SH/ DFT: Trödlerladen in Kabula. Jack Mapanje

 

 

 

 

 

 

Jack Mapanje
TRÖDLERLADEN IN KABULA

Mit einem Nachwort von Helmuth A. Niederle

 

Schwarzholz zwischen sachte gebogenen Beinen
die Augen rot überm Blasbalg, vom Rauch
das Schärfen von Äxten, Beilen, Messern
das Hacken, das Schnitzen und solch
Ritzen, solch Stechen und Stechen
danach das Schmirgeln und Glätten

 

Schwarzholz zwischen sachte gebogenen Beinen
so viel Kraft und Geschick und der Preis
hinweggefeilscht, vermagst du dir vorzustellen
jetzt ein zerbrochenes Symbol, achtlos weggeworfen
im letzten Winkel eines Trödlerladens: eine Löwin
gebrochene Beine, gebrochenes Genick, abgebrochene Zitzen?

 

Jack Mapanje

„Of Chameleons and Gods / Und Gott ward zum Chamäleon“. Mit einem Nachwort von Jürgen Strasser. Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle und Jürgen Strasser. Edition Milo im Drava Verlag. Klagenfurt 2008.

 

 

Für den nicht mit afrikanischen Verhältnissen vertrauten Leser entwirft das vorliegende Gedicht anscheinend das schlichte Bild eines Handwerkers, der in traditioneller Weise seine Kunstgegenstände herstellt. Darüber hinaus wird die Behutsamkeit des Fachmanns besonders hervorgehoben. Beide Strophen beginnen mit derselben Feststellung, wobei der Begriff „sachte“ eine zentrale Stelle einnimmt. Erst die in den letzten drei Zeilen formulierte Frage verlässt die Darstellung handwerklicher Fertigkeit: Möchtest du dir vorstellen, dass all die Mühe und Kunstfertigkeit zur Herstellung eines Kunstwerks nichts anderes hervorruft als Missachtung?

Dem malawischen Leser war klar, nicht ein Kunsthandwerker und dessen vergebliche Arbeit werden thematisiert, sondern der Zustand des eigenen Landes, das um Unabhängigkeit gerungen und mühsame und zähe Verhandlungen mit der ehemaligen Kolonialmacht Groß Britannien zu meistern gehabt hatte.

 

Wie schwierig der historische Weg für die Bevölkerung in Malawi war, belegen folgende Eckdaten: 1891 wurde Malawi zum britischen Protektorat. 1907 erfolgte die Umwandlung in die Kolonie Njassaland. 1915, als die britische Regierung die Wehrpflicht für die Koloniebewohner anordnete, revoltierte die einheimische Bevölkerung unter dem Baptistengeistlichen John Chilembwe gegen die Fremdherrschaft. Am 6. Juli 1964 erlangte das Land unter Premierminister Hastings Kamuzu Banda als Malawi die Unabhängigkeit, der exakt zwei Jahre danach, am 6. Juli 1966, die Republik ausrief und ihr erster Präsident wurde. Banda regierte das Land an der Spitze der Malawi Congress Party (MCP) diktatorisch. Diese Diktatur endete erst 1993 mit einem friedlich ablaufenden Referendum, welches 1994 in freie Wahlen mündete.

Präsident Banda und seine Helfershelfer waren auch in den dunklen Zeiten der Apartheid in Südafrika treue Verbündete des Westens, der die Diktatur in Malawi maßgeblich unterstützte. Jede Form des Dissens wurde brutal unterdrückt.

Der von Jack Mapanje angesprochene „Trödlerladen“ meint Malawi, das nach fast vierzig Jahre währenden Unabhängigkeitsbestrebungen nicht die ersehnte Demokratie bekam, sondern eine machtgeile einheimische Clique. So gesehen ist das Gedicht ähnlich zu lesen wie „Du bist wie eine Blume“ von Heinrich Heine. Auch in diesem Text gilt die Sorge dem Vaterland, die der Dichter mit den Worten beschreibt: „ Ich schau dich an, und Wehmut / Schleicht mir ins Herz hinein.“

 

Jack Mapanje wurde 1944 einem Dorf im Süden Malawis (damals britisch: Nyasaland) geboren, studierte in den 1960er Jahren er an der Malawi University und am Londoner Institute of Education. 1985 wurde „Of Chameleons and Gods“ vermutlich nach Intervention in höheren Kreisen in Malawi verboten. In einem Rundschrieben vom Ministerium für Erziehung und Kultur, Malawi, wurde der Gedichtband als „ungeeignetes Lehrmittel“ bezeichnet. 1987 wurde Jack Mapanje von einer Universität in Zimbabwe als Writer in Residence eingeladen, kurz vor der Ausreise am 25. September 1987 festgenommen und im Mikuyu Maximum Detention Camp in Zomba, Malawi inhaftiert. Ohne Angabe von Gründen, ohne Anklage und ohne Prozess blieb er vier Jahre arretiert. 1988 wurde er mit dem Internationalen Lyrikpreis (Rotterdam International Poetry Award) für „Of Chameleons and Gods“ ausgezeichnet. Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka nahm den Preis für den Inhaftierten entgegen. Zahlreiche internationale Appelle renommierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Harold Pinter, Wole Soyinka und Susan Sontag, weltweite Aktionen des PEN-Clubs, Interventionen auf höchster Ebene sowie Tausende Postkarten und Unterschriftslisten von Menschen, die sich weltweit

gegen seine Inhaftierung aussprachen, konnten schließlich im 10. Mai 1991 zu seiner Freilassung beitragen. Seither lebt Jack Mapanje in Großbritannien, dort unterrichtet er an der Universität Newcastleon-Tyne als Linguist mit den Schwerpunkten Gefängnisliteratur und mündliche afrikanische Literaturtradition.

Jack Mapanje kehrt nur für kurze Besuche in seine Heimat Malawi zurück. „Seine gänzlich originelle, unbezwingbare Stimme ist anders als die aller anderen Dichter englischer Sprache aus Afrika oder anderswo.“ (Angus Calder)

Helmuth A. Niederle

 
SH/Lyrik: Hippolytos. Jennifer Erdelmeier

Jennifer Erdelmeier
HIPPOLYTOS

 

Bürgerrechte und Stadtrechte gingen
Hand in Hand spazieren
in der Stadt, an deren
Haaren gezogen und die verpfändet wurde.
Krieg wurde mit ihr gespielt,
als die Kinder keine Lust mehr hatten,
bauten sie eine Mauer
aus Sand und Stein spielten damit
und zeigten den Türken lange Nasen.
Viele kamen und gingen
doch der einsame Wolf blieb.

 

OHNE FRAGE

 

Damals war es wie ein Vorstellungsgespräch,
bevor man aufgenommen wurde,
Geld und Gold musste man haben,
Briefe wurden geschrieben
und dann war man mehr,
als der Nachbar,
nämlich braver Bürger.
Heute geht das automatisch.
Wir erinnern uns nicht
an den quälenden Ringkampf.
Doch was soll´s?
Wir haben besseres zu tun.

 

VORREITER

 

Eingebildet könnte sie sein,
doch dazu ist sie viel zu bescheiden,
obwohl sie sich gerne herausputzt,
und neue Kleider anzieht.
Stolz weht durch die steinernen Straßen
und plötzlich weiß es jedes Kind.
Ätsch!
Wir waren die ersten!

 

 

Jennifer Lynn Erdelmeier

Architektin, geboren 1975 in Köln, hat in Wien an der Akademie der Bildenden Künste studiert und lebt seit Jahren in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, u.a. in: DUM, KuLi und Krautgarten. 2007/2008 erhielt sie für vier ihrer Kurzgeschichten Preise.

 
SH/Lyrik: St. Pölten - eine Versuchung. Doris Kloimstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doris Kloimstein
ST. PÖLTEN – EINE VERSUCHUNG

 

Traisenwasser
ein Wasser
kein Wasser
ein Mühlbach
St. Pölten
ein Mühlbach
Gottes Mühlen
mahlen langsam
ein Bild
dieser Stadt
für die Zukunft
mit allen Wassern
gewaschen
farbenfroh
von Malern
gemalt
und Malerinnen
der Stadt
geschenkt

 

Doris Kloimstein

Geb. 1959 in Linz. Studium der Dramaturgie, Wien. Autorin und Pädagogin, zurzeit in St.Pölten in der Erwachsenenbildung tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Theaterstück „Paganini oder die Überschwemmten von St. Etienne“, Auff. Theaterforum Schwechat 2004. „Blumenküsser“, Kurzgeschichten aus dem Atlantischen Urwald Brasiliens, Edition Innsalz 2007.

Doris Kloimstein
ST. PÖLTEN – EINE VERSUCHUNG

 

 

Traisenwasser
ein Wasser
kein Wasser
ein Mühlbach
St. Pölten
ein Mühlbach
Gottes Mühlen
mahlen langsam
ein Bild
dieser Stadt
für die Zukunft
mit allen Wassern
gewaschen
farbenfroh
von Malern
gemalt
und Malerinnen
der Stadt
geschenkt

 

Doris Kloimstein

Geb. 1959 in Linz. Studium der Dramaturgie, Wien. Autorin und Pädagogin, zurzeit in St.Pölten in der Erwachsenenbildung tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Theaterstück „Paganini oder die Überschwemmten von St. Etienne“, Auff. Theaterforum Schwechat 2004. „Blumenküsser“, Kurzgeschichten aus dem Atlantischen Urwald Brasiliens, Edition Innsalz 2007.

 
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