Kassiopeia: Bettina Balàka. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
Venezianische Schachzüge

 

Kassiopeia
Bettina Balàka

Roman
Innsbruck: Haymon Verlag, 2012. 343 S.
ISBN 978-3-85218-693-1

Das Buch im Buch – eine mise en abyme, wie das in der französischen Literatur genannt wurde. »Kassiopeia« ist nämlich der Titel des Erfolgsbuches von Markus Bachgraben, eines fiktiven Schriftstellers, und gleichzeitig heißt der ganze Roman von Bettina Balàka so. Der Umschlag zeigt den Ausschnitt eines venezianischen Kanals ganz in grün – so wie auch der Umschlag des Buches im Buch beschrieben wird. Und Venedig steht gleich am Anfang des Romans, als nämlich Judit Kalman, die Protagonistin, in der Lagunenstadt ankommt, die sie, unüblich, mitten im Juli mit Regen begrüßt: »Der Zug fuhr auf den Damm auf und sie konnte sehen, wie Wolken verschiedener Dunkelheitsstufen auf das entfärbte, von nervösen Winden aufgerührte Meer ihre Schatten warfen.« (S. 7)

Judit ist ein gutes Stück älter als Markus Bachgraben, eine attraktive Frau in ihren Vierzigern, aus dem gutem Hause einer Unternehmerfamilie, gut betucht und Witwe. Sie hat nach der Lektüre von Bachgrabens Roman und einer Lesung eine Liebesnacht mit dem Autor verbracht, und dann setzte sie sich in den Kopf, Bachgraben für sich zu erobern, für ihr zukünftiges Leben, das sie mit ihm teilen möchte. Sie ist, auf jeden Fall äußerlich, eine sehr selbstbewusste Frau, die jedoch alles unter ihre Kontrolle bringen möchte. So auch den Schriftsteller und sein Leben, in das sie sich zunehmend einschleicht. Dabei liest sie sogar sein E-Mail und die Post und filtert diese mitunter vor der Weitergabe an ihren Adressaten.

Im Gegensatz zu Judit stammt Markus aus eher einfachen Verhältnissen. Seit seinem Erstlingserfolg kämpft er mit einer Schreibblockade und vor allem mit finanziellen Problemen. Nach seiner Nacht mit Judit schrieb er in einem E-Mail, dass er mit dieser Frau wohl nie wieder zusammen sein würde … Judit hat dieses Mail gelesen: heimlich, doch, wie erst spät im Roman offenbar wird, auch mit Wissen seines Autors.

Die Geschichte von Judit und Markus basiert auf der Annahme, alles planen und kontrollieren zu können. Dass Judits Manipulationsversuche jedoch nicht die einzigen sind, kommt erst mit der Zeit heraus. Dies und die Tatsache, dass eben nicht immer alles so läuft, wie man es sich vorstellt, führt natürlich dazu, dass allen Beteiligten die Kontrolle immer wieder entgleitet bzw. Ereignisse unerwartet eintreten und der Handlung damit eine neue Richtung oder zumindest eine neue Note verleihen.

Neben dem Haupterzählstrang schillert Balàkas Roman vor Randhandlungen, Details und Nebenpersonen. Den Lesern eröffnet sich ein Kaleidoskop des Lebens, gespickt mit Kuriositäten, die vielleicht nicht unbedingt typisch für Venedig, wohl aber für unsere Gesellschaft und die absonderlichen und bisweilen skurrilen Gestalten sind, die sich darin tummeln. Die fettleibige Ärztin, die wegen einer viel Jüngeren von ihrem Mann verlassen wird, dann aus Kummer abmagert und Diätberaterin wird, ist nur eine davon.

Durch die Person Markus Bachgrabens reflektiert Bettina Balàka natürlich auch die Situation – oder vielleicht sollte man besser sagen: eine mögliche Situation – eines Schreibenden. Die Verquickung von Judit und Markus sowie dem Schreiben wird etwa in der folgenden Passage deutlich: »Ein anderer Schriftsteller würde jetzt vielleicht sagen, sagte Markus Bachgraben, Judit hätte ihn gestört oder vom Schreiben abgehalten – denn man wisse ja nie, ob man tatsächlich nur Notizen mache oder sich bereits im eigentlichen Schreiben befinde –, und hätte bei Judits Anblick unwillig reagiert oder abweisend, er dagegen sei heilfroh, jemanden zum Reden zu haben, denn dass Schriftsteller immer nur ihren eigenen Gedanken nachhängen wollen, sei genauso Quatsch wie der Mythos, sie würden Zugfahrten lieben.« (S. 109)

Bettina Balàka arbeitet mit wechselnden und somit unterschiedlichen Perspektiven, sie verwendet einerseits eine lineare Fabel und andererseits Rückblenden, die nicht nur die Vorgeschichte mit Judits und Markus' gemeinsam verbrachter Nacht erzählen, sondern darüber hinaus einiges aus den Familiengeschichten der beiden preisgeben. Als Erzählerin hält sie stets eine gewisse Distanz zu ihren Figuren, obwohl natürlich ein Großteil aus der Sicht Judits berichtet wird. Das Buch besteht aus genau dreißig Kapiteln, die lediglich nummeriert sind. Kassiopeia ist ein bunter Roman mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte, liebevoll gesetzten Details und nicht zuletzt einer Menge Humor.

LitGes lange Version. Kurzversion im etcetera Nr. 50/ Wozu Literatur/ November 2012

 
Ein Endsommernachtsalbtraum: Egyd Gstättner. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
Österreich, ein Hallodrieland

 

Ein Endsommernachtsalbtraum
Egyd Gstättner

Wien: Picus Verlag, 2012. 190 S.
ISBN 978-3-85452684-1

Ein Kriminalinspektor will Morde lösen, mit 48 in die Frührente abtauchen und einen Kriminalroman schreiben. Will eine Studienbekanntschaft aufwärmen, die wiederum einen Roman schreiben will, allerdings einen Ritterroman. Ob dies gelingen wird und sie an dem zynischen Literaturbetrieb teilhaben oder scheitern werden, ob die Mörder alle gefasst werden, das Eckenstehen und laute Bundeshymne-Singen als Strafe für einen geständigen Mörder ausreichen und das Ausleeren von Hundekot in fremden Gärten ein Ende haben wird, ist eigentlich nur vordergründig wichtig. Interessant ist vielmehr die humorvolle lässige Art der Erzählweise, die Abgründe des Alltags am Kommissariat, wenn sich z.B. ein Mörder selber stellt und somit die ganze Verbrecherjagd mit Kobra, Megafon, Sonderkommission unterbindet.

Als Ort des Geschehens wählt Egyd Gstättner seine Heimatstadt Hintersiebenbergen am Hintersiebensee im Land Hallodrien, das Land mit der rot-weiß-roten Fahne und den Verbrechern, die nicht zu verfolgen sind, da sie Immunität genießen und Untersuchungsausschüsse als demokratisches Alibi vor sich hinmäandern, während sie weiter ihren Gaunereigeschäften nachgehen. Dass Egyd Gstättner Seitenhiebe und Querschläge auf den Literaturbetrieb und die Politik austeilt, ist bekannt.

Dass er sich selber als Bürger und Autor nicht so ernst nimmt auch. Aber dass er mitten im Abgesang des Romans des Protagonisten den Erzähler verschwinden und immer mehr skurrile Werbeslogans einbauen lässt, je schlechter dessen Roman im Vorverkauf abschneidet, das ist neu. Der Parodie wird die Parodie übergestülpt und der schlüssige Sinn trotzdem vermehrt. Hallodrien und seinen Bewohnern kann man eben nicht mit Ernst und fachmännischem Rat oder Tatkraft, sondern nur mehr mit Witz und Satire beikommen, das ist einzusehen.

Dass Skurrilität und Pointierung durch all die Werke des Autors immer noch steigerbar sind, das ist wirklich bemerkenswert wie genießenswert!

LitGes, etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012.

 
Die Liebeshandlung: Jeffrey Eugenides. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Der Roman als Hochzeitsversprechen

 

Die Liebeshandlung
Jeffrey Eugenides

Hamburg: Rowohlt Verlag, 2011. 624 S.
ISBN 978-3-498-01674-6

Es bedarf eines besonderen literarischen Tricks, wenn ein Autor in seiner Romanhandlung von Anfang an die Erklärung abgibt, warum es diesen Roman überhaupt gibt. Und das geht so: Eine junge Studentin, ihr Name soll Madeleine Hanna sein, belegt im dritten Studienjahr einen Honors-Kurs unter dem Titel „The marriage plot“, den ein gewisser Professor Saunders mit 79 Jahren hält. In der viktorianischen Ära hing der Erfolg im Leben von der Heirat, die Heirat aber vom Geld ab, den Romanciers standen somit genügend Stoff zur Verfügung. Nach Saunders Ansicht habe der Roman mit dem marriage plot seinen Höhepunkt erreicht und sich von dessen Verschwinden nie wieder erholt (S. 40).

Nicht ohne Schmunzeln kann man diesen über 600 Seiten dicken Wälzer nun lesen, in dem der 1960 in Detroit geborene Besteller-Autor - und mit „Middlesex“ (2003) Pulitzer- und Welt-Literaturpreisträger - Jeffrey Eugenides seine kleine Literaturstudentin nach ihrem Collegeabschluss ins Leben wirft.

Gelassen können wir in erwartungsfreudiger Haltung zusehen, wie der Autor ein typisch konservatives amerikanisches Leben mit all seinen Höhen und Tiefen vor unseren Augen aufbaut, immer im Hintergrund, dass es um die Rettung des Romans an sich ginge! Eugenides verfasste hier einen tollen Roman, der nicht nur alle Erwartungen erfüllt, sondern sie erheblich übertrifft. Jede Menge Anspielungen an die europäische Literatur werden in ihrem Zwiespalt von Romantik und Liebe mit viel Esprit und Witz charmant aufs Korn genommen und geben ihre eigene Erklärung auf die Frage: wozu Literatur?

Ein wirklich grandioser, kurzweiliger Roman!

LitGes, etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012.

 
Polarrot: Patrick Tschan. Rez.: Joachim Elsler

Joachim Elsler
Ein guter Roman

 

Polarrot
Patrick Tschan

Wien: Braumüller Verlag, 2012. 350 S.
ISBN 978-3-99200-069-2

Der neue Gast in unseren Bücherregalen, Polarrot des 1962 geborenen Schweizer Autors Patrick Tschan, überzeugt vor allem durch sympathische Nebencharaktere wie Vittorio oder die Witwe Hunziker, auf die die zwiespältige Hauptfigur Jack Breiter trifft. Letzter nennt sich Jacques, „[...] weil das in Basel aufgrund der Nähe zu Frankreich einfach schicker […]“ klingt. Aus unglücklichen Verhältnissen stammend versucht Breiter in die Oberschicht der Gesellschaft aufzusteigen.
Jack Breiter ist ein opportunistischer Kapitalist mit viel Charme, Witz und unverschämt viel Glück. Eigentlich will man ihn nicht mögen, letztlich kann man sich aber nicht dagegen wehren.
Der erste Abschnitt, 1929 bis 1936, beschäftigt sich größtenteils mit der Arbeit Breiters im Chemiekonzern Gugy, in dessen Hierarchie er aufsteigt und Farben wie das Polarrot für die Hakenkreuzfahne an die Deutschen verkauft.
Nach einem zweijährigen KZ-Aufenthalt, der nicht direkt, sondern nur in kurzen Rückblicken beschrieben wird, beginnt 1938 der zweite Abschnitt und endet im Jahr 1949.

Regt der Anfang des Buches noch zu einem durchgängigen Schmunzeln an, beginnen im zweite Teil mehr die moralischen Aspekte eine Rolle zu spielen. Die Skrupellosigkeit Breiters, das KZ und die Flüchtlinge drängen sich als Thema auf. Leider bleibt Tschan zu vage. Der Schreibstil durchlebt im Laufe des Buches eine sanfte Wandlung von humorvoller Ironie zum ernsten Zynismus, angepasst an die Inhaltliche Entwicklung. Im zweiten Part mangelt es jedoch an Fantasie. Dennoch zeichnet sich das Werk durch Spannung und Sprachspiel aus. Ob Breiter der sympathische Held oder der rücksichtlose Schurke ist, bleibt lobenswerterweise dem Leser überlassen. Gerade wegen dieser Freiheit animiert dieser Roman zum Nachdenken.

LitGes, etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012.

 
Der rosarote Balkon: Axel Karner. Rez.: Klaus Ebner

Klaus Ebner
Tod der Idylle

 

Der rosarote Balkon
Axel Karner

Prosa
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2012. 50 S.
ISBN 978-3-99029-033-0

Ein rosaroter Balkon, frisch getüncht, mit Blick ins Dorf. Das Bild evoziert eine rosarote Brille, die jedoch, nach dem kurzen Eindruck eines ländlichen Idylls, sehr rasch abgenommen wird oder gar zerbricht. Der 1955 in Kärnten geborene und heute in Wien lebende Schriftsteller und Lehrer Axel Karner legte mit Der rosarote Balkon ein schmales Büchlein Prosa vor. Es kann als Erzählung gelesen werden, als eine Ansammlung von Kurzprosatexten mit einzelnen Gedichten oder als eine Art Tagebuchaufzeichnungen; auf den Verlagsseiten ist sogar von einem Drehbuch die Rede.

Szenen und Sätze erscheinen einfach aneinandergereiht; zusammen ergeben sie ein Stimmungsbild, die Beschreibung einer ganz und gar nicht beschaulichen Welt, geprägt nicht nur von Kuriositäten, sondern von tief verwurzelter Gewalt und politischen Anschauungen, die längst verschwunden sein sollten. Laufend Referenzen auf den Krieg, und die Dorfbewohner haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein Hakenkreuz zu entfernen. Die braune Ideologie, eine stets immanente Gewaltbereitschaft und die Nähe der katholischen Kirche zum Leben der Menschen scheinen unentflechtbar miteinander verwoben. »Der Krieg hat viele nicht heimgebracht.«, aber »Der Friedhof wächst auf den Schlachtresten und dem Schutt.« (S. 36) Zwar spielt das Buch offensichtlich in der unmittelbaren Nachkriegszeit, doch stellt sich die Frage, inwieweit manche der Eindrücke nicht auch zeitgenössische sind.

Direkte Reden werden zumeist im Dialekt wiedergegeben, etwa wenn ein Bub seine frische Narbe so kommentiert: »Vom Våta sein Giatl.« (S. 47) Anfangs mögen diese Passagen den Lesefluss etwas bremsen, doch man gewöhnt sich sehr rasch daran und meint bisweilen, den Kärntner Akzent im Hinterkopf zu hören.

Um sich vom Alltag, vielleicht auch von der Erinnerung an den Krieg zu betäuben, fließt viel Schnaps, es wird getanzt, es wird gegrölt. »Die Lust am Grölen wurde überwältigt von der Lust am Quälen.« (S. 26) Die einzelnen Abschnitte, symbolische 24 an der Zahl, und sogar einzelne Absätze wirken wie Puzzleteilchen, die beim Lesen zusammengesetzt werden wollen. Dabei sind durchaus unterschiedliche Anordnungen möglich, denn eine allgemeingültige Auflösung zum Rätsel gibt es nicht.

Schockierend dann die Szenerie, in der zuerst eine Sau geschlachtet, ja geschächtet wird, und dann schwenkt alles um auf einen Ritualmord an einem männlichen Kind. Ausgeweidet hängt es an einem Haken, und als der Arzt der Mutter ein Beruhigungsmittel da lassen soll, bemerkt er lapidar: »Gscheita wär gwesn, sie hätte aufgepasst.« (S. 24)

Die Ereignisse im Dorf werden aus einer Beobachterposition heraus wiedergegeben, doch manchmal schiebt sich ein Icherzähler in den Vordergrund, ein Kind ganz offensichtlich, und flugs denkt man beim Lesen: hoffentlich nicht jenes, das getötet wurde. »Fleisch zu Fleisch, Asche zu Asche, Staub zu Staub.« (S. 36) heißt es, und die Anspielungen auf Kirche, Pfarrer und Bigotterie sind zahlreich. Dem ganzen Buch stellte der Autor ein Zitat aus Johannes voran, welches das Fleisch ebenso evoziert wie den Sohn. Beides spielt im Buch eine große Rolle, in unterschiedlichen Bedeutungen und verschiedenen Auslegungen, mit intrinsischen Querverbindungen, die einem erst allmählich bewusst werden.

Der rosarote Balkon ist ein zwar kurzes, aber in seinem lakonischen Ton äußerst aufwühlendes und einprägsames Buch. Ein guter Magen kann nicht schaden. Die Kürze des Buches lädt durchaus zum mehrmaligen Lesen ein, und genau diesem Impuls sollte man nachgeben. Jedes Wiederlesen macht neue Aspekte sichtbar und zeigt, auf welche Weise Axel Karner die geschilderten Ereignisse mit christlichem Gedankengut verquickt. Dies lässt eine Vielzahl von Interpretationen offen und die Leserinnen und Leser wohl sehr nachdenklich zurück.

LitGes lange Version. Kurzversion im etcetera Nr. 50/ Wozu Literatur?/ November 2012

 
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