30/ 3. Preis LitArena 3: Sair, Philipp Weiss

etcetera 30/LitArena 3/November 07
3
. Preis der LitArena-Literaturwettbewerbs 2007

SAIR
Phillip Weiss

 

Biografie: Philipp Weiss
Geboren 1982 in Wien, seit 2002 Studium Deutsche Philologie/Philosophie an der Universität Wien, Diplomarbeit 2007 über Dezentrierte Biografien; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, zum Beispiel in manuskripte, Lichtungen oder Stimmenfang.
50 frische Texte aus Österreich. Residenz Verlag 2006;

Eigenständige Publikation: egon. Ein Kunst-Stück. Passagen-Verlag, Herbst 2007;
Hermann-Lenz-Stipendium 2006,
Nominierung zum Retzhofer Literaturpreis 2006 mit dem Stück artaudmaschine, Luaga&Losna-Dramatiker-Stipendium 2006.


 
29/ Lyrik: Mille fleurs à toi!: Milena M. Flasar

etcetera 29/Blätterwirbel/Oktober 07
Der vorliegende Text ist Bestandteil der NÖ AutorInnen-Revue 2007. Der 2006er-Text „L`amour ne vient plus“ ist im etcetera-Heft Nr. 26 „Nahaufnahme“ nachzulesen.

MILLE FLEURS À TOI! […] ABER ES IST NIE GENUG!
Milena Michiko Flasar

Für dich, die du müde bist,
Schwester,
eine Ampulle Nächtigkeit mehr!

1.

Blumen! Ich sage, es sollte Blumen blühen
in deinen Narben,
ver-wachsen dich in eine Ewigkeit,
sich winden – wildernd – in deine Haut,
dass kein Schmerz dir mehr anhafte
oder du dem Schmerz.

Es sollte rote und blaue Blumen blühen
in deinen tausend Narben.
Dass später – viel später –
keiner mehr sagen könnte:
Du habest hier oder dort geblutet.
Du habest hier oder dort ein Stück Fleisch gelassen.

Und Bäume! Ich rufe, es sollte Bäume wurzeln
in deinen Schatten,
ver-schlagen dich in einen Himmel,
sich strecken – schaukelnd – in deinen schweren Gang,
dass kein Stein dich mehr bremse
oder du den Stein.

Es sollte gelbe und grüne Bäume wurzeln
in deinen tausend Schatten.
Dass später – viel später –
keiner mehr sagen könnte:
---
---
Aber du bist längst in die Wüsten gegangen.

2.

Oder hast du die Namen der Vögel vergessen?
Wir hatten einst Flügel wie sie.

Aber jemand! Ich höre dich atmen: Jemand!
Ist gekommen uns aus den Winden zu nehmen.
Jemand! Hat unsere Federn gestohlen.
Jemand! Hat sie verkauft.
An jedem Hut hast du sie gezählt.
An jeder Straßenbiegung eine aufgelesen.

Und ich begreife erst heute
deinen wilden Schmerz:

Meine Menschenhände!
Meine schwierigen Menschenhände!

Es ist so schlecht fliegen damit!

3.

Aber darf man stürzen?
Sich aufschlagen – mit Absicht – sich verbluten?
Abschiede feiern – alleine – Koffer packen und gehen?

Du hättest mit Entschiedenheit Ja gesagt.

4.

Denn die Welt ist nicht rund.
Warum sonst kugelt es mich an jeder Kante?
Es kratzt uns gewaltig den Sand
aus den Augenhöhlen.
Es gewittert die Seele
aus unserem Leib.
Es würfelt uns – immer wieder! – in die versuchten Anfänge:
Dorthin, wo es einst keine Namen gab.
Und kein Licht.
Dorthin, wo jedes Wort noch dürstend schweigt.

[…]

In Kulalah könnte ich glücklich sein.
Es ist eine andere Sonne dort.

Mein Mädchen,
mein biblisches Mädchen:
Als ob es irgendwo einen brennenden Dornbusch gäbe!
Oder ein Schilfmeer, das uns beschützte…
Du hast ALLES MIT ALLEM verwechselt.
(Deine Seligkeit mit der meinen.
Dein Leiden mit dem eines andern.)
Und bist niemals
- nicht im Geringsten! -
zu dir selbst gekommen.

5.

Am Ende waren es deine Lungen.
Nach dem Magen,
dem Darm und
dem Herzen,
waren es endgültig deine Lungen,
an denen du sterben wolltest.
Dich auszuhungern hättest du nicht gewagt.
Wohl aber dich wieder und wieder
von dem Atem der Welt zu scheiden.

Überall ist es eine dünne Luft.
Und ich kann nichts dafür.
Ich bitte dich – vielmals! –
um eine letzte Zigarette!

Einen Zug lang noch alles versäumen.
[Den Tag.
Und die Nacht.]

Am Ende sind wir es alle nicht wert gewesen.

6.

HELLO DARKNESS, MY OLD FRIEND.
I`VE COME TO TALK WITH YOU AGAIN.
[1]

Selbst dafür hattest du dich entschieden.
Kein anderes Lied wolltest du gelten lassen
neben den Blumenkränzen
und der geschaufelten Erde.
3x sollte sie es spielen:
Eine Kapelle aus Bettlern und Idioten!
So hattest du es dir auserbeten.
(Aber bitte leise!
Und ohne den üblichen Tand! -
Ich stürbe sonst zweimal an einem einzigen Tag.
Und dafür hat niemand das Geld.)

[1] Simon & Garfunkel: Song of Silence

7.

Und niemand,
ich füge hinzu,
niemand kann solche Tränen weinen!

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29/ Lyrik: Gestanden, aus durch, daneben, Gerhard Ruiss

etcetera 29/Blätterwirbel/Oktober 07
Blätterwirbel 2007

GESTANDEN, AUS DURCH, DANEBEN
Gerhard Ruiss

aufstellung

wo möchte ich am abend stehen
in meinen schuhen
nicht neben

bei wem möchte ich die nacht verbringen
in meinen schuhen
mit meinen füßen drinnen

mit wem will ich am morgen
aus dem bett heraus springen
meinen schuhen
und meinen füßen
die noch schlafen in ihnen

mit wem möchte ich die karge freizeit
zwischen aufstehen arbeiten essen
und wieder zu bett gehen verbringen
meinen schuhen
und meinen füßen
die unaufhörlich stecken in ihnen.

die lederhandlung

hier handelt das leder
und zieht von sich
bedient wird sofort
und dran kommt ein jeder.

Gewidmet der nicht mehr betriebenen „Lederhandlung A. Moritz“
in Wien 8, Lammgasse 8.

von da, wo man hingehören soll

nein, sie macht sich die schnittlauchfrisur
blond
zieht die violette lederjacke an
glanz
trägt nur mehr dunkle strümpfe
und treter

zeigt alles
von ihren hinausgedrehten wadenmuskeln
angefangen an
von sich
beim wegwerfen ihrer alten sachen in den müll
den fuß am fußhebel
den rest von ihr von früher
beim fallen
ganz
oder später.

what’s new, pussycat 2004

für girls
and guys
shoes
und was neu’s
for guys
and girls
shoes
und was news
for girls
and guys
shoes
und was teur’s
für guys
and girls
shoes
und was über megaperls.

das hochinteressante sockenspiel

das hochinteressante sockenspiel
ich ziehe die socken an
und aus so oft ich will

das hochinteressante sockenspiel
ich ziehe die schuhe aus
wo ich will

das hochinteressante sockenspiel
ich wechsle die socken
wann ich will

das weniger interessante gonokokkenspiel
gibt es zwar auch
aber keinen, der es mit einem spielen will.

überblick

ihre waffenscheinpflichtigen schuhe
hat sie abgestellt
vor einem absperrgitter
das voll mit plakaten hängt
keines hält
kleine maschendrahtzaunquadrate
halten aufsicht über eine streng portionierte welt
und ihren aufstieg:
jeder millimeter zählt.

bloßfüßiger

im schuhbandbinden
war ich ganz gut bis perfekt
und im denken dazu
schuhe haben
wäre auch nicht schlecht.

gesuchtes

was brauchen wir?
eine schuhgröße
was jetzt?
schuhe
was brauchen wir?
einen kragenumfang
was jetzt?
mehr weite.

kirchgang

kein stäubelchen
von deinen schuhen ab
von ihrem glanz
wie du auf dich hinunterlachen kannst.

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