Die Boten der Nemesis: Franz Wuketits. Rez.: Franz Reichel

Franz Reichel
Und die Erde dreht sich immer noch!

 

Die Boten der Nemesis
Franz Wuketits
Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge
München: Gütersloher Verlagshaus, 2012. 256 S.
ISBN 978-3-579-06679-0

Der Medienhype des letzten Jahres, der durch den Mayakalender prognostizierte Weltuntergang, fand natürlich nicht statt. Der Wiener Evolutionsbiologe Franz Wuketits hat zum Thema Weltuntergang Fakten von Prophezeiungen und apokalyptischen Ankündigungen zusammengestellt, die wir bereits überstanden haben und die uns möglicherweise noch bevorstehen. Ausgehend von bekannten Katastrophen wie der Sintflut und den Weissagungen der Propheten oder dem ewig zitierten Nostradamus, Professoren wie A. Tolmann, die sich mit Endzeitprognosen gar um ihren guten Ruf brachten, Sekten wie der „Weißen Bruderschaft“, deren Mitglieder behaupteten 77.000 Jahre alt zu sein, spannt Wuketits den Bogen unserer lustvollen Weltuntergangstimmungen zu ernsthaften Themen wie atomare Bedrohung, Übervölkerung, Asteroideneinschläge und Klimawandel. Der Autor sieht keine Gefahr in religiös motivierten Untergangsszenarien zur Strafe der Sünder oder in Naturkatstrophen, sondern im Menschen selbst, der durch Raubbau an der Natur, exponentielle Vermehrung und die Möglichkeit der atomaren Selbstvernichtung seinen eigenen Weltuntergang inszenieren könnte.

Mit einem gewissen Maß an Zynismus beschreibt er unsere Bedeutung aus kosmischer Perspektive: „Der Verlust eines Reclam-Bändchens wäre für die deutsche Nationalbibliothek eine weitaus größere Katastrophe als für den Kosmos das Verschwinden unserer Galaxis mit allen Nachbargalaxien zusammen“ (S. 219). Das Buch ist mit viel Sachkenntnis kurzweilig, humorvoll und gut verständlich geschrieben und wird dazu beitragen, nicht jedem verrückten Medienhype Aufmerksamkeit zu schenken. Wuketits ist eine kritische Analyse verschiedenster Weltuntergangsszenarien aus wissenschaftlicher Perspektive hervorragend gelungen. Ein empfehlenswertes Werk, das zeigt, dass Katastrophen vor allem in unseren Köpfen stattfinden.

LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht

 
Rede an uns: Peter Menasse. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Streitschrift

 

Rede an uns
Peter Menasse

Wien: edition a, 2012. 108 S.
ISBN 978-3-99001-053-2

Vielleicht hat der 1947 geborene Wiener Journalist Peter Menasse recht mit seiner These, dass Gedenkstätten und Mahnmale tatsächlich eine Fehlinvestition seien, zumal sie wenig, wenn nicht gar nichts in der breiten Bevölkerung bewirkten. Der europa- und weltweite Wachstum intoleranter Gruppierungen wie Neonazis und Xenophoben bestätigt dies. „Das Gedenken an den Winter der Shoah hat kein Bewusstsein für einen Frühling des Verstehens von heutigem Unrecht geschaffen.“ (Zitat: S. 88).

Fazit: Die Gelder zur Erhaltung von Denkmälern sollten besser für pädagogische Konzepte genutzt werden. Im gleichen Atemzug fordert Menasse die von der Shoah nicht mehr unmittelbar betroffenen Juden auf, die Opferrolle abzulegen. Das System der Opferrolle produziere im Umkehrschluss eine Täterrolle (S. 26). Schließlich wäre es nicht Aufgabe der Juden für die Stabilisierung der Demokratie zu sorgen, dies wäre alleinige Sache der Mehrheitsgesellschaft (S. 73). Vielmehr ginge es darum, endlich einen Lernprozess zu gestalten, der Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus u.v.m. entgegenwirkt und Widerstand aktiviert. Den Vorwurf, dass Aufklärer nicht lehrten, welchen Beitrag zur Verhinderung neuen Unrechts die Menschen leisten könnten und dass die Einbindung in das vergangene wie auch gegenwärtige Geschehen völlig fehlt, begründet Menasse in zwei Punkten: 1. in der Täter- Mitläufer- Opfersymbiose und 2. in der fehlenden Analyse des WARUM.

Mit „Rede an uns“ hat Menasse nicht nur eine Streitschrift an seine eigene jüdische Kultusgemeinde verfasst. Diese voll jüdischen Witzes und Schärfe gewürzte Schrift sorgte für reiche Diskussion in der österr. Medienlandschaft. Eine lobenswerter Beitrag, der in die Zukunft weist, ohne den Blick in die Vergangenheit zu vergessen. Sehr empfehlenswert für Schüler der Oberstufe!

LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht

 
Der Winter tut den Fischen gut: Anna Weidenholzer. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
Zeitraffer rückwärts

 

Der Winter tut den Fischen gut
Anna Weidenholzer

Roman
St. Pölten: Residenz Verlag, 2012. 234 S.
ISBN 978-3-7017-1583-1

Maria Beerenberger erzählt die Geschichte ihres Arbeitslebens, das schließlich mit altersbedingter Kündigung, Arbeitsamt und Notstandshilfe endet. Das Besondere daran: Sie erzählt ihre Geschichte rückwärts, und dazu dreht die 1984 in Linz geborene Autorin Anna Weidenholzer dreist die Kapitelnummerierung um – sie fängt mit Kapitel 54 an und schließt das Buch mit Kapitel 1 ab. Innerhalb der einzelnen Kapitel wird natürlich chronologisch erzählt, oder sie geben überhaupt nur kurze Momente und Stimmungsbilder wieder.

Das Leben, das Frau Beerenberger erzählt, klingt weder pathetisch noch besonders aufregend. Die Banalitäten ihres Alltags sind aber durchsetzt mit kleinen Skurrilitäten: Ihr Ehemann Walter versuchte sich als Elvis-Imitator, und ein angelnder Nacktschwimmer, der offensichtlich Gefallen an der jungen Maria Beerenberger fand, macht ihr einen ganz ungewöhnlichen Liebesantrag: »Er schlitzt dem Fisch mit einem Messer den Bauch auf, fährt hinein, Maria sieht weg, bis der Mann seine Hand ausstreckt. Sehen Sie, wie lieb das Herz ist, wie klein. Wenn Sie möchten, können Sie es behalten.« (S. 162)

In einem ernüchternden Stil beschreibt Weidenholzer die Gespräche am Arbeitsamt. Das Desinteresse der Betreuer, das Ansinnen, die Arbeitssuchende in alle möglichen Umschulungskurse zu stecken, den Verlust des Arbeitsgeldes bei Maria Beerenbergers Weigerung, einen Job anzunehmen, den sie zutiefst verabscheut, die Aussichtslosigkeit, im Alter von 40+ einen guten beruflichen Wiedereinstieg zu schaffen.

Diese Sequenzen sind deprimierend, aber leider aus dem Leben gegriffen. Dieser Roman ließe sich nicht besser auf den Punkt bringen, als die Autorin selbst es tut: »Das Leben ist ein Hund, es beißt und hat Flöhe, hat ganz kurze Dackelfüße und rennt viel zu schnell.« (S. 174)

LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht

 
Lob der Grenze: Konrad Paul Liessmann. Rez.: Franz Reichel

Franz Reichel
Grenzen über Grenzen

 

Lob der Grenze. Kritik der polit. Unterscheidungskraft
Konrad Paul Liessmann

Wien: Zsolnay Verlag, 2012. 208 S.
ISBN 978-3-552-05583-4

Mit einem Zitat von Hegel „… dass man erst dann weiß, wann etwas begonnen hat, wenn es zu Ende ist.“ beginnt der Autor seine Analyse der Grenzen. „Krinein: wie zu unterscheiden sei“ aus dem Griechischen, als Wurzel für Krise und Kritik führt uns etymologisch in das Thema. Liessmann spannt den Bogen von der Grenze zwischen Sein und Nichts in eloquenter, tiefsinniger und fachkundiger Manier bis zur Grenze zwischen Leben und Tod. Die Themen handeln von den Beziehungen zwischen Menschen, dem Wert des Humankapitals mit Bezug auf die Philosophie von Hobbes und die damit verbundenen Grenzen der Humanität, den Grenzen des Staates, politisch zwischen Macht und Ohnmacht, der Idee des Wohlfahrtsstaates, der letztlich aus freien Bürgern unmündige Empfänger von Transferleistungen macht.

Die soziologische Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft, die Grenzveränderungen und -auflösungen im europäischen Raum werden ebenso wie die durch intensive Migration vom Land zur Stadt sich bildenden urbanen Räume untersucht, wobei Stadt nicht nur eine Agglomeration von Bauten und Menschen ist, sondern in ihren vielfältigen Facetten als Ort der Begierde, Aufklärung und hoffnungsfroher Möglichkeiten zu begreifen ist. Aus der Seele spricht der Autor dem Leser, wenn er das Thema Lärm und die Grenzen des Erträglichen analysiert, ebenso wie die Grenze zwischen ehrenamtlicher Arbeit und Arbeit im Sinne von bezahlter Leistung. Die Philosophie des Alterns, ein Thema das alle betrifft, die Frage, was ist Altersweisheit und was sollen wir darunter verstehen, werden im letzten Kapitel, dem der letzten Grenze, behandelt. Ein wertvolles Buch, das durch den kompetenten Autor zum Nachdenken anregt, den Blickwinkel für neue Perspektiven öffnet und sich vor allem durch gute Verständlichkeit auszeichnet. Lesenswert!

LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht

 
In einer Person: John Irving. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Zwischen Heteros und Homos

 

In einer Person
John Irving

Roman
Aus dem Amerikanischen: Hans M. Herzog/Astrid Arz
Zürich: Diogenes Verlag, 2012. 724 S.
ISBN 978-3-257-06838-2

Zwischen Heteros und Homos sind es wohl die Bisexuellen, die den schwersten Stand in der Gesellschaft haben, vielleicht weil sie alles in einer Person vereinen. Nach neuesten Erkenntnissen ist die Bezeichnung Mann oder Frau sowieso hinlänglich geworden, trägt man doch beide Attribute in sich und nur mehr eine prozentuelle Zuordnung macht eine Abstempelung im Pass möglich. Letztendlich kann man nie mit Gewissheit sagen, mit wem man es zu tun hat, oder gar, wer man selber ist. Auf jeden Fall kommt eine Menge Politik ins Spiel, wenn man sexuell wandelbar ist (S. 224).

Der 1942 in New Hampshire geborene US-Bestsellerautor John Irving erzählt die Geschichte eines 70-jährigen US-Bürgers, der sich an seine Kindheit, Jugend, an sein sexuelles Erwachen, an die Reaktionen seiner Familie und des Freundeskreises erinnert. Gut eingebettet in diesem örtlichen Idyll schlägt in über 700 Seiten die starke Kritik an die scheinheilige und bigotte US-Gesellschaft der 80er Jahre ein, als sich das große Sterben in den Städten ansagte und die amerikanischen Gesellschaft wegen moralischer Unzucht die Strafe Gottes in Form von AIDS einfach hinnahm und darüber hinweg schwieg. Es war die Ära Ronald Reagans (1981-1989), die dies ermöglichte. Bis 1995 starben alleine in Ney York City mehr Amerikaner an AIDS als im Vietnam Krieg US-Soldaten fielen (S. 546.). Irvings neuester Roman kommt zum richtigen Zeitpunkt auch nach Europa und verdeutlicht die Absurdität von Demonstrationen gegen die Homosexuellen-Ehe wie neulich in Frankreich. Nur die männlichen Laienschauspieler der Theatergruppe aus First Sister in Vermont haben es scheinbar etwas leichter, da sie wie zu Shakespeares Zeiten unbekümmert in Frauenkleider schlüpfen dürfen, und das nicht nur, wenn wieder Mangel an talentierten weiblichen Darstellerinnen herrscht. Irvings Erzählstil bleibt gewohnt literarisch und mit feinem Humor behaftet, weder zynisch noch belehrend. Wunderbar!

LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht

 
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