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15. Philosophicum Lech - 3. Tag - Reinhard Haller. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
DER GUTE RAT ZUR ABSTINENZ
15. Philosophicum Lech
RAUSCH – SUCHT – VERBRECHEN: IRRWEGE ZUM GLÜCK?
Reinhard Haller
Samstag, 24.09.2011, 15.30 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg
Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller (geboren 1951) ist ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke und Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung.
In seinem Vortrag hat Haller mit Feingefühl und Witz unsere Affinität zur Sucht erklärt, die kurz gesagt aus einem menschlichen Grundbedürfnis entsteht, der Suche nach dem Glück. Aus dieser Nachfrage entstehe ein ungeheures Angebot an Suchtmitteln, das, vorausgesetzt die statistischen Zahlen stimmen, jeden Maximierungsprofit vom Waffenhandel bis zum Erdöl in den Schatten stellt. Natürlich sind Rausch und Sucht nicht an psychotrope Substanzen gebunden. Die „Glückspillen“ gehören jedoch zu den Spitzenprodukten der Pharmaindustrie und manipulieren unseren Stoffwechsel der zentralen Glückshormone Endorphin, Dopamin und Serotonin. Glücksratgeber und Glücksformeln haben zu dem Hochkonjunktur.
Es liegt jedoch am kulturellen Background, dem Zeitgeist mit seinen ideologischen Strömungen, in welcher Disposition sich eine Gesellschaft bezüglich Drogengebrauchs und dessen psychischer Wirkung befindet: „Es ist also auch eine Frage der Mode, was unter Glück verstanden und welche Form des Glücklichseins angestrebt wird.“, erklärt Haller und verweist auf die Flower-Power-Bewegung der 60er und 70er mit dem friedlich machenden Cannabis, auf die No Future Generation der 80er, die ihr Nichtwissenwollen mit Rohypnol und andere Narkotika betäubte, auf die Yuppie-Gesellschaft der 90er, die mit der alten Kulturdroge Kokain ihr Gutdraufsein feierte. Das bereits 1913 entwickelte und für lange Zeit verbotene Ecstasy erfüllt in seiner bunten Tablettenform die phänomenologische Ähnlichkeit mit dem Internetsurfen der heutigen Zeit. Heroin jedoch, das wohl schwerste Suchtmittel wegen seines härtesten Entzugs, bleibt zeit- und kulturunabhängig, so Haller. Die Suche nach dem Glück in Form von Drogenrausch scheint dem „heutigen Glücksverständnis nach immer neuen Erlebnissen, Sensations-Seaking und kribbelndem Risiko entgegenzukommen“. Auch wären die Verhaltenssüchte wie „Ess- und Brechsucht, Kaufsucht, Spiel- und Arbeitssucht, Sex- und PC-Sucht“ u.v.m. nichts Neues, doch dominanter geworden.
Der Rausch verwirklicht viele Merkmale des Glücksempfindens, er verbessert die Motivation, versetzt in Euphorie, gibt Mut und Selbstvertrauen, bricht viele Barrieren und Hemmschwellen und spendet Geborgenheit: „Der traditionelle Streit um Recht auf Rausch kann also auch als Streit um Recht auf Glück gesehen werden.“, meint Haller.
Bei all den positiven veränderten Bewusstseinszuständen wie Trance und Ekstase oder gar ein verzerrtes Zeitgefühl, das z.B. Gestresste bei Einnahme von Benzodiazepinen entschleunigt oder Kokainsüchtige in ihrem Auffassungsvermögen beschleunigt, dürfe man die Verdichtung „vorbestehender Gefühlszustände“, die z.B. wie gute Stimmung in Euphorie sowie bestehende Depression in Angst- und Panikzustände umschlägt, nicht außer Acht lassen: „Der Rausch führt oft zu einer Inversion des Erlebens, Fühlens und Verhaltens in nüchternem Zustand.“
Psychopathologisch entspricht der Rausch einer rasch vorübergehenden Geisteskrankheit, einer exogenen Psychose mit allen Kardinalsymptomen: „Abnormer Antrieb und abnorme Gestimmtheit, Kritiklosigkeit und Selbstüberschätzung, Enthemmung und Impulsivität, Amnesie und motorisch, vegetative Störungen.“
Eine weitere Komponente im Zusammenhang der Glückssuche ist auch das Verbrechen. Die Ursachen sind ähnlich wie in jenen der Sucht gelagert. So hat beispielsweise die Kleptomanie eine weibliche Täterdominanz und signalisiert nach psychoanalytischem Verständnis einen Ersatzorgasmus. Vielen Verbrechen steht die Sehnsucht nach Wiederherstellung eines alten Glücks (verlorenes Paradies) oder der Erlangung eines neuen (künstliches Paradies) voraus. Daher gelten herkömmliche Diebstähle und Betrügereien als Hoffnung auf ein künstliches Glück. Bei Gewalttaten spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle, hier wirkt die Wiederherstellung des verlorenen Glücks als Motiv. „In Mitteleuropa und Skandinavien sind 60% aller Tötungsdelikte Beziehungsdelikte, 30% beruhen auf bösen Motiven und gut 10% werden von psychisch kranken, nicht zurechnungsfähigen Straftätern verübt.“, erläutert Haller. Im Gegensatz zu den Morden aus Liebe und dem erweiterten Suizid (Bsp.: Mutter nimmt aus altruistisch dominierten Motiven Kind mit in den Tod) nehmen die erweiterten Morde in den letzten 20 Jahren zu (Bsp.: Vater bringt ganze Familie wegen veränderter Machtverhältnisse um). Zusätzlich zum verlorenen Glück gibt es jedoch auch den Wunsch nach reiner Ausübung von Macht: „Dies könnte man bei den großen Tyrannen und Diktatoren, welche alle narzisstisch, paranoid und machtbesessen gewesen sind, ebenso nachweisen wie bei Serienkillern – (laut FBI liefen nur 120 frei herum) - oder Amokläufern.“ Auch bei Sexualdelikten stehe im Übrigen nicht das sexuelle Bedürfnis, sondern die Machtausübung im Vordergrund. Der Wiener Psychoanalytiker Otto Kernberg hat für das Profil des Serienkillers den Begriff des malignen Narzissmus erfunden, der eine dissoziale Persönlichkeit mit sadistischer Veranlagung und narzisstischem Selbstbild charakterisiert, die in Beherrschung eines anderen, in Entscheidung über dessen Leben und Tod eine gottähnliche Position einnimmt.
Der Umgang mit dem klassischen Rausch in der Antike, trotz Platos strenger Position gegenüber den Süchten, welche mehr als ästhetisches Problem gesehen wurden, stand unter dem Motto: Sieg der Rationalität über die Ekstase. Auch wenn Nitzsche in Kurzfassung meinte: ohne Rausch keine Kunst, Freud die Ansicht vertrat, dass „neben den Tröstungen der Wissenschaft, der Kunst und der Religion vor allem Rauschstoffe uns für das Elend des Lebens unempfindlich machen“, ist der Grundgedanke jeglicher guten Drogentherapie, dass die Abstinenz und alles was sie mit sich bringt, noch verlockender sein muss als Rausch und Sucht.
Mit den Worten Martin Heideggers schließt Haller seinen äußerst informativen Vortrag: „Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt! … vielleicht auch ein wenig Glück.“ |
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15. Philosophicum Lech - 3. Tag - Sabine Meck. Rez.: Eva Riebler |
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Eva Riebler
GELASSENHEIT SCHÄRFT DIE SINNE
15. Philosophicum Lech
ACHTSAMKEIT UND GELASSENHEIT ALS WEGE ZU EINEM GELUNGENEN LEBEN UND STERBEN
Sabine Meck
Samstag, 24.09.11, 11.00 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg
Prof. Dr. Dr. Sabine Meck (geboren 1955) ist Professor für Finanzpsychologie, Finanzethik und Persönlichkeitsforschung an der Steinbeis-Hochschule Berlin.
Durch die Suche nach dem Glück, kam ich zur Gelassenheit, meint die Referentin aus Berlin. Die älteste Untersuchung, ob z.B. die schwarze Bevölkerung glücklich sei, stammt aus dem Jahre 1928.
Zum Glücklichsein trägt ihrer Meinung nach die Achtsamkeit bei, die erlernbar sei. Diese Achtsamkeit sei die Voraussetzung auf dem Weg zur Gelassenheit. Sie ist der innere Schlüssel, und steht in engem Zusammenhang zur Konzentration, sie ist innere Ruhe, Sammlung, Übung, Energie und Vitalität und geht einher mit Disziplin und Interesse.( Z. B. einen Raum der Stille kann man bereits im kindergarten einführen.) Wer achtsam lebt, lebt intensiver.
Der Begriff Gelassenheit stammt vom Mystiker Meister Eckhart (geb. 1330). „Loslassen“, sei es das Geld oder einen geliebten Menschen, ist auch heute das Schwierigste, wie repräsentative Befragungen zeigen. Man lernt solange sich zu lassen, bis man nichts Eigenes mehr besitzt. Das „Lass dich!“ impliziert nicht zurück zu schauen, auf das, was man bereits gelassen hat, und keine Ziele zu haben. Kein Verhaften im Vergangenen und kein Anhaften der Dinge mehr. Dies geht einher mit der buddhistischen Lehre und auch mit Albert Einstein, der da sagte: „Die Befreiung vom Ich misst den Grad des wahren Menschen.“
Jedoch ist der Weg zur Gelassenheit kein Ersatz und keine Kompensation für eine gescheiterte Lebensführung, vielmehr setzt er die Bewältigung der praktischen Aufgaben voraus.
Fazit: Wer die Gelassenheit übt, der kann auch den Tod gelassen erwarten.
In der Diskussion traten Fragen zur Länge eines Augenblicks auf oder die Bestätigung eines Chirurgen, der Gelassenheit, Achtsamkeit und das Blinzeln zur Schärfung der Sinne brauche, sowie, dass Gelassenheit bei tibetanischen Völkern trotz des dortigen Regimes in großem Maße vorhanden sei.
Auf die Frage, ob Gelassenheit Bewegung umfasst, meinte Fr. Dr. Meck: „Lebendigkeit ist nicht Glück, (Dr. Peter Strasser warf ein, dass es die desaströse Lebendigkeit gibt, wenn Krieg ausbricht.), jedoch Gelassenheit schärft die Sinne und auch Sport ist ein Weg gelassen zu werden.“
Die Frage, ob Leid auch Glück sein kann („Ich fühlte mich lebendig, obwohl mein Sohn gestorben war und mein Mann daran litt“), war die Antwort: Im Buddhismus ist Leben = Leid. Längeres Leiden bleibt uns aber erspart, denn: Man nehme es an und lasse es in Achtsamkeit vorüber gehen. |
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15. Philosophicum Lech - 3. Tag - Peter Strasser. Rez.: Eva Riebler |
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Eva Riebler
KULTIVIEREN WIR UNSERE LEBENDIGKEIT!
15. Philosophicum Lech
GLÜCK IST DAS GEFÜHL LEBENDIG ZU SEIN
Peter Strasser
Freitag, 23.09.11, 09.30 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg
Peter Strasser (geboren 1950) ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Der Mensch ist kein besonders glückbegabtes Wesen!
1. Der erste Teil des Referates befasste sich mit dem faktischen Glück und der falschen Lebendigkeit.
Unser Glück ist oft flach oder unecht, obwohl wir nach Glück streben, fühlen wir uns nicht lebendiger, wenn wir es erreichen. Episoden des Glücks sind erkennbar, aber ist das Endorphine ausschütten, vielleicht eines Extremsportlers unter Todesrisiko und Todesangst der Kick, der so genannte Red-Bull-Flash?
Bietet eine allgemeine Hochstimmung, die Erhitzung des Kollektivs die Möglichkeit sich als Teil der erregten Masse, sich wirklich selbst zu fühlen? So erkannten bereits die Römer die Wichtigkeit des Sports, vor allem des Massensports (Brot und Spiele). Die Antwort ist Nein, dies ist nicht das wahre Glück, es ist von den vitalen Quellen abgeschnitten und macht süchtig.
2. Das Glück des Durchschnittserdenbürgers und seine Kritiker
Wie wertvoll oder unwürdig ist das Glück im Sinne von trautes Heim, Glück allein? Irgendwie fühlt man sich tot. Ja, dies können wir nachvollziehen, früher war dies wohl auch so. Nachdem die bürgerliche Schicht dem Adel punkto Lifestyle und Gesittung eingeholt hatte, machte sich Langeweile breit.
3. Lebendigkeit: Eine verkappte Minitheologie des Glücks:
Glück hat stets einen persönlichen Erfahrungshorizont. Es nützt nichts, jemanden seine Glücksmomente auszureden oder zu meinen, das Glücksgefühl der Reichen ist kein wahres, das man selber erleben wollte. Wir glauben zu wissen, dass authentisch zu leben und die Fähigkeit zu tieferen Empfindungen, dem wahren Glück schon näher kommt. Doch stellt sich oft an Stelle des Glücks der Glaube ein, dass man glücklich sei.
Die Definition, die da lautet: „Glück ist das Gefühl lebendig zu sein.“, ist vielleicht zu theologisch unterfüttert und legitimiert ein religiöses Konzept. Wir sind lebendige Geschöpfe und heben uns aus der toten Natur heraus. Wir können also den Weg der Gnade oder den der Natur gehen, bzw. schließt der eine Weg den anderen nicht aus. Das heißt: In unserer säkularisierten Welt können wir den Glückspol innerhalb einer natürlichen Welt etablieren und kultivieren, die weder einen Schöpfungsakt noch ein Gnadengeschenk kennt. Der Mensch kann durch Anschauung und Mitgefühl, durch Miterleben oder Mitleiden Lebendigkeit erlangen.
Fazit: Der Weg in die Tiefe ist angesagt, bzw. der Weg ohne Egoismus nach oben in die Helligkeit der Erkenntnis. |
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15. Philosophicum Lech - 2. Tag - Rudolf Taschner. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
FAITE VOS JEUX ! RIEN NE VA PLUS !
15. Philosophicum Lech
DIE BERECHNUNG DES ZUFALLS UND DIE ENTDECKUNG DES GLÜCKS
Rudolf Taschner
Freitag, 23.09.2011, 17.00 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg
Univ. Prof. Dr. Rudolf Taschner (geboren 1953) ist Professor für Mathematik an der Technischen Universität Wien, Gründer und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
Dass die trockene (und gefürchtete) Mathematik auch Unterhaltung sein kann, bewies Rudolf Taschner einmal mehr in seinem Vortrag, in dem er das Glück in Zusammenhang mit dem Zufall in Glücksspielen brachte.
Gleich vorweg: Dabei handelt es sich letztlich nicht um Glück, denn im Casino, in den Wettbüros, in der Lotterie usw. geht es um reine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Gunsten der Betreiber und nicht der hoffnungsfrohen Spieler. Demnach bestand der Vortrag aus einer Reihe amüsanter Hinweise, die Taschner dafür entschuldigen, als Mathematiker in einem Philosophicum über Glück zu sprechen, obwohl Mathematiker außer wissenschaftlich, empirisch nachgewiesenen Berechnungen nichts zum Thema beitragen könnten: „Wagt man daher den Versuch, wissenschaftlich über das Glück zu sprechen, wird man auch bei diesem Begriff nicht umhinkommen, ihn auf Quantifizierbares zu reduzieren.“
Taschner vollzieht dies in drei Schritten, in denen das Dasein, das Schicksal und schließlich das Glück zu zähmen gilt. Der Mensch ist ein Spieler, das verkündete bereits Friedrich Schiller, zitierte Taschner: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Auch wenn sich Schiller auf die Theaterwelt und das Schauspiel bezog, so könne man dies sehr wohl auf alle Gesellschaftsbereiche ausdehnen. Taschner erläuterte die doppelte Natur des Menschen, der weder ausschließlich Materie noch ausschließlich Geist sei, wie es der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes bereits 150 Jahre vor Schiller erkannte.
Entscheidender Satz in Taschners Vortrag ist, dass das Spiel nichts anderes als ein gezähmtes Dasein mit vereinbartem Anfang und Ende und mit von allen Teilnehmern akzeptierten, vorgegebenen Regeln ist.
Es war der dem Jesuitenorden angehörende französische Mathematiker und Dichter Claude-Gaspard Bachet de Méziriac, der durch die Veröffentlichung seiner Problèmes plaisantes et déléctables, qui se font avec les nombres (1612) (Frei übersetzt: Heitere und erquickende Probleme mit Zahlen) seine Überlegungen und Methoden zur Zahlentheorie und zur Konstruktion des magischen Quadrats unters Volk brachte. Diese wurde auch, allerdings erst im 20. Jahrhundert, von dem Mathematiker John von Neumann und dem Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern aufgegriffen, die die Spieltheorie entwickelten (Theory of Games and Economic Behavior. 1944) und „die Parallele vom wirtschaftlichen Handeln, das auf maximalen Ertrag ausgerichtet ist, zum Spiel, bei dem die Teilnehmer nur gewinnen wollen“, zogen.
Grundsätzlich müsse man zwischen dem puren Glücksspiel und dem Strategiespiel unterscheiden. Bei letzterem ist das Geschick des Spielers gefragt, bei ersterem der Zufall. Die ersten Würfel gab es bereits in der Steinzeit und waren aus Knochen geschnitzt und ihre Facetten mit Zeichen versehen, weiß Taschner zu berichten. Doch damals überließ man nichts dem Zufall, die Verantwortung über das Wurfresultat oblag Dämonen und Geistern, später der Gunst der Götter. Für besondere Erheiterung sorgten Taschners Erzählungen, Rätselaufgaben und Anekdoten über die angeblichen Glücksspiele, die sich mathematisch rasch als Falschspiele herausstellen. Schnell wird einem klar, das das vermeintliche Schicksal oft kein Zufall ist, sondern pure Manipulation des Gewiefteren, im mathematischen Fall dem geübten Wahrscheinlichkeitsrechner, denn hier gilt: Zufall ist die Bedingung für die Anwendbarkeit der Wahrscheinlichkeitsrechnung!, zitiert Taschner Kant in Kurzfassung.
Anhand des Würfelspiels verdeutlicht Taschner das Gesetz der großen Zahl des Mathematikers Jakob Bernoulli (Ars Conjectandi, 1713)), ein Prinzip, welches auch Lebensversicherungen anwenden, „wenn sie die Wahrscheinlichkeit ermitteln wollen, dass ein Versicherter innerhalb des nächsten Jahrzehnts stirbt.“
Das Glück im Spiel bleibe jedoch sowohl mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung als auch mit dem Zufall verwoben. Glück im Spiel bedeutet Gewinn durch Zufall. Die Größe des Glücks definiere sich an der Höhe des Gewinns, so Taschner konsequent wissenschaftlich und gar nicht philosophisch. Dass im Grunde beim Glücksspiel nur einer gewinnen kann, das war den Erfindern der Wahrscheinlichkeitsrechnung Blaise Pascal und Pierre de Fermet (17. Jhdt.) bekannt: Gewinner sind die Glücksspielbetreiber, also Casinos, Wettbüros, Lotterien ….
Dennoch möchte Taschner den Philosophicum-Zuhörern nicht vom Glücksspiel abraten, wäre es doch ein sehr ödes Leben ohne Spiel. Dafür gibt er uns drei Regeln mit ins Leben:
1. „Nicht weinen!“ Denn das Geld, welches man beim Glücksspiel investiert, ist von vorneherein „verbranntes Geld“.
2. „Aufhören können!“ Es sei Vorsicht geboten, denn trotz eines guten Laufs, kann sich das Blatt schnell wenden.
3. „Nicht neidig sein!“, wenn der Nachbar mehr gewonnen hat, es gibt immer einen anderen, der mehr verloren hat. Wie Taschner es so schön formulierte: „Der mögliche Gewinn ist sichtbar, das Risiko des Verlustes hingegen unsichtbar.“
Und dann bliebe nur noch eine Frage offen: Stellen Sie sich vor, Sie wären im Lotto Alleingewinner von 100 Millionen Euro. Was dann? Manche würden darauf antworten: "Möge Gotte abhüten, dass ich im Lotto gewinne"… und spielen erst gar nicht, um ja nicht in dieses verflixte Dilemma zu geraten. Geld alleine macht bekanntlich ja auch nicht glücklich. |
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15. Philosophicum Lech - 2. Tag - Karlheinz Ruckriegel. Rez.: Ingrid Reichel |
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Ingrid Reichel
POLITIKER IM DORNRÖSCHENSCHLAF
15. Philosophicum Lech
GLÜCKSFORSCHUNG – WORAUF ES WIRKLICH IM LEBEN ANKOMMT
Karlheinz Ruckriegel
Freitag, 23.09.2011, 15.30 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg
Univ. Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel (geboren 1957) ist Professor für Makroökonomie, insbesondere für Geld- und Währungspolitik, Psychologische Ökonomie und Glücksforschung an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg.
Der im Titel erwähnte Begriff der Glücksforschung lässt einen zunächst schmunzeln. Doch Ruckriegel schafft es in seinem eloquenten Vortrag mit übersichtlicher Power-Point-Präsentation der Definition die Lächerlichkeit zu nehmen. Am Ende erfasst einen sogar eine gewisse Traurigkeit, die sich zum Zorn auf die Politik steigert, wenn man bedenkt, dass laut Ruckriegel die Erkenntnisse zu einem besseren und glücklichen Leben global bereits aus den 1960er Jahren stammen. Glücksforschung ist also nur ein modernisierter Begriff von dem, was wir schon lange wussten. Nun sollen nach einer UN-Resolution vom Juli 2011 und einem Beschluss der EU-Staats und Regierungschefs, nämlich der EU-Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahr 2006, diese Erkenntnisse endlich umgesetzt werden. Hat die OECD die letzten 50 Jahre die Politik im Sinne des Wirtschaftswachstums beraten, so unterstützt sie nun den gesellschaftlichen Fortschritt zu einem besseren Leben, erklärt Ruckriegel.
Letztendlich geht es darum, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um die sozialen und ökologischen Indikatoren zu ergänzen. „Diese Wende im Denken kommt einer Epochenwende gleich: Weg vom Wirtschaftswachstum hin zur Lebensqualität (well-being). Dieses neue Denken war aber für die Väter der Sozialen Marktwirtschaft bereits vor mehr als 50 Jahren zentraler Angelpunkt ihres Denkens.“, denn der Mensch ist das Maß der Dinge, aber dafür müssten wir erstmals lernen Menschen zu werden. Und das ist durch Forschung möglich, zumindest versetzt uns Ruckriegel in diese Hoffnung, der unter anderem den Hirnforscher Manfred Spitzer zitiert, der behauptet, je mehr wir über das Glück wissen, umso mehr könnten wir es auch trainieren.
Die Glücksforschung ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich seit mehr als 20 Jahren mit der Frage beschäftigt, was uns glücklicher bzw. zufriedener macht. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet, wobei insbesondere Erkenntnisse aus der Psychologie, der Soziologie, der Ökonomie und der Neurobiologie Eingang finden, erklärt Ruckriegel, der seinen Vortrag in drei Teile gliederte:
1. Was ist Glück, bzw. Zufriedenheit?
2. Wie ist der Zusammenhang zwischen Glück/ Zufriedenheit und Wirtschaftswachstum?
3. Welche Schlüsse sind aus den Ergebnissen der Glücksforschung für Politik, Unternehmen und für jeden Einzelnen zu ziehen?
Ruckriegel scheidet das subjektive Wohlbefinden in emotionales (positive und negative Gefühle im Verhältnis eines Tagesdurchschnitts 3:1) und kognitives (Verhältnis: Erwartung und Tatsache) Empfinden.
So sind persönliches Wachstum, zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit, psychologische Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit die wahren Glücksfaktoren statt der herkömmlich angestrebten Bedürfnisse wie Geld, Schönheit und Popularität.
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die häufig verwendete Messform mit einer Skala von 0-10. Die Umfragen werden am Einzelnen durchgeführt. Auch werden Selbst- und Fremdeinschätzung verglichen. Die bereits von Bruno Bettelheim und Erich Fromm geäußerten Feststellungen in den 60er Jahren, dass trotz erstandener Freiheit und erfolgreicher Ökonomie ein Verlust von Inhalt, Zielen und Sinn zu beklagen sei, haben sich bewahrheitet. Im gezeigten Ländervergleich kann man beobachten, dass in Deutschland trotz Senkung der Steuern (1995 bis 2009 ist die Steuer- und Abgabenquote von rund 48 % auf gut 42% gesunken) die Zufriedenheitswerte gefallen sind.
Im Vergleich zu Deutschland sind aber die Dänen, Schweden und Finnen, trotz höherer Steuer- und Abgabenquoten, deutlich zufriedener mit ihrem Leben. Grund hierfür liegt in einem höheren Vertrauen zu ihrer Gesellschaft, einer geringen Einkommensungleichheit und einer positiveren Einstellung zum täglichen Leben. Laut dem Gallup-Well-Being-Index für Deutschland vom September 2011 sind nur 34,3 Prozent der Bundesbürger mit ihrem eigenen Leben sehr zufrieden und schauen optimistisch in die Zukunft. (Ruckriegel Zitat: „Reich, aber unzufrieden“, Der Spiegel, Nr. 38, S. 83.)
Man spricht vom Easterlin-Paradoxon. Der Ökonom Easterlin stellte bereits 1974 fest, dass ab einem gewissen Einkommensniveau (BIP pro Kopf) ein Wirtschaftswachstum zu keiner oder kaum einer Zunahme der Lebenszufriedenheit führt. Die Gründe hierfür sind einerseits Gewöhnung und andererseits Vergleich. Mit Gewöhnung ist gemeint, dass Ziele sich der Entwicklung anpassen und eine „hedonistische Tretmühle“ auslösen: steigendes Einkommen steigert die Ansprüche. Bei gesicherter materieller Existenz ist dann im Vergleich das relative und nicht das absolute Einkommen entscheidend. Das bedeutet, dass, sobald die Grundbedürfnisse (Essen, Wohnen, Kleidung, Sicherheit) gewährleistet sind, die Korrelation fehlt. Bei einem Einkommen über 20.000 US-$ im Jahr würde dies laut Statistik bereits stattfinden, analysiert Ruckriegel.
Das wahre Problem liegt nun darin, dass weder Gewöhnung noch Vergleich in der traditionellen ökonomischen Mainstream-Theorie vorkommen. Dies führe zu einem Erklärungsdefizit.
Es gilt daher die richtigen Indikatoren zu finden. In Bhutan ist z.B. das Brutto-National-Glück übergeordnetes Konzept. Das bedeutet, dass in Bhutan die ökonomische Entwicklung nur mehr ein Mittel zum Zweck zur Erreichung des Glücks ist. Nach dem Vorschlag der Stieglitz-Kommission vom September 2009 kann sich eine Ausrichtung nicht mehr am Wachstum des BIP festhalten, sondern müsse sich an der objektiven Lebensqualität (Gesundheitsstatus, Bildungsniveau, Umweltzustand, …) und dem subjektiven Wohlbefinden der gegenwärtigen Generation sowie an der (ökologischen) Nachhaltigkeit für zukünftige Generationen orientieren. Das Indikatorenset der OECD schließt sich dem im generellen an.
Für die Unternehmen ist daher eine positive Unternehmenskultur unerlässlich. Das Geheimnis guter Führung liegt im Aufbau guter sozialer Beziehungen zu seinen Mitarbeitern. Dies bedeutet Interesse am Wohlergehen, Förderung zur Weiterbildung, Vorbildfunktion, Entscheidungsfreiheit im Aufgabenbereich, Förderung von Teamwork & Arbeitsklima, Fairness (gerechtes Vergütungssystem) und vor allem Anerkennung.
Schließlich zitiert Ruckriegel noch die Psychologin Sonja Lyubomirsky mit ihrer Anleitung Glücklich sein (2008): Wer aktiv etwas zum Glücklichsein tut, fühlt sich subjektiv besser, hat mehr Energie, ist kreativer, stärkt sein Immunsystem, festigt seine Beziehung, arbeitet produktiver, erhöht seine Lebenserwartungen. |
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