Wendelin Schmidt-Dengler ist tot: Ein Nachruf der LitGes
Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Instituts für Germanistik/ Uni Wien
Wendelin Schmidt-Dengler, der Schwärmer der Sprache ist tot. Die LitGes trauert um Wendelin Schmidt-Dengler. Ein Nachruf von Ingrid Reichel.
„Die Literatur und die Sprache sind eine harte Wissenschaft.“
Schmidt-Dengler veränderte nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten – seit 1966 als Assistent und seit 1980 als Professor - das abgeschmackte, landläufige Image, es handle sich bei Literatur und Sprache nur um Genuss und intellektuelle Spielerei.
Der in Zagreb am 20. Mai 1942 geborene österreichische Literatur- und Sprachwissenschaftler, Hochschullehrer und Literaturkritiker Schmidt-Dengler war ein Revolutionär in seinem Fach, feurig und leidenschaftlich entstaubte er die Studieninhalte der germanistischen Fakultät. Seine leuchtenden Augen und seine rege Zunge begeisterten viele Menschen, auch jene, die mit Literatur nichts am Hut hatten.
Seit seinem 5. Lebensjahr entwickelte Wendelin Schmidt-Dengler die Liebe zu Büchern und die Liebe zur Sprache. Sein Vater hatte ihm mit Freude vorgelesen, sein Onkel - ein Buchhändler, der von der Welt zurückgezogen lebte, Gullivers Reisen, Karl May bis Dostojewski, sie alle prägten seine Kindheit und Jugend und führten ihn zur Entscheidung, nach dem Gymnasium das Germanistik und klassische Philologie Studium anzustreben. Er entschied sich bewusst gegen einen Brotberuf, der sich ihm anbot, mit der Zuversicht, wenn nicht anders, er auch als Lehrer sein Auslangen bekommen könnte und müsste dennoch nicht auf die Materie, die er liebte, verzichten, sondern wäre von ihr alltäglich umgeben.
Als Germanist und Klassischer Philologe Schmidt-Dengler schaffte er es zum Vorstand des Instituts für Germanistik an der Uni Wien, in der er sich in den letzten Jahren vehement für die Demokratisierung einsetzte. Er kritisierte den Bologna Prozess, jenes politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010, da die Auswirkungen auf den Studienbetrieb und die Studenten in dunklen Schatten weilen. Er sprach sich gegen die Eliteschulen und Eliteuniversitäten aus und bezeichnete sie als Worthülsen. Der Begriff Leistung wäre überprüfbar, daher wäre eine Reihung und Zerstückelung der Studenten in verschiedenen hierarchischen Gruppen bis hin zum Musterschüler ein gefährliches Prinzip und ein bedrohliches Element der Domestizierung. Schmidt-Dengler bezweifelte, ob Benjamin, Adorno etc… Eliteschüler gewesen wären. Seine demonstrative Abneigung gegen Elite bestärkte er mit der mittlerweile bekannten Aussage: „Elitesportler werden zu Elitekrüppeln.“ Seine Vision einer idealen Universität beruhte auf der Möglichkeit der Freien Lehre mit kritischen Studenten und verantwortungsbewussten Lehrenden. Kollegialität, Kooperation und Fachwissen wären das Fundament. Schmidt-Dengler plädierte für das Training on the Job.
Schmidt-Dengler war seit 1996 Leiter des Österreichischen Literaturarchivs an der Österreichischen Nationalbibliothek,dem er die Nachlässe von österreichischen Autoren wie Ödön von Horvath, Hilde Spiel, Ernst Jandl und vieler anderer sowie Autographen von Egon Friedell bis Peter Handke sicherte.Das Österreichische Literaturarchiv hat er somit zu einer der bedeutendsten Literaturinstitutionen im deutschen Sprachraum ausgebaut. Er war wissenschaftlicher Leiter des Thomas-Bernhard-Privatarchivs und Ehrenvorsitzender der Heimito von Doderer-Gesellschaft.
Sein Enthusiasmus galt der Mythologie und der antiken Literatur, die er als die Grundlage sah und aus der immer wieder Neues transformiert wird. „Wir dürfen nicht im Gehäuse unserer Literatur stehen bleiben.“, die Einbeziehung anderer Sprachen und anderer Literaturen sei daher sehr wichtig.
Schmidt-Dengler war ein großer Anhänger von Nestroy, den er mit Kraus und Bernhard gleichsetzte. Er bezeichnete Österreich als kleinen Implosionsraum, wenn er von Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek sprach. „Wir dürfen uns nicht von Skandalen irreführen lassen.“
Schmidt-Denglers Richtlinien waren einfach und präzise. Er betonte die Wichtigkeit der emotionslosen und kritischen Lektüre. Bei Vergleichender Literaturwissenschaft gilt es die Traditionsbindungen der Autoren nicht einseitig zu bewerten. Um Vorsicht ist geboten. Aber vor allem gilt es, die Sprache zu trainieren.
Schmidt-Dengler wurde 2007 zum Wissenschafter des Jahres ernannt. Heuer hätte er den Kritikerpreis erhalten. In seiner Freizeit war er Hobbyfußballer. Er sah den Sport, vor allem den Fußball als homöopathische Heilung unserer Affekte, wie einst der Athener ins Stadium ging, um sich auszuweinen. „Jedes bessere Spiel ist wie ein Trojanisches Pferd.“, argumentierte er in einem Interview während der EM 2007. Der engagierte Intellektuelle gewann große Popularität durch sein Verständnis und seine Begeisterung für den Fußball.
Unser langjähriges Mitglied Wendelin Schmidt-Dengler starb am Sonntag, den 7. September 2008 im 67. Lebensjahr an einer Lungenembolie in Wien. Der sympathische und kultivierte Mitstreiter hinterlässt uns nicht nur ein hervorragendes wissenschaftliches Werk, sondern viele tröstende Sätze voll Lebensfreude:
„Leider kann ich nicht alles lesen, was mich interessiert. […] Wenn ich deprimiert bin, dann lese ich Nestroy und Bernhard, das hilft immer.“
Zum Gedenken an Adolf Frohner
ZUM GEDENKEN AN ADOLF FROHNER
Anlässlich des plötzlichen Todes Adolf Frohners am 24.01.07 bringt die LitGes folgendes Interview, welches im Herbst 2004 nach seiner Ausstellung im Landesmuseum St. Pölten, kurz vor seinem pensionsbedingten Abschied von der Universität von Eva Riebler geführt wurde.
Nachruf entnommen dem DrehPunktKultur Salzburg Streben nach dem unerreichten Ziel
Zum Tod der Salzburger Schriftstellerin Erna Holleis (1970-2006)
Ihr Ziel, das sie immer so konsequent im Auge hatte, den endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin zu schaffen, hat sie nicht erreicht, obwohl sie viele Erfolge zu verzeichnen hatte. Die Salzburger Schriftstellerin Erna Holleis starb am 06. April im 36. Lebensjahr. Für ihre Leser bleibt zu hoffen, dass ihre vielen unveröffentlichten Texte nicht verloren gehen. Immer wieder hat sie diese Texte überarbeitet, gab sie an Freunde und Bekannte mit der Bitte um Kritik, um daran eine neue Überarbeitungsphase anzuschließen. Das Traumbild von der Schriftstellerin, die am späten Vormittag zwei Stunden lang auf die Tastatur klopft und es sich die restliche Zeit gut gehen lässt, schwebte ihr nie vor. Sie wählte lieber den schweren Weg oft sehr experimenteller Texte, die sich nur dem Leser erschließen, der für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Gelesenen bereit ist. Auch im täglichen Leben war sie vorrangig an ernsthaften Auseinandersetzungen interessiert, mit Small-Talk-Veranstaltungen konnte man sie nicht begeistern. Obwohl ihre Ansichten auf verschiedenen Gebieten wie Gesundheit, Tierschutz, Schönheit, Feminismus manchmal eine extreme Note haben konnten und sie diese auch vehement vertrat, versuchte sie nicht zu missionieren. Das machte Diskussionen mit ihr immer interessant. Stipendien, Förderpreise, Erfolge bei Wettbewerben – das alles gab ihr immer wieder die Kraft weiterzumachen, brachte aber andererseits nicht das Maß an Anerkennung, dass sie sich wünschte. Auch die Zusammenarbeit mit zeitzoo in Wien, wo sie viele Einzeltexte und 2004 ihr erstes Buch, den Lyrikband „Katze, Katze“ veröffentlichen konnte, bereitete ihr große Freude, war aber immer nur als Etappe geplant, das Ziel blieb einer der anerkannten Literaturverlage. Nachdem Erna Holleis ihren Lebensweg nicht mehr weitergehen wollte, bleibt ihr und ihren Lesern zu wünschen, dass ein engagierter Verwalter ihres literarischen Nachlasses es schafft, ihrer Arbeit das Maß an Anerkennung zu Teil werden zu lassen, das sie schon lange verdient hätte. Michael Russ (18.04.06) Im Heft etcetera 23/März 06/ERSTE KLASSE finden Sie den Beitrag von Erna Holleis Gelber Lancia