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Lebendversuch: Jonas Burgert. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
IM WETTLAUF GEGEN DEN KITSCH
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Jonas Burgert: Selten nachts, 2010.
Öl auf Leinwand.
Foto © Gunter Lepkowski,
Lepkowski Studios GmbH, Berlin |
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Lebendversuch
Jonas Burgert
Kunsthalle Krems (KHK),
Zentrale Halle & Galerie
Ausstellung: 27.03.2011 – 13.06.2011
Kuratoren: Hans-Peter Wipplinger,
Karin Pernegger
Ausstellungskatalog:
Lebendversuch
Jonas Burgert
Hrsg. Daniel J. Schreiber &
Hans-Peter Wipplinger
Kunsthalle Krems -
Kunsthalle Tübingen
Köln: Verlag der Buchhandlung
Walther König, 2010. 112 S.
ISBN 978-3-86560-940-3
22,80.- Euro
Podiumsdiskussion mit
Jonas Burgert und den Kuratoren
Zentrale Halle der Kunsthalle Krems:
14.05.11, 19 Uhr
Zur Ausstellung
Dem aufmerksamen Ausstellungsbesucher wird Jonas Burgert von der Ausstellung Lebenslust & Totentanz in der KHK (18.07. - 07.11.2010) bereits bekannt sein. Nun hat er seine erste große Einzelausstellung unter dem Titel „Lebendversuch“ zuerst in der Kunsthalle Tübingen (11.12.2010 – 06.03.2011) und anschließend in etwas modifizierter Art in der KHK (27.03. – 13.06.2011) erhalten. Bereits vor eineinhalb Jahren haben die Museumsdirektoren der beiden Kunsthallen - aus Tübingen Daniel J. Schreiber und aus Krems Hans-Peter Wipplinger - diese Ausstellung mit dem Künstler ausgemacht. Burgert musste für diese zwei Ausstellungen eine besondere Auflage erfüllen: Alle in der Zeit verkauften Werke durften nicht zu ihrem neuen Eigentümer. In diesem Sinne sehen manche Käufer erst nach der Kremser Schau zum ersten Mal nach langer Zeit das erworbene Werk. Grund hierfür sind die hohen Transportkosten und Versicherungen der großformatigen Werke, die sich die Ausstellungsbetreiber nicht leisten könnten, denn aus der ganzen Welt interessieren sich bereits Kunstsammler für Burgerts monumentale Kunst. Mittlerweile stehen sie für Jahre hinaus auf der Warteliste. Verrückt, denn bis vor ca. zwei Jahren interessierte sich noch kaum jemand für diesen Shootingstar der Kunstszene. Es war wohl die Gruppenausstellung in der Kunsthalle Hamburg (10.04 – 21.08.2005) zum Thema „Geschichtenerzähler“, die Jonas Burgert in den Kunstmarkt katapultierte. Verantwortlich war Christoph Heinrich, der bis 2007 Leiter der Galerie der Gegenwart war. Neben Größen wie Neo Rauch, der in seinem Stil den sozialistischen Realismus durchdringt, den magischen Realisten Peter Doig, Neoromantiker Gerhard Till und der mit psychologischen Aspekten arbeitenden Ena Swansea befand sich Burgert inmitten hoch dotierter protegés in bester Gesellschaft, wurde doch somit der Kunstsammler Charles Saatchi, der maßgebend den Ton im Kunstmarkt angibt, auch auf Jonas Burgert aufmerksam. Seine Preise haben sich in den Auktionshäusern schlagartig innerhalb eines Jahres etwa verfünffacht.
Seither muss und kann sich der 1969 geborene Berliner eine Fabrikhalle in Weißensee im Berliner Stadtbezirk Pankow leisten, um seine Raum bis Saal füllenden Werke zu erschaffen.Dabei musste Burgert, der von 1991 bis 1996 an der Universität der Künste in Berlin studierte und 1997 Meisterschüler von Dieter Hacker war, lange bescheiden leben. Der Sohn des 2009 verstorbenen Künstlers Hans-Joachim Burgert gründete 1999 mit dem Installationskünstler Ingolf Keiner das Ausstellungsprojekt Fraktale www.fraktale-berlin.de .
Themen der Fraktale I-IV waren Relikt ist Keim (Parochialkirche, Berlin); Mensch baut Mensch (Pfefferberg, Berlin); Faktor Transzendenz (U-Bahn Reichstag, Berlin) und Tod (Palast der Republik, Berlin). Von zwei Künstlern wuchs die Schau bis 2005 auf 25 ausstellende Künstler. Mit Burgerts Karrieresprung fand leider das wunderbare und ambitionierte Ausstellungsprojekt junger Kunst sein jähes Ende. Was ist wohl aus diesen Künstlern geworden, die sich in den Fraktalen gegenseitig befruchteten und bestärkten, frischen Wind mit einem Hauch von Anarchie verströmten, kurzum Rebellion gegen den überzogenen kapitalistischen Kunstmarkt zur Schau stellten? Mit ihrer Kunst den Kampf ums Überleben sprichwörtlich manifestierten. Burgert spielt nun in einer anderen Kategorie. Er hat die brotlose Zeit seines Künstlerdaseins überbestanden, nun muss er im Ranking des internationalen Maximierungsprofits überleben. Die Geldgier im internationalen Kunstgeschäft ist eine der gruseligsten. Burgert scheint sich dessen bewusst zu sein, dies würde zumindest den Titel seiner ersten institutionellen Personale erklären: „Lebendversuch“.
Verfolgt man die Fraktale I-IV chronologisch, kann man Jonas Burgerts Entwicklung (per Internet) verfolgen. So waren 1999 Ornamente und Symbole verschiedenster Kulturen, altägyptische Grabkunst-Motive (inspiriert durch einen, wegen eines erhaltenen Stipendiums, ermöglichten Ägyptenaufenthalt 1998-2000) und Zellstrukturen auf einem gemalten Mauerwerk auf Leinwand vordergründig. Ab 2003 integrieren sich figurative Elemente auf der zweidimensionalen Bildfläche, die Werke gewinnen an Tiefenwirkung. Seit 2005 steht der Mensch im Vordergrund Burgerts Schaffen. Das Archaische, welches von Beginn an große Bedeutung in Burgerts Werk einnahm, konzentriert sich zunehmend am Handeln des Menschen in Form von Riten, Schlagwörter wie Mythos und Pathos bekommen Oberhand. Burgerts Werke verwandeln sich in dreidimensionale theatralische Szenarien, es würde nicht wundern, wenn die Figuren eines Tages aus der Leinwand herausbrechen und über uns kommen würden.
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Jonas Burgert vor Suchtpuls
Öl auf Leinwand, 2010.
Kunsthalle Krems, 2011.
Foto ©: Laura Tomicek |
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Jonas Burgert: Affenfalle, 2010.
Öl auf Leinwand.
Foto © Jonas Burgert |
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Die Kunsthalle Tübingen und die KHK haben einen Katalog zur Ausstellung herausgebracht. Dieser Katalog umfasst bis auf ein Bild – Suchtpuls (2011) – alle ausgestellten Werke und mehr. Ab Seite 93 gibt es ein komplettes Werkverzeichnis der Jahre 2003-2010. Einziger Fehlschlag in diesem Katalog ist das Layout des Werkverzeichnisses, hier sind die Ablichtungen der Werke zu thumbs geraten. Sie hätten um gut einen Zentimeter im Rundumfang größer sein können, ohne dass der Katalog dicker geworden wäre. Für die nur 2,5 cm bis 3,5 cm hohen Miniaturen braucht man schon eine Lupe, um etwas erkennen zu können. Die Fotos selbst und der Druck sind jedoch hervorragend an die Farbe der Originale angepasst. Im Katalog werden drei verschieden Positionen zum Werk und zur Entwicklung Burgerts dargelegt. Daniel J. Schreiber setzt auf die Sprengkraft der Pathosformel. Die Kremser Kuratorin Karin Pernegger geht auf die Quelle ein und analysiert die Begegnung mit einem archaischen Menschenbild. Hans-Peter Wipplinger bezieht sich wiederum auf das gemalte Welttheater des Jonas Burgert. Drei ausgezeichnete Beiträge, die sich im Gesamten nicht widersprechen, sondern zum allgemeinen Verständnis zu Burgerts Werk beitragen.
Burgert, der sich zum Existenzialismus bekennt, meint, der Mensch müsse sich fortwährend definieren, da er sich im Gegensatz zum Tier permanent in Frage stellt. Ihn interessiert hierbei die Fragestellung um unseren Prozess der geistigen Repräsentanz, so Burgert in der Podiumsdiskussion in der Zentralhalle der KHK am 14. Mai 2011. Hier sehe er den Beginn eines Malereidiskurses, der sich mit den Alten Meistern beschäftigt, die zeitlos weiterexistieren. Der Aspekt des Zeitlosen in der Malerei muss, trotz großartiger Gegenwartskunst, möglich sein, führt Burgert aus. Seine Figuren stammen aus verschiedenen Epochen. Das Archaische, die Rituale sieht er über Jahrtausende verteilt.Die Empfindung der Geschichte bleibt anhaltend, doch die Kunst habe die Fähigkeit über das Intellektuelle hinaus zu gehen. Er habe das exzessive Bedürfnis visuelle Situationen herzustellen, die den Inhalt auf eine andere Ebene transformieren und bleibende Empfindungen hinterlassen. Wipplinger verweist darauf, dass es dabei nicht um die Erzählung der Geschichte geht, sondern um die Suche nach Wahrheit. In diesen absurden Theaterszenerien steckt die Groteske, die einen Moment des Innehaltens erfordert. Die Ruhe in dramatischen Szenen stelle sich dann ein, wenn die Darstellung symbolischen und nicht illustrativen Charakter habe, dann wird es still, bestätigt Burgert.
Zum Werk
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Jonas Burgert: Gift gegen Zeit, 2009.
Öl auf Leinwand.
Foto © Gunter Lepkowski,
Lepkowski Studios GmbH, Berlin |
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Daniel J. Schreiber geht detailliert in seinem Essay auf dieses Phänomen ein. Es sind die gedämpften neutralen Flächen, die weißen oder grauen, reich nuancierten Farbfelder, die Abstraktion also, die mit dem Figurativen kontrastieren und beruhigen. Schreiber spricht hierbei von defensiver (abstrakte) und offensiver (figurativer) Malerei, wobei in letzterer der Inhalt liege. „90 Prozent der Arbeit bestehen darin zu vermeiden, figurativ zu malen. Ich will aber 90 Prozent der Arbeit offensiv nutzen, nicht defensiv. Also habe ich mir gesagt: Der Inhalt muss wieder her. Aber die Qualität der abstrakten Malerei, das überzeitlich Gültige, muss bewahrt bleiben.“ (Katalog, Essay: Schreiber. Zitat: Burger. S. 30)
Burgert liebt den Kontrast. Reizt ihn malerisch aus. Spielt inhaltlich mit Widersprüchen. Dort wo es thematisch laut ist, wird es still auf der Leinwand. Dort wo der Intellekt vorherrscht und alles steuerbar wird, will er emotionalisieren und Unordnung schaffen. Für Burgert ist Intellekt ein Werkzeug, das es zu entwickeln gilt. Die Protagonisten in seinem gemalten Welttheater sind Clowns, Harlekine, Schamanen und Könige. Diese werden in der Gesellschaft über Epochen bevorzugt behandelt, denn sie dürfen mehr als alle anderen. Seine skeptische Welthaltung sieht er weder negativ, noch apokalyptisch. Ihm geht es um die Ernsthaftigkeit der existenziellen Prinzipien des Menschen, um den Verfall, den Tod und den damit verbundenen Phänomen der Religion. Die Illusion sei schließlich Teil unserer Realität, sonst würden wir Bilder nicht akzeptieren, so Burgert zum Abschluss, denn in der Kunst wäre es erlaubt Gesetze außer Kraft zu setzen, sie sei ein Experimentierfeld und erlaube uns, uns aufs Neue zu erfinden. „Es darf nicht passieren, dass die dünne Membran der Illusion zerplatzt, denn sonst wäre die Farbe nur noch Farbe und das Bild nur mehr Dekoration.“ (Zitat: Schreiber. S. 31). Dies beschreibt eindringlich die Gratwanderung der Malerei, der sich Burgert aussetzt. Bei zu starkem Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei, wie sie vor allem in der Spätrenaissance und im Barock praktiziert wurde, droht die Semantik des Bildes auseinanderzufallen, bei zu wenig ist die Gefahr der Langweile gegeben. Diese Gratwanderung pflanzt sich auf Burgerts Farbwahl fort. Burgert kleidet seine Figuren, den offensiven, den inhaltlichen Part in Extremfarben mit fluoreszierender Wirkung: kräftiges Gelb, giftiges Grün, vibrierendes Orange und strahlendes Blau, während der defensive Teil, wie bereits erwähnt, in gedämpften hellen und dunklen Erdfarben bleiben. Selbstverliebt umgarnt er seine Figuren mit den in grellen Farbtönen gehaltenen Schleifen, wie wir es im historischen Klischee von Indianern auf Armen und Beinen kennen, bandagiert sie sprichwörtlich teilweise damit und verwandelt sie zu Mumien oder Zombies.
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Jonas Burgert: Sand brennt Blatt, 2010.
Öl auf Leinwand.
Foto © Gunter Lepkowski,
Lepkowski Studios GmbH, Berlin |
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Auffallend in Burgerts Werk ist die aufgelöste Perspektive durch die aufgehobene Gesetzmäßigkeit der Größenverhältnisse. So entsteht aus vielen Fragmenten ein großes Ganzes. Fluchtpunkte werden durch Löcher und Ritzen marginalisiert und geben ein Gefühl des Bodenlosen. Karin Pernegger bezeichnet sie in ihrem Essay als Quellen und bezieht sich hierbei auf den britischen Ethnologen und Vertreter der symbolischen Anthropologie Victor Turner und seinen Begriff der Liminalität, der den Schwellenzustand beschreibt, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben. Mit Burgerts Spiel der Machtdispositiven ist auch für Pernegger sein Stil des Widersprüchlichen belegt. Gedachtes und Geschehenes, Traum und Wirklichkeit, Metamorphose und realistische Details, Vergangenes und Gegenwärtiges treffen aufeinander. Burgert, der sich für das Zeitlose in der Kunst entschieden hat, hält das Thema der Politik in der Malerei für gefährlich. Für ihn behandelt grundsätzliches auch das Aktuelle (S.54). Die kräftigen Farben benutzt Burgert als Mittel zur Gegenwart zu gelangen. Die Zeitreise auf der Leinwand verwandelt sich in ein Paintball-Areal, in ein Schlachtfeld der Farben. Die großen und kleinen Figuren erinnern an die Jonathan Swift märchenhafte Welt „Gullivers Reisen“. Die Riesen liegen meist am Boden, während die Kleinwüchsigen noch in versklavter Haltung der Dinge verharren, geben das Bild vom gestrauchelten Giganten und der überlebenden Masse wieder. Von Masse und Macht.
Sowie auch Burgerts Themen zeitlos sind, so bleiben es auch seine Protagonisten. Alter, Geschlecht, Individualität sind neutralisiert. So evoziert Burgert die Assoziation vom Mensch zur Marionette oder zum Tier, vor allem zum Affen. Hans-Peter Wipplinger sieht darin eine komplexe Theaterinszenierung mit Geschehen ohne konkrete Erzählung (S.75). Ganz in der Tradition des Theatrum Mundi, dem Welttheater der Renaissance und des Barocks, das als Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt gebraucht wird, widerspiegelt sich auf Burgerts Ölgemälde das Drama des Lebens, der Menschheits- und Weltgeschichte. „Eine träge Gelassenheit dominiert dabei die Szenerie, eine Atmosphäre der kühle und gedämpften Aggressivität zugleich liegt in der Luft.“ (Zitat: Wipplinger. S.77)
Die surreale Fantasie- und schwebende Traumwelt der Jonas Burgert gibt Zeugnis über den Verfall gesellschaftlicher Werte, Entfremdung und Kommunikationsunfähigkeit und kann als kritisches Manifest gegenüber der postmodernen Welt interpretiert werden.
Fazit: Eine großartig konzipierte Ausstellung.
Zum Künstler
Es bleibt Jonas Burgert zu wünschen, dass der Lebendversuch nicht bei einem Versuch bleibt. Denn wie Honoré de Balzac so schön sagte: Ruhm ist ein Gift, das der Mensch nur in kleinen Dosen verträgt.
Insofern wird sich weisen, ob Burgert sich im Stress der Auftragsliste nicht verkitscht. Möge also, wie Daniel J. Schreiber es formulierte, die Membrane der Illusion seiner Werke auf keinen Fall zerplatzen!Ansonsten stehen ihm die Türen zum Metier des Regisseurs und Filmemachers immer noch offen.
LitGes, Mai 2011 |
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Venedig - Seemacht, Kunst & Karneval. Rez.: Eva Riebler |
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Eva Riebler
1600 Jahre Venedig
Venedig
Seemacht, Kunst & Karneval
Renaissanceschloss Schallaburg, NÖ
Ausstellungseröffnung: 26.03.2011
Ausstellungsdauer: 26.03 - 06.11.2011
Nicht umsonst wurde am 25.03.2011 von Landeshauptmann Erwin Pröll die von Dr. Matthias Pfaffenbichler kuratierte Ausstellung „Venedig – Seemacht, Kunst und Karneval“ eröffnet. Wurde doch am 25. März 411, zu Zeiten der Völkerwanderung also, Venedig als Rückzugspunkt für viele Völker gegründet. Vor allem Juden siedelten auf den über 100 Inseln und ein Fünftel der Bevölkerung waren Griechen. Daher wurden auch vorzugsweise die Bibelübersetzungen vom Hebräischen ins Griechische oder Lateinische in der Lagunenstadt gedruckt. Die Ansiedlung war immer eine Handelsniederlassung und brach mit ihrer Mutterstadt Konstantinopel bis zum vierten Kreuzzug nicht, um die Handelsbeziehungen nicht aufs Spiel zu setzten. 1204 allerdings eroberten die Venetianer Konstantinopel, die Hauptstadt Byzanz, und brachten reiche Beute nach Hause. Viele Wörter, wie Doge oder Groschen, stammen aus dieser Stadt. Das Amt des Dogen war nicht erblich und durch kluge Rätepolitik hielt sich diese Stadt als Festung und Speerschild gegen die Türken, siegte ruhmreich über diese in der Seeschlacht von Lepanto und hielt die Türken durch Scharmützel auf Kreta vom Hl. Römischen Reich fern. 50 Jahre herrschten die Habsburger über Venedig, da diese die Söldner und Arbeiter schlechter als bisher bezahlten, bedeutete das Unruhen und einen gewissen Niedergang der Lagunenstadt.
Über 350 Exponate sind zu besichtigen, 80 Prozent der Werke stammen aus Österreich.
Vor allem stellte das Kunsthistorische Museum Wien Leihgaben von Tintoretto, Longhi und Canaletto zur Verfügung.
Wärmstens zu empfehlen sind die Führungen der „Kunstvermittler“, die als Pestdoktoren mit Dreispitz, mit dem „Tabarro“, dem schwarzen Umhang, und mit weißer Halbmaske mit langer spitzer Nase leicht erkenntlich sind. Angenehm aufgelockert und versiert erlebten wir am 26. März die Führung von Mag. Johannes Kritzl.
Anlässlich der Eröffnung wie auch im Mai finden zahlreiche Events und Kinderarrangements im Großen Arkadenhof statt. Italienische Musiker spielen Venezianisches und Folkloristisches. Burleskes Theater und Kindermodenschau, italienische Schmankerl, „Kinder-Gondeln“ oder „Venezianischen Märchen“ von Frederik Mellak stehen auf dem Programm Alberto Madricardo und Giovanni Floreani brachten im Großen Festsaal in Form einer Multi-Media-Show audiovisuelle Eindrücke Venedigs. Liebhaber von Literatur über und aus Venedig können im Museums-Shop fündig werden.
Als Literarische Veranstaltungen gilt es Samstag, den 22. Mai 2011, 11.00 Uhr das bewegte Leben des berühmten Venezianers, Schriftstellers, Abenteurers und Frauenliebhabers Giacomo Casanova, der als Einziger den „Bleikammern“ entkam, beleuchtet von Dr. Gertraud Mühlbach zu besuchen.
LitGes, März 2011 |
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Von Engeln & Bengeln. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
DIE FRAGE NACH DEM KINDSEIN
VON ENGELN & BENGELN
400 Jahre Kinder im Porträt
Kunsthalle Krems
Ausstellungseröffnung: 05.03.2011, 11 Uhr
Ausstellung: 06.03.2011 – 03.07.2011
Kurator: Hans-Peter Wipplinger, Nicole Fritz
Ausstellungskatalog:
VON ENGELN und BENGELN
400 Jahre Kinder im Porträt
Hrsg. Hans-Peter Wipplinger
Kunsthalle Krems, 2011. 160 S.
ISBN 978-3-901261-48-0
24.- Euro
Und wieder sind die Spots auf die Kunsthalle Krems mit einer epochenübergreifenden Ausstellung gerichtet. Hans-Peter Wipplinger, dessen Anliegen es nicht nur ist, Kultur als Enter- und Infotainment zu sehen, sondern deutlich den Aspekt der Bildung durch Sinnesgenuss wahrnimmt, hat zusammen mit Nicole Fritz eine hervorragende Kuratorenleistung erbracht. Bis Anfang Juli beherbergt die Kunsthalle Krems 400 Jahre Kinderportraits. Dass es dazu eines strikten und konsequent durchgeführten Leitfadens und einer starken Logistik bedurfte, liegt klar auf der Hand.
Die Schau umfasst 140 Gemälde, einige Grafiken, Skulpturen, eine Installation und wenige Videos von rund 50 Leihgebern aus europäischen öffentlichen Institutionen sowie Privatbesitz. Schwerpunkt bilden mehr als 30 spanische, flämische, englische und französische Alte Meister, die aus der Fundación Yannick y Ben Jakober aus dem Sa Bassa Blanca Museum auf Mallorca stammen. www.fundacionjakober.org
Die Stiftung Jakober verfolgt das Ziel, das Lebenswerk und die Kunstsammlung des Ehepaars Marie-Claire Yannick und Ben Jakober zu Bildungszwecken der Öffentlichkeit, besonders aber Kindern, zugänglich zu machen. Auf der Homepage der Stiftung erfährt man, dass die Kindergemäldesammlung alleine mehr als 150 Porträts aus dem 16. – 19. Jahrhundert umfasst und zu einem Teil als historisches Kulturerbe deklariert wurde. Für die Besucher sind laufend ca. 50 Werke in einem ehemaligen unterirdischen Wasserreservoir ausgestellt. Die anderen Kinderporträts befinden sich abwechselnd auf Reisen. Erstmals sind im Zuge der über vier Jahrhunderte übergreifenden Ausstellung, Werke dieser Stiftung in Österreich zu sehen. Für das Paar stellte sich zunächst die dringliche Frage, ob denn ihre Kinder auch mit den anderen Kindern spielen wollen? (Zitat: Ben Jakober). Schließlich waren ihre Kinder schon in vielen Ländern, aber blieben immer unter sich. Sie seien mit dem Resultat jedoch sehr zufrieden, beteuerte Ben Jakober bei der Pressekonferenz im Bistro Grasl & Salomon in der Kunsthalle am 03.03.2011, 10.30 Uhr.
Die Ausstellung geht vom Beginn des Kindheitsbegriffs der Renaissance und dem darauf folgenden Zeitalter der Aufklärung aus, sowie sie bereits die Philosophen John Locke (1632-1704), Jean-Jacques Rousseau (1717-1778) und Johann Heinrich Pestallozzi (1746-1827) vertraten. Vorwiegend konzentriert sich das Kinderportrait auf Abbildungen von Kindern bis 14 Jahre. Wichtig war den beiden Kuratoren, dass in diesem Dialog über Kulturgeschichte des Kinderportraits, die des (übermächtigen) Aberglaubens mit eingeflossen ist.
Abgesehen von der Darstellung des kindlichen Jesusknaben und der Puten sowie zu immer weiter zum Realismus tendierenden christlichen Künstlern wie Lucas Cranach, beginnt die Geschichte des Kinderportraits im höfischen Bereich.
Die Schau ist daher in folgende chronologische Aspekte unterteilt: das fürstliche Kinderbildnis, der Einfluss der niederländischen Genremalerei, die Romantik, das Biedermeier und die Moderne. Damit wird gezeigt, dass Kinderbildnisse im historischen Kontext und in Bezug auf politisch-gesellschaftliche und soziale Konstellationen gesehen werden müssen.
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Francisco Ignacio Ruiz
de la Iglesia zugeschrieben
Spanische Schule:
Portait der Infantin Margarita Theresa von Spanien,
um 1665. Stiftung Jakober |
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Sir Thomas Lawrence:
Maria isabella als Kind,
Ende 18 Jh.
Kunsthistorisches
Museum Wien |
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Lovis Corinth:
Stehender nackter Knabe,
1905. Privatbesitz |
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War in den fürstlichen Kinderbildnissen das Kind nicht als Kind wahrgenommen, sondern als kleiner Erwachsener bzw. als zukünftiger Repräsentant der Dynastien, so galt das Bildnis ausgestattet mit vielen Symbolen, die die Reinheit, Keuschheit, Tapferkeit etc. nicht zuletzt auch den Reichtum des Adelsgeschlechtes als Werbeträger für zukünftige Heiraten widerspiegelten und damit zur Sicherstellung oder auch Erweiterung der Machtposition dienten. Prägnant sind hier Gemälde, die aus der deutschen und flämischen Schule stammen. Im 17. Jahrhundert änderte sich das Portrait durch das aufstrebende Bürgertum als Auftraggeber, es bekam eine natürlichere Note und fungierte bereits als erste Erinnerungsquelle. Interessant ist, dass sich die Entwicklung geographisch in den Südwesten verlagerte und die französische, spanische und auch venezianische Schule eine Vorreiterrolle spielten. Durch das Zeitalter der Aufklärung wurden Kinder erstmals als selbstständige Individuen wahrgenommen. Die Kindheit als Entwicklungsstufe anzuerkennen, brachte auch eine radikale Änderung im Kinderportrait mit sich, der eine Emotionalisierung und Intimisierung vorausging, wie man sie auch von Kinderbüsten und Grabmälern verstorbener Kinder kennt. Nach und nach breitete sich eine verklärte romantisierte Sicht eines idealisierten Nachwuchses besonders in der britischen Portraittradition aus, die wiederum Vorbild für die österreichischen Biedermeiermaler war. Im 19. Jahrhundert wurde nach der 1774 von Erzherzogin und Königin Maria Theresia eingeführten sechsjährigen Unterrichtspflicht, diese auf acht Jahre gehoben und mit dem Reichsvolksschulgesetz der Kirche die Bildungsaufsicht entzogen und dem Staat übertragen. Die Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse durch die Industrielle Revolution brachte jedoch eine Verstärkung der Kinderarbeit mit sich. Fortan standen Milieuschilderungen schwacher, armer und verwaister den Darstellungen gut behüteter und gebildeter Kinder gegenüber, wie man es an Leihgaben von Käthe Kollwitz, Johann Gualbert Raffalt, Max Liebermann und Johann Matthias Ranftl beobachten kann (Kat. S. 108-111). Diese waren jedoch nicht Kritik an die Gesellschaft, sondern appellierten an das Mitgefühl. Mit der Erfindung der Fotografie veränderte sich der Anspruch an die Bildende Kunst, naturgetreue Abbildungen zu schaffen. Beispiele hierfür liefert die Ausstellung mit Exemplaren von Paula Modersohn-Becker und einen sehr malerisch aufgelösten „stehenden nackten Knaben“ (1905) von Lovis Corinth (Kat. S. 114). Auch interessierte man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Seelenleben, auch für das des Kindes. Hierfür stehen Werke von Oskar Kokoschka (Kat. S. 117), Kees van Dongen, Arnold Schönberg, Max Oppenheimer und Emil Nolde Pate.
Die kindliche schöpferische Fähigkeit wurde von Künstlern wie Picasso wahrgenommen und als authentisch eingestuft, les beaux arts - die Schönen Künste - galten als kraftlos und tot. Die verklärte Verbreitung einer heilen Kindheit wird heute nur mehr in der Medienwelt proklamiert. Die Kunst der Gegenwart durchbricht jedoch dieses Klischee. Teilweise wird auf das kulturelle Gedächtnis verwiesen und feste Strukturen unter deren Kinder beeinflusst werden, hinterfragt.
Das „Kind im Gras“ (1930) von Christian Schad verdient eine besondere Aufmerksamkeit (Kat. S. 122). Christian Schad, der u.a. mit Otto Dix und George Grosz zu den deutschen Malern der Neuen Sachlichkeit zählte, galt auch als einer der wichtigsten Vertreter des Verismus, eine spartenübergreifenden Strömung, die sich durch exakte Beschreibung der sozialen Kritik widmete. Das Kind sitzt in der natürlicher Haltung eines Kleinkindes mit gespreizten Beinen frontal dem Betrachter zugewandt im hohen Gras. Sein Kopf richtet sich nach rechts oben, sein Blick schweift
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Christian Schad:
Kind im Gras, 1930.
Privatbesitz |
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außerhalb des Bildes ins Leere. Es trägt ein leichtes, ärmelloses, weißes Hemdchen, welches sich konisch nach unten öffnet. Seine Händchen sind in Bauchhöhe gefaltet und halten eine Margerite. Die unschuldige Scham des Kindes ist von den Gräsern überdeckt. Unwillkürlich schafft es Schad den Betrachter in eine verstrickte Lage zu bringen, denn obwohl das Wichtige an diesem Bild der geradezu liebliche Kopf des Kindleins ist, rutscht unser Blick immer wieder runter zu seiner verborgenen Scham. Unweigerlich wird man sich der Frage gewahr, warum das Geschlecht des Kindes zur wesentlichen Bedeutung wird. Ein höchst unangenehmes Bild und in dieser Schau das brisanteste, es sei denn, man verdrängt es von vornherein. Gleich daneben ein ähnlich unangenehmes Bildnis eines Knaben „Adair“ (2006) des Briten Richard Wathen (Kat. S. 123). Der Torso des Knaben steht vor dunkelviolettem (?), fast schwarzem Hintergrund. Er ist mozärtlich mit grasgrüner Jacke und zinnoberroter Schleife gekleidet, sein puppenhaftes Gesicht ist so weiß wie sein lockiges Haar, das vermutlich hinten zu einem Zöpfchen zusammengebunden ist, in den Händen trägt er einen knuddeligen Dürerhasen mit grauen Fell. Beide, Hase und Knabe, sehen den Betrachter direkt an. Der Blick des Hasen ist warm, während der des Kindes mit seinen blitzblauen Augen uns kalt durchdringt. Die aalglatte Pinselführung Wathens gibt dem Ganzen die zusätzlich abstoßende Künstlichkeit wieder. Fazit: Ein Kind ist nun mal kein Plüschtier!
Mit dem Aufkommen der Kontextkunst und der Appropriation-Art in der 1980er und 90er Jahren befassten sich Künstler einerseits kritisch mit dem Hintergrund und den Bedingungen des historischen Kinderportraits, oder kopierten andererseits Werke Alter Meister und „legten damit neue Sinnschichten frei“. Neue Techniken generieren neue Darstellungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt durch die digitale Technologie werden neue Möglichkeiten frei. Eine spannende kunstgeschichtliche Entwicklung, alleine durch die Gentechnik und Biogenetik, steht uns thematisch bevor.
Wipplinger und Fritz haben sich jedoch in der Aufhängung der Werke nicht alleine auf die Chronologie des Entstehungsjahres der einzelnen Bilder beschränkt. In jedem epochalen Abschnitt bringen die beiden Kuratoren ein Werk der Moderne als Kontrast zu den Alten Meistern ein. So beginnt die Ausstellung gleich im Gangbereich mit der 2:34 Minuten lang dauernden Videoinstallation „Children’s Crusade“ von Markus Schinwald aus dem Jahr 2004. Dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Kreuzzugs einer ganzen Kinderschar, die im Stil der 40er Jahre gekleidet sind und durch Wien eine Figur verfolgen, die einer übergroßen erwachsenen männlichen Marionette gleicht. Farblich ist das Video eines ausgebleichten Farbfilms angepasst.
Im Oberlichtraum werden die Besucher mit fürstlichen Kinderportraits konfrontiert. Ihnen steht eine Holzskulptur „Ich, als Kind“ (1997) von Karin Frank gegenüber. Die Künstlerin, die als Kind die Strumpfhose als störendes Kleidungsstück empfand, bringt dieses Gefühl mit ihrer ca. 90 cm hohen und somit lebensgroßen, grob geschnitzten, weiblichen Kleinkindplastik, die eine echte rote Wollstrumpfhose trägt unmissverständlich zum Ausdruck. Auch die „Kindergruppe“ (2008) von Simon Schubert verfehlt ihre Wirkung nicht. Hierbei handelt es sich um drei in weißgekleidete identische Mädchen mit langen schwarzen glatten Haaren im Volksschulalter, die sich die Hand halten und fertig für eine Ringelreihe zueinander stehen. Sie sind etwas über einen Meter groß und aus Mixed Media hergestellt. Erst bei genauer Betrachtung wird man sich der ausgeübten Irritation bewusst: Die Mädchen haben kein Gesicht, die Haare überdecken rundum ihre Köpfe, Kinder als anonyme Wesen ohne Persönlichkeit, so stehen sie da. Fast wäre der Betrachter in die Falle getappt, wäre er an ihnen wie im alltäglichen Leben vorbei gegangen, fast. Von der Wand blickt die fürstliche Brut, eingezwängt in ihren feinen und teuren Brokatgewändern, und obwohl diese Kinder ein Gesicht haben, bleiben sie genauso anonym wie Schuberts Mädchengruppe, erschlagen vom Pomp und dem Schrei nach Macht ihrer Eltern. Zwischen den Kunstwerken lockern Vitrinen, durchgehend mit Spielzeugen und Kinder-Accessoires großteils anonymer Künstler geschmückt, die Schau auf. So werden zwei Radschlossbüchsen für Kinder aus dem 17. Jahrhundert des Büchsenmachers Hans Schmidt das aus Lego nachgebaute Sturmgewehr G11 von Heckler & Koch (2000) des Künstlers Manfred Erjautz gegenüber gestellt. Im ersten Stock findet man in einer Vitrine die extrem beängstigende Stachelkugel. „Sie symbolisierte Gebärmutter, Geburt und Frauenleiden. Es wird angenommen, dass die stachelige Schale der Edelkastanie mit der darin eingebetteten Frucht das Vorbild für die Stachelkugel als Gebildvotiv darstellte.“ (Zitat: www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8557.html) Das Votiv als Rettung in einer Notlage generell aber besonders dieses gefährlich, stachelige Objekt bezeugt den immensen Aberglauben, dem die Menschen immer wieder anheim fallen. Natürlich fehlt auch die berühmte Fraisenkette nicht, die gegen den spontanen Kindstod in der Wiege helfen sollte. Auch fehlen Antiquitäten wie Kinderrasseln, ein Kinderspielaltar als Vorreiter der Küchenpuppe, ein Puppenwagen, ein Kinderhochsitz und Kindersitzschreibtisch aus dem frühen 20. Jahrhundert nicht. Ein Kindermieder und sogar ein Knaben-Kostümharnisch von Kaiser Karl V (1511/12) zeugen vom Stellenwert des Kindes jener Zeiten.
Einen besonderen Widerpart bildet das Ölgemälde von Ged Quinn mit dem Titel „Country Girl“ (2010). Der 1963 in Liverpool geborene britische Künstler erzielt mittlerweile mit seinen in altmeisterlicher Manier gemalten allegorischen Werken hohe Preise auf dem internationalen Kunstmarkt. Das abgebildete fürstlich gekleidete Mädchen steht in einer Höhle vor einer romantisierten Landschaft à la Caspar David Friedrich und trägt einen wie es auf Werbeplakaten und Streetart üblichen nachträglich aufgemalten Hitlerbart auf der Oberlippe, auf ihrem rechten Unterarm ist ein Wort-Tattoo lesbar: Regicide, welches nichts anderes bedeutet als Königsmord.
Am einprägsamsten ist wohl Martin Honerts Installation aus Holz und Epoxidharz gefasste Figur mit Stuhl und Tisch in Naturgröße mit dem Titel „Foto“ (1993). Maßstabgetreu sitzt ein kleiner Junge verloren auf einem Sessel alleine am nackten Esstisch, der eine für die 60er und 70er Jahre typische gemusterte Plastikdecke vermeintlich übergeworfen hat. Das Werk offenbart nicht nur die Einsamkeit und somit die Trostlosigkeit der Kindheit, sondern schafft es auch aus der Dreidimensionalität eine Zweidimensionalität zu erzeugen, also von einer Installation den Eindruck eines Fotos zu vermitteln. Ein brillantes Werk!
Diese Installation diente auch als Cover des jüngst erschienenen Buches „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Benjamin von Stuckrad-Barre (Verlag Kiepenheuer & Witsch), der als deutscher Journalist und Autor der Popliteratur die Medienwirklichkeit und Probleme des jüngeren Publikums zwischen Markenwelt und Selbstfindung thematisiert (Quelle: Wikipedia)
Eine ausgezeichnete durchkomponierte Ausstellung, vieles bleibt in dieser Rezension leider unerwähnt …
Die Neugierde kann nur über einen Besuch gestillt werden!
Noch kurz zum Katalog:
Der Katalog ist eine gute Ergänzung, bietet aber nur einen kleinen Trost, falls man es bis zum 03. Juli in die Kunsthalle Krems nicht geschafft hat. Leider sind nicht alle ausgestellten Exponate abgebildet, wohl aber ist ein komplettes Ausstellungsverzeichnis am Ende des Katalogs zu finden. Einige Werke sind mit Erläuterungen verschiedener Autoren versehen. Aufschlussreich sind die gesamten Beiträge: Hans-Peter Wipplinger führt in „eine kleine Geschichte der Kindheit“ ein, Yannick Vu (von der Stiftung Jakober) erläutert liebevoll die „Kinderbildnisse vom 16. bis zum 19 Jahrhundert“, Susanne Längle geht detailliert auf die „Bildnisse aristokratischer Sprösslinge des 16. und 17. Jahrhunderts“ ein, Nicole Fritz nimmt die „Kinderporträts in der Gegenwart“ ins Visier. Ein netter Einfall ist, dass man zwischen zwei Cover wählen kann: Entscheiden Sie, ob Sie einen Engel oder einen Bengel auf der Vorderseite des Katalogs haben wollen.
LitGes, März 2011 |
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Mikrophyten und Höhere Dichte: Roland Schwab und Juliane Ebner. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
DIE KURZWEILE DES ALLTAGS
MIKROPHYTEN
Roland Schwab
HÖHERE DICHTE
Juliane Ebner
Edition Splitter & Galerie Splitter Art, Wien
Ausstellungseröffnung: 27.01.2011, 20 Uhr
Ausstellung: 28.01.2011 – 18.03.2011
Die Galerie Splitter Art zeichnet sich seit Ende Jänner wieder mit einer anspruchsvollen Ausstellung aus. Auf kleinstem Raum werden im 1. Bezirk Wiens, unweit des Stephansdoms, doch fernab vom Touristenrummel, gleich nach dem Hohen Markt, in der versteckten Salavatorgasse Nr. 10, immer wieder erlesene Ausstellungen geboten. Ganz nach dem Motto: klein, aber fein! Vor allem aber ohne viel Gehabe, Getue und Pomp. Es gibt sie, die intellektuelle Schiene im Verlags- und Galeriewesen. Batya Horn betreibt sie mit furchtloser Konsequenz. Seit 20 Jahren führt sie erfolgreich die Edition Splitter und seit 1997 spartenübergreifend, wie es schon der Verlag aus seinem Namen her verrät, die Galerie Splitter Art. Hier ist in der Tat eine Begegnungsstätte entstanden, die Literatur, Musik und Bildende Kunst international vereint.
Es ist daher nicht von ungefähr, dass sich die zwei ausgestellten Künstler Juliane Ebner und Roland Schwab, jeder für sich schon fachübergreifend, hier diese Räumlichkeit der Galerie Splitter Art auf symbiotische Weise und auf eigenem Wunsch für eine Gemeinschaftsausstellung teilen.
Trotz verflochtener Aufhängung der Werke, hat jeder für sich seinen eigenen Titel, sein eigenes Thema. Gemein ist ihnen das kleine Bildformat und der Schwerpunkt Mensch im Alltag.
Roland Schwab wurde 1969 in St. Cloud bei Paris geboren, wuchs aber in München auf. Nach Studiensemestern in Germanistik und Physik widmete er sich 1992 der Musik und der Darstellenden Kunst und absolvierte 1996 in Hamburg das Studium der Musiktheater-Regie. Bekannt ist er geworden durch seinen Beitrag im Mozartjahr 2006 mit den Mozart-Fragmenten und durch Tiefland von Eugen d’Albert 2007, die beide an der Deutschen Oper Berlin aufgeführt wurden, sowie Strawinskis The Rake’s Progress (Oper Dortmund 2009) und Mozarts Don Giovannni (Deutsche Oper Berlin 2010).
Schwab, der als Musiktheater-Regisseur gewohnt ist, Figuren in Bühnenbildern zu stellen, die Konstellation und Szenarien, die Beziehung zwischen Raum und Gestalt zu überprüfen, hat mit seinem Beruf noch nicht seinen Spieltrieb befriedigt. Ihn interessiert, wie es den kleinen Figuren, die eigens für die Bühnenbildmodelle erschaffen wurden, außerhalb ihres räumlichen Kontexts, des Theaters- und Opernbühnenmodells ergeht: „Wie werden sie sich ungeschützt gegen die Welt behaupten?“, fragte er sich und kreierte seine Welt der Mikrophyten. Mikrophyten gehören laut klinischem Wörterbuch zu den Mikroorganismen und sind pflanzliche Kleinstgewächse wie Spaltpilze und Algen.
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Roland Schwab: Klimakonferenz |
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Roland Schwab: Happy Hour |
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Roland Schwab: Über sieben Brücken musst du gehen... |
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Roland Schwab aus der Serie "Eine kleine Kunstgeschcihte" |
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Bislang ist der Zyklus in 24 Farbfotografien (Auflage 1/5, 29,7 cm x 17 cm) aufgeteilt. Schwab stellt seine in Originalgröße c.a. 4 cm hohen Figuren mit Alltagsgegenständen in Verbindung, arrangiert Szenarien, die unser Dasein als Individuum auf humorvolle Weise in Frage stellt und gleichzeitig den menschlichen Aspekt absurder gesellschaftlicher Strukturen durch skurrile Assoziationen sichtbar macht. Hierfür benötigt Schwab die Verknüpfung von Bild und Wort. Es ist die Kombination des Bildes, des optischen Reizes mit dem gelesenen Titel, die den Witz und den Charme seines Zyklus ausmacht. Da wäre zum Bsp. der Hals einer Bierflasche vor der die kleinen Figuren in Schlange stehen, bereit in die schmale Öffnung der Flasche hineinzuspringen, sie ist mit „Neulich bei Auerbach“ (Mikrophyte #5) betitelt. Auerbach gilt als eines der ältesten Restaurants (Auerbachs Keller) und wurde vor allem durch Goethes Faust I bekannt. Außerdem gibt es den klassischen Auerbachsalto sowie viele Kleingemeinden im deutschsprachigen Raum, die Auerbach heißen. Mikrophyte #23 zeigt eine „Klimakonferenz“, dabei ist ein üblicher blauer Eiswürfelformer mit 12 Einbuchtungen zu sehen, in denen jeweils eine Figur in Eis eingefroren sitzt. Bei der „Happy Hour“ (Mikrophyte #4) sitzen die Figuren im Kreis einer Glaszitronenpresse unter der zum Pressen bereitgestellten Zitrone, wie Menschen in einem Park unter einem Sonnenschirm. Die coole Beleuchtung und das Glas erzeugen die Neonstimmung in einer Bar. „Über sieben Brücken musst du gehen, sieben dunkle Jahre überstehen…“ (Mikrophyte #7) ist die Abbildung eines herkömmlichen Kanalgitters, auf dem auf jedem einzelnen der sieben Kanalgitterstäbe eine Figur steht, die eine waghalsige Überquerung unternimmt, um von A nach B zu gelangen. Oder da wäre auch noch das „Stillleben“ (Mikrophyte #9), wo die kleinen Figuren auf einem Fliegenfänger kleben geblieben sind… nur ein paar dieser wunderbaren Mikrophyten seien repräsentativ beschrieben, um einen Eindruck des Absurden und Komischen zu vermitteln. Die vierteilige Serie „Eine kleine Kunstgeschichte“, die bei vollständiger Aneinanderreihung der Titeln folgenden Satz ergibt: „Verheißungsvoll zogen wir aus und …/ trafen auf ihn. Aber Josef Beuys ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen …/ schließlich bestahlen wir ihn doch …/ wurden aber unseres Lebens nicht mehr froh …“ ist mit einer Mikrophyte #10 im Zyklus vertreten. Die vollständige Serie ist auf der Homepage des Künstlers zu sehen.
Das Zusammenwirken von Wissen und Erfahrung mit Bild und Text erzeugt annähernd das Resultat eines Cartoons. Schwab geht feinfühlig vor, erzeugt keine Lacher oder gar Schenkelklopfer. Alleine, dass wir Menschen wie Bazillen wirken, rückt uns in das rechte Licht der Bedeutungslosigkeit in dem Universum in dem wir leben. Es ist das nachdenkliche, distanzierte Schmunzeln über uns selbst, das Schwab in uns auslöst. Keine Kritik, kein Sarkasmus ist zu spüren. Schwabs Entfremdung aktiviert unsere Spiegelneuronen ohne jegliche Bösartigkeit und versetzt uns eine gewisse Melancholie.
Die Idee mit kleinen Figuren Aussagen über unser Dasein näher zu bringen, ist selbstverständlich keine neue oder innovative Idee. Die gab es in der Kunst schon vorher. Hierbei sei zu einen der US-Mikro-Skulpteur Willard Wigan mit seinen in den Kitsch tendierenden Millimeterskulpturen für very rich people genannt. Im Unterschied zu den „Little People“ des britischen Streetart Künstlers Slinkachu (Zur Katalogrezension der LitGes) interagieren Schwabs Figuren nicht miteinander noch integrieren sie sich in ihr Umfeld. Sie sind lediglich eine anonyme Masse, die in Bezug auf ein Objekt ein verändertes Weltbild ergeben.
Man muss jedoch kritisch einwenden, dass der Begriff Mikrophyten in Bezug auf Kleinstmenschen falsch gewählt ist, da Menschen keine pflanzlichen Organismen sind. Dennoch sind Schwabs Mikrophyten eine Bereicherung auf diesem Sektor.
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Die seit 2007 in Berlin lebende und arbeitende Künstlerin Juliane Ebner wurde in der Hansestadt Stralsund an der Meerenge der Ostsee Strelasund in Mecklenburg-Vorpommern (ehemalige DDR) geboren und absolvierte zunächst das Studium der Kirchenmusik in Dresden. Nach ihrer Tätigkeit als Organistin studierte sie in Kiel Theologie und Psychologie, und von 1999 bis 2005 Freie Kunst, die sie mit Diplom abschloss. Ausstellungsaktivitäten verzeichnet sie auf ihrer Homepage seit dem Jahr 2000. Ebner ist eine figurative Malerin. Repräsentativ sind ihre Folienarbeiten, die, um es wertneutral zu veranschaulichen, wie Hinterglasmalerei wirken. Dabei variiert sie von Großformaten, die Schaufenster ausfüllen bis zu Kleinformaten, die aneinandergereiht eine große Installation ergeben.
Für diese Doppelausstellung in Wien hat sie sich für kleinformatige Original-Siebdruckfolien hinter Acrylglas (31 cm x 45 cm) entschieden, die sanft in Schwabs strenger linearer Aufhängung in Augenhöhe der Wand entlang von oben hinab gleiten, sich mit ihnen kurzzeitig verweben und schließlich die Reihe der Mikrophyten durchbrechen.
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Juliane Ebner: Original-Siebdruckfolie hinter Acrylglas |
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Ihre filigran anmutende Malerei nimmt Bezug auf die Auflösung der DDR. Die Demontierung des alten Systems zeichnet sich durch architektonische Dekonstruktion, überlappend mit Abbildungen von Panzern und Menschen ab. Die zierliche Darstellungsweise steht im Kontrast zum Inhalt. Ebner erinnert in ihrem Stil an ein gemaltes Tagebuch. Ihre Werke sind farbreduziert, beschränken sich auf Weiß, einem zarten Gelb und nuancierten Brauntönen, die mit den exzessiven schwarzen Flächen einen Antagonismus auslösen. Zusätzlich mit ihren grazilen konturhaften Linien erzeugt sie trotz der Transparenz, unweigerlich eine höhere Dichte.
Eine gelungene Ausstellung zweier völlig verschiedener Künstler, die in dieser Konstellation ein geistiges und ästhetisches Zusammenwirken vermitteln.
LitGes, März 2011 |
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Der Blaue Reiter. Rez.: Eva Riebler |
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Eva Riebler
Das Pferd als Akt
Der Blaue Reiter
Zeichnungen und Aquarelle aus dem Lenbachhaus und der Albertina
Albertina, Wien
Ausstellungseröffnung: 03.02.2011
Ausstellung: 04.02.2011 – 15.05.2011
19.06.2010 - 26.09. 2010: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Die Albertina zeigt Werke aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben aus dem Lenbachhaus München vor wiegend aus der legendären zweiten Ausstellung des Blauen Reiters von 1912. Präsentiert werden Werke, vor allem Linolschnitte (vorwiegend von August Macke), Holzschnitte (Campendonk, Franz Marc), Zeichnungen, Tusche, Tinte, Tempera- oder Aquarell-Bilder sowie zahlreiche Bleistiftzeichnungen und einige wenige Öl-Bilder oder Kohlezeichnungen in kleinen Formaten. Die 265 Bilder sind individuell gerahmt und nach Künstlerpersönlichkeiten gehängt. Als Plakat diente das bekannte Tier-Bild von Franz Marc: Rotes und Blaues Pferd (1912), das vielleicht fälschlich die Assoziation erweckt, die Farbgebung und der expressionistischer Stil seien repräsentativ für. die Schau. Sie ist mit Werken von Bloch, Campendonk, Delaunay, Jawlensky, Kahler, Kandinsky, Klee, Kubin, Lasker-Schüler, Macke, Marc, Münter, Sacharoff, dem Ehepaar Schiemann, Werefkin so umfangreich und international gut aufgestellt, dass Künstler wie Arp, Malewitsch oder Nolde, die ebenfalls 1912 bei der zweiten Ausstellung Der Blauen Reiter dabei waren, nicht vertreten sind. Die beiden Ausstellungen 1911 und 1912 zeigten damals keinen Zusammenschluss einer festen Gruppe unter einem bestimmten Motto oder Programm, sondern lose zusammengewürfelte Vertreter der repräsentativen Kunst dieser Zeit aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Böhmen und vor allem aus Russland. Der Ausbruch des II. Weltkrieges zerstörte dann weitere gemeinsame Ambitionen und zerriss sogar Künstlerpaare wie Münter und Kandinsky oder die junge Familie Macke durch den Tod von August Macke 1914. Auch Franz Marc, der mit Kandinsky den Almanachen herausgab und Gründungsmitglied des Blauen Reiters war, fiel im Feld.
Besonders interessant an der Albertina-Ausstellung ist die Abfolge der 10 verschiedenen Entwürfe Wassily Kandinskys für den Umschlag des Almanachs Der Blaue Reiter sowie seine frühen Russischen Gouachen von 1901 bis 1907. Kaum bekannt und daher besonders beachtenswert sind die naiven Lithographien der als Literatin berühmten Else Lasker-Schüler, die sie zur Illustration des 1923 erschienenen Buches Theben verwendete, und genauso selten zu sehen, sind die einfachen Aquarelle von Elsa Schiemann und die farbenfrohen Gouachen von Marianne Werefkin.
Katalog anlässlich der Ausstellung:
Der Blaue Reiter
Ein Tanz in Farben
Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphiken aus dem Lenbachhaus
Hg. Helmut Friedel, Annegret Hoberg
München: Hirmer Verlag, 2010. 368 S.
277 Abbildungen
ISBN 978-3-7774-2851-2 (dt.)
ISBN 978-3-7774-3271-7 (engl.)
51,30.- Euro
Im Vorwort geben die beiden Kuratoren Helmut Friedel, Direktor des Lenbachhauses, und Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, zu recht die Auffassung kund, dass den graphischen Arbeiten auch heute noch besondere Beachtung zukommt. Durch den Umbau des Lenbachhauses und wegen der Dauerleihgaben der Sammlung Batliner und Forberg an die Albertina wurde diese bedeutende Schau der Werke der Blauen Reiter-Künstler in diesem Umfang erst ermöglicht. Im Gegenzug wird die Albertina Werke Egon Schieles im Herbst 2011 an die Galerie im Lenbachhaus verleihen.
Wie durch die Kooperation von Kandinsky und Marc die Ausstellungen Der Blaue Reiter nach München, in Frankfurt, Mannheim und Köln angeboten wurde, so wurde durch die Kooperation von Friedel und Schröder diese Schau in München und Wien ausgerichtet.
16 Künstler des Blauen Reiters fanden mit ihrer kurz gefassten, jedoch das Wesentliche wie das Aussagekräftigste enthaltenden Biografien und der Präsentation ihrer Werke Eingang in diesen Katalog. Spannend und informativ liest sich die jeweilige biographische Aufbereitung, angereichert um eine Werkinformation oder einen hilfreichen Werkvergleich.
Nicht nur die notwendige Werkliste, die Bibliographien und Abbildungsnachweise sind vollständig angeführt, auch drei Essays bringen Information zur z.B. 2. Ausstellung Der Blaue Reiter. Schwarz-Weiss (Annegret Hoberg). Sehr lebhaft und interessant liest sich die Schilderung des Zusammenfindens der Blauen Reiter-Künstler sowie der Briefwechsel zwischen Wassily Kandinsky und Franz Marc über ihren Disput über die Motive und die Qualität der Berliner-Künstler. Sie wollten eine internationale Ausstellung vorbereiten und waren glücklich, über Kontakte zu Schweizer Künstlern, die nach den französischen, russischen oder deutschen Malern noch in ihrer Sammlung fehlten.
Die weiteren beiden Essays sind von Karin Althaus und sind betitelt: „Die Malerei alleine genügt uns nicht“ und: Druckgraphik, Klischees und Künstlerbücher des Blauern Reiters. Über Ausdrucksmöglichkeiten und Techniken, über den Almanach Der Blaue Reiter und sein Entstehen, über den Galeristen Herwarth Walden als Pionier des Kunstbetriebes, über die europäische Avantgarde und die programmatische Konzeption der Brücke-Künstler oder der Blauen Reiter-Mitglieder, sowie über das naturgemäße Auseinanderdriften der losen Künstlergruppierung durch ihre Herkunft und Nationalität zur Zeit des Ausbruches des II. Weltkrieges geht die Spannbreite dieser informativen Artikel.
Ein umfassender, großartiger Katalog, der nicht nur Faszination und Wissen vermittelt, sondern auch kleinen und kleinsten graphischen Blättern in hervorragender Reproduktion Beachtung gibt.
LitGes, Februar 2011 |
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