Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke. Rez.: Joachim Elsler

Joachim Elsler
VerGriffen

 

Im Rahmen des Blätterwirbel Festivals 2012 (Cinema Paradiso, St. Pölten)
Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke

Regie und Buch: Bernd Liepold-Mosser
Dokumentationsfilm
Österreich 2012
Schauspieler: Andreas Handke, Hans Handke, Rosemarie Handke u. a.
Laufzeit: 80 Minuten

Positiv ausgesagt hat dieser Dokumentarfilm von Liepold-Mosser den Publikumspreis der Diagonale gewonnen und hat einige schöne Bilder.

Zu sagen gibt es zu diesem „Dokumentar“-Film mit einer Dauer von erstaunlichen 79 Minuten, dass man sich danach weder wenigstens gut unterhalten noch wissender fühlt. Auf der Internetseite des Filmes findet sich als abschließender Satz zum Inhalt des Filmes: „Auf den Spuren Peter Handkes wird GRIFFEN zu einem Film über Literatur, Politik und das Leben in der Provinz.“

Über die Literatur Peter Handkes wird in diesem Film eigentlich überhaupt nicht geredet, denn der Großteil der Interviewten hatte seine Bücher nicht einmal gelesen und zu dem Thema, ob „wunschlos unglücklich“ nun authentisch sei oder nicht, gab der Bruder Peter Handkes den einzig vernünftigen Satz zum Besten: „Das ist ein Roman und so muss man das auch sehen.“ Auseinandersetzungen mit Literatur finden sich nicht und wurden auch nicht eingefordert. Wichtiger war es wohl Meinungen über die Persönlichkeit Peter Handkes zu zeigen. Neben der Authentizitätsfrage ist eine tatsächlich politische Debatte, diejenige die immer auf den Plan tritt, wenn es um Peter Handke geht, Grundlage um diese Meinungen hervorzulocken. Anstatt durch geschicktes Fragen zu versuchen diesem Thema neue Facetten und vor allem die dafür benötigte Ernsthaftigkeit abzugewinnen, wird platt gefragt und platt geantwortet. Letztlich wird das „Leben in der Provinz“ damit und in dem Film überhaupt vorgeführt, keineswegs aber dargestellt. Die sicher nicht durchgängig notwendig gewesene Untertitelung, die Auswahl der Interviewpartner, die Szenerien und die gestellten Fragen scheinen zum Zwecke der Bloßstellung gedacht und nicht, um etwas Wirkliches zu dokumentieren. Leider ist das auch schon alles, was Wertvolles zu diesem Film zu sagen ist, denn alles andere gäbe ihm zu Unrecht zu viel Raum, Tinte und Zeit.

Aus welchem Grund sich das Preise vergebende Publikum also dafür entscheiden konnte zu ignorieren, dass „GRIFFEN - Auf den Spuren von Peter Handke“ nicht auf den Spuren von Peter Handke wandelt und auch sonst nur zwischen versuchter Suggestion und schlechter Manipulation herumstolpert, ist mir ein besorgniserregendes Rätsel.

LitGes, Oktober 2012

 
Liebe: Michael Haneke. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Von der europäischen Leidens- und Sterbekultur

 

Liebe
Michael Haneke

Drama
Französischer Originaltitel: Amour.
Regie und Drehbuch: Michael Haneke
Mit:
Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Östereich
Jahr: 2012
Länge: 127 Minuten
Cinema Paradiso, St. Pölten: 29.09.12

Der 1942 in München geborene österreichische Filmregisseur und Drehbuchautor Michael Haneke gilt als Experte für Gewalt. In diesem im September erschienenen und im Mai 2012 während der Filmfestspiele in Cannes uraufgeführten Film mit dem Originaltitel "Amour" (Liebe) geht es nicht um das Alter und den Tod, sondern um die Frage, wie man mit dem Leiden eines geliebten Menschen umgeht“.
Haneke vermied es, aus dem Film ein Sozialdrama zu machen und entschied sich für ein gutbürgerliches Milieu. Frei von finanziellen und sozialen Problemen, bleibt somit das rein Zwischenmenschliche übrig.

Das betagte Ehepaar Anne und George sind ehemalige Musikprofessoren und leben in ihrer geräumigen und gepflegten Altbauwohnung in Paris. Sie sind kultiviert in ihren Ansichten, in ihrer Sprache aber vor allem in ihrem liebevollen Umgang miteinander. Als bei Anne eine Verengung an einer Arteria carotis (Halsschlagader) festgestellt wird, muss sie sich trotz ihrer Abneigung vor Krankenhäusern und Ärzten einer Operation unterziehen. Diese geht jedoch schief, Anne erleidet während der Operation einen Schlaganfall und ist seither halbseitig rechts gelähmt. Dies passiert in 5 % der Fälle, wie Georges seine Tochter Eva aufklärt. Nun kehrt Anne, die ab nun auf den Rollstuhl angewiesen ist, heim, geistig ist sie jedoch noch fit. Das Ehepaar einigt sich in Zukunft die Dienste der Krankenhäuser und Pflegeheime nicht mehr zu beanspruchen. Georges pflegt Anna hingebungsvoll, sie ist eine friedvolle Patientin. Gemeinsam machen sie die notwendigen Übungen und es sieht aus, als ob Anne sich erholen würde. Ein zweiter Schlaganfall spitzt die Lage dramatisch zu. Anne ist nun ein vollkommenen Pflegefall, für immer ans Bett gefesselt, geistig verwirrt, kann sie kaum noch sprechen. Immer wieder schreit sie um Hilfe, nur ein Automatismus, wie die dreimal wöchentlich zur Pflege erscheinenden Krankenschwester dem überforderten Georges erklärt. Georges engagiert eine zweite notwendig gewordene professionelle Pflegerin, jedoch, wegen ihrer Lieblosigkeit zu Anne, entlässt er die beiden und ist ab nun auf sich alleine gestellt.

Anne und Georges haben eine gemeinsame Tochter Eva, eine Musikerin, die mit ihrer Familie im Ausland lebt. Sie repräsentiert das moderne Leben unserer Zeit: hektisch, erfolgsorientiert und verdrängungssüchtig. Die schönen Dinge des Lebens bekommt sie nicht mehr mit, das Verständnis für ihre alten Eltern hält sich in Grenzen und manifestiert sich in einer egozentrischen Sorge um sie: Aus Distanzgründen und Zeitmangel erfolgen nur sporadische Besuche, weder moralische Unterstützung noch tatkräftige Hilfe werden ihrerseits gewährleistet, dafür äußert sie um so mehr Zweifel über die Kompetenz ihres Vater ohne Akzeptanz der zu erwartenden Situation. Dafür münden Evas Emotionen in ausuferndes Selbstmitleid. Eva: "Ich mache mir doch Sorgen um Euch!", Georges: "Ich habe keine Zeit für Eure Sorgen." Als Georges wieder einmal die um Hilfe rufende Anne, mit einer traumatischen Geschichte aus seiner Kindheit, zu beruhigen versucht, beschließt er beider Leiden ein Ende zu setzen.

Der Film beginnt mit einem Vorspann (schwarzer Hintergrund, weiße Schrift) ohne Musik. Inmitten des Vorspanns sieht man, dass die Feuerwehr die Tür einer schönen Altbauwohnung aufbricht. Eine Tür ist mit Klebeband abgedichtet, die Tür zum Schlafzimmer. Auf dem Bett liegt die tote Anne gepflegt in einem schwarzen Kleid aufgebahrt. Das Totenbett ist mit bunten Blumen übersät. Das Fenster steht offen. Dennoch halten sich die Männer der Rettungsmannschaft die Nase zu. Die Verwesung der Leiche hat bereits begonnen. Die Wohnung ist sauber und aufgeräumt, nur Staub am Flügel und an den Kommoden lassen erkennen, dass Zeit vergangen ist. Der tonlose Vorspann geht weiter. Retrospektive wird nun in kammerspielartigen Sequenzen erzählt, wie das Paar von Annes Krankheit erfährt und begleitet es bis zu seinem dramatischen Ende. Inmitten des tonlosen Abspanns sieht man die Tochter durch die leere Wohnung ihrer Kindheit gehen.

Musik als Begleitung, wo sie in ihrem Einsatz keine Begründung findet, widerspricht Hanekes realistischem Konzept des Filmemachens. Zunächst wollte er den Film La musique s’arrête (Die Musik hört auf) betiteln, bis der Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zum endgültigen und schlichten Titel Amour (Liebe) verhalf.
Die Stille mit der Haneke diesen Film einleitet, ist wohl die lauteste Musik in unseren Ohren und kündigt Unerträgliches an. Dabei sind neben den spärlichen aber pointierten Dialogen besonders die Geräusche des Alltags zu hören. Es sind das Kratzen des Bestecks auf dem Teller, die Abwaschgeräusche wie der laufende Wasserhahn und das Klimpern von Geschirr… aber vor allem Georges mühselige, langsame Schritte (die ein Hüftleiden sichtbar machen), Annes schweres Atmen und ihre nahezu qualvoll anmutenden Schluckgeräusche, die unter die Haut gehen. Entspannung gibt es, wenn Georges den CD-Player einschaltet und sich Anne am Klavier spielend vorstellt. Zu Beginn, als Anne noch gesund war, die Welt also für beide voll Glück schien, sehen wir das Paar ein Klavierkonzert von Annes Lieblingsschüler Alexandre besuchen. Dabei ist Alexandre Tharaud kein Schauspieler sondern tatsächlich Pianist. Anlässlich eines Besuchs bei seiner einstigen Lehrerin spielt er für sie am ihrem Flügel im Wohnzimmer auf ihren Wunsch Franz Schuberts "Bagatellen". Da saß Anne schon im Rollstuhl.
Zunehmend wird die soziale Isolation spürbar, die eigenen großzügigen vier Wände enger, das Wehklagen lauter, dafür die Luft dünner, die alles zu ersticken droht.

Obwohl der 82-jährige Jean-Louis Trintignant sich seit 2000 vom Filmgeschäft zurückgezogen hatte, schrieb Haneke eigens für ihn die Rolle des Georges. Doch Produzentin Margaret Ménégoz konnte den berühmten Mimen überzeugen und für den Film gewinnen. Ohne Trintignant hätte er den Film nicht gedreht, beteuert Haneke in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Die drei Jahre ältere Emmanuelle Riva war Hanekes Jugendschwarm und übernahm die Rolle der Anne. Sie wurde durch den Film Hiroshima mon amour (1959) des Regisseurs Alain Resnais - das Drehbuch schrieb Maguerite Duras! - bekannt. Überzeugender wie Trintignant und Riva kann man die beiden Figuren nicht spielen. Dabei brach sich Trintignant bei einer Szene das rechte Handgelenk, als er eine Taube einfangen musste, die in die Wohnung geflogen war. Da der Film chronologisch gedreht wurde, war es eine zusätzliche Herausforderung für Trintignant und das Filmteam, den Film gut zu Ende zu bringen. Die bekannte französische Darstellerin Isabelle Huppert wirkte in diesem Film in der Nebenrolle der Tochter des Paares mit.

Haneke ließ für die Filmkulisse die Wohnung seiner Eltern nachbauen, verpflanzte diese gekonnt in das Pariser Stadtmilieu und möblierte sie in französischem Stil. Haneke gelang ohne jegliche Effekthascherei mit einer kargen und sparsamen Inszenierung eine starke und äußerst realistische Verfilmung über die europäische Leidens- und Sterbekultur. Die gegenwärtige Gesellschaft ist überaltert. Als einziges Konzept für die Zukunft hat sie Investitionen in Bauten von Pflegehäusern und Altenheimen vorzulegen. Keine/r will (und kann sich) um die alte Generation kümmern. Die Mühsal der Pflege und der Altenbetreuung wollen wir nur allzu gerne delegieren. Wir zahlen lieber und schauen weg. Depression und Einsamkeit nehmen überhand. Haneke erinnert, ohne mit dem Finger zu wedeln, dass es auch Liebe gibt und es um Treue geht. Feinfühlig und zuversichtlich, dennoch hart und unerbittlich, das Versprechen auch in schlechten Tagen zueinander zu gehören, ein Versprechen, welches Haneke auch privat seiner Frau gegenüber versichert. Frei von sentimentalem Geschwafel und plumper Gefühlsduselei unterscheidet sich hier wieder einmal die europäische Filmkunst von der amerikanischen Hollywoodfabrik.

Der Film gewann u.a. bei den 65. Internationalen Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme und wurde als österreichischer Anwärter für die Oscar-Nominierung 2013 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film gewählt.

LitGes, Oktober 2012

 
Der Vorname. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Familiengeschichte

 

Der Vorname. Jeder hat eine Meinung … doch die sollte man für sich behalten.
Komödie
Französischer Originaltitel:
Le prénom. Un enfant c'est le début du bonheur. Un Prénom c'est le début des emmerdes.
Regie und Drehbuch: Alexandre de La Patellière et Mathieu Delaporte
Mit:
Patrick Bruel, Valérie Benguigui, Charles Berling,
Judith El Zein, Guillaume De Tonquedec …
Erscheinungsland und -jahr: Frankreich 2012
Länge: 109 Minuten

Es scheint an der Lebenseinstellung der Franzosen zu liegen, dass sie aus gewissen Situationen Komödien produzieren, die im deutschsprachigem Raum unweigerlich im Drama enden würden. Man stelle sich nur vor, Thomas Bernhard wäre Franzose gewesen, dann wären seine Stücke mit der Leichtigkeit eines Soufflés aufgenommen worden und wir Österreicher könnten über unsere Fehler lachen und, wenn nicht daraus lernen, so zumindest besser mit ihnen umgehen.

"Der Vorname" ist eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks der Autoren Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte, das 2010 im Théâtre Édouard VII in Paris uraufgeführt wurde. Die Autoren agierten als Regisseur und Drehbuchautor und übernahmen für die Filmadaptation mit Ausnahme der Rolle von Pierre auch die Schauspieler.

Ähnlich wie das Kammerstück "Der Gott des Gemetzels" (Le dieu du carnage) der Autorin Yasmina Reza, gestaltet sich "Der Vorname" mit fünf Personen. Handlungsort ist die Wohnung, bzw. Wohn- und Esszimmer des Ehepaars Élisabeth und Pierre, Eltern von dem 4-jährigen Sohn Apollin und der 12-jährigen Tochter Myrtille (in der deutschen Fassung heißen die Kinder Apollon und Melodie). Élisabeth, liebevoll Babette genannt, ist Lehrerin an einem Lycée, Pierre Literaturprofessor. Er spielt den typisch zerstreuten Intellektuellen, sie die Frau an seiner Seite, die alles managt.

Am Abend erwarten sie Besuch, die Kinder liegen bereits im Bett. Immobilienmakler Vincent, Bruder von Élisabeth und Jugendfreund von Pierre, ist mit seiner in der Modebranche tätigen Frau Anna, die ihr erstes Kind erwartet und im fünften Monat schwanger ist, zum Abendessen eingeladen. Sie sind kapitalistisch eingestellt und daher das Gegenstück zu dem linksorientierten Gastgeberpaar. Mit von der Partie ist der zuerst unscheinbar wirkende Junggeselle und sensible Posaunist Claude, der gemeinsame Kindheitsfreund und besondere Vertraute von Élisabeth.

Noch bevor Anna, die sich aus beruflichen Gründen eine Stunde verspäten wird, eintrifft, beginnt die zunächst vergnügliche Soiree bereits bei Aperitif und kleinen Häppchen aus den Rudern zu geraten, da Vincent über die letzte Schwangerschaftsuntersuchung berichtet und in der Folge eine turbulente und heiße Diskussion um die Namensgebung des Säuglings entsteht. Seine proklamierte Wahl stößt nicht auf Gegenliebe und wirft psychologische und ethische Fragen zu bürgerlichen Pflichten und Moralvorstellungen auf, denn der Kleine soll den Namen Adolphe tragen. Wohlgemerkt Adolphe mit "ph" ganz in französischer Tradition, nicht mit "f" wie der deutsch-österreichische Diktator, sondern nach dem Helden des gleichnamigen Romans "Adolphe" von Benjamin Constant (1816), ein Roman, den der Literaturprofessor persönlich seinem Schwager geschenkt hatte und der von der pathologischen Zerrissenheit zwischen Bindungswünschen und Bindungsängsten handelt.

Als schließlich Anna auf der Bildfläche erscheint, kommt es durch Missverständnisse zu einem erneuten Eklat, der schließlich verdrängte Gefühle aus Kindertagen aufbrechen lässt, und in Handgreiflichkeiten und Vorwurfsatttacken seinen Gipfel erreicht. Doch es wäre keine französische Komödie, wenn es das starke Netz der Familie und der Freundschaft nicht gäbe, das alles zusammenhält und wieder ins Lot bringt.
Und schließlich zeigt sich, dass, was in einem Roman allgemein befürwortet wird und sogar Bewunderung auslöst, im tatsächlichen Leben noch lange nicht akzeptiert und nur mit Mühe umgesetzt werden kann.

Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte ist hier in erster Linie eine klassische Komödie geglückt, die jedoch mehr als nur diesen turbulenten Abend bietet. Familien und Freundschaften in all ihren Gegensätzen besitzen auch die Stärke der Zusammengehörigkeit und des Verzeihens sowie auch Emotionen und Aggressionen nicht nur zerstörende Wirkungen, sondern auch klärenden und befreienden Charakter aufweisen. Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Höchstleistung der fünf Hauptdarsteller Guillaume De Tonquedec als Claude, Judith El Zein als Anna, Charles Berling als Pierre, Valérie Benguigui als Élisabeth und der in Frankreich vor allem als Sänger und Anti-Rassismus-Aktivist bekannte Mime Patrick Bruel als Vincent.
Last but not least ist die detailreiche und liebevolle Innenausstattung des Schauplatzes zu erwähnen, die man in der Art selten so lebensecht im Kino sieht.

Ein Film der vergleichsweise Roman Polanskis doch sehr amerikanisch ausgefallene Filmadaptation des "Gott des Gemetzels" um einiges übertrifft und einen tiefen Einblick in unsere gesellschaftlichen Strukturen ermöglicht.

LitGes, August 2012

 
Der Atem des Himmels. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
DIE MACHT DER NATUR ÜBER DEN MENSCHEN

 

 

DER ATEM DES HIMMELS
Verfilmung des gleichnamigen Romans von Reinhold Bilgeri
Ö
Filmstart: 03.09.2010
Filmlänge: 141 Minuten
Genre: Drama
Regie: Reinhold Bilgeri
Darsteller: Beatrix Bilgeri, Jaron Löwenberg, Ernst Konarek, Gerd Böckmann, Krista Stadler u.v.m.

 

Reinhold Bilgeris Roman „Der Atem des Himmels“ erschien bereits 2005 im Molden Verlag. (Zur LitGes Rez)
2008 kündigte Bilgeri medial dessen Verfilmung an. Seit 03.09.2010 ist er auf Österreichs Kinoleinwänden zu sehen. Am 22.09.2010 präsentierte Bilgeri seinen Film in seiner Heimat Vorarlberg in der neuen Kirche in Lech am Arlberg als Vorabendprogramm des 14. Philosophicums mit dem Thema „Der Staat. Wie viel Herrschaft braucht der Mensch?“. Der von vielen zu Unrecht als Heimatschnulze heruntergekanzelte Film passte hervorragend als Einleitung zum Thema, handelt er doch nicht nur von Bilgeris Familiengeschichte, sondern von der Mündigkeit der Bürger und ihrem Kampfgeist gegenüber der Trägheit der Politiker in dem damals noch von den französischen Alliierten besetzten Vorarlberg der 50er Jahre. Bilgeri hat als Neuling in der Filmbranche ein hohes Investmentrisiko zu tragen, hat er doch mit Eigenkapital den Film großteils selbst finanziert. Und da Bilgeri, wie er sich selbst nennt, ein Gefühlsmensch ist, liegt darin unverwechselbar auch viel Herzblut. Herzblut nicht in Form von Kitsch, sondern Anliegen. Bilgeri ist kein Aufdecker oder einer, der mit dem Zeigefinger auf geschichtliche Missstände hinweist. Es geht auch nicht um Aufarbeitung. Bilgeri

 

erzählt „nur“ die Geschichte seiner verwitweten Mutter, die aus Südtirol aus der verarmten Adelsfamilie von Gaderthurn stammt. Wir schreiben das Jahr 1954. Nach dem Tod des Vaters nimmt die bereits 40jährige Erna Gaderthurn eine Lehrstelle in Blons im Großen Walsertal an. Inwieweit sich Realität mit Fiktion vermischt, tut hier nichts zur Sache. Erna verliebt sich in ihren Kollegen Eugenio Casagrande, wird nebenbei vom Baron - der für die Blonser, Eigentümer wichtiger Ländereien ist - umworben. Ländereien, die mangelhaften Lawinenschutz aufweisen. Casagrande ist der futureske vorzeige Grüne der 50er Jahre, den wir heute alle gerne hätten. Er kämpft an der Seite des Bürgermeisters von Blons, um die Übernahme der Ländereien durch den Kauf von der Gemeinde durchzusetzen und ein Lawinenschutzprogramm durch Aufforstung zu ermöglichen. Der von seiner

 

stark nationalen Frau Mama geprägte Baron wird erst spät einsichtig. Zu spät, denn die Lawine rafft Blons nieder. Und wie es Naturgewalten an sich haben, unterscheiden die weder zwischen Gut und Böse, kurzsichtig und weitsichtig, noch über alt und jung. Der Film beginnt und endet dort, wo der Roman den Höhepunkt seiner Spannung hat, nämlich mit dem Lawinenabgang. Das Lawinenunglück und die Missstände um die verabsäumte Aufforstung sind authentisch und gut recherchiert. Der Film bringt die Bilder, die das Buch erzeugt sehr gut wieder. Naturlandschaft, Architektur, Inneneinrichtung und Charaktere wurden sorgfältig gewählt. Bilgeri musste es ja am Besten wissen. Dennoch bestätigt die Übereinstimmung für eine fremde Person sein Talent als Schriftsteller und Regisseur. Da es das Blons der 50er Jahre nicht mehr gibt, hat er sich nach einer geeigneten Alpe in Vorarlberg umgesehen, wurde fündig und baute dort kurzer

 

Hand das Dorf nach. Der Lawinenabgang und die zerstörten Häuser nach der Katastrophe wurden meisterhaft inszeniert. Der Film gibt ein gutes Gegenbeispiel zu den klassischen Hollywoodkatastrophenfilmen. Hier wird nicht Angst verbreitet und Sensationslust gestillt, der Schrei nach einem Superhelden verlautbart, hier ist es das Volk in Form einer kleinen Gemeinde, das sich manifestiert und agiert. Seltsamerweise schreibt keiner bei den tausendfach durchgekauten Katastrophensuperheldennummern made in USA, was für ein abgeschmackter Kitsch da wieder gelaufen ist. Nein, da spricht man von Technik und vom Kapital: Was hat der Film gekostet und wieviel bringt er ein….

 

Es ist, beinahe möchte ich sagen: wichtig, auf jeden Fall ist es Bilgeri zu wünschen, dass sein Film, der an die Renaissance der neuen Heimatfilme anknüpft, auch finanziell erfolgreich ist, gerade auch weil endlich ein Heimatfilm cinematographisch kritisch von der „heiklen“ Nachkriegszeit handelt.

Egal wie viel Macht der Mensch braucht, wie viel Gewalt er erträgt, die Natur stellt keine Fragen.

LitGes, September 2010

 
Green Zone. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
PRÄZISE VERWACKELT

 

 
GREEN ZONE
Polit- Antikriegsfilm
Nation: USA/GB, 2010
Österreich Start: 18.03.2010
Laufzeit: 115 Min.
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Brian Helgeland
Nach dem Buch von Rajiv Chandrasekaran:
„Imperial Life In The Emerald City. Inside Baghdad's Green Zone.“
Darsteller: Khalid Abdalla, Matt Damon, Said Faraj,
Brendan Gleeson, Greg Kinnear, Yigal Naor, Amy Ryan…
FSK: Ab 16 Jahre

 

Was erwartet man sich von einem Hollywoodfilm, der über den Beginn des noch nicht beendeten Kriegs im Irak handelt, gemacht vom britischen Regisseur Paul Greengrass, dessen Aushängeschild die letzten zwei Filme der Bourne Trilogie - „Die Bourne Verschwörung“ und „Das Bourne Ultimatum“ - sind?

Nicht viel? Richtig!

Die Kritiken durchwegs ziemlich schlecht: … schrecken ab … richtig? Richtig!

Woher nur diese schlechte Publicity?

Da wären Stimmen wie: Nur ein weiterer Bourne-Film mit Star Matt Damon, mit der bekannt gewordenen unruhigen Kameraführung, nur ein Abklatsch, man soll sich das Gewackele patentieren lassen…, ein oberflächlich behandelter Inhalt des großartigen Buches „Imperial Life In The Emerald City. Inside Baghdad's Green Zone.“ vom Washington-Post-Reporter Rajiv Chandrasekaran aus dem Jahr 2006, nur inspiriert und nicht basierend, eben zu wenig Satire, zu wenig Spannung, und außerdem nur ein weiterer, obwohl doch Bush-Regierung gegenüber kritischer, nur US-Patriotismus proklamierender Film, eben von allem viel zu wenig: Tiefe und Inhalt etc., außerdem unglaubwürdig.. aha.

Ja, so in etwa lauten die wenig begeisterten Stimmen …

 

Aber Hand aufs Herz, ist denn ein Hollywoodfilm von der Struktur her nicht immer primitiv aufgebaut?
Einfacher gesagt, um einen guten und spannenden Politthriller herauszubringen, braucht es zwei Parts: Gut und Böse. Auf der einen Seite stehen die Iraker, auf der anderen Seite die Amis. In diesem Film verhält es sich allerdings etwas komplizierter, denn es gibt die guten Iraker und die bösen Iraker, und es gibt die guten Amis und die bösen Amis. Wir haben es also mit einem Faktor zwei zu tun, um der Wahrheit des Kriegsgeschehens im Irak näher zu kommen.

 

Natürlich setzt der Film voraus, dass man um die Geschehnisse vor dem Irakkrieg informiert ist.

Hier also eine kleine Retrospektive der Zeitgeschichte:

Am 11.09.2001 wurden die USA durch Entführung amerikanischer Inlandspassagierflugzeuge Opfer eines vierfachen Terroranschlags. Erstmals in der Geschichte des Terrors wurden Passagierflugzeuge selbst als Waffe eingesetzt. In New York fielen die zwei Towers des World Trade Centers in sich zusammen, in Arlington wurde das Pentagon, das Verwaltungsgebäude des US-Verteidigungsministeriums beschädigt, das vierte Flugzeug konnte sein Anschlagsziel in der US Hauptstadt Washington D.C. nicht erreichen und kam bei Shanksville (Pennsylvania) zum Absturz. Die Selbstmordanschläge wurden der islamistischen Terrororganisation al-Qaida und dessen Führer Osama bin Laden als Hauptverantwortlichen zugeordnet.

Bereits Anfang Oktober 2001 marschierten Truppen der US-Army in Afghanistan ein, weil man dort das Versteck bin Ladens vermutete. Im März 2003 dehnte sich der deklarierte Krieg der US-Regierung gegen den Terrorismus auf den Irak aus, weil man dort die Massenvernichtungswaffen für zukünftige Terroranschläge vermutete. Viele Vermutungen, keine Ergebnisse, dafür haufenweise Schäden. Weder Bin Laden noch Massenvernichtungswaffen wurden bis zum heutigem Datum gefunden. Die Mutmaßung der damals amtierenden US-Regierung unter George W. Bush, Iraks Staatschef Saddam Hussein würde gegen die UN-Resolutionen verstoßen und Terrororganisationen wie al-Qaida unterstützen, konnte nie bewiesen werden. Obwohl die US-Regierung behauptete den Irak von der Diktatur zu befreien, haben sie ein florierendes Land in Schutt und Asche gelegt und bis heute keine Stabilisierung in der Region erreicht. Der seit einem Jahr amtierende neue US-Präsident Barack Obama konnte sein Versprechen, den Irakkrieg zu beenden bis dato nicht einlösen, sondern stockte auf Anraten seiner Generäle, die US-Truppen im Irak auf.

Soweit die geschichtlichen Fakten.

 

Der Film „Green Zone“ setzt dort ein, wo US-Spezialeinheiten nach Massenvernichtungswaffen im Irak suchen. Während die einen nach den Waffen suchen, machen sich die anderen auf die Jagd nach Hussein und seinem Generalstab. Die Grüne Zone ist die von der US-Army gesicherte Zone in der Hauptstadt Bagdad. Hussein war bereits auf der Flucht, seine Armee außer Gefecht, seine Generäle arbeiteten im Untergrund und harrten der Dinge.

US-Army-Offizier Roy Miller (Matt Damon) bekommt seine Suchaufträge und hakt einen nach dem anderen erfolglos ab. Die Truppe bewegt sich außerhalb der Green Zone. Immer wieder muss sie Verluste erleiden aber kann keine Erfolge vermelden. Frustriert beginnt der kleine Offizier Fragen zu stellen, zuerst sich selbst, dann Kollegen und schließlich seinen Vorgesetzten. Die Antworten lauten stereotyp: Wir sind hier, um eine Mission zu erfüllen und zu gehorchen, und nicht, um Fragen zu stellen.

Offensichtlich sind sich die CIA und das Pentagon um die Vorgehensweise im Irak nicht einig. Während der Irak-unkundige Sonderbeauftragte des Pentagons Clark Poundstone (Greg Kinnear) kein Interesse hat mit der irakischen Armee zu arbeiten, sondern dem irakischen Volk einen in die USA ausgewanderten Iraker, namens Ahmed Zubaidi (Raad Rawi) als neuen irakischen Staatspräsidenten vorzusetzen, vertritt der Irak-kundige Brown als Chef der CIA im Irak die Meinung, dass der einzige erfolgreiche Weg zur Stabilisierung des Landes die Zusammenarbeit mit der irakischen Armee ist, und diese mit den irakischen Generälen, die gegen Husseins Politik sind, neu zu formieren.

In dieser angespannten Situation setzt sich CIA-Agent Martin Brown (Brendan Gleeson) mit Miller, dessen unangenehme Fragen er gehört hat, in Verbindung und klärt ihn über die missliche Lage auf.

 

Wenig später wird ein irakischer Zivilist namens Freddy (Khalid Abdalla) Zeuge eines Geheimtreffens hoher irakischer Offiziere und meldet dies der nächststationierten US-Truppe, zufällig Millers Einheit. Miller entschließt sich ohne weiteren Befehl und trotz Gefahr eines Hinterhalts das Haus zu stürmen und das Treffen zu zerschlagen. Der Einsatz erweist sich als fruchtbar auch wenn der oberste General Husseins, hier als General al-Rawi (Yigal Naor) benannt, fliehen konnte, hatten sie doch den Gastgeber Seyyed Hamza (Said Faraj) mit seinem schwarzen Notizbuch, wo die Versteckpositionen al-Rawis vermerkt sind, gefangen genommen.

 

Dass Miller mit diesem Büchlein zwischen die Fronten des CIA und des Pentagon gerät, ist vorprogrammiert. Während Washington-Post-Korrespondentin Lawrie Dayne (Amy Ryan) von Poundstone immer spärlicher mit Informationen versorgt wird, wittert sie eine Story als sie Miller und Brown bei einem Gespräch sieht. Sie möchte Informationen und gibt Miller ihre Visitenkarte.

Dem braven Soldaten Miller lässt es keine Ruhe. Er beginnt per Internet über Dayne zu recherchieren und findet einen Artikel in dem sie behauptet die US-Army beziehe ihre Informationen über einen geheimen Mittelsmann, genannt Magellan, der behaupte die Verstecke der Massenvernichtungswaffen zu kennen. Die Suche nach Magellan beginnt.

 

Ohne zu spoilen, darf gesagt werden, Miller wird den ominösen Magellan finden und seine persönlichen Konsequenzen daraus ziehen. Wer Magellan ist und wie die Konsequenzen aussehen, sei hier nicht verraten. Miller wird jedenfalls den Irak in einem Bürgerkrieg ähnlichen Zustand, wie es CIA-Agent Brown prognostiziert hat, verlassen.

 

„Green Zone“ beruht auf einer Theorie und gibt hierzu ein klar verständliches, politisches Statement zum Kriegsgeschehen der US Regierung im Irak ab.

Die fehlende völkerrechtliche Legitimation zum Einmarsch, wurde von vielen Völkerrechtlern als Verstoß gegen das Völkerrecht verurteilt. Einzige Konsequenz, die bis heute Amerika zu tragen hat, ist, dass sich die engsten Verbündeten wie Deutschland und Frankreich einer militärischen Intervention im Irak entgegenstellten.

 

„Schriftsteller aus aller Welt haben den dritten Jahrestag des Einmarsches in den Irak am 20. März zum Tag der politischen Lüge ausgerufen. In einer Erklärung der Berliner Peter-Weiss-Stiftung kündigten die Autoren öffentliche Lesungen in vierzig Städten von Europa, Amerika, Asien und Australien an. […] Bei den Lesungen soll ein Text des Amerikaners Eliott Weinberger vorgetragen werden. In dem Text Was ich hörte vom Irak stellt der Autor Aussagen von amerikanischen Regierungsangehörigen und deren Verbündeten vor und nach dem Kriegsbeginn gegenüber.“ (Wikipedia)

 

Es trifft sich also, dass der Film gerade am 18. März ins Kino kam, rechtzeitig zu diesem denkwürdigen Geburtstag. Greengrass setzt einen Fingerzeig mit diesem Hollywoodstreifen, der die Zuschauer durch seine unkonventionelle Kameraführung nahe in eine Kriegsberichterstattung versetzt. Obwohl in Frankreich, USA, Spanien und Großbritannien gedreht wurde, hat man den Eindruck sich im Irak zu befinden. Auch vermittelt der Film eine Ahnung vom Schreckenszenario in Abu-Ghraib, von der nervlichen Belastung der Besatzungstruppe, der Verunsicherung durch zunehmende Angst und Panikverbreitung in der irakischen Bevölkerung und ihren wachsenden Unwillen die Amis als Befreier zu akzeptieren und ihnen Dankbarkeit zu erweisen, gleichwohl ihr ambivalenter Kooperationswille beschrieben wird. Die unruhige, bereits oben erwähnte, Kameraführung wird in „Green Zone“ nochmals verstärkt zur Geltung gebracht. Hier werden nicht die Erinnerungen eines Agenten im Traum verwirrt dargestellt. Der zunächst unangenehme Effekt, erweist sich als genialer Schachzug für die Glaubwürdigkeit des Filmes, läuft man doch bei den Operationen tatsächlich mit, blind ins Unbekannte, ins Dunkel der Fremde, nicht wissend wo ein Scharfschütze steht. Daher der dokumentarische Charakter des Plots.

 

Bleibt die Frage zu klären, warum es so viele negative Stimmen über diesen Film gibt.

Da es um eine zeitgenössische geschichtliche Aufarbeitung der jüngsten außenpolitischen Gräueltaten des „mächtigsten“ Landes der Welt geht, besteht die schärfste Kritik im Inhalt des Filmes, es geht um die Glaubwürdigkeit der Story. Dazu lässt sich nur sagen, dass manchmal die Realität so schrecklich und daher absurd erscheint, dass auch kritische Menschen schließlich die Verdrängung bevorzugen.

 

Fazit: In diesem Film muss die oben erwähnte satirische Komponente des Buches „Imperial Life In The Emerald City. Inside Baghdad's Green Zone.“ von Chandrasekaran fehlen, sonst wären wir ja im Film: „Männern, die auf Ziegen starren“. Doch Greengrass offeriert uns keine Spottanalyse. Im Irak hat man ja auch keinen Grund zu lachen. In diesem Sinne halte ich diesen Film im Gegensatz zu anderen Kritiken, als äußerst gelungen und sehenswert.

 

LitGes, März 2010

 
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