Männer, die auf Ziegen starren. Rez.: I. Reichel

 

 

 

 

Ingrid Reichel
AUSGEMECKERT

Buch

 
 
 

MÄNNER, DIE AUF ZIEGEN STARREN
Jon Ronson
München: Heyne Verlag, 2010.
Paperback, 270 S., € 8,20 [A]
ISBN 978-3-453-43483-7

 

 

DURCH DIE WAND
Die US-Armee, absurde Experimente und der Krieg gegen den Terror.
Jon Ronson
Original: The men who stare at goats
Aus dem Englischen: Martin Jaeggi
Zürich: Salis Verlag, 2008.
Gebunden, 240 S., € 16,90
ISBN 978-3-905801-16-3

 

Film
MÄNNER, DIE AUF ZIEGEN STARREN

Nation: USA, 2009
Österreich Start: 04.03.2010
Laufzeit: 93 Min.
Regie: Grant Heslov
Darsteller: George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Stephen Lang …

 

Manchmal passiert es, dass aus einem Sachbuch eine Komödie wird. Dann nämlich, wenn der Inhalt dermaßen absurd ist, dass man ihn zunächst nicht glauben kann. Wenn also ein Journalist ein Buch über die absurden Experimente gegen den Terror der US-Armee verfasst, weil er ein Monat nach dem Terroranschlag des 11. Septembers 2001 durch Zufall auf abstruse Informationen bezüglich der US-Armee stößt. Nach dem Desaster von Vietnam wird hier die sonderbare Geschichte der US-Army enthüllt. Dass sich die Nachforschungen im Endeffekt als überhaupt nicht komisch herausstellen, sondern als erschreckende Tatsachen erweisen, darüber berichtet der 1967 geborene, britische Journalist Jon Ronson in seinem 2004 erschienenen Sachbuch „The men who stare at goats“ (London: Picador). 2008 wurde es erstmals in Deutsch im Salis Verlag unter dem Titel „Durch die Wand“ und 2010 im Heyne Verlag „Männer, die auf Ziegen starren“ veröffentlicht. Es ist sein zweites Buch nach „Radikal. Abenteuer mit Extremisten.“ (Salis Verlag, 2007), beide wurden zu Bestsellern. Jon Ronson lebt und arbeitet in London. Er schreibt für den Guardian und moderiert und produziert Sendungen und Fernsehdokumentationen u. a. für BBC Radio 4 und Channel Four.

2009 hielt der Inhalt des Buches weitgehend für die Motive der gleichnamigen Komödien-Verfilmung des US-amerikanischen Regisseurs, Produzenten und Schauspielers Grant Heslov her, einer gemeinsamen Produktion mit George Clooney, der hier auch als Hauptdarsteller fungiert. Im Übrigen ist es nicht die einzige gemeinsame Produktion. Die Kinoverfilmung der McCarthy-Ära mit David Strathairn und Robert Downey Jr. 2005 geht ebenfalls auf ihr Konto.

Der Film bringt zwar im Groben einigermaßen den Verlauf der Recherche wieder, bleibt jedoch intellektuell weit hinter dem Buch, banalisiert sogar seinen Inhalt.

 

Doch zunächst zum Buch:

 

Nach dem Vietnamkrieg in den 1970er Jahren war die gesamte US-Armee frustriert und litt unter Minderwertigkeitskomplexen. Die Soldaten waren traumatisiert. Ronson bringt auf Seite 39 eine interessante Aussage des Oberstleutnants i. R. Jim Channon, der selbst schwer depressiv vom Vietnamkrieg zurückkehrte:

 

„(Was Jim gesehen hatte, deckt sich mit den Studien, die der Militärhistoriker General S. L. A. Marshall nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt hatte. Er interviewte Tausende von amerikanischen Infanteristen und stellte fest, dass nur 15 bis zwanzig Prozent geschossen hatten, um tatsächlich zu töten. Der Rest hatte in die Luft oder gar nicht geschossen und sich mit anderen Dingen beschäftigt.

Und achtundneunzig Prozent, der Soldaten, die tatsächlich schossen, um zu töten, waren später schwer traumatisiert von ihren Taten. Bei den anderen zwei Prozent wurde eine >>aggressive psychopathische Persönlichkeit<< diagnostiziert, Menschen, denen es unter welchen Umständen auch immer, zu Hause oder weit weg, nichts ausmachte, andere Menschen zu töten.

Die Schlussfolgerung war – mit den Worten von Oberstleutnant Grossmann von der Forschungsgruppe -, dass >>es etwas in andauernden, unausweichlichen Gefechten gibt, das achtundneunzig Prozent aller Menschen in den Wahnsinn treibt, und die restlichen zwei Prozent waren schon vorher wahnsinnig.<<)“

 

Der Gedanke die ganze Armee zu revolutionieren, um den mit der Gewalt im Krieg entstehenden schweren Traumata ein Ende zu setzen und nur mehr durch friedliche Interaktionen den Weltfrieden herbeizuführen, setzte sich bei Channon fest.

 

Erfolgreich vermarktete er der Armee sein Handbuch des Ersten Erdbataillons (First Earth Bataillon). Seiner Meinung nach bestand „Amerikas Rolle, darin die Welt ins Paradies zu führen“. (S. 47) und dies durch nicht tödliche Waffen, so genannten psychoelektronische Waffen. Trainingsforts wurden gegründet, streng geheim versteht sich, eines war das Meditationscenter in Fort Bragg in North Carolina, welches heute noch als Zentrum für die militärische Terrorismusbekämpfung gilt. Im Meditationscenter machte man Tierversuche, vorzugsweise an Ziegen. Ziegen deshalb, weil Menschen zu Ziegen schwerer einen persönlichen Bezug aufbauen, wie beispielsweise zu Hunden. Zuerst wurden den Ziegen die Stimmbänder durchgeschnitten, damit ihr Gemeckere keine unwillkommenen Gäste, möglicherweise verirrte Tierschützer, anlockte. Dann verletzte man einzelne Tiere indem man ihnen z.B. ins Bein schoss, um sie anschließend wieder zu heilen. Sinn dahinter war, Soldaten zur medizinischen Selbstversorgung auszubilden. Weiters arbeitete man an der Fähigkeit durch Anstarren, den Angestarrten außer Gefecht zu setzen. Übungsobjekt waren die Ziegen. Highlight war, dass EINMAL eine Ziege tot umfiel!

Und dann wollte man durch reine Konzentration es schließlich schaffen, durch Wände hindurchzugehen. Aber dies war dann schon die bis dato unerreichte dritte Ebene der auserwählten Jedi-Ritter!

 

Generalmajor Albert Stubblebine III, Geheimdienstchef der Armee (ab 1981) – INSCOM (Geheimdienst- und Sicherheitskommando der US-Army)-, war von diesen Ideen fasziniert. Sie finden das lächerlich? Warten Sie es ab. Auf Seite 79 erfahren Sie den Ursprung des wahren Desasters des Geheimdienstes. Erst in den späten 1950ern war man sich im Klaren, dass der militärische Geheimdienst ausgebaut gehöre. Ein Oberst, drei Majore und 15 Leutnants sollten dafür reichen und hiefür unverzüglich abkommandiert werden. „Und was macht man, wenn man so einen Anruf erhält? Man denkt: >Ha! Denen geben wir alle unsere Nieten und Versager.< Und das tat man auch. Und so lief das mit dem militärischen Geheimdienst mehr oder weniger auf der ganzen Welt.“ (Richard Koster, 470. Spionagekorps in Panama). Die Gründung der INSCOM Ende der 1970er sollte das Chaos beheben. Vergessen wir nicht: Noch befinden wir uns im Kalten Krieg! Während also das Wettrüsten und der Wettbewerb um das Weltall auf Hochtouren liefen, stürzte man sich aus lauter Verzweiflung in die Erforschung des Paranormalen. In sieben Tagen sollten Soldaten mit besonderen Fähigkeiten zu Zenmeistern und Jedi-Rittern ausgebildet werden.

 

Zu all dem Drumherum gehörten auch Erfindungen wie die eines Klebschaums, ähnlich wie beim „Unglaublichen Hulk“. Tatsächlich eingesetzt wurde er in Somalia, man glaubte damit die UN-Truppen vor dem Pöbel zu bewahren. Die Klebschaummauer hielt gerade mal fünf Minuten. Und dann wollte man mit dem in Flaschen abgefüllten Kleber die Massenvernichtungswaffen im Irak vernichten. Doch die Waffenvernichtungswaffen fand man nicht. Zuletzt wollte man gefährliche Gefangene von Ort A nach Ort B sicher transportieren, indem man sie mit dem Kleber einschäumte. Aber auch hier erwies sich der Kleber als nicht brauchbar, denn man hatte Probleme die Inhaftierten vom Kleber wieder zu befreien. Natürlich wurde auch fleißig mit Drogen, vorzugsweise LSD, experimentiert. Im übrigen starb der Entdecker des LSD Albert Hofmann, ein Schweizer Chemiker, erst 2008 im Alter von 102 Jahren.

Weiters wurden eine Reihe von akustischen Waffen entwickelt: den Sprengwellenprojektor, die Blutgerinnungsmaschine und den Niederfrequenz-Ultraschall (S. 62). Mit Kopfschmerzen und Durchfall wollte man effizient und quasi ohne Gewalt den Feind zur Strecke bringen. Allerdings sei hier erwähnt, dass akustische Beeinflussungen des Feindes bereits im I. Weltkrieg eingesetzt wurden.

 

Auch im Fall Noriega setzte man schon auf telepathische Fähigkeiten (S. 90). Der Mann in Panama, der wegen seiner Drogengeschäfte mit dem Medellin-Kartell, gleichzeitig mit der CIA in Waffenschiebereien verwickelt war und der seit den 1970ern unter CIA-Chef George Bush auf dessen Gehaltsliste stand, geriet außer Kontrolle. Als die Amis entdeckten, dass Noriega die Gelegenheit nützte das Kokain mit denselben Flugzeugen, wie die Waffen nach Panama kamen, nach Amerika zu transportieren, entstand eine angespannte Situation voller paranoider Verhaltensmuster, der Kampf der beiden Generäle – Noriega und Stubblebine – verschob sich ins Übernatürliche (S. 83) und die folgenden Seiten des Buches werden mit feinsten Geschichten des Aberglaubens gefüllt. Zuletzt rief man die PSI-Agenten zur Hilfe, um den mittlerweile untergetauchten Noriega dingfest zu machen.

 

„Für Alltagagnostiker ist es nicht einfach, die Idee zu akzeptieren, dass unsere Führer ebenso wie die Führer unserer Feinde manchmal zu glauben scheinen, die Weltpolitik solle sowohl auf herkömmlichen als auch auf übernatürlichen Ebenen betrieben werden.“ (Zitat Ronson S. 91)

Joan Quigley, eine Astrologin in San Francisco, bestimmte z.B. den genauen Zeitpunkt der Unterzeichnung für einen Nuklearwaffenvertrag, verrät Donald Regan, der einstige Stabchef während Ronald Reagans Amtszeit, in seinen Memoiren (S. 88 f). Wichtige Regierungsschritte und Entscheidungen wurden zuerst mit ihr abgeklärt.

 

 

 

Doch mentales Training und Telepathie alleine reichten nicht aus, um einen Soldaten mit besonderen Fähigkeiten zum Jedi-Ritter zu schlagen. Besondere Kampfsporttechniken, meist aus dem asiatischen Raum entliehen, gehörten wie das Yin und Yang zur Ausbildung. Unter anderem war von einem ominösen Todesstoß, dem berühmten Dim Mak, auch als „Zitterndes Handgelenk“ bekannt, die Rede (S. 97).

 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Ausbildner Inhaber diverser Sportcenter waren oder ehemalige PSI-Agenten mit so einem Center oder als Stressmanager sich in den Ruhestand begaben. Hunderte solcher Gurus verbreiten auch heute noch Jim Channons Prophezeiung eines neuen nationalen Wertesystems über die westliche Welt. Dass sich muslimische Fundamentalisten diese Fähigkeiten auch aneignen wollen, liegt klar auf der Hand. Und so belegt Jon Ronson in seinem Buch, wie nachweislich zwei der 9/11 Attentäter sich mentales und körperliches Training bei einem dieser Gurus aneigneten (S. 93 ff).

In der Ausbildung zum Jedi-Ritter ging es auch um den Einsatz von visueller Ästhetik, die den Gegner kampfunfähig machte (S. 146). Bereits 1992 ließ sich Dr. Oliver Lowery seine Erfindung eines „geräuschlosen, unterschwelligen Präsentationssystems“, das Gemütszustände - positive wie auch negative Gefühle wie Liebe und Hass - herbeiführt, patentieren (S. 188). 1996 erschien auf Lowerys Homepage die Nachricht, dass das System erfolgreich in der Operation „Desert Storm“ (Golfkrieg 1991) eingesetzt wurde.

1993 führte die US-Behörde BATF (Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms) wegen Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauchs und illegalen Waffenbesitzes eine Razzia in der Ranch der Sekte Branch Davidians bei Waco in Texas durch. Sie gipfelte schließlich in eine Belagerung von 51 Tagen wobei sie psychologische Waffen einsetzten. Die Sache endete schließlich in einem Feuerinferno, dessen Ursache bis heute ungeklärt ist. 76 Davidianer starben. Neun Überlebende gab es. Mit einem von ihnen sprach Ronson.

 

General John Adams Wickham, Vorgesetzter Offizier von Stubblebine und Stabschef der Armee, war jedoch kein Freund des Paranormalen. Er war vielmehr ein gottesfürchtiger Mann, der Stubbelbines Demonstration einer verbogenen Gabel anlässlich einer hochrangigen Party als Teufelswerk deutete. Unter George W. Bushs Präsidentschaft erntete Wickham steigenden Respekt. Der damalige Außenminister und ehemalige General Colin Powell bezeichnete ihn in seiner Biographie als seinen Mentor und 2002 erhielt Wickham von George W. Bush den „Amerikanischen Inspirationspreis“ für seine Arbeit im Gebetsteam des Präsidenten (S. 87) Interessant ist, dass es die Homepage: www.presidentialprayerteam.org noch immer gibt und völlig aktuelle Einträge hat, somit die Gebete nicht George W. Bush, sondern tatsächlich dem jeweils amtierenden Präsidenten gelten!

 

„Im Januar 2004 enthüllte die einflussreiche Lobby und Ideenschmiede-Gruppe „Global Security“, dass George W. Bushs Regierung mehr Geld in ihre Schwarze Kasse geschleust habe als irgendeine Administration zuvor.“ (S. 182) Wir sprechen von 30 Milliarden Dollar, die in die Schwarze Kassen für Schwarze Operationen – heikle Projekte in geheimster Mission, wie Mordkommandos – flossen.

 

Währenddessen setzte sich in manchem frustrierten PSI-Agenten die Idee fest, dass sie möglicherweise nur als Sündenbock existierten, dafür eine zweite paranormale Gruppe existieren könnte, die noch viel geheimer wäre und mit größeren finanziellen Mitteln unterstützt wird. Doch die Vision des mittlerweile aus Unfähigkeit zurückgetretenen General Stubblebines und des sich schon in Ruhestand befindenden Channon wurden bereits in den US-Gefangenenlagern Abu Ghraib und Guantánamo mit dem Verhörlabor „Brauner Block“ umgesetzt. Die psychospirituelle Dimension bekam Gestalt durch gezielte Foltermethoden. In Stahlcontainern mitten in der Wüstenhitze waren die Gefangenen 24 Stunden non stopp Kinderliedern - wie Barney, der Dinosaurier, das Ich mag dich-Lied singt - ausgesetzt (S. 132). Auch die Akte um die sexuellen Demütigungen der Gefangenen in Abu Ghraib erspart Ronson den Lesern nicht.

 

Ronson baut das Buch chronologisch nach seiner Recherche auf. Spannend und irritierend schlittert der Leser zunehmend in die abgrundtiefen Machenschaften der US-Armee.

 

„Das ganze scheint im Rückblick allzu vertraut. In Waco wie in Abu Ghraib verhielt sich die amerikanische Regierung wie eine groteske Karikatur ihrer selbst.“ und „Alles klingt lustig bis es ausprobiert wird.“ (Zitat Ronson S. 196 und S. 214)).

 

Zum Film:

 

Der Film erweist sich, trotz schauspielerischer Höchstleistung allen voran der frisch mit dem Oscar ausgezeichnete Jeff Bridges als Bill Django, Stephen Lang als Brigade General Dean Hopgood, Kevin Spacey als Larry Hopper, Ewan McGregor nach „Ghostwriter“ als Journalist Bob Wilton und George Clooney als Lyn Cassidy, als typischer Hollywoodfilm der seichten Sorte. Vielleicht misst man dem Massenpublikum auch nicht mehr Intellekt zu.
Im Gegensatz zum Buch gilt hier: Alles klingt lustig und bleibt auch lustig.

Die Personen im Buch wurden völlig verändert. Die Rolle des Bill Django mochte am ehesten der Person Jim Channon nahe kommen. Während General Hopgood höchstwahrscheinlich General Stubblebine und der Journalist den Autor Jon Ronson selbst darstellen sollten, dürften Lyn Cassidy und Larry Hopper eine Mischung aus vielen im Buch erwähnten Personen ergeben.

Trotz Amüsement bleibt der Inhalt leider an der Oberfläche. Besser wäre es gewesen aus diesem Buch einen Dokumentarfilm im Sinne von „Zeitgeist“ oder „Religulous“ zu drehen. Oder wenn schon Hollywood, dann eher wie eine Grisham Verfilmung, ähnlich „Die Akte“ oder „Die Firma“ auf Enthüllungsjournalismus gedrillt.

Wie auch immer man empfindet, wenn man das Buch gelesen hat, unterhaltsam ist der Film allemal!

 

LitGes, März 2010

 
Sherlock Holmes. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel

EIN GEMÄLDE VON EINEM FILM

 

 
Sherlock Holmes
Literaturverfilmung nach Sir Arthur Conan Doyle
Nation: USA
Premiere: 14.12.09, London
Österreich Start: 28.01.2010
Laufzeit: 128 Min.
Regie: Guy Ritchie
Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong …

 

Mit einer Verfolgungsjagd in einer Kutsche katapultiert uns der mittlerweile zum Kultregisseur avancierte Brite Guy Ritchie in das London der viktorianischen Zeit. Die Angst vor einem abgeschmackten Sherlock Holmes ist in den ersten Minuten schon hinweggefegt, denn wir haben es hier mit einer Literaturverfilmung der modernsten Technologie zu tun. Eine außergewöhnliche Kameraführung mit einem kongenialen Filmschnitt erwecken den bereits verstaubten Privatdetektiv Sherlock Holmes zu neuen Lebenssäften. Dabei blieb man doch ziemlich authentisch bei den Charakteren des Autors Arthur Conan Doyle.

 

Auf die markanten Vorlieben des einstigen Illustrators der Sherlock Holmes Abenteuer Sidney Paget verzichtete man weitgehendst, wie den Deerstalker, jene bekannte karierte Schirmmütze, die nur in „The adventure of Silver Blaze“ - „Silberstern“ als „an ear flapped travelling cap“ vorkam oder Holmes bestechenden Blick durch die Lupe. Für seine gewagt satirische Darstellung des Sherlock Holmes erhielt der US-Star Robert Downey Jr. den Golden Globe 2010 in der Kategorie “Bester Hauptdarsteller in einer Komödie oder einem Musical“. Mit dem britischen Schauspieler Jud Law als Dr. Watson, bekam Holmes Schatten den angemessenen gleichwertigen Rang in diesem unschlagbaren Duo. Die aufputschende Musik von Hans Zimmer, die einer explosiven Mischung aus Zigeuner-, Western- und irischer Musik gleichkommt, ist Oscar 2010 nominiert, ebenfalls erhielt der Film eine Oscarnominierung für das „Beste Szenenbild“ und die „Beste Künstlerische Leitung“. Die Oscarnacht am 7. März wird also mit Spannung erwartet.

 

Inhalt des Films ist der Kampf der Logik und des Verstandes gegen Aberglaube und Irrglaube. Wie immer will das Böse, hier in der Gestalt Mark Strongs als Lord Blackwood, die Weltherrschaft durch schwarze Messen und Magie erobern. Dass dahinter wie üblich nur gewöhnliche Morde und der neueste Stand des Wissens mit einem gehörigen finanziellen Aufwand für technologische Entwicklung stecken, kann nur ein brillanter Geist wie Holmes entlarven. Der Bau der Tower Bridge gibt uns nicht nur Aufschluss über die genaue Zeit des Geschehens (Bau: 1886-1894) sondern liefert eine wundervolle Kulisse zum Count Down des Bösewichts. Bis Holmes als Berater für Scotland Yard engagiert wird, müssen allerdings fünf Jungfrauen geopfert werden.

Dank Holmes kann die sechste gerettet, Blackwood gestellt und gehängt werden. Doch Blackwood prophezeit seine Auferstehung noch vor seinem Tod. Da in der verwüsteten Gruft schließlich nicht Blackwood, sondern eine andere Leiche gefunden wird, und Watson als Gerichtsmediziner selbst den Tod des Gehängten diagnostiziert hatte, muss Holmes auch noch die Ehre seines nun heiratswilligen Freundes retten. Mittlerweile scheint das halbe britische Parlament von der Macht des Bösen infiltriert und die andere Hälfte in Gefahr. Der abgespacte Holmes wird in seinem eigentümlich verlotterten Heim von der einzigen ihm interessanten Frau besucht, der emanzipierten und schönen Irene Adler, gespielt von Rachel McAdams, eine Betrügerin, die Holmes schon einmal hinters Licht geführt hatte. Ihre Rolle bringt den menschlichen Aspekt des Superhelden Holmes in seiner Verletzlichkeit zur Geltung.

 

Obwohl Holmes den Fall geklärt hat, fehlt doch jegliche Spur von dieser neuen Erfindung, nämlich der Fernsteuerung, die die Cyanid-Zylinder, die das Parlament ausräuchern hätten sollen, mittels Radiowellen aktiviert hätte. Denn offensichtlich wurde Adlers Auftrag, Holmes abzulenken, ihr von Professor Moriarty, dem Erzfeind Holmes erteilt. Auch wenn noch nicht offiziell bestätigt, scheint die Jagd auf Moriarty für Guy Ritchie schon festzustehen! Mit dieser Verfilmung ist ihm jedenfalls eine spritzige, witzige und spannende Entstaubung des britischen Privatdetektivs Sherlock Holmes und seines Assistenten Watson gelungen.

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010

 
Der Fall des Lemming. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
ABGESCHWÄCHTER RASSISMUS

 

 
DER FALL DES LEMMING
Thriller: ab 12 Jahre
Nation: Österreich, 2009
Laufzeit: 96 Min.
Regie: Nikolaus Leytner
Darsteller: Roland Düringer, Fritz Karl …
Drehbuch: Agnes Pluch, Stefan Slupetzky
Homepage: http://www.lemming-derfilm.at
Start: 02.10.09

 

2004 wurde der erste Kriminalroman des Wiener Autors und Illustrators Stefan Slupetzky „Der Fall des Lemming. Eine Wiener Mordgeschichte.“ bei Rowohlt veröffentlicht. Nun ist bereits Lemmings 4. Fall mit dem Titel „Der Zorn des Lemming“ im Buchhandel, praktisch zeitgleich zum Film „Der Fall des Lemming“ des Grazer Filmregisseurs Nikolaus Leytner erschienen. Slupetzky tourt mit seinen Lesungen quer durch Österreich und boomt! Nicht weniger emsig ist Leytner, der für seinen 2008 gedrehten TV-Drama „Ein halbes Leben“ - in der Hauptrolle Josef Hader - 2009 den dt. Filmpreis erhielt.

Slupetzky durfte im Skript mit Drehbuchautorin Agnes Pluch – bekannt durch etliche Folgen der Fernsehserie „Schlosshotel Orth“ und den Film „In 3 Tagen bis du tot“ - mitmischen. Trotzdem erreicht, der schon als brutal klassifizierter Film nicht die tiefgründige Verwerflichkeit der Wiener Seele, wie sie Slupetzky in seinem Buch charakterisiert. Dem unglaublichen Rassenhass, den Slupetzky vorwiegend an der Rolle des ungebildeten aber in der Karriereleiter hochkletternden Bezirkskommissars Krotznig beschreibt, und dem latent vorhandene Antisemitismus, der sich im Laufe der Story offenbart, wird mit dem so Publikums begehrten derben Wiener Schmäh geschmeichelt.

Nichts ist dem entgegenzusetzen, will man doch Slupetzkys Zorn als Krimikomödie verkaufen. Und, das ist auch gut so … denn die Ohnmacht der Bevölkerung widerspiegelt sich auf eigentümliche Art und Weise in der verkappten Existenz des Expolizisten Leopold Wallisch, gespielt von Fritz Karl, der sich den Spitzennamen Lemming von seinem ehemaligen Vorgesetzten Krotznig, dargestellt von Roland Düringer, eingehandelt hat. Lemminge, jene Gattung der Wühlmäuse, denen seit Walt Disneys Film „White Wilderness“ (1958) die Legende des Massensuizids anhaftet.

 

Wallisch, der sich nun als Privatdetektiv versucht, bekommt von einer Professorinnengattin den Auftrag ihren Mann, den mittlerweile pensionierten Lateinprofessor Grinzinger, wegen einer angeblichen Liebesaffäre zu bespitzeln. Als die Beschattung ihn über den vernebelten Kahlenberg durchs Dickicht des Waldes zu seiner bestialisch zugerichteten Leiche führt, macht sich der Lemming für den ermittelten Krotznig zum Hauptverdächtigen. Die kurze aber einprägsame Rolle des Dr. Grinzingers spielte Miguel Herz-Kestranek.

 

 
Für Lemming, der nun in eigener Sache recherchiert, beginnt ein Katz und Maus Spiel mit Krotznig. Eine in Geschenkpapier gewickelte, alte, zerbrochene Nickelbrille in der Jackentasche des ermordeten Grinzingers trägt den angeknacksten Lemming in die 1960er Jahre, als der Tote seine Lehrtätigkeit an einem Knabengymnasium begonnen hat, Jahre als der im NS-Regime propagierte Judenhass noch immer unterschwellig in der Bevölkerung brodelte und die aufkeimende 68er Revolution in Österreich nicht stattfand. Zum Glück gibt es Castro, einen halluzinierenden und manischen Hirtenhund, der Lemming zu Klara, einer reizenden Tierärztin, verkörpert von Julia Koschitz, führt. Bis Lemming den Mord klären kann, müssen noch andere daran glauben. Obskure und skurrile Szenen aus dem echten Wiener Milieu, wie zum Beispiel die im Künstlertrakt des Gymnasiums heimlich Absinth trinkende Dolores Schmidinger als Zeichnen- und Bastellehrererin Prof. Haberl, bringen Spannung und Erheiterung der bitter-bösen Art. Eine gelungene Klischeeinszenierung zwischen intelligentem Privatdetektiv und dummem Kommissar, erstklassig besetzt durch Fritz Karl und Roland Düringer inmitten eines unverschönten Wiens vom Kahlenberg bis zum Prater! Das Ende ist etwas vom Inhalt des Buches abgewichen, aber deswegen nicht weniger dramatisch. Ich sage nur: Österreichs Gartenzwergkultur bringt uns noch alle um!

LitGes, Oktober 2009

 
Inglourious Basterds. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
VON BASTARDS ZU BASTERDS und aus Schluss BASTA!

Oder wie Hitler dreifach starb, denn aller guten Dinge sind drei.

 

 
INGLOURIOUS BASTERDS
Action/ Kriegsfilm
Nation: USA, Deutschland, Frankreich 2009
Laufzeit: 154 Min.
Regie: Quentin Tarantino
Schauspieler: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Eli Roth, Till Schweiger, Martin Wuttke …
Drehbuch: Quentin Tarantino
Produktion: Quentin Tarantino, Lawrence Bender
Start: 20.08.09

 

„Es war einmal… im vom Nazi besetzten Frankreich“ so lautet die erste der fünf Episoden des Films. Während 1941 SS-Standartenführer Hans Landa mit seinen Nazi-Schergen in die ländliche Einschicht fährt, um die letzten versteckten Juden in Frankreich zu finden, ertönen Beethovens Klänge „Für Elise“ in der legendären Westernversion des Filmmusikmeisters Ennio Morricone aus dem Italo-Kultwestern „Es war einmal im Westen“ von Sergio Leone (1968), vor allem bekannt wegen der musikalischen Aufforderung: „Spiel mir das Lied vom Tod.“ Und der Tod lässt nicht lange auf sich warten. Doch zuvor trinkt der Todesengel, wie schon der Killer „Léon, der Profi“ (Jean Reno), ein Glas Milch. Er trinkt die Unschuld, er trinkt die Reinheit, die Ästhetik in der Gnade der Unbarmherzigkeit. Wie Charles Bronson und Henry Fonda stehen sich nun der Judenjäger, in der Gestalt von Christoph Waltz, und der Milchbauer Perrier LaPadite, gespielt von Denis Menochet, in seiner bescheidenen Hütte gegenüber. Unter den Fußbodendielen hält sich die jüdische Familie Dreyfus versteckt. Dreyfus? Welcher französische Milchbauer heißt Dreyfus und ist Jude? Wenn da nicht auf die Dreyfus-Affäre aus dem Jahre 1894 assoziiert wird: Eine Agentengeschichte zwischen Deutschen und Franzosen, bei der, man erinnert sich, der junge elsässische Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus des Staatsverrats beschuldigt und verurteilt wurde. Obwohl seine Schuld nie bewiesen wurde, war er wegen seiner deutschjüdischen Abstammung als Verräter prädestiniert. Alleine mit der Erwähnung des Namens Dreyfus sind die antisemitischen Tendenzen in der französischen Bevölkerung in diesem Film klargestellt. „Ich liebe Gerüchte. Gerüchte sind so erhellend, während Fakten oft so verwirrend sind.“ (Zitat: Landa). Landa ist ein gebildeter kultivierter Mann und ist somit der Vorzeige-Nazi schlechthin. Intelligent, überzeugt von der Sache und gebildet, das war die Nazi-Elite. Trittbrettfahrer waren nicht erwünscht. Nur die Elite konnte die gemeine Bevölkerung mitreißen. Einzige Überlebende der Dreyfus-Familie nach Landas Besuch auf dem Bauernhof ist die Tochter Shosanna, gespielt von der jungen französischen Schauspielerin Mélanie Laurent.

 

 
„Die Nazis kennen keine Menschlichkeit und gehören deshalb ausgerottet.“ verkündet Brat Pitt in der Rolle des Leutnants Aldo Rain, Anführer der Inglourious Basterds (IB). Es ist nicht von ungefähr, dass gerade ein Halbblut diese Nazijagd erledigen soll, wurden doch die Indianer von den Amerikanern, wie auch die Juden von den Deutschen ausgerottet. Tarantino lüftet die Groteske der amerikanischen Geschichte, die mit der unsäglich menschlichen Dummheit unter dem Deckmäntelchen der Menschlichkeit ein besonderes Paradoxon ergeben: einerseits die Amerikaner als Retter der Juden und andererseits selbst Initiatoren des Pogroms gegenüber den Ureinwohnern Amerikas, den Indianern. Tarantino erinnert uns unbewusst an viele bis zur Gegenwart reichende Fehler der Amerikaner: Vietnam, Afghanistan, Irak … immer unter der Mission anderen die ersehnte Freiheit und Gerechtigkeit zu bringen.

Acht überlebende deutsche und österreichische Juden werden als amerikanische Soldaten rekrutiert und bilden die Basis der Sondereinheit IB. Ihr Schlachtplan lehnt sich an die einstige Widerstandstrategie der Apachen. Jeder einzelne Soldat schuldet Raine das Soll von 100 Naziskalps.

Mittlerweile gelangen Gerüchte bis zu Hitler, Gerüchte von einem „Bärenjuden“, der auf bestialische Weise Nazis tötet. Hitler tobt, wie eben nur ein Martin Wuttke als Führer des Totalen Kriegs toben kann. Der mit einem eingeritzten Hakenkreuz auf der Stirn verunstaltete Gefreite Butz (Sönke Möhring), der einzige Überlebende eines Angriffs der IB, bestätigt jedoch das Gerücht über die amerikanische Killertruppe.

Wenn du noch einmal ein Sauerkrautsandwich essen willst, nimmst du jetzt deinen schönen Wiener-Schnitzelfinger und zeigst mir auf der Landkarte, wo die Bockwurstparty steigt und was die Krautpatrouille zum Spielen mitbringt. So in etwa lautet die verkürzt gefilterte sensationelle Drohung des Lt. Raine bevor er den Gefreiten zurichtet. Die Jäger sind nun die Gejagten. Und Hitler tobt noch viel mehr.

 

 
1944: Unter dem Decknamen Emmanuelle Mimieux betreibt Soshanna ein Kino in Paris, welches sie von ihrer Tante geerbt haben soll. Der zum Helden avancierte Scharfschütze Frederick Zoll (Daniel Brühl) verschaut sich in die attraktive Blondine. Um bei ihr zu landen, setzt er alles in Bewegung. Der neueste Hitler-Propagandafilm „Stolz der Nation“, wo er selbst als Held die Hauptrolle spielt, soll in Emmanuelles Kino uraufgeführt werden. Zur Premiere werden die obersten Nazibonzen erwartet, sogar Goebbels und Hitler sollen kommen. Soshanna beschließt mit ihrem Freund Marcel (Jacky Ido) den feierlichen Tag zu ihrem persönlichen Rachetag zu machen, in dem sie das Celluloidfilmarchiv des Kinos in Brand setzen.

 

Die deutsche Schauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) arbeitet für die westlichen Alliierten als Agentin. Während die Operation Overlord, die mit dem D-Day am 06.06.44 begann, bereits voll im Gang ist, sehen die Alliierten in der „Operation Kino“ die Möglichkeit ein Attentat an Hitler zu verüben.

 

 
Mit seinem unfehlbaren Instinkt entlarvt Landa jedoch die Operation, vereitelt sie aber nicht. Für ihn ist mit der Landung der Alliierten in der Normandie der Krieg für die Deutschen verloren. Mit dem Attentat sieht er nun ganz andere Möglichkeiten für seine Zukunft.

Und so kommt es, dass drei verschiedene Attentate am selben Ort, zur selben Uhrzeit durchgeführt werden. Aller guten Dinge sind drei … Hitlers hämisch eruptive Lache löst sich während des deutschen Heldenfilms explosiv in Flammen auf. Im Übrigen hat Eli Roth nicht nur als Schauspieler – er spielte Sergeant Donny Donowitz – den Bärenjuden – mitgewirkt, sondern auch als Regisseur des Films im Film („Stolz der Nation“).

 

Viel ist über Tarantino und seinen Film bereits gesprochen und berichtet worden: von seinen Intentionen bis über die schauspielerische Leistung der gesamten Besetzung, und vor allem über die veränderte Geschichtsschreibung.

Doch wenig wurde über den orthographisch unkorrekten und somit nicht übersetzbaren Titel reflektiert: „Inglourious Basterds“. Der Regisseur, Autor, Schauspieler, Autodidakt, das Multitalent Tarantino ist ein Liebhaber des Low-Budget-Films und somit der B-Movies. Es war der Italo-Trash-Kriegsfilm „Inglorious Bastards“ (Ein Haufen verwegener Hunde) aus dem Jahr 1978, des Regisseurs Enzo G. Castellari, der Tarantino beflügelte. Im Film gleiches Szenario: 2. WK, Frankreich 1944. Unterschied: Bei Castellari will ein deutscher Wehrmachtssoldat zu den Briten überlaufen, bei Tarantino ein SS-Standartenführer zu den Amis. Quentins Rezept: Man verzichte auf ein „U“ und tausche ein „A“ mit einem „E“, engagiert den Hauptdarsteller Bo Svenson für eine Nebenrolle und kurbelt die Werbetrommel für Castellaris längst in Versenkung gelandeten Films. Seit 31.08.09 gibt es den Film auf DVD: „Inglorious Bastards – Das Original“. Koch Media.

Aber natürlich handelt es sich bei Tarantinos Film nicht um ein Remake.

Etwa 10 Jahre lang schrieb Tarantino vereinzelte Szenen, las sie Freunden vor, ließ sich applaudieren, verwarf sie wieder, war sich nicht schlüssig ob er eine TV-Miniserie oder nur einen Roman aus seinem Thema machen sollte. Erst Juli 2008 schloss er sein Drehbuch ab.

 
Die wichtigste und komplexeste Rolle in diesem Film, auch wenn alle Rollen ausgezeichnet gespielt wurden, ist die Rolle des SS-Standartenführers Landa. Ohne Christoph Waltz hätte es den Film nicht gegeben. Bis zwei Tage vor dem Aus hatte Tarantino noch immer keine Besetzung für den Judenjäger. Dann kam Christoph Waltz … und ein Jahr später erschien der Film im Kino. Unglaublich!

 

„Jedes Kapitel im Film hat einen leicht anderen LOOK und setzt auf eine andere Gefühlslage. Der Erzählton ist in allen Kapiteln unterschiedlich. Der Beginn ist wie in einem Spaghetti-Western, aber mit Ikonographie des 2. Weltkriegs.“ (Tarantino) Im Endeffekt ist „Inglourious Basterds“ eine gelungene Mischung von Trash und Propaganda. Er ist nicht wirklich einem Genre unterzuordnen. Er ist weder ein Spionagefilm, noch ist er ein Kriegsfilm, oder Antikriegsfilm, weder Actionfilm, noch Persiflage. Am ehesten ist er noch Trash, und zwar kritischer Polit-Trash.

Es ist eher selten, dass sich alle so einig sind über die hohe Qualität eines Filmes. Nur woran liegt es?

Es ist die Verbindung der Geschichte zur Politik der Gegenwart, aus alten Filmdetails etwas völlig Neues zu machen, die Mischung aus amerikanischem Film Know-how mit europäischen Intellekt, die subtil gewählte und hochkarätige internationale Besetzung, das großartige Drehbuch mit seinen 5 Kapiteln und der gut dosierte Trashanteil voll Witz und Brutalität, was diesen Film nicht nur genial, sondern zu einem einzigartiger Kunstgenuss macht.

Man kann schon gespannt auf die Oscarnominierungen 2010 blicken.

LitGes, September 2009

 
James Bond 007 - Ein Quantum Trost. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
EIN QUÄNTCHEN ZU SCHNELL

 

 
EIN QUANTUM TROST - 22. JAMES BOND 007
A Quantum of solace
Action
Nation: USA 2008
Laufzeit: 105 Min.
Regie: Marc Forster
Schauspieler: Daniel Craig, Olga Kurylenko,
Mathieu Amalric, Judi Dench, Jeffrey Wright,
Gemma Arterton, Giancarlo Giannini, Joaquin Cosío,
Jesper Christensen, Anatole Taubmann
Musik: David Arnold mit Alicia Keys und Jack White
Drehbuch: Robert Wade, Paul Haggis, Neal Purvis
Story: Ian Flemming
Produktion: Barbara Broccoli, Michael G. Wilson
Start in Ö: 06.11.08

 

Nach endlosen Werbeschaltungen und Medienankündigungen ist er endlich angelaufen, der zweite Teil der Bondtrilogie mit dem umstrittenen und nicht allzu beliebten Titel „Quantum of Solace“, auf Deutsch „Ein Quantum Trost“ mit Bonddarsteller Daniel Craig. Nach zwei Jahren bringt Regisseur Marc Forster eine nahtlose Fortsetzung von „Casino Royale“. Schwierig für die, die den letzten Bond nicht mehr im Kopf haben, denn der Film setzt dies voraus.

 

Wer „Casino Royale“ nicht gesehen hat oder sich nicht mehr erinnern kann, findet einen Actionfilm vor, ein Mann kämpft im Alleingang gegen eine Geheimorganisation, die bis in den MI6 ihre Leute bereits infiltriert hat. Irgendwas dürfte ihm schwer im Magen liegen und die eigene Organisation, der MI6 traut ihm nicht mehr so sehr. Natürlich steckt eine Frau dahinter, eine tote Frau. Man fürchtet einen Rachefeldzug, das letzte was man im Geheimdienst brauchen kann, ist ein emotional gewordener Agent. Bond kämpft gegen sich selbst an, konzentriert sich auf seinen Job und vernichtet seinen Feind, den er in Mathieu Amalric als vermeintlichen Umweltschützer Dominic Greene erkennt. Bond hat seit „Casino Royale“ jeden erdenklichen Humor verloren und profitiert lediglich noch von seinen Vorgängern: „Was trinken sie?“ „Ich weiß nicht. Sagen sie es mir, was ich trinke.“ Ich sag’s ihnen: Martini on the rocks, geschüttelt, nicht gerührt. Zwei Teile Martini, einen Teil Wodka. Weiß doch jedes Kind. Kein Sprücheklopfen, keinen Dialog, keine Eleganz, wenig Erotik, dafür eine undurchsichtige Story und umso mehr Action. Der harte Bond soll dem des Autors Ian Fleming am nächsten kommen, so lauten die positiven Kritiken. Doch das Publikum möchte den smarten, hart-aber-weich-zu-gleich-Bond, den Playboy, den Verführer, kurzum den klassischen James Bond, der nach dem Kampf sich einfach die Krawatte wieder zurechtrückt, das Sakko abklopft und im weißen Hemd ohne Blut und Kratzer geschniegelt wie eh und je den Tatort verlässt. Dieser scheint jedoch bis nach der Trilogie beurlaubt worden zu sein, dabei ist es nicht einmal sicher, dass Marc Forster den dritten Teil, der für das Jahr 2010 geplant ist, auch übernehmen wird. Zu lange Drehzeiten, zu intensive Vorbereitungen, zu großer Druck und Erwartungshaltungen zwängen ihn zu einer Auszeit, ließ der 38 jährige Schweizer Hollywoodregisseur gegenüber dem Magazin www.FirstShowing.net verlautbaren. Es ist also nicht alleine der Film, der sich als zu schnell erweist, das Tempo scheint sich auf das ganze Team ausgebreitet zu haben. Die extrem moderne Kameraführung lässt einen glauben, man sitze in der Achterbahn, anstatt im Kino. Dabei wird vor Filmbeginn verlautbart, man solle keine Raubkopien erstellen, denn Menschen, die den Film gemacht haben, hätten schwer dafür gearbeitet, man solle sich also einfach zurücklehnen und genießen – einer der wenigen Lacher, die der Film verursachte, denn 200 Millionen Dollar ließ man sich die Produktion kosten. Dabei hat man an Kleidung und technischen Spielereien weitgehend gespart. Sogar den Smoking musste sich Bond in einer Garderobe für die Bregenzer Festspiele klauen (Siehe Filmszene)…

 

Falls einem also in dieser Berg und Talfahrt nicht schlecht geworden ist, fehlen einem doch gewisse Zusammenhänge. Ich rate also zum Kauf oder Verleih der demnächst erscheinenden DVD um als Quantum Trost, sich Bond in Zeitlupe zu geben.

 

Für die, die es schriftlich wissen wollen:

 

Der schwer angeschlagene Bond, der für eine Frau, Vesper Lynd (Eva Green), seinen Dienst beim MI6 quittieren wollte, um mit ihr ein gemütliches Eheleben zu führen, wurde eines Besseren belehrt. Vesper wurde als Doppelagentin enttarnt und beging Selbstmord. Sie hinterließ Bond jedoch einen Hinweis auf den Widersacher Mr. White (Jesper Christensen), den Bond am Comer See noch eine Kugel ins Knie verpassen konnte. So endete „Casino Royale“ 2006.

 

 
Betrogen, hintergangen und verraten kehrt Bond zum MI6 für „Ein Quantum Trost“ zurück.
Mit White im Kofferraum wird Bond dem Comer See entlang gejagt, fährt in die Toskana und liefert White während, wie könnte anders sein, des berühmten Pferderennens, der Palio di Siena, in Sienas unterirdischen Gängen ab. Doch White ist nur eine kleine Figur in einer riesigen Geheimorganisation, die den MI6 schon längst infiltriert hat. Bond, der inzwischen in Bolivien gelandet ist, nachdem er auf Haiti Dominic Greene (Mathieu Amalric), den vermutlichen Kopf der Organisation namens Quantum ausgekundschaftet hat, widersetzt sich den Befehlen Ms. Misstrauisch und verärgert beauftragt Judi Dench, zum 6. Mal zu sehen in der Rolle der M, die Agentin Fields (Gemma Arterton), um Bond in die Schranken zu weisen. Fields ist aber nur ein kurzes Leben beschert. Ihre mit Erdöl überzogene und durchtränkte, schwarze, glitzernde Leiche findet man auf Bonds Hotelbett aufgebahrt, wie einst schon Shirley Eaton als Bondgirl Jill Masterson in Goldfinger, damals war Goldstaub die Erstickungsursache. Wie M allerdings auf die Idee kommt, Fields einzusetzen, die letztendlich nur eine Bürokraft des MI6 war, um die Killermaschine Bond aufzuhalten, bleibt ein Rätsel…bzw. ist das erste Indiz für ein schwaches Drehbuch.

 

 
In der Rolle als russisch-bolivianische Agentin Camille ist die gebürtige Ukrainerin Olga Kurylenko zu Beginn eine Gegnerin James Bonds. Sie führt ihren eigenen Rachefeldzug gegen den im Exil lebenden General Medrano (Joaquin Cosío), der sich die Regentschaft über einen südamerikanischen Staat mit Hilfe von Quantum erkaufen will. Mendrano ist verantwortlich für den Mord an ihre gesamte Familie. Die gebrandmarkte Camille überlebte als einzige den Brand des Familienhauses und wartet seither auf die günstige Okkasion Mendrano zu töten. Bond vereitelt in Unkenntnis die Aktion, rettet ihr aber gleich mehrmals das Leben, was sie zu seiner Verbündeten macht.

 

Während Greene unter dem Deckmantel einer Umweltschutzorganisation sich in Wahrheit um die Wasserreserven der Welt bemüht, erscheinen bekannte Gesichter, wie Jeffrey Wright als Felix Leiter von der CIA, und Giancarlo Giannini als René Mathis, dem französischen Doppelagenten. Während Leiter den Einsatz sogar überlebt, stirbt Mathis in den Armen von Bond. Die CIA lässt man diesmal ziemlich dumm aussehen, packelt sie doch hinterrücks mit Greene. Bond hat jedoch alles fest im Griff und hat sich schon längst in ein Hotel mitten in einer Wüste begeben, um dort den Bösewichten endlich den Garaus zu machen.
Bond endet mit der Gewissheit, dass Vesper, um die er trauert, ihn tatsächlich benutzt und verraten hat. Bis 2010 werden seine inneren und äußeren Blessuren hoffentlich geheilt sein und frische Wäsche wird es hoffentlich für ihn auch geben.

 
<< Start < Prev 1 2 3 4 5 6 Next > End >>

Page 2 of 6