49/Teddy/Essay: Das Idyll als Metapher. Peter Kaiser

Peter Kaiser
Das Idyll als Metapher
oder Teddybären in der Krise

Dinge zu sammeln ist gut, aber es ist besser spazieren zu gehen.
(Anatol France)

Um uns über das Bedeutungsspektrum von Teddybaren, Puppen und ähnlichen Weggefährten der Kindheit klar zu werden, schlage ich vor, einige Umwege in unserer Annäherung zu machen. Manches Ziel oder Thema – vor allem, wenn es in unserer Vergangenheit wurzelt – entzieht sich gern dem direkten Ansturm. Emotionale Besetzungen, unser Hang zur Verklarung oder Verdrängung oder einfach die Weigerung, eine alte, verstaubte Kiste wieder aufzustemmen, sind unter anderem die Grunde. Wie dem auch sei, ich will den Schleichweg über die Sprache versuchen: Die alte, verstaubte Kiste fuhrt uns direkt in die Welt der Metapher und des Sprachspiels.

Die Metapher ersetzt ein Nomen durch ein anderes, konnotativ mit diesem in Verbindung stehendes [1]. Sie lasst sich als sprachschöpferischer Akt bezeichnen und ich meine, dass die gewählte Metapher (sofern sie eine originäre ist) nicht wenig über ihren Schöpfer aussagt. Aber bleiben wir im folgenden Beispiel banal. Wenn ich die Inhalte meiner Kindheit sozusagen vergegenständliche (Schulbucher, Spielzeug, Kleidung, Teddybaren,…), lasst sie sich als Aufbewahrungsort für meine Souvenirs beschreiben. Eben als Kiste. Und weil mir die Kindheit zeitlich und räumlich fern ist, als verstaubte Kiste auf dem Dachboden. Überdies ist sie beschrankt zuganglich und darum lasse ich ihr Schloss verrostet sein. Diese Szenerie als Bild betrachtet ruckt sie in die Nahe der Allegorie, was uns nicht weiter stören soll: Eine Frage von Wörtern – und diese haben laut Ludwig Wittgenstein letztlich die Bedeutung, die wir ihnen durch ihre Verwendung zubilligen. (Was übrigens auch auf Tatsachen wie z.B. Plüschtiere zutrifft, doch davon später mehr.)

Platon hielt übrigens die Metapher für ein unzulässiges Täuschungsmanöver und in ihrer subjektiven Ausdeutbarkeit ist sie es vermutlich auch. Descartes, welcher leider nicht die Möglichkeit hatte Wittgenstein zu lesen, forderte von der Sprache, dass sie die Bestimmtheit seiner (Descartes) Urteile auszudrucken vermag, und nimmt an, dass es von jeder Sache nur eine Wahrheit gibt. Die spielerisch kreative Unscharfe der Metapher war damit seine Sache nicht. Missbräuchlich wird sie vornehmlich von Religionen verwendet, welche ihren so nebulosen wie absoluten Weis- und Wahrheiten durch sie etwas an Körper verleihen. Bewegt sich der Sinngehalt der Überlieferung gar zu haarsträubend gegen Null, wird sich Gott wohl metaphorisch geäußert haben.

Nach dieser Einleitung schlage ich nun (endlich) vor, das Idyll in unserer Kindheit und genauer in unserem, von Plüschgetier besetztem Kinderzimmer zu verorten. Unser Traum vom Paradies, den sich wiederum die Religionen unter den Nagel gerissen haben, steht diesem Idyll nicht fern, war aber noch mit einer Schlange und einem nacktem Menschpaar aus Fleisch und Blut ausgestattet und ist dergestalt von stammesgeschichtlich älterer Abstammung. Das Idyll war also immer. Es ist im Laufe unseres Lebens verloren gegangen und keine Utopie (und wird sie mit noch so vielen blutigen Opfern zu erreichen versucht) kann es heute mehr glaubhaft als Perspektive in die Zukunft projizieren.
Es hilft nichts, wenn wir das Idealbild unseres Kindheitsidylls schon an dieser Stelle relativieren. Es ändert nichts an ihm: Es meint die Sehnsucht nach einer verlorenen Einheit, die ob der demaskierenden Tatsachen nicht erlischt.
Das Plüschtier nun figuriert sozusagen als Tempelwachter an der Pforte zum Kinderzimmer(-Idyll) und in dieser Funktion tritt es uns auch zum ersten Mal in seiner Ambivalenz entgegen: als Verlockung und als Zerberus. Doch so weit sind wir noch nicht.

Der Weg zurück führt über die Regression und damit ist er gefahrvoll, wenn man ihn nicht aufmerksam beschreitet. Die Zulässigkeit einer Regression mit allen damit verbundenen Fantasien wiederum – so meine riskante These – hangt mit dem Maß ihrer Bewusstmachung zusammen. Das heißt, werde ich durch den Sog der vermeintlich heilen Kindheit (die herrliche Freiheit der Ohnmächtigen!) angezogen, ohne das Ruder in der Hand zu behalten, werde ich im Strudel der Vergangenheit regredieren. Das Schiffchen des Lebens kennt nur eine Fahrtrichtung: Volle Kraft voraus! (Ebenfalls eine so kitschige, wie fantasielose Metapher.)

Und so gefahrvoll, wie jetzt der Weg zurück ist, so erschien er uns damals nach vorn: hinaus aus dem Kinderzimmer ins Leben!
Auch von dieser Seite kommend finden wir den Teddy an der Schwelle: doch diesmal nicht als Höllenhund, sondern als liebevollen Türhüter. Dieser sagt dem Kinde (und die Glasaugen glänzen), zwei bedeutsame Dinge: Wenn Du mich verlasst, werde ich schrecklich alleine sein! Und: Entziehst Du Dich meiner Umarmung, werden Dich die Monster fressen, die da draußen auf Dich warten! Zwei gute Grunde jedenfalls, unter der Bettdecke zu bleiben. Die erste Drohung verschleiert die eigenen Ängste des Kindes vor dem Verlassenwerden; die zweite die der Mutter, das eigene Fleisch und Blut loszulassen. Beide aber machen klar, was mit dem Schritt nach draußen einhergeht: Man wird die beschützende Liebe verlieren und der Weg zurück wird versperrt bleiben. Was allerdings dem armen Kinde das Leben zuruft, hat niemand klarer gesagt als C. G. Jung: Geh dorthin wo deine Angst ist. Und er sagt damit: Gehe über die Schwelle, geh in die Krise hinein, wo das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht gilt.

Wenn wir von der Ambivalenz des Teddybaren sprechen, sprechen wir unweigerlich von der Ambivalenz der Grenzerfahrungen unserer Kindheit. Wir sehen die Geborgenheit und wir sehen die Entwicklungshemmung in der Umarmung der Mutter in unserer Kindheit. Wir sehen die Verheißungen zur Rückkehr in das verlorene und vermeintliche Paradies der Kindheit und wir sehen die Widernatürlichkeit der Reiserichtung. Mit einem Wort, wir sehen das Plüschtier in seinen Bedeutungen für uns: einmal als Totem und Schutztier und einmal als Monster und Höllenhund. Wir verstehen unsere Ambivalenz dem Idyll gegenuber.
Vielleicht ist an dieser Stelle klar geworden, warum wir vom Teddybaren und seiner idyllischen Lebenswelt als Metapher ausgegangen sind, ohne die Tatsachen allzu ernst zu nehmen.

Wie wir gesehen haben, besitzen Dinge an sich keine Bedeutung, außer der, welche wir ihnen verleihen. Das widerspricht nur scheinbar den Thesen von Jean Piaget, der Kleinkinder als absolute Realisten bezeichnet, welche durch ihr Unvermögen außen und innen zu unterscheiden, den Dingen eine geradezu magische Bedeutung beimessen [2].
Das Kleinkind sieht die Welt nicht egoistisch, es ist sozusagen tatsachlich eins mit ihr. Einem Kinde, welchem der Schutz des Plüschtiers nicht zuteil wurde, kann also dessen Funktion durchaus in ein anderes Ding projizieren. Das großäugige, warme, weiche und geduldige Stoffwesen schafft es allerdings, sich besonders gut in das kindliche Universum einzukuscheln. Als verkleinertes Abbild seiner selbst wird es zum idealen Gefährten. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Animation der Mutter, es als solches anzunehmen, dazu notwendig ist.

Wenn wir über die Bedeutung von Worten nachdenken, so tun wir nichts anderes, als nach den Symbolen suchen, welche hinter den Worten stehen und die Schlüssel zu unserer emotionalen und bildhaften Erfahrungswelt sind.
Bevor wir uns aber zu weit in unsichere Gewässer hinaus wagen, eine abschließende Bemerkung zum Massenphänomen der Plüschverehrung, wenn wir annehmen wollen, dass die Hinwendung zum Kitsch ein solches ist. (Über die Freudsche anale Ausdeutung der Sammelleidenschaft wollen wir an dieser Stelle schweigen.)

Luc Ciompi und Elke Endert [3] haben gezeigt, dass Massenverhalten in seiner Emotionalität und Irrationalität mit dem Verhalten von Kleinkindern zu vergleichen ist. Beiden ist es unmöglich, langfristig zu planen und auf kurzfristigen Lustgewinn zu verzichten. Dass dies ein bedenkliches Bild von einem Gesellschaftssystem wie dem der Demokratie zeichnet, sei nur nebenbei bemerkt. Wir können also das in der Massendynamik entstehenden Wir-Gefühl mit guten Grund kindlichen Emotionen gleichsetzen. Die Affinität zu allem, was kitschig ist (d.h. als bekannt gilt und damit gefahrlos ist), vermag somit nicht zu überraschen. Ebenso wenig überrascht leider auch seine andere Seite: die der kindlich unzensierten und unkontrollierten Grausamkeit. Wenn der legitime Teddybär des Erwachsenen – der Gartenzwerg – erwacht, rollen die Kopfe.

[1] Siehe zum Begriff der Metapher Arnold Retzer, Passagen, Stuttgart 2002, sowie die Buchbesprechung in diesem Heft.
[2] Jean Piaget, Das Weltbild des Kindes, Paris 1926
[3] Luc Ciompi/Elke Endert Gefühle machen Geschichte – Die Wirkung kollektiver Emotionen, Göttingen 2011.

Peter Kaiser
Geb.1968, gelernter und langjähriger Buchhändler. Interessiert sich für viele Dinge. Schreibt gerne für das etcetera und ist selbstständig in St. Polten tätig.

LitGes, etcetera 48/ Teddy/ Oktober 2012

 
49/Teddy/Essay: Grüße aus der Baker Street 221. Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
Grüße aus der Baker Street 221
Ein Sherlock Holmes-Special zum 125 Jahr-Jubiläum

Auch wenn es mit Teddybaren nichts zu tun hat: Ein weiteres Jubiläum können und wollen wir einfach nicht an uns vorüber gehen lassen. Nämlich die 125. Wiederkehr des ersten literarischen Auftritts des wohl bekanntesten Detektivs der Welt, Sherlock Holmes – und natürlich der seines treuen Begleiters Dr. John H(amish) Watson. Beide erblickten 1887 im Rahmen der von Arthur Conan Doyle verfassten Geschichte „Eine Studie in Scharlachrot“ („A Study in Scarlet“) das Licht der von Gaslaternen schummrig erhellten Welt. Und obwohl Doyle Holmes im Laufe der Zeit sogar einmal sterben lassen wollte (ein Unterfangen, das er ein paar Jahre später tunlichst relativierte), erfreut sich der „beratende Detektiv“ aus der Baker Street 221B auch im 21. Jahrhundert bester Gesundheit und einer Popularität, die derzeit nicht zuletzt dank „apokrypher“ Erzählungen sowie diverser Kino- und TV-Produktionen einen neuen Hohepunkt erreicht hat.

Grund genug für etcetera, einen Toast auf die Deerhunter-Mütze tragende und Pfeife rauchende Ikone der Literatur und (Pop)Kultur anzubringen.

Der österreichische Schriftsteller und Holmes-Kenner J. J. Preyer hat uns zu diesem Zweck eine sich in Wien (!) abspielende Holmes-Geschichte überlassen und gewährt uns im nachfolgenden Interview einen Einblick in die Faszination, die die Gestalt Sherlock Holmes auch heute noch ausübt.

Wer übrigens mehr zu Holmes, Watson, der Baker Street, Conan Doyle etc. wissen möchte, dem sei als Ansprechpartner die deutsche Sherlock Holmes-Gesellschaft ans Herz gelegt.

Unter www.sherlock-holmes-gesellschaft.de erreichen Sie diese im Web. Es ist übrigens auch eine Österreich-Dependance geplant, die (möglicherweise schon zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses etcetera) demnächst unter www.sherlock-holmes-gesellschaft.at an den Start gehen wird.
„Das Spiel kann beginnen!“, wie es Mr. Holmes selbst ausdrücken wurde.
Aber lesen Sie selbst!

Thomas Fröhlich
Geboren 1963. Lebt in St. Polten und Wien. Wissenschaftlicher Bibliothekar, Autor, Kolumnist & Essayist, Herausgeber und Veranstalter von literarischen und nicht ganz so literarischen Events. Letzte Buchveröffentlichung: Das Buch der lebenden Toten, Hrsg. EVOLVER BOOKS, 2010.

LitGes, etcetera 48/ Teddy/ Oktober 2012

 
49/Teddy/Prosa: Fabelhafte Verhältnisse. Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen
Fabelhafte Verhältnisse

Aber eine Armee von Gespenstern beansprucht seine Schuhe.
(Jacques Derrida: Die Wahrheit in der Malerei)

Die eigentlich lähmende Ruhe eines Feiertags und eine auf einem grellbunten Plakat beworbene Attraktion treibt Dich aus Deinem gemütlichen Zimmer, es zieht Dich förmlich auf die Straße, weg von Deiner verlotterten Polizeistation, die Du vor weniger als einem Monat in desolatem Zustand vorgefunden und nach Durchführung der notwendigsten Reparaturen übernommen hast. Du machst einen kurzen Halt beim städtischen Postamt und gibst eine der gefälschten Ansichtskarten auf, die eigentlich eine chiffrierte Nachricht an Deine Dir übergeordnete Dienststelle ist. Adressiert ist das kleine, nachlässig bedruckte Kartonrechteck an Leute, die Du kaum kennst, wie könnte es auch anders sein. In einer Ecke des Amts, unweit des Schalters, lungern ein paar Einheimische, die sich wohl schon vor ihrem Besuch des sich angekündigten Jahrmarkts, ein selten zu sehendes Spektakel in dieser Gegend, das, neben anderen Dingen, eben auch Deine Hoffnung auf billige Ablenkung in diesen tristen Tagen unerfreulicher Ermittlungen geweckt hat, ein wenig mit Fusel betrinken wollen, wohl auch, um Zeit und Geld bei den später erhofften Vergnügungen einzusparen. Einer von ihnen stößt eine Flasche um und Du musst, ganz gegen Deinen eigentlich vorhandenen Vorsatz, Dich bei solchen Geräuschen nicht mehr ruckartig nach deren Quelle umzudrehen, aufschauen, Dir ein Bild machen, wie immer, wenn ein Glas, ein Teller zu Boden fällt oder ein morsch gewordener Stuhl unter dem Gewicht eines Gastes zu Bruch geht. Du betrachtest die sorglosen Gäste, ihre geröteten Nasen und suchst unter ihnen nach Gesichtern, die Dir zumindest entfernt vertraut erscheinen, horchst möglichst genau auf das Geraune ihrer leisen Stimmen.

Du musst Dich sehr konzentrieren um weder aufzufallen noch enttarnt zu werden. Auch das könntest Du  alles verlernen, alles kann wieder verlernt werden. Die einzige natürliche Fertigkeit, die man für Deine eigentliche, vor allen verheimlichte Arbeit je mitbringen musste, war und ist das Lügen. Zivilisatorische Normen kann man ablegen, Regel für Regel, der eigentliche Akt des Tötens geht schneller als erwartet wie von selbst von der sprichwörtlichen Hand. Du hast diese Gabe in Dir entdeckt, auch wenn Du es Dir vorerst kaum zugetraut hattest. Man gewöhnt sich im Laufe der Zeit daran, bis besagte Fähigkeit zum wesentlichsten Teil der eigenen Person geworden ist. Du hast zugesehen, wie es passiert ist. Du hast zugelassen, dass die anderen Teile Deiner Identität davon verdrängt oder gar aufgesaugt wurden. Die Dir immer noch innewohnende Unwilligkeit gegen Deine heimliche Tätigkeit, der sich immer seltener regende Widerstand gegen Dein tödliches Spezialistentum, verschwand unter einem Pflichtbewusstsein, das Du schon länger nicht mehr hinterfragt hast. Um ein Diener des Kombinats zu sein, insbesondere in Zeiten wie diesen, muss man kühl und bedacht sein. Es gilt, zwischen den notwendigen Taten und dem Einsatz der verfügbaren Mittel, zu balancieren, dem zu erhaltenden System, den Werten, für die es angeblich einsteht, und dem erzwungenen Frieden, den es angeblich bedeutet, zuzuarbeiten.

Dass dieses System immer mehr Risse bekommen hat, dass der vermeintliche Friede in offenen Krieg umgeschlagen war, hatte Dich erst zu interessieren begonnen, als es unvermeidlich geworden war. Doch auch dann hat Dein Engagement, hat es auch Dein Gewissen etwas erleichtert, Deine Situation nicht verbessert. Dein Aufenthalt in dieser elenden Kleinstadt in der östlichsten Provinz des Reichs hat nicht unwesentlich mit Deinen lange Zeit unwidersprochen durchgeführten Arbeiten und Deinem einzigen, kurzen Widerspruch zu einem besonders ungünstigen Moment zu tun. Davon wird an anderer Stelle mehr zu lesen sein, jetzt musst Du Dich auf den Jahrmarkt, diese von Dir eigentlich seit Kindertagen zutiefst verachtete und als minder eingestufte Unterhaltungsform, einstellen. Doch hier wird die Stadtbevölkerung versammelt sein, hier wirst Du etwas lernen können, schneller und effektiver. Hier wirst Du ihnen außerdem eine Lektion erteilen können, ganz nebenbei und Du wirst, wenn Du Glück hast und Dich geschickt anstellst, ein paar der Wölfe enttarnen, die unter diesen von Dir verabscheuten Schafen noch immer unbehelligt leben. Sie und Du, das wird Dir hier in der Enge des Postamts wieder deutlich, ihr seid nicht von der gleichen Art.

Die Buden und kleinen Hütten des Jahrmarkts sind auf einem weitläufigen Platz und einem angrenzenden, unbetonierten Feld, das am nahen Waldrand entlang verläuft, aufgebaut worden, ganz einer kleinen Stadt gleichend, die sich inmitten einer größeren entfaltet und ihre ungewöhnliche Belagerung gleich inmitten der Mauern der einzunehmenden Siedlung begonnen hat. Die papierenen Ankündigungen, die billigen Plakate mit ihrer Unausgewogenheit in Typografie und Bild haben nichts versprochen, was hier nicht geboten wird. Die durch das Kombinatsgebiet wandernden Schausteller haben flink ihr Reich aufgeschlagen, das nur eine Nacht währen soll und nichts zurücklassen wird außer Müll, schweren Köpfen und leeren Börsen. Die Stadtbewohner drängen sich an Dir vorbei, während Du zwischen den Buden scheinbar planlos herumläufst, getragen von einer oberflächlichen Begeisterung, die fast darüber hinwegtäuscht, dass sie nur hier sind, weil es eben nichts anderes zu tun gibt. Du beobachtest, wie sie kleine Münzen für billigen Tand und schlecht zubereitete Speisen ausgeben, wie sie aus der bunten Vielzahl exotischer alkoholischer Getränke wählen. Du spürst ihre Enttäuschung, die sie sich gegenseitig nicht eingestehen wollen, Du erhaschst einen Blick auf ihre Neugier, auf ihren unleugbar vorhandenen Wunsch nach etwas Echtem in all diesen Fälschungen und Repliken. Wie wenig sie das Tatsächliche aber erkennen könnten, wird Dir mit jedem gemachten Schritt und mit jeder registrierten Geste bewusster. Nicht nur, dass ihnen offensichtlich die Fähigkeiten zur Unterscheidung fehlen, wollen sie trotz ihres ihnen vielleicht selbst nicht ganz klaren Verlangens nach etwas Echtem, doch vor allem Neues oder Vertrautes in noch unvertrauter Gestalt sehen. So wie sie sonst zu den öffentlichen Hinrichtungen und Schauspielen der Macht des Kombinats strömen, vor allem, so musst Du annehmen, um sich selbst in ihren Rollen und Funktionen, in ihrer sich selbst zugeschriebenen Wichtigkeit bestätigt zu wissen, treiben sie sich nun auf dem Jahrmarktsgelände herum. Aus dem Gewirr ihrer Stimmen filterst Du die wichtigsten Sätze und Wörter heraus, hörst auf die hoffentlich wesentlichen Dinge.

Du blendest den dumpfen Rest aus, schiebst ihn im Geiste wie bei einer Turnübung beiseite, versetzt große akustische Blöcke an den Rand Deiner Gedankengänge, bis nur noch die zentralen Elemente übrig bleiben. Zwischen diesen rot visualisierten Linien musst Du navigieren, Du musst Dich bewegen und so agieren, dass man Dir Dein Geschick möglichst noch nicht ansieht. Du kannst darauf vertrauen, dass Deine Oberfläche durch und durch grau ist, so unlesbar und langweilig wie nur möglich. Die Bewohner lärmen zwischen den Ständen, prosten einander zu, wippen und tanzen zur Musik und wagen einen Blick in die exotischen Tanzvorstellungen. Eher hilflos versuchen sie sich an den mobilen Spielautomaten und Schießbuden. Das blecherne Knallen der billigen Scheibengewehre lässt Dich innehalten.

Hier, an einer der größeren Buden, steht eine Handvoll Väter, umringt von ihren schlecht gekleideten Kindern, hantieren hilflos und recht plump mit den luftdruckbetriebenen Waffen, die in ihren groben Händen erst recht wie Spielzeug wirken. Du näherst Dich langsam und möglichst lautlos weiter an, als müsstest Du Dich anpirschen, um Deine Beute nicht zu verschrecken. Die Erwachsenen erwerben, begleitet vom Gekreische der Kinder, die ihren Eltern kaum bis an die Hüfte reichen, Runde um Runde Munition und verfehlen, begleitet von den hämischen Blicken und Bemerkungen des Budenbesitzers, wieder und wieder die beweglichen Ziele. Die wenigen Glückstreffer die sie landen, reichen einfach nicht aus, um einen der ausgestellten Preise, selbst noch den kleinsten untern ihnen, zu gewinnen. Überraschend wohlgeordnet stehen die Kunststoffeisenbahnen und schlecht vernähten Stofftiere neben billigen Puppen in glitzernden Gewändern. Sie verharren unbeeindruckt von den zahllosen Kleinstgeschossen, die in die hölzerne Rückwand der Schießbude einschlagen. Nun stehst Du neben den Vätern, gibst Dich möglichst unbeteiligt, während die Kinder ringsum immer ungeduldiger werden oder sich bereits gelangweilt und enttäuscht abwenden. Die Männer mit ihren Gewehren agieren immer verzweifelter und ordern unter den tadelnden Blicken sich nähernder Frauen – unter ihnen vermutest Du richtigerweise auch einige der dazugehörigen Mütter – weitere Getränke und neue Munition. Dies scheint Dir eine gute Möglichkeit, etwas zu demonstrieren, Deine Überlegenheit deutlich und unübersehbar auszustellen.

Du möchtest die Stadtbewohner, denen Du trotz Deiner Einschränkungen immer noch weit überlegen bist, vor den Kopf stoßen. Ganz entgegen Deiner sonstigen Vorsicht willst Du für wenige Momente etwas von Deiner wahren Natur und Bestimmung erkennen lassen. Du möchtest den Anwesenden Angst einflößen, sie weniger beeindrucken als vielmehr einschüchtern, Du möchtest eine wirksame Geschichte über Dich stiften. Du weißt, wie das funktioniert, auch dafür wurdest Du hervorragend ausgebildet und vorbereitet. Du nickst dem Besitzer zu und legst ein großes Goldstück auf die abgegriffene Holzauflage. Damit hättest Du die Preise auch einfach kaufen können, aber Du wählst einen anderen Weg. Das Gewehr ist für Deinen Geschmack viel zu leicht und Du verschießt die beiden ersten Kugeln, dann aber triffst Du alle weiteren sich bietenden Ziele. Du denkst nicht, während Du das tust, Du agierst einfach. Aus den Preisen wählst Du einige gleich aussehende Stoffbären und verteilst sie an die Kinder. Die umherstehenden Leute nicken Dir zu, aber keiner sagt ein Wort des Dankes. Du hast es Dir nicht anders erwartet und dem Budenbesitzer ist die Szene offensichtlich vollkommen egal. Er ist mehr als nur gut bezahlt worden und wohl auch froh, einige der angestaubten Trophäen endlich losgeworden zu sein.

Dann gehst Du einfach weiter, passierst andere Attraktionen und schnappst weitere Gesprächsfetzen auf. Du gehst nun in einem größeren Bogen den Jahrmarkt ab und abseits der Menge, im äußersten Bereich findest Du zu Deiner großen Überraschung neben all den gefälschten Attraktionen einen echten Bären ausgestellt. Das Tier liegt ruhig in dem schmutzigen Käfig, dessen Boden mit Stroh ausgelegt ist. Du kannst immer noch deutlich die Anschlüsse und technischen Applikationen sehen, die an ihm angebracht wurden. Dieser Bär ist wirklich eine Besonderheit, eine Rarität. Du weißt, was das für ein Tier ist. Kurz bevor die Eisenmänner im Krieg gegen das Kombinat endgültig die Oberhand gewannen, hatte man versucht, aus den umfangreichen Menagerien wilder Tiere Teile der regulären Truppe zu machen. Mit Abscheu denkst Du daran, wie die Technikerkaste die Zoos in Labore verwandelten. Aus den Massenunterhalten und Schaukämpfen, bei denen Bären wie dieser häufig zu sehen waren, wurde der Ernst eines immer sinnloser werdenden, nicht enden wollenden Konflikts.

Du hast den Einsatz dieser Tiere miterlebt, warst, so wie alle anderen auch, erst skeptisch und dann doch sehr erstaunt über ihre Durchschlagskraft und Leistungsfähigkeit. Diese entfremdeten, programmierten Wesen schienen in ihrer erschreckenden Kombination aus Natürlichkeit und Künstlichkeit in der Lage zu sein, das Blatt zugunsten des Kombinats zu wenden. Doch dann begannen die Ausfälle, das Fehlverhalten und die unvorhergesehene Raserei. Du hast aus unmittelbarer Nähe erlebt, wie Bären oder Löwen plötzlich die eigenen Soldaten und Tierführerinnen anfielen, mitten im Kampf erstarrten oder ohne auf den ersten Blick ersichtlichen Grund leblos zu Boden sanken. Nach einer kurzen Phase der unberechtigten Hoffnung kostete dieses erbärmliche Experiment, dem Du niemals zugestimmt hättest, mehr Verluste eigener Einheiten als zu erwarten gewesen waren. Ganze Armeeteile verschwanden in den sich ausdehnenden Schlachtfeldern, Gerüchte und Schauergeschichten ersetzten Fakten und Aufstellungen. Als die Fertigung tierischer Soldaten schließlich auf direkte Weisung  der Tyranninnen eingestellt und die Kliniken abgebaut wurden, war es schon längst zu spät. In einer offiziellen Verlautbarung, die eigentlich von Stärke zeugen sollte und doch nur die Hilflosigkeit des Oberkommandos unterstrich, wurden die verbliebenen modifizierten Tiere, die man zuvor dem Gesetz unterstellt hatte, geächtet. Mit dem Gesetz und dem Verbrechen beginnt die Menschlichkeit, hier haben die Gesellschaft und ihre Spiele ihren Ursprung.

Mit den Gesetzen, die man nun wirksam werden ließ, sollte eine Grenze zu den Tieren gezogen werden, aber eben nicht zu den Bestien, derer man sich bedient hatte. In der Folge wurden manche der Tiere, die noch in den Einheiten zu finden waren, von den eigenen Leuten erschlagen oder in sinnlosen Gefechten geopfert. Man wollte sie, um dem Gesetz zu entsprechen, möglichst schnell loswerden.

Manche verschwanden gewiss in den Wirren zu Beginn der letzten, immer noch andauernden Kriegsphase und Du hattest bis zu diesem Augenblick einfach angenommen, dass sie schließlich alle umgekommen waren. Der Blick des Bären, der Deine Anwesenheit bemerkt hat, ist von beeindruckender Ruhe. Eines seiner Augen schimmert milchig und sein pelziger Körper ist von deutlich sichtbaren Narben überzogen. Der unweit des Käfigs auf dem Boden vor sich hindämmernde Besitzer, mit seinem am Gürtel befestigten, aufdringlich großen Schlüsselbund, hat das Tier offensichtlich sehr schlecht behandelt. Du empfindest Mitleid mit diesem Tier, diesem einzig authentischen Ausstellungsstück unter all den billigen Vergnügungen. Wie um dieses für Dich so ungewohnte Gefühl noch zu unterstreichen berührst Du beinahe unbewusst die Anschlüsse und Ersatzteile an Deinem eigenen Körper, die metallenen Schnittstellen an Deinen Unterarmen und Deinem Brustkorb.

Einem Impuls folgend trittst Du näher an den Käfig heran und ohne weiter auf den Besitzer zu achten, öffnest Du die Käfigtüre. In diesem wilden, geschundenen Körper lauert noch eine letzte Tat. Der Bär hebt ruckartig seinen Kopf, doch Du wartest noch kurz ab, bevor Du nach einem Moment stillen Einverständnisses zwischen euch schnell den Weg zur Polizeistation einschlägst. Du blickst Dich nur einmal nach dem Tier um, das sich wie ein Leichnam, der sich weigert, tot zu bleiben, erhebt. Noch bevor Du wieder an der Station eintriffst, kannst Du die Schreie hören. Ruhig und bedacht entriegelst Du mit Deiner Schlüsselkarte den Waffenschrank und entnimmst ihm eine große Handkanone und mehrere Projektile. Du stellst ohne Hast den Gurt auf Deine Körpermaße ein, es ist schon länger her, dass Du eine dieser großkalibrigen Waffen verwendet hast, doch Deine Hände wandern wie von selbst über die mattgraue stählerne Oberfläche des wenig eleganten Mechanismus, über die Riegel und Einstellungsregler für Feuerfrequenz und Reichweite. Du lädst die Waffe und trittst nach draußen, gehst ohne besondere Eile zurück zum Jahrmarkt und passierst ihn in Richtung des Waldes. Es ist bedrohlich still geworden, die Schausteller bauen flink und verbissen ihre Buden ab, ein paar menschliche Körper liegen wie zufällig herum, die Bewohner sind zwischenzeitlich zu ihren Häusern zurückgekehrt. Du wolltest nun ohnehin kein Publikum mehr. Du wirst den Bären, ganz wie Du es Dir erwartet hast, ruhig auf einer Lichtung, die Dir schon vertraut ist, sitzend vorfinden, seinen ehemaligen Besitzer zerfetzt neben sich auf dem Boden. Der unvermeidliche Rest wird sich wie Routine anfühlen, traurig und kaum den Akteneintrag wert, den Du später dazu schreiben und auf eine der Ansichtskarten übertragen wirst.

Thomas Ballhausen
Geb. 1975 in Wien, Autor, Film- und Literaturwissenschaftler. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie an der Universität Wien. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Filmarchiv Austria, Lehrbeauftragter an der Universität Wien, Mitarbeiter zahlreicher internationaler Forschungsprojekte. Literarische, essayistische und wissenschaftliche Publikationen. Veröffentlichungen u.a.: „Delirium und Ekstase". „Die Aktualität des Monströsen", 2008 und „Bewegungsmelder", 2010.

LitGes, etcetera 48/ Teddy/ Oktober 2012

 
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