können wir schließlich auch nicht wirklich behaupten!

Akzeptanz und Wissen über das Schweigen zu stellen, hilft.

Und warum ist dieses Werk, der Aufzeichnung der Wege vom Schtetl nach Budapest, von dort nach Wien und Israel, das beste? Weil das Leben im Schtetl nicht verklärt sondern erbarmungslos mit all seiner Enge, Verachtung anderen Juden gegenüber und seinen Fallstricken geschildert wird. – Und – jetzt kommt Wesentliches: durchwirkt ist mit vielen Anekdoten und jüdischen Witzen.

Der jüdische Witz ist nicht einfach lustig bis humorvoll. Wir lachen bei unseren Witzen stets auf Kosten anderer, Hier werden Witze gemacht gegen übermächtige Gegner, gelacht wird ironisch über sich selbst oder aus Selbstzweifeln. Außerdem geht es um kreative Lösungen, um Wortwitz und Doppelbödiges: „Zwei Juden aus Österreich treffen sich in den 40er Jahren in NY. Fragt der eine: “wie geht`s dir in der Neuen Welt, im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten?!“ Sagt der andere: „was soll ich sagen? Dankbar – und unglücklich.“

Neben den, ich glaub 100, jüdischen Witzen gibt es Wissenswertes zu lesen, über die Differenzierung der Juden innerhalb des Schtetls in Wien in Atheisten, Agnostiker, Reformjuden, Drei-Tages-Juden, Orthodoxe aller Schattierungen – sowie, dass z.B. Liederfürsten Hermann Leopoldi ursprünglich Herschel Kohn und Robert Gilbert – David Robert Winterfeld hießen. Auch das meist gespielte „White Christmas“ ist von Israel Isidore Beilin geschrieben.

Unsere Kultur ist durchwirkt vom jüdischen Nährboden. Und dieses Buch zeigt uns Wurzeln und Wissenswertes und lässt uns lachen, lachen, lachen!

 
Paul Lahninger: Hörst du, was der Baum dir erzählt. Rez.: Eva Riebler-Übleis

 

Eva Riebler-Übleis
Was ein Großvater seinen Enkeln mitgeben will.

Paul Lahninger
Hörst du, was der Baum dir erzählt …

Wilhering OÖ, Bayer-Verlag, 2017
978-3-902952-58-5

Paul Lahninger hat selbst fotografiert, gezeichnet und getextet. Es war ihm wichtig, den Naturschutz und die Liebe zu den Bäumen weiter zu geben. Er verbrachte drei Jahre als Lehrer in Papua Neu Guinea und ist in Salzburg Erwachsenenbildner und Psychotherapeut.

Dieses Kinderbuch richtet sich an Erstklässler oder eignet sich hervorragend als Vorlesebuch.

Spannend nimmt er die Kinder mit auf die Reise vom Samenkorn bis zum Baumriesen.

Ein Baum erzählt einem lauschenden Jungen seine Vergangenheit: „Ich fiel einst vor fünfhundert Jahren/ als winziger Same zur Erde/ und hab` noch im Fliegen erfahren,/ dass ich einst ein Baumriese werde.“

Der Autor vergisst nicht auf das Umsorgen der Baumeltern: „Ich wuchs in den Sommern so wunderbar,/ mein Stamm wurde kräftig und echt./ Ein Ring wächst dazu jedes neue Jahr,/ die Baumeltern füttern mein Wurzelgeflecht.“ Er erklärt, dass die Bäume heilig sind, uns atmen lassen und wichtig für Klima und Regen sind und dass es ohne Pflanzen uns Menschen nicht gäbe.

Im Anhang bietet er für jung und Alt Erklärungen über Ur-alt und riesig, Ur-wald, Ur-gesund usw. aus Peter Wohllebens Buch: das geheime Leben der Bäume an.

Er schließt dieses äußerst liebenswerte Kinder-Natur-Buch mit den Worten: „Für uns Menschen sind Bäume geheimnisvolle und wunderbare Lebenswesen.“

 
Gabriele Glang: Göttertage. Rez.: Wolfgang Stock

 

 

Wolfgang Stock

Gabriele Glang:
Göttertage

Gedichte
Tübingen: Klöpfer & Meyer
2017, 96 Seiten
978-3-86351-459-4
 
Biographisches Dichten: Was für eine glänzende Idee!  Eine Dichterin versetzt sich in die Malerin Paula Modersohn-Becker, als sie in den Jahren 1906/07 Worpswede und ihren Gatten Otto Modersohn verlässt, um in der Kunstmetropole Paris ihre persönliche und künstlerische Freiheit zu entdecken.
Die Deutsch-Amerikanerin Gabriele Glang, selbst auch Malerin, legt mit „Göttertage“ ihr deutschsprachiges Lyrik-Debüt vor. Aus unzähligen Briefen, Zitaten, Tagebuchaufzeichnungen von P. Modersohn-Becker hat sie ein, wie sie sagt, „Destillat“ gebildet: sie spricht die Gedanken, Sorgen, Empfindungen einer Frau aus, die aufbricht, um einen eigenen Weg zu finden, den einer Künstlerin, die sich selbst als erst noch Werdende begreift.
In Paris trifft Paula Modersohn-Becker Künstlerfreunde, schult ihren Blick, arbeitet exzessiv, hat eine Affäre. Hier reift sie zu einer der bedeutendsten Malerinnen des frühen 20. Jahrhunderts heran. Es sind ihre Göttertage. Nach einem halben Jahr kehrt sie wieder zu ihrem Mann und nach Worpswede zurück, wo sie noch 1907, wenige Tage nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes stirbt.
Gabriele Glang bleibt – und das ist ihre Kunst – ganz nah an der Realität. Sie lässt all diese Situationen erfahrbar werden, wie Paula Modersohn-Becker sie selbst hätte beschrieben haben können. Ihre Worte wirken umso intensiver, je mehr sie sie aus sich selbst heraus klingen lässt. Manchmal hätten sie vielleicht noch eine Spur metaphorischer sein dürfen. Den Höhepunkt bildet das Gedicht, in dem P. Modersohn-Becker als Geist auf den Nachruf antwortet, den Rainer Maria Rilke unter dem Titel „Requiem. Für eine Freundin“ tatsächlich für sie geschrieben hat: Es ist die Emanzipation einer Frau in einer Männer-dominierten Welt und die einer Künstlerin, die sich gleichberechtigt mit einem Rilke auf eine Stufe stellt.
Das Buch enthält neben 32 mit Bedacht angeordneten Gedichten ein recht umfangreiches Vorwort von Sibylle Knauss, und hat es in sich: eine facettenreiche, ja, Biographie.

 

 
Margit Jordan: Fenstertage. Gedichte. Rez: Eva Riebler-Übleis

 

Eva Riebler *

Fenstertage. Gedichte.
Margit Jordan
Innsbruck. Turmbund, 2017

ISBN 978-3-85185-026-0

Margit Jordan, geb. im Ötztal, seit 1965 in Innsbruck, veröffentlichte in diesem Band eine Lyrikauswahl seit 2012. Sie ist im Innsbrucker Kulturschaffen schon lange zuhause, bemüht sich seit mehr als 30 Jahren in der Gesellschaft des Turmbundes um die Herausgabe der Werke zahlreicher Autoren und hat erst sehr spät an die Veröffentlichung ihrer eigenen Texte gedacht.

Ihre Themen erstrecken sich von Mauern/Grenzen in Köpfen bis in die Weite des Lebens, des Erlebens oder bis in die Tiefen und Winkeln der Träume. Die Träume künden von versperrten Wegen, erinnern an abgelegte Bilder oder verstricken sich in endlose Gedankenschleifen usw.

Die Gedanken der Autorin sind sehr reich an Bildern und öffnen stets eine neue Dimension der Befindlichkeiten. Sie teilt uns ihren inneren Reichtum mit und lässt uns teilhaben an Gesellschaftskritischem. Denn der Mensch ist nicht so, wie er sein sollte: Er reift im Scheitern, er ist verloren in Datenbergen, im Wollen und Wünschen; wird überflutet von Lautsprechergetöse und hat aber stets die Möglichkeit des „Fensterfluchtweges“. Er könnte wie Moses Meere überschreiten – wäre er nicht ein Gefangener, ein Verlorener!

In einer Hommage an Th. Storm heißt es in der zweiten und dritten Strophe ...überflutet von lautem getöse / stürzen tage aus lautsprechern / geistern daten über bildschirme / landen im labyrinth unserer Hirene // verdecken die gräuel des krieges / mit banalem geschwätz / tarnen tage mit leeren phrasen / schmücken lügen in grellen tönen..

Und trotzdem lässt uns die Lyrik Margit Jordans nicht ratlos zurück. Obwohl wir im Fadenkreuz fremder ziele stranden und in fremden Netzen landen, können wir das Monster in uns vielleicht besiegen und haben zumindest die „erblühten plakatwände“.

Eine Sammlung überaus berührender und ausdrucksstarker sprachlicher Bilder,  die abwechslungsreich, stimmig und gelungen ist und von feinen, kleinen Grafiken Elfie Albrizzis zum Thema „Fäden“ begleitet werden.

* Eva Riebler, geb. 1952 in Steyr, studierte Germanistik/ Geografie/Wirtschaftskunde in Szb., Obfrau der LitGes St. Pölten und HG der Zeitschrift 2etcetera“ seit 2003. Mitglied des Intern. P.E.N.-Clubs. Malerin und Bild. Künstlerin.

 
Alexandra Magalhaes Zeiner: Sobre Vivente/ÜberLeben/Sur Vivant. Rez: Eva Riebler-Übleis

 

Eva Riebler
Klänge aus Brasilien

Sobre Vivente/ÜberLeben/Sur Vivant
Alexandra Magalhaes Zeiner.
Arte: Clevane Pessoa
Editora Girabrasil/Heroldsbach DL, 2017
978-3-9818617-2-3

Die Zeichnerin Clevane Pessoa stammt aus Belo Horizonte und illustriert sensibel eigene und fremde Gedichte. Sie gestaltet in der Federkieltechnik. Sie ist Mitglied der Akademie der Frauenliteratur.

Die Autorin A. Magalhaes Zeiner repräsentierte 2014 auf der Frankfurter Buchmesse die Vereinigung Brasilianscher Schriftstellerinnen und ist Friedensbotschafterin, vor allem an ihrem heutigen Wohnsitz in Augsburg.  Dort gründete sie 2017 den Verein Mulheres da Paz „Frauen für den Frieden“, der Kunst und Literatur unterstützt.

Ihr vorliegendes Werk ist in ihren drei bevorzugten Sprachen Portugiesisch, Deutsch und Französisch geschrieben und enthält nicht nur wohlklingende Schätze. Ihre Internationalität haben sie vielschichtig und vielseitig geprägt.  Die Gedichte spielen mit den Gedanken und Erfahrungen. Nichts ist eindimensional. Jeder Satz ist offen für eine weitere Idee oder ein zusätzliches Gefühl. Das intensive Ineinander von Gedachtem lässt einem stets neue Wege des Lebens entdecken und fordert auf diese zu fühlen und zu beschreiten.

In „Amazonen von Heute“ lässt sie einen in die Tiefen des Wassers tauchen, andere Dimensionen erkennen und neue Prozesse der Akzeptanz und des Mitgefühls lernen. Die Amazonen sind die Schwestern, Bewohnerinnen der Mutter Erde, Töchter der Welt und der Gegensätzlichkeiten.

Ihre Größe, Friedensbereitschaft und multikulturelle Freiheit zeigt die Autorin z.B. genauso in:  „Brasilianerin sein“: Brasilianerin sein/ heißt stark sein/ Träumerin/ liebende und Kämpferin/Grenzen überschreiten/ in die Einsamkeit/ des Schöpfungsaktes eintauchen// Brasilianerin sein/ heißt die Fremde in sich umarmen/ furchtlose Amazone/ der neuen und alten Welt/ sie kennt die Voreingenommenheit/ die die Erde knechtet// Brasilianerin sein/ heißt das übermächtige Erbe zu tragen/ der Liebe zwischen den Rassen, Indianer, Schwarze und Weiße/ eine besondere Bevollmächtigte/ der multikulturellen Freiheit// …

 
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