einer hat dich vergessen,
einer hört nicht mehr zu,
einer, fürcht ich, bin ich
und einer du
Märchenende
der Wolf
ist tot
es bleibt
die Angst
Tür
ganz nah und sehr fern
fiel eine Tür ins Schloß
Anfang oder Ende
läßt sich nicht sagen
der Klang jedenfalls folgt mir
seit meiner Geburt
Milch
da steht nun das Kind,
die Milchscherben betrachtend,
Blut an den Fingern,
kein Auge für den Himmel,
in dem sich spiegelt die Milch
ich kann nicht sagen,
was aus ihm geworden ist.
ich weiß nur eines:
der Himmel ist verschwunden,
geblieben sind die Scherben
Kurzbiografie: Christoph Janacs
Geb. 1955 in Linz/OÖ, lebt in Niederalm/Sbg.; Lyrik, Prosa, Essays und Übersetzungen. Viele Preise und Stipendien. Zahlreiche Publikationen von Romanen, zuletzt Schlüsselgeschichten (2007), Gedichtsammlungen Die Ungewissheit der Barke / la barca sin certidumbre (2008) und nachtwache (2008), die Aphorismensammlung Meteoriten (2004) sowie Herausgeber von Anthologien. www.janacs.at
35/ Lyrik: Kyoka. Hahnrei Wolf Käfer
Hahnrei Wolf Käfer
Kindheit? Das ist die
Verkürzung des Traumas zum
sanften Traum. Ob nur
im Kopf, ob buchgebunden -
Kindheit ist stets erfunden.
Wer will in diese
Welt schon geboren werden?
Aber spreizt euch nur
nicht allzu lang, ihr Rangen,
sonst kommt man euch mit Zangen.
Kinder sind eine
famose Ausrede für
junge Paare. Was
früher nicht gerade lief,
geht nun ihretwegen schief.
Alles tut sie für’s
Kind, sie ist nur für es da.
Sie geht, und wehe,
es ist nicht darüber froh,
sogar nur für es aufs Klo.
Nesthockerei macht
bequem und antrieblos. Wohl
dem, der das Weite
- von den Eltern geschunden -
früh gesucht und gefunden.
Man spürt es gar nicht,
lobt die Mutter das brave
Kind. Weiß sie nicht, dass
das Kind, das man nicht spürt,
sich auch selbst nicht spüren wird?
Die Mutter nimmt den
Mund etwas voll, dass man in
diesen nur Essen
nehmen soll. Diese Phrase
rümpft dem Vater die Nase.
Statt sich ein Verbot
zu merken, sollen Kinder
vielleicht mitzählen?
Beschuldigend wird geklagt:
Wie oft hab ich dir gesagt ... ?
‘Ihr schimpft ja nur’ hört
man oft von Kindern. Worauf
die Eltern sehr schnell
dies Gefühl mit heftigen
Ausbrüchen bekräftigen.
‘Das fleckige Hemd
ziehen wir nicht mehr an’, sagt
Mutter. ‘Uns würd’ es’,
kann sich der Sohn kaum fassen,
‘gemeinsam eh nicht passen.’
Der Sohn untersucht
um vier Uhr morgens Vaters
Ohr hingebungsvoll.
Groß der Mann, der Forschergeist
auch um diese Stunde preist.
Schwimmen geht die Frau
mit ihren Kindern, doch es
kommt ein Gewitter.
Manche plötzlich, wie ihr seht,
mit dem Baden baden geht!
‘Ich schmier dir eine!’
Diese tranige Drohung
hört man heute noch.
Wo sich Vater nicht geniert,
folgen Kinder wie geschmiert.
In der Lade quetscht
sich das Kind den Finger und
schlägt dann den Kasten.
So machen’s manche eben
ein ganzes tristes Leben.
Jung macht alleweil
genau das Gegenteil. Um
hier die Erziehung
halbwegs zu erledigen,
sollte man Wein predigen.
Welcher Idiot
hat behauptet, kein Mensch sei
unmusikalisch?
Grässlich dieser Elternstolz.
Schade ist’s ums Flötenholz.
Die Turnübung und
die Rechenübung und dann
noch Hausübungen.
Fragt ein Kind doch grad heraus:
‘Lehrerin, wie übt man Haus?’
Sind die Kinder schlimm,
beschuldigen die Eltern
einander. Es geht
Glas wie Ehe oft zu Bruch
bei solch Erziehungsversuch.
Den Buggy stemmt die
Mutter in die Straßenbahn,
und niemand hilft ihr.
Man hört sie fluchend sagen:
Nie wieder Kinder wagen.
Der Christkindlmarkt!
Dass Glitzern, Funkeln, der Duft
von Punsch. Wenn ich die
Standleraugen leuchten seh,
wird mir doch ums Herz so weh.
Kurzbiografie: Hahnrei Wolf Käfer
Selbst vollbeschäftigter Vater dreier Rangen, hat als letzte Veröffentlichung den Lyrikband „Sicher kein Wunder / Senryus von einem, der Vater wurde“ (mit Grafiken von Lore Heuermann) herausgebracht.
Anmerkung vom Autor: Kyoka, das ist eine japanische Lyrikform, die sich vom Tanka nur dadurch unterscheidet, dass die Gedichte einen parodistischen oder heiteren Gehalt haben sollen.
34/ Prosa: Ach! Ein Gespensterbericht in sieben Seufzern, Michael Ziegelwagner
Michael Ziegelwagner ACH!
Ein Gespensterbericht in sieben Seufzern.
1
Ach! Wie sehnsüchtig wir von Menschen, denen wir Ehrfurcht entgegenbringen, ein wenig Achtung zurückerhoffen! Wir hoffen es heimlich. (Die Frage des gegenseitigen Respekts ist immer tabu, denn wird sie auch nur gestreift, so zerstäubt ihr Gegenstand in Nichts. Autorität und Zueinander-Aufsehen sind nie das Ergebnis von Verhandlungen, sondern stets stille Übereinkünfte.) Inzwischen zittern wir vor ihrem Urteil und heben jedes Lächeln dieser Autoritäten, jeden zufälligen Gruß in den Rang einer tief empfundenen Anerkennung.
Das Ehepaar Sattmeer, als es sich noch unzweifelhaft am Leben befand, flößte schon durch sein bloßes Alter Respekt ein. Jedes Vorbeigehen an der Wohnung, jeder flüchtige Blick auf dieses Türschild, auf dem „Dr. und Dr. Sattmeer“ prangte, kostete Überwindung. Wenn er heraustrat, der weiß gekleidete Ministerialrat im Ruhestand, der alte Dr. Walther Sattmeer, dann blieb man wie ertappt stehen und betrachtete ihn. Ein Koloss, riesenhaft und fett, ging er die sechs Stufen bis zum Gehsteig hinab, blieb unten auf seinen Stock gestützt stehen und hob das Kinn. Seine Nasenflügel bebten, seine Lippen über dem kurz geschorenen Bart, der seine blauschwarze Farbe bis ins hohe Alter nicht verlor, pressten sich aufeinander, als wollte Dr. Sattmeer, bevor er ausging, die Qualität der Gassenluft abschmecken. Große Teile seines Gesichtes waren von wuchernden braunen Flecken bedeckt.
Die Tür hinter Dr. Walther Sattmeer blieb stets einige Minuten lang offen. Man konnte im Weitergehen (während man den schnuppernden Ministerialrat a. D. leise grüßte) einen Blick ins Innere der Wohnung erlangen und, unter anderem, ein langes Sofa erkennen, das sich im Dunkel des Vorraumes verlor. Aber schon flog die Tür zu: Dr. Edith Sattmeer war herausgetreten, im Hinuntergehen streifte sie erst ihre Handschuhe über und lief auf ihren Mann zu, hakte sich bei ihm ein und schob oder zog ihn davon. Es war, als hätte er erst den Anstoß durch seine Frau benötigt, um wie eine große weiße Billardkugel loszurollen. Sie, eine pensionierte Ärztin mit langen falschen Zähnen, nur wenige Zentimeter kleiner als ihr Mann, aber gebeugt gehend, strich sich im Weggehen über das weiße Haar, das sie in einen langen Zopf fasste. Und erst hundert Meter nach dem Verlassen ihrer Wohnung setzte sie den Hut auf. So sehe ich die beiden in meiner Erinnerung heute noch vor mir, wie sie eilig davongehen, wie sie Abstand schaffen.
Sie kannten mich, und ich kannte sie. Frau Dr. Sattmeer war unsere Hausärztin gewesen. Im Ruhestand kam sie – vielleicht dreimal im Jahr – mit ihrem Mann zu Besuch. Während ich jedoch in den Augen des Ehepaares die lange Wandlung vom Neugeborenen zum Erwachsenen durchgemacht hatte, und dies während eines Bruchteils ihres Lebens, waren sie für mich immer die Gleichen geblieben. Sie hatten sich ein Vierteljahrhundert lang nicht verändert, in den Augen des jungen Mannes sahen sie nicht anders aus als in den Augen des Kleinkindes.
Ich sammelte eifrig ihre Ehrerweisungen und erinnere mich noch an die kleinsten: Walther Sattmeer steht von unserem Esstisch auf, als ich hereingeführt werde – er erweist mir, dem Zehnjährigen, seinen Gruß. Die Handknöchel auf den Tisch gestützt, neigt er den Kopf. Später sprechen meine Eltern leise, weil ich es nicht hören soll, über diese besondere Anerkennung: „Im Stehen hat er gegrüßt. Hast du's gesehen? Derselbe Mann, der vor dem Bundespräsidenten nicht aufgestanden ist!“ – Edith Sattmeer, den weißen Zopf über der Schulter, wischt sich die Finger an ihrem Rock ab und streckt mir die Hand entgegen: Ich nehme sie vorsichtig entgegen, diese weiche Hand, und drücke sie kaum, aus Angst, die blauen Adern auf ihrem Rücken zu zerquetschen. Frau Dr. Sattmeer stemmt daraufhin die Arme in die Hüften, nimmt ihren Kopf soweit wie möglich zurück – es ist, als würde sie ihren Buckel einziehen – und fragt mich, wie es mir gehe. Tief bewegt von ihrem Interesse plaudere ich aus dem Gefühlsleben eines Fünfzehnjährigen. – Szenen wie diese sehe ich noch heute vor mir, auch wenn es das Ehepaar Sattmeer nicht mehr gibt – zumindest in der ursprünglichen Form nicht mehr.