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Der Staudamm: Ulrike Kotzina. Rez.: Eva Riebler |
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Eva Riebler
Verstocktes
Der Staudamm
Ulrike Kotzina
Roman
Wien: Picus Verlag, 2012. 222 S.
ISBN 978-3-85452-686-5
Die Wienerin Ulrike Kotzina hat als Debütroman einen Anti-Heimatroman vorgelegt. Sie steht damit im klaren Kontrast zum Debütroman „Blasmusikpop“ der St. Pöltnerin Vea Kaiser, schildert jedoch nicht so abgründig Unmoralisches wie Josef Bierbichler in seinem Debütwerk „Mittelreich“ (München: Suhrcamp 2012). Das Verhalten der dörflich traditionell ausgerichteten Bevölkerung lässt nicht auf die eigene Herkunft stolz sein, sondern diese werden als doppelbödig, brutal und im Endeffekt als unmenschlich und hochgradig unmoralisch entlarvt. Der Staudamm und vor allem der kräftige Riss in seiner Mauer könnte als Titel und Motiv Sinnbild des Brüchigen, Gefährlichen und Vergänglichen sein. Der Riss in der Familie und der Dorfgemeinschaft in Kammersee am Altaussee entsteht durch das Verschwinden einer jungen Frau, die außerdem das Rätsel des Blut getränkten toten Verlobten zurücklässt.
Die Nachforschungen werden trotz ständiger Behinderungen und Ablenkungsmanövern sukzessive von ihr und der Lieblingsschwester vorangetrieben. Musste die damals noch nicht 25Jährige wegen ihrer Freizügigkeit, ihrer Unangepasstheit an Religion und sittliche Regeln entfernt werden? War sie zu aufreizend oder so wenig bekleidet, dass Eheleute deswegen Streit bekamen und ein alter Mann nach 25 Jahren noch jedes Detail ihrer letzten Tage vor dem Verschwinden weiß? Fest steht, dass anhand der Recherchen die Ich-Erzählerin gekonnt das ungereimte Verhalten und die Verhaltensmuster sowie Werte der dörflich traditionellen Gemeinschaft entlarvt.
Mit Bitternis und Vorwürfen ist jedoch in einem kleinen Dorf keine Veränderung erzielbar. Die Antworten der möglichen Beteiligten auf taktlose Fragen und die heimlichen Spekulationen erzeugen Einblicke und zeigen von der Nachhaltigkeit, Fäulnis und Resistenz des Traditionellen. Daran kann der Leser sich delektieren.
Auch wenn die Krimihandlung vordergründig und oft nebenher plätschert, bleibt die Spannung bestehen.
Stillschweigen und Mitfühlen ist angesagt.
LitGes, etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012. |
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Blasmusik-Pop: Vea Kaiser. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
Heimat bist Du großer Töchter
Blasmusik-Pop oder
Wie die Wissenschaft in die Berge kam.
Vea Kaiser
Roman
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012. 492 S.
ISBN 978-3-462-04464-5
Die 1988 in St. Pölten geborene Vea Kaiser studiert Klassische und Deutsche Philologie in Wien. In ihrem knapp 500-seitigen Debütroman nimmt sie sich Herodot, den Vater der Geschichtsschreibung und Völkerkundler der Antike zum Vorbild. Es gilt das Menschliche zu erfassen - selbst wenn dies bedeutete, scheinbar Gehaltloses aufzuzeichnen (S. 346). Das scheinbar Banale geschieht hoch in den fiktionalen Sporzer Alpen, in einem Dorf namens St. Peter am Anger, das am Fuße eines unbezwingbaren Gletschers liegt und über Jahrhunderte aus Selbstschutz eine Parallelkultur entwickelte, damit sie die Zivilisation nie erreiche. Unten im Tal befindet sich die Stadt Lenk mit Benediktiner Stift samt Gymnasium.
Der junge Johannes A. Irrwein ist Hauptprotagonist und einziger Petrianer, der das Gymnasium besucht. Dort entwickelt er die Liebe zur Antike und zum Humanismus, und vertieft dort die von seinem Großvater, der Gemeindearzt war, schon anerzogene Abscheu vor Unbildung, vor allem die der heimatlichen Dorfbewohner. Als Johannes wegen eines intellektuellen Machtkampfes mit dem Direktor die Reifeprüfung nicht besteht, besinnt er sich nach einem missglückten Selbstmordversuch auf seine Wurzeln. Um seine Ehre wiederherzustellen, erzählt er die Geschichte seines Dorfes, deren Bewohner er als Bergbarbaren bezeichnet, weil sie ihre eigene Sprache schlecht sprechen und im Dialekt kommunizieren. Kaiser entwickelte für dieses Buch eigens einen Kunstdialekt.
Anhand Johannes Familie beschreibt nun die Autorin drei Generationen Dorfgeschehens. Johannesens Humanismus getränkte Erzählungen leiten jedes Kapitel ein.
Das Buch widmete Kaiser ihrem Opa Hermann und … Porcospino, dem auf Italienisch bezeichneten Stachelschwein. Vermutlich aber meinte sie den Struwwelpeter (Italienisch: Pierino Porcospino). Dies wirft natürlich die Frage auf, warum sich Kaiser für die italienische Benennung entschied? Immerhin ist das Buch, welches Geschichten über das Fehlverhalten von Kindern und den autoritären Erziehungsstil der Erwachsenen beinhaltet, von dem Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann, also auf Deutsch geschrieben worden.
Ihr Einleitungszitat stammt von Herman Melville aus Moby-Dick: "It is not down in any map; true places never are." Vielleicht gibt es diese wahrhaftigen Plätze doch auf der Karte, denn die Fahne des St. Peter Fußballvereins ist gelb-blau, gleichsam der Landesflagge Niederösterreichs, auch die Ähnlichkeit des Namens St. Peter mit der der Landeshauptstadt St. Pölten scheint auf der Hand zu liegen. Die edle Adlitzbeere (Elsbeere), ein kleiner Laubbaum, dessen Beerenfrucht man als Schnaps teuer verkaufen kann und von dem die St. Petrianer vorwiegend leben, zeigt, dass St. Peter am Anger gar nicht so hoch gelegen sein kann, wie uns die Autorin weismachen will, denn er wächst in 300-500 Meter Höhe und ist als Juwel des Wienerwaldes und des Voralpenlandes bekannt.
Fasziniert und erheitert noch Kaiser bis über die Hälfte ihres Werkes den Leser durch ihre distanzierten, emotionslosen Schilderungen, beginnt im Folgenden ihre jugendliche Naivität Überhand zu nehmen. Leider ging es Kaiser nicht um die intellektuelle Rettung des Heimatromans an sich, sondern um einen persönlichen Rachefeldzug, der schließlich in eine friedliche Versöhnung voller heimatlicher Sehnsüchte mündet. Welch ein grandioses Werk wäre ihr geglückt, hätte sie ganz nach griechischer Tragödie auf dieses unsäglich glückliche Ende verzichtet. Dennoch ist Kaiser hier mit ihren 23 Jahren ein kurzweiliges Werk gelungen, das viele Leser erfrischen wird.
LitGes ungekürzte Fassung. Kurzversion im etcetera Nr. 50/Wozu Literatur?/November 2012 |
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Erinnerung an einen schmutzigen Engel: Henning Mankell. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
Literatur mit gesellschaftspolitischem Engagement
Erinnerung an einen schmutzigen Engel
Henning Mankell
Wien: Zsolnay Verlag, 2012. 352 S.
ISBN 978-3-552-05579-7
Nach den vielen Wallander-Krimis hat sich der 1948 in Schweden geborene Erfolgsautor wieder einem neuen Projekt gewidmet. „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ ist der Beginn einer neuen Serie, in der Mankell in Bibliotheksarchiven gefundene Biografie-Fragmente beachtenswerter Frauen zu einer möglichen Fiktion ausarbeitet.
Alles, was er schreibt, beruht auf einer Wahrheit, bekundet der Autor in seinem Nachwort. Quelle der Inspiration zu diesem Werk waren Dokumente aus dem alten kolonialen Archiv in Maputo/ Mosambik, die eine Schwedin Anfang des 20. Jahrhunderts als Bordellbesitzerin erwähnen.
So wird in diesem Roman gleich zu Beginn im Jahr 2002 ein Tagebuch einer gewissen Hanna Lundmark gefunden. Es lag versteckt unter den Brettern eines sich im Verfall befindenden Gebäudes, des ehemaligen Africa Hotel, eines der ersten Hotels im kolonialen Südostafrika in der Hafenstadt Beira/ Mosambik.
Das Tagebuch ist mit der Jahreszahl 1905 gekennzeichnet und in Schwedisch geschrieben. Nun fragt sich Mankell, wie kommt eine junge schwedische Frau Anfang des 20. Jahrhunderts nach Beira, was suchte sie in diesem Hotel, wer war sie? Glaubwürdig erzählt Mankell den Lebensweg der noch unsicheren jungen Hanna, das älteste Kind einer verarmten schwedischen Familie, wie sie Köchin auf einem Dampfer nach Australien wurde, jedoch in der portugiesischen Kolonie landete und schließlich zu einer starken und erfolgreichen Frau heranreift.
Mankell, der zwischen Schweden und Mosambik pendelt, ist seit seiner Jugend politisch aktiv und schreibt fortdauernd mit sozialkritischem Hintergrund. In diesem Werk lässt er sein Wissen über den Rassismus, die Sklaverei und die Entwicklung der Frauengleichberechtigung einfließen. Ein gelungener und spannender Auftakt einer vielversprechenden neuen Serie!
LitGes, Ungekürzte Fassung. Kurzversion im etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012. |
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Bruchlinien II: Wendelin Schmidt-Dengler. Rez.: Klaus Ebner |
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Klaus Ebner
Buchlinien II
Bruchlinien II
Wendelin Schmidt-Dengler
Vorlesungen zur österreichischen Literatur
St. Pölten: Residenz Verlag, 2012. 338 S.
ISBN 978-3-7017-3287-6
Im zweiten Teil der Sammlung Bruchlinien bespricht Wendelin Schmidt-Dengler die österreichische Literatur der Jahre 1990 bis 2008, wie er es in seinen Vorlesungen an der Universität Wien sowie in mehreren Rezensionen getan hat. Dabei wechseln sich theoretischere Kapitel mit jenen ab, in denen ein bestimmtes Werk eines Autors besprochen wird. Vor allem die theoretischen Kapitel dienen dazu, die Verbindung der literarischen Produkte aufzuzeigen, die Intertextualität, wie Schmidt-Dengler das nennt, die im Endeffekt wohl das Wesen der österreichischen Literatur ausmacht: »Ich möchte versuchen, die Besonderheiten der österreichischen Literatur empirisch an vier Autoren vorzuführen, deren Schriften, wenn man so sagen kann, untereinander verwoben sind, die einen vitalen österreichischen Intertext ergeben, wenngleich dies nicht nach dem einfachen Modell von wechselseitiger Abhängigkeit nach dem Muster eines Stammbaumes sich vorführen läßt.«
Verglichen mit dem ersten Band der Bruchlinien scheint die Auswahl diesmal deutlich enger zu sein, es kommen auf den ersten Blick weniger Autoren zum Zug, und etliche bespricht Schmidt-Dengler gleich mehrfach. Vor allem fällt auf, dass die meisten der Autoren, die behandelt werden, spätestens in den 1980er Jahren bekannt wurden. Das mag einerseits etwas schade anmuten, andererseits zeigt Schmidt-Dengler natürlich die Kontinuität in der Literatur und die Wandlung der Themen auf, die bei manchen Schriftstellern durchaus zu beobachten ist.
Viel Raum nehmen Thomas Bernhard, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Christoph Ransmayr und Werner Kofler ein, die alle bereits im ersten Sammelband der Vorlesungen vorkamen. Dabei beschränkt sich Schmidt-Dengler keineswegs nur auf eine einzige Literaturgattung, sondern betrachtet die erzählende Prosa ebenso wie das Theater und die Lyrik. Allein der literarische Essay wird selten gestreift. Natürlich dürfen auch Namen wie Werner Schwab, Wolf Haas, Franzobel, Peter Rosei, Eva und Robert Menasse, Marlene Streeruwitz und Olga Flor nicht fehlen.
Thomas Bernhard ist laut Schmidt-Dengler jener Autor, der außerhalb des Literaturbetriebs für das meiste Echo gesorgt hat und der schon allein deshalb eine ganz außerordentliche Rolle spielt. Bernhards letzter und umfangreichster Roman ist Gegenstand eines der ersten Buchkapitel. Den inhaltlichen Zusammenhang sieht er vor allem bei Bernhard, Handke, Ransmayr und Kofler, und gleich anschließend geht Schmidt-Dengler auf die Rolle der österreichischen Geschichte bzw. Zeitgeschichte in der Literatur ein. Robert Schindels Roman Gebürtig dient als wichtiges Beispiel, aber auch die Werke von Gerhard Roth, Josef Haslingers Roman Opernball und Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara.
Als Essayisten behandelt Schmidt-Dengler den Salzburger Karl-Markus Gauß, von dem es inzwischen eine Menge nennenswerter Bücher gibt. Die Bruchlinien gehen näher auf Ritter, Tod und Teufel ein, und hier heißt es über Gauß: »Er übt sich in den Tugenden des guten Essayisten; so bietet er prägnante Beispielerzählungen, wartet freundlich mit einer kleinen Kindheitserinnerung auf, zitiert jene, die sich gerne zitiert hören, aber sicher nicht immer froh sein werden, wenn sie so zitiert werden, nähert sich dem Thema elegant von verschiedenen Seiten und läßt sich kein Paradox entgehen, um sichtbar zu machen, wie schwer es ist, den hoffnungslos verfahrenen Karren weiterzubewegen.«
Schmidt-Dengler sieht eine Art Wendepunkt in den Ereignissen des Jahres 2000. Bereits in der Einleitung stellt er zwar klar, dass seine Vorlesung keineswegs bloß unter einem politischen Standpunkt stattfinden werde, doch er meint, dass die österreichische Literatur nach diesem politischen Wechsel eine andere und wohl deutlich politischere sei: »Es liegt mir ferne, daraus nun eine Diskussionsrunde über die gegenwärtige parlamentarische Situation in Österreich zu machen, dazu bin ich fürwahr nicht berufen, sehr wohl aber geht es mir darum zu zeigen, wie das kritische Sensorium der meisten Autoren das vorgezeichnet hat, was nun an der Tagesordnung ist.« Die österreichischen Schriftsteller bezeichnet er als »politische Intelligenz«, die von der Politik nicht so einfach ignoriert werden könne. Denn »(...) die Autoren haben in unserer Mediendemokratie eine Funktion in der Öffentlichkeit, die, mag sie auch abschätzig beurteilt werden, doch das Widerlager zu jeder veröffentlichten Doktrin dazustellen hat.«
Elfriede Jelineks Nobelpreisrede von 2004 hält Schmidt-Dengler für »einen der wichtigsten poetologischen Texte, den es in der deutschsprachigen Literatur gibt.« Natürlich beschäftigt sich der bekannte Germanist mit dem Formalen und Formalismen, mit der Ausgestaltung der Sprache, deren zentrale Rolle er durchaus für ein Merkmal der österreichischen Literatur hält. Das trifft auf Jelinek ebenso zu wie auf Josef Winkler, dessen Werk Natura morta das Buch behandelt, aber auch auf Kathrin Röggla, eine der »Entdeckungen der letzten zehn Jahre«, und Marlene Streeruwitz.
In einer Literaturbetrachtung der letzten Jahre dürfen die Erfolgsbücher von Daniel Kehlmann und Michael Köhlmeier nicht fehlen. Dabei hebt sich die kritische Analyse des Riesenromans Abendland angenehm von den quasi gleichgeschaltet daherkommenden Feuilletonbeweihräucherungen ab. Zur Darlegung der Erzählpositionen – Lukasser als Referent von Candoris' Lebensgeschichte – heißt es: »Ein nicht sehr origineller, aber durchaus brauchbarer Trick, ein Erzählwerk in Gang zu bringen, das – und so sind wir es bei Köhlmeier gewohnt – einem funktionierenden perpetuum mobile gleicht.« Und ein Stück weiter sagt er: »Um als Erzähler das Thema „Abendland“ in den Griff zu bekommen, mußte diese Materialschlacht geschlagen werden, und so spannend und interessant auch die einzelnen Abschnitte sein mögen, man wird den Eindruck nicht los, daß es sich oft um feuilletonistisch brillant hergestellte Fertigteile handelt.«
Fast jedes Kapitel taucht, wenngleich in geraffter Form, in das Werk eines bestimmten Schriftstellers ein. Als Leser bekommt man eine Vorstellung vom Inhalt, und über Zitate, durchaus auch längere, kann man in das jeweilige Buch ein wenig eindringen. Auf jeden Fall machen die verschriftlichten Vorlesungen des Professors Lust auf mehr und Lust aufs Lesen. Wer den langjährigen Vorstand des Wiener Germanistikinstituts persönlich gekannt hat, weiß, dass dieser unter anderem auch genau dies erreichen wollte.
Der Residenz-Verlag hat die beiden Bücher gewohnt ästhetisch gestaltet; beide weisen eine identische grafische Umschlagsgestaltung auf, wobei beim ersten Band das Blau dominiert, mit wenigen Elementen in Gelb, und beim zweiten Band verhält es sich genau umgekehrt. Der Autor hat anscheinend von der alten Rechtschreibung nie abgelassen, und daher wurden auch die Bruchlinien in dieser Orthografie gesetzt.
Die in diesem Buch gesammelten Vorlesungen waren vom Autor (noch) nicht zur Publikation gedacht. Dass sie trotzdem erscheinen konnten, ist Johann Sonnleitner und anderen Wegbegleitern des Professors zu danken. Wendelin Schmidt-Dengler wurde als erster Geisteswissenschaftler und Philologe 2007, also ein Jahr vor seinem verfrühten Tod, als Wissenschafter des Jahres ausgezeichnet. Wer seine Texte zur österreichischen Literatur in den beiden Bänden Bruchlinien liest, versteht wohl, warum.
LitGes ungekürzte Version. Kurzversion im etcetera Nr. 50/ Wozu Literatur?/ November 2012 |
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Dort und anderswo: Klaus Ebner. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
Reiseliteratur wozu?
Dort und anderswo
Klaus Ebner
Essays
Wels: Mitter Verlag, 2011. 188 S.
ISBN 978-3-9502828-9-4
Belesen und eloquent erzählt der 1964 in Wien geborenen Autor und Übersetzer Klaus Ebner von seinen Reisen nach Tschechien, Amerika, Italien … Ebner ist durch sein Studium der deutschen und romanischen Philologie ein bewandter Sprachkenner und seine Leidenschaft gilt dem Katalanischen, eine Sprachminderheit, die man noch im französischen und spanischen Raum vorfindet. Ebner verweist besonders auf jene Literaten, die durch ihre Werke und Wirken das Vergessen dieser Kultur verhindern und erzählt von ihren Schwierigkeiten, sei es im Verlagswesen und Buchmarkt Fuß zu fassen oder Förderungen zu erhalten.
Auch Besonderheiten wie den Goig und seine heutige Verwendung fehlen nicht (S. 109). Ebner schildert auch Alltagssituationen, zieht Sprachvergleiche und analysiert Stellenwerte. So rehabilitiert er z.B. den als Tourismusfalle verschrieenen Badeort Caorle, der im Vergleich zu Venedig die ältere Lagunenstadt ist (S. 99). Mit der Geschichte des weißen Ritters (Tirant lo Blanch) aus dem 15. Jhdrt. lässt er die Wunschtraumwelt um das verlorene Byzanz und den offenen Konflikt zwischen Christentum und Islam aufflackern. Ein Ort, der nirgendwo ist, alleine im virtuellen Raum existiert, ist das Internet. Hier hebt Ebner das grenzüberschreitende Wikipedia-Enzyklopädie-Projekt hervor, welches es geschafft hat, Menschen verschiedener Kulturen für ein gemeinsames Vorhaben zu begeistern.
Mittlerweile gibt es Wikipedia in über 270 Sprachen (S. 10). Dagegen sieht man das Problem der Ortstafelstreits in Kärnten (S. 80) in seiner wahren Lächerlichkeit erstrahlen.
Ebner verweist auf die Durchsetzungspflicht des Artikel 7 unserer Verfassung (S. 83), der den Autor alleine durch seine Notwendigkeit zum Kopfschütteln bringt.
Der Leser ist also mit einem intelligenten Reiseführer ausgestattet und hat nun den dringenden Wunsch, dem Autor dort und anderswo nachzureisen. Bei Ebners Reiseliteratur wird eine Redewendung zur Gewissheit: Ebner ist ein wandelndes Buch!
LitGes, etcetera 50/ Wozu Literatur?/November 2012. |
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