Johannes Wilhelm: Retrospektive Fukushima. Marie-Therese Goiser
 
Johannes Wilhelm
© Johannes Wilhelm
 

Johannes Wilhelm
Retrospektive Fukushima
Literatur, Journalismus und Kommunikation in der Krise

Im Gespräch mit Dr. Johannes Wilhelm über die Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe vom 11. März 2011 auf Literatur, Journalismus, Erinnerung und Kommunikation Marie-Therese Goiser.

Am 11. März 2011 wurde das AKW Fukushima Daiichi durch ein schweres Erdbeben und einen Tsunami zerstört. Eine Katastrophe, die eine Kernschmelze und das austreten radioaktiven Materials sowie eine großflächige Zerstörung zur Folge hatte. Die Literatur wurde von diesem tragischen Ereignis gleichermaßen erschüttert. Nach der Tsunami-Welle überrannten zahlreiche Berichte das Land. In kurzer Zeit entstand ein reger literarischer Informations- und Erfahrungsaustausch.
Dr. Wilhelm, Sie haben die Ereignisse in Japan zu dieser Zeit beobachtet und im Internet und in Vorträgen kommentiert. Was können Sie uns zu dieser Entwicklung erzählen?

Die Katastrophe war stark vom Informationsaustausch im Internet geprägt. Es war eine Zeit, in der innerhalb eines halben Jahres, das Twittern in Japan sehr „in“ geworden ist. Sodass die Leute einerseits, wo sie konnten, versuchten Nachrichten zu senden, obwohl die Stromversorgung teilweise bis Juni gestoppt war, und andererseits gab es die Möglichkeit durch sumahos (“Smartphones”) oder Handys zu twittern. Dabei handelte es sich um ganz verschiedene Leute, vor allem Politiker, aber auch Leute, die vor Ort waren wie Journalisten, Teiljournalisten, die auch nachher bei Pressekonferenzen teilnahmen wie z.B. von TEPCO. Twitter wurde aber besonders unmittelbar nach der Katastrophe benutzt, um Hilfe zu rufen. Das Internet lieferte aber auch andere Möglichkeiten sich auszudrücken.

Können Sie Beispiele für die unterschiedliche Nutzungdes Internets nennen?

Ein bekanntes Beispiel ist der Bürgermeister Sakurai aus Minamisoya, der einen Aufruf auf YouTube stellte, weil ihn die Medien nicht gehört hatten. Das lag möglicherweise nicht an den Medien, sondern an der Lage, weil die Pressekonferenzen nur in Tôkyô stattfanden. Journalisten durften das Gebiet um das AKW nicht betreten und Minamisoya lag genau dort. Es gab auch einen Fotographen in Japan, der sehr oft in Tschernobyl fotografiert hatte, Hirokawa Kôichi. Er schaltete sich über seine Zeitschrift “Days Japan” ein. Diese Zeitschrift hatte zum ersten Jahrestag 2012 eine Liste von Twitter und anderen Informationsquellen von den ersten drei oder vier Tagen nach der Katastrophe zusammengestellt.
Ein Bekannter, Akao Mitsuharu, begann Aphorismen zu schreiben und per Twitter zu verbreiten. Über einige Zeit entstanden drei umfangreiche Sammlungen, die bei togetter zusammengefasst wurden.

Wie wichtig war der Bevölkerung die politische Message in den Twitternachrichten oder in der Presse?

Eine politische Message gab es kaum. Ein mir bekannter Journalist in Sendai ist Chef einer großen regionalen Fernsehanstalt. Er hat mir erzählt, dass das Berichten sehr schwer war. Aus zwei Gründen: In den ersten Tagen kamen 1.200 Journalisten aus ganz Japan nach Sendai, um von der Katastrophe berichten zu können. In der nächstliegenden Millionenstadt Sendai, wo die Journalisten zusammenkamen, gab es zu dieser Zeit weder Strom noch Gas. In der Fernsehstation war ein Dieselgenerator, aber kein Diesel vorhanden. Später bekam man Diesel von den Selbstverteidigungsstreitkräften, aber die Leute standen an den Tankstellen, weil sie Benzin brauchten und es in Japan kaum Privatautos mit Dieselantrieb gibt. Ein Weißkohlkopf kostete normalerweise in Sendai max. 200 Yen, unter den Umständen dazumal jedoch 500 bis 600 Yen. Da man nun aber 1.200 Journalisten zu verpflegen hatte, und alle Hotels geschlossen waren, stellte das die Leute in der Zentrale der Regionalrundfunkanstalt vor riesige, logistische Probleme. Vor allem aber nutzten die Journalisten aus der betroffenen Region, Sendai als erste Anlaufstelle. Die meisten sind nach ein paar Wochen oder Monaten weiter- oder weggezogen.

Wie konnte dann überhaupt Journalismus in dem von der Katastrophe betroffenen Gegend betrieben werden?

Die Selbstverteidigungsstreitkräfte haben zwar schon sehr früh Wege freigemacht, aber man war vorerst auf dieses Basislager angewiesen. Die Anlaufstellen für freiwillige Helfer und Journalisten waren neben Sendai noch Tome, nördlich von Ishinomaki, oder Tôno weiter im Norden. Unmittelbar nach der Katastrophe flohen viele ausländische Medien wegen der Strahlenangst nach Kansai (Osaka, Kyoto). Entsprechend waren diese Leute auch auf die Nuklearkatastrophe fixiert, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Katastrophe in Europa bis heute als Nuklearkatastrophe wahrgenommen wird. Nur wenige, wie zum Beispiel Ariane Reimer, versuchten von den Blick auf die vom Tsunami zerstörten Gebiete zu lenken. Für ihre eindringlichen Berichte aus dem Norden Japans erhielt sie 2011 den Förderpreis im Rahmen der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus. In den japanischen Medien wiederum wurden Bilder von Zivilisten zur Wahrung ihrer Privatsphäre nach und nach retuschiert, damit man die Gesichter der Betroffenen nicht erkennen konnte. Auch das oft durch die Medien vermittelte Bild der stoischen Japaner, die brav anstanden und ihr Schicksal hinnahmen, stimmt so nicht. Bekannt ist der Fall einer Tochter eines Juwelierhändlers, die gerade ihre Verlobung feierte und deswegen teure Ringe trug. Als man ihre Leiche fand, fehlten ihr die Finger... Es gab wohl auch regelrecht geplante Diebeszüge, gerade im Hafenbereich von Sendai, wo bereits in der Nacht des 11. März 2011 Leute mit Lastwägen nachts an  den Hafen fuhren, um dann mit Gummiboten die ganzenzweiten Stöcke der Kaufhäuser abzugrasen. Darüber wurde aber Stillschweigen unter den Journalisten ausgemacht, um mögliche Massaker oder Aufstände zu vermeiden, wie mir ein Gewährsmann berichtete. Aber als ich Japan im Juli 2011 besuchte, wurden die Leute nach ein paar Bier lockerer und erzählten von ihren unmittelbaren Erlebnissen, z.B. in einem Hochhaus in Sendai oder mitten in den Wellen auf einem Dach an der Küste. Im September 2012 in den Notunterkünften waren die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke noch immer Hauptgesprächsthema beim morgendlichen Tee. Doch die Geschichten hatten sich mittlerweile zu überpersönlichen Geschichten entwickelt. Die Erfahrungen sind sicherlich vorerst körperlich, dann drücken sie auf die Seele. Man beginnt sie zu interpretieren, einzuordnen. Dann geschehen eben solche Dinge wie, einerseits Vorfälle zu vergessen, also Amnesie, und andererseits Übertragungen von Erzähltem. Wobei hier auch interessant ist, wie man sein Wissen teilt, als Mitglied einer Familie, einer Gruppe von Schülern, einer Wohngruppe oder einer Gemeindeunterkunft, oder über Medien, Zeitungen und Internet.

Welche Literatur über die Katastrophe wird von der japanischen Bevölkerung bevorzugt? Seit der Katastrophe sind fiktive, non-fiktive, prosaische Texte usw. entstanden.

Ich denke, das kommt ganz auf die Zeit an. Unmittelbar nach der Katastrophe waren es Bildbände. Es waren in erster Linie Bilder von den größeren Zeitungsfirmen, weil die auch die Kapazitäten hatten, so etwas zu drucken. Nach und nach konnten dann auch kleinere Verlage in der Katastrophenregion Bildbände verfassen. Dann entstanden viele Gedichtbände über die Fukushima-Katastrophe und auch über die Tsunamikatastrophe selbst. Juli und August 2011 gab es in jeder Buchhandlung eine Ecke mit Literatur zur Katastrophe, wo in erster Linie Fotobände verkauft wurden, aber auch Atlanten von dem Katastrophengebiet. Im September 2012 dieses Jahres war ich dann wieder in diesen Buchhandlungen in Sendai und da fehlte diese Literatur. Möglicherweise hätte man noch etwas in größeren Buchhandlungen gefunden, aber in kleineren wurden nur noch lokale Bücher verkauft, die nur die Umgebung betrafen. Z.B.: “Unsere sechs Wandzeitungen” von der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe, die ediert und kommentiert vorlagen. Übrigens waren gerade diese Wandzeitungen, die vor Ort, wo Strom und teils auch Funknetze ausgefallen waren, die wichtigsten Medien im Katastrophengebiet, nicht aber unbedingt das Internet, wie oft angenommen wird.

Die Entstehung von fiktiven Geschichten war zeitlich viel später und wurde stark kritisiert. Wie lässt sich das erklären?

Einerseits geht es hier sicherlich darum, wie man mit Erinnerung umgeht, und das ist immer ein Problem beim Geschichtenerzählen. In Japan kommt gerade der Film The land of hope, im Original kibô no kuni, in die Kinos. Es handelt sich hierbei um einen halbfiktiven Film über eine Familie, die an der Grenze zum abgesperrten Gebiet lebt. Deren kleines Feld wurde dabei in ein radioaktiv verstrahlten und einen nicht-verstrahlten Bereich aufgeteilt, d.h. die Grenze verlief mittendrin. Der Film handelt von der Katastrophe und dem Leben der Familie, schlussendlich nimmt sich die Familie das Leben. Wohlgemerkt: Die reale Familie hat sich natürlich nicht wirklich umgebracht. Der Film wurde den Menschen, mit denen gearbeitet wurde, vor der Veröffentlichung gezeigt. Ich denke auch, dass in den nächsten Jahren diese Themen Akzeptanz finden werden, aber es gibt Zeiten, in denen bestimmte Geschichten erzählt werden können und es gibt aber auch Zeiten, in denen Geschichten wieder vergessen werden, oder sich auch als falsch herausstellen.
Es gab zum Beispiel auch einen Bericht über ein geheimes Atomwaffenlager unterhalb des AKWs Fukushima I. Die Geschichte wurde dann von einigen Verschwörungstheoretikern aufgegriffen, es kam zur Involvierung Chinas etc. Es bleibt die Frage, was wir als gegeben hinnehmen und was nicht. Zumindest kann man das Selbst-Gesehene als gegeben hinnehmen, weniger das Gehörte und Gelesene, und noch weniger vielleicht die eigene Vorstellung.
Interessant fand ich auch das Erlebnis eines Mitglieds der Hilfsgruppe Kayûshientai. Als am 11. März 2011 die Lichter ausgingen, verfiel ein Teil Japans in Dunkelheit. Einer der Mithelfer hatte gemeint, dass der Himmel in der Nacht sehr schön war. Weil die Stadt plötzlich so düster war und er noch nie zuvor in seinem Leben so viel Sterne gesehen hatte. Und dann erschien der Mond, auch er war sehr schön. Ein beeindruckendes Beispiel, wie Erinnerung sein kann.

Johannes H. Wilhelm
Geb. 1970 in Tôkyô. Dr. Wilhelm ist gegenwärtig als Lektor im Institut für Ostasienwissenshaften der Universität Wien tätig. Bereits lange vor der Katastrophe beschäftigte er sich mit der pazifischen Küstenbevölkerung, über die er auch seine Dissertation verfasst hat. Durch Recherchen und Besuche des Katastrophengebietes hat er sich ein großes Wissen über die Katastrophe angeeignet.
Zur Info: In drei Vitrinen und anhand von aufgehängten Bildern und Fotografien werden an der Japanologie der Universität Wien bis Anfang April 2013 Aspekte der Katastrophe ausgestellt. Durch die aufbereitete Literatur, Fotografien und Alltagsgegenständen kann man sich dort der Thematik nähern. Ab März soll auch eine kleine Ausstellung in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien gezeigt werden. Die Fotografien wurden mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck von Dr. Johannes Wilhelm zur Verfügung gestellt. Weitere Fotografien von ihm finden sich unter: http://picasaweb.google. com/hiraganaboy/

LitGes, etcetera 51/viel-leicht/ März 2013

 
Xenia Hausner: Von Literatur und den Frauen in der Kunst. Ingrid Reichel

Xenia Hausner
Von Literatur und den Frauen in der Kunst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Xenia Hausner im Atelier: Foto © Gerlad Y. Plattner, 2012  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Am 23. Oktober kam Xenia Hausner zur Eröffnung ihrer neuesten Ausstellung „ÜberLeben” ins Essl Museum Kunst der Gegenwart nach Klosterneuburg, NÖ. Nach der Pressekonferenz führte Ingrid Reichel ein Interview mit der österreichischen Künstlerin. Die Schau ist bis zum 20.01.2013 zu sehen. Die Kritik zur Ausstellung finden Sie auf www.litges.at.

Wenn ich Ihnen folgende klischeehafte These nenne „Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“, geben Sie mir Recht?

Auf dem ersten Blick ist dieser Satz auf jeden Fall richtig. Es ist die schnellste und unmittelbarste Botschaft, die geschickt werden kann. Im nächsten Schritt jedoch fragen Sie eigentlich die Falsche. Ich bin eine Leseratte, ich möchte nicht nur mit Bildern leben, ich möchte auch sehr gerne mit Worten leben, mit tausenden Worten. Aber in der Unmittelbarkeit und in der Schnelligkeit der Wahrnehmung ist das Bild direkter als das geschriebene Wort. Das ist eine traurige Wahrheit.

Welche Bücher lesen Sie?

Vor allem Romane. In meiner Arbeit fließen auch manche Bildtitel ein. Jedoch sind sie nicht eins zu eins mit den Ro- mantiteln verbunden wie Wem die Stunde schlägt (Ernest Hemingway). Oder in Pensée sauvage von Claude Lévi-Strauss, da ist im Bild ja nicht seine These zu sehen. Aber gerade in dieser Verballhornung liegt der literarische Reiz. Im Gegenteil, meine Bildtitel sind nicht deskriptiv. Aber ich lese sehr gerne. Gerade lese ich Landgericht von Ursula Krechel [1], vorher war ziemlich viel von Christian Kracht dran und als Hörbuch im Atelier „Canada“ von Richard Ford. Hörbücher sind beim Arbeiten sehr beliebt, weil die Modelle mithören können.

Kaum eine Künstlerin hat einen solch starken Bezug zur Theatralik wie Sie. In Ihrem Katalog „GlücksFall“ (Prestel Verlag, 2005) verwies Rainer Metzger auf dieses Phänomen mit der Laokoon-Debatte [2], dessen Streit um die Gattungsästhetik nicht zuletzt im Modernismus eine Radikalisierung durch den Kunstkritiker Irvin Babbitt (1911) erfuhr, der meinte, dass eine Vermengung der Künste nur eine verzweifelte Geste, die demnach Theatralik erziele, sei. Also Schuster bleib bei Deinen Leisten. Wie sehen Sie das?

Die ganze zeitgenössische Kunst ist geradezu gekennzeichnet von einer Vermengung der Künste. Das Schlagwort heißt „Interdisziplinär“ oder „Crossover“. Aber, wieso soll mich das betreffen? Ich mache kein Theater. Ich inszeniere mir, eigentlich müsste man sagen, ich rekonstruiere mir eine Situation im Atelier, aber nur zum Zweck der Malerei. Also ich bleibe bei meinen Leisten. An mir ist diese Aussage nicht abzuhandeln, da es keinen Selbstzweck gibt. Die rekonstruktiven Aufbauten im Atelier sind Utensilien, die dem Zweck dienen, das Bild herzustellen, münden in Malerei.

Sie sind vom Bühnenbild zur Malerei gelangt. Bei Francis Bacon [3] war es gerade umgekehrt. Er wollte seine Bilder, die auch bildnerische Inszenierungen waren, in Bühnenbild und Skulpturen umsetzen, kam aber nie dazu.

Aber er hat was anderes geschafft, das ist doch egal. Man tritt mit einer Idee an, aber es entwickelt sich etwas anderes und dann bleibt man dort hängen, weil es eben interessant ist und man es auch kann. Ich habe ja auch nicht vorgehabt, in die Malerei zu gehen. Aber ich bin dorthin gekommen. Bacon wollte Bildhauer werden und ist ein großartiger Maler geworden. Ist doch großartig.

Die Bühnenbildaktion ist jedoch in Ihrem Werk nicht zu leugnen.

Gut. Gerne... Es wird jetzt besonders hochgezwirbelt, weil ich voriges Jahr den Wiener Ringturm eingekleidet habe und jetzt die Rotunde im Essl Museum gestalte. Insofern gebe ich dem Affen Zucker. Dazwischen habe ich ein paar Kirchenfenster entworfen, die auch etwas mit Bühnenbild zu tun haben. Da geht’s bei den Glasflächen um Licht und Gegenlicht, um Transparenz oder Halbdunkel...

So bleibt es doch eine Kombination…

Wenn Sie darauf bestehen.

Nein, ich bestehe nicht darauf.

Ich würde es nicht so sehen. Vielmehr ist alles in den Dienst der Malerei gestellt. Hier mit der Installation in der Rotunde könnte man sagen, das ist ein Bühnenbild. Dann sage ich halt „ja“.

Warum kann man die Installation in der Rotunde nicht betreten?

Reicht es nicht sie anschauen? Warum soll sie betreten werden? Die Rotunde wird im Essl Museum oft betreten. Aber jetzt wird sie einmal nicht betreten. Jetzt wird sie angeschaut. Es gibt ja ein magisches Moment da drinnen. Und unten ist ein Lichtkasten montiert, daher gibt es keinen Zutritt. Außerdem, was wäre der Mehrwert, wenn Sie noch näher rangingen? Sie brauchen einen gewissen Abstand, um in die Gesamtsituation hineinzuschauen. Also ich möchte Sie bewusst fernhalten. Ich bin froh, dass Sie nicht ganz mit der Nase hinkönnen. Es wäre nicht verbessert. Sie hätten nicht mehr Erfahrungen oder Erlebnisse, Erkenntnisse durch das Betreten. Es ist auch so ein seltsamer Ansatz, dass man alles antatschen muss. Sie können ja den Stein angreifen. Gehen Sie hin, Sie können an ihm vorbeigehen... Diese Art, auf allen Skulpturen müssen Kinder darauf klettern können …

Aber sie trauen sich doch nicht. Oft gibt es Werke, die „angegriffen“ werden sollen. Es herrscht allgemeine Verunsicherung.

Zur Verinnerlichung eines Kunstwerks sollten die Augen reichen. Ich weiß nicht, warum alle Leute alles angreifen müssen.

Vielleicht kommt es vom Konsumverhalten?

Ja, vielleicht. Jedenfalls ist diese Installation gedacht, aus einem gewissen Abstand, als Gesamtes wahrgenommen zu werden. Insofern ist das der interessantere Blick.

In Ihrer Biografie steht, dass Sie das Studium des Bühnenbildes an der Akademie der Bildenden in Wien und an der Royal Academy of Dramatic Art in London absolviert haben. Letztere ist, soviel ich weiß, eine berühmte Schauspielschule. Haben Sie jemals damit geliebäugelt auch Schauspielerin zu werden?

Nein, die Royal Academy of Dramatic Art hat einen Bühnenbildzweig. Zu Schauspielen hätte mich damals richtig verschreckt, heute interessieren mich Schauspieler vor allem, weil sie interessante Modelle sind.

Könnten Sie sich dennoch vorstellen, dass Sie von der Malerei einmal weg- und zu einer echten Inszenierung übergehen oder zur Filmregie wechseln - Ihre Halb-Schwester Jessica ist nebenbei bemerkt Filmregisseurin? Auch Julian Schnabel [4] kommt von der Malerei und macht sich seit 1990 in diesem Metier einen Namen.

Durch Jessica ist das Thema in der Familie doch sehr gut abgedeckt. Ja, Schmetterling und Taucherglocke hat mir sehr gut gefallen, habe ich auch vorher gelesen. Ich finde es beachtlich, was Schnabel da vollbracht hat. Ich glaub’ ich mache hauptsächlich Sachen, die letztendlich in Malerei münden. Aber ich wickle gerne Gebäude ein, kleide etwas aus oder erfinde einen Raum. Räumliche Erfindungen interessieren mich. Und ich baue fataler Weise auch sehr gerne um, renoviere Häuser, ich habe so eine architektonische Ader.

Man wird also noch sehen, was sich noch alles in Xenia Hausner herauskristallisieren wird.

Naja…

Am Donnerstag (25.10.2012) wird dem ehemaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann anlässlich seines 75. Geburtstag das Dekret und der Ehrenring zur Ehrenmitgliedschaft des Burgtheaters überreicht. In diesem Rahmen wird auch Ihr Portrait von ihm enthüllt. 2005 haben Sie den österr. Präsidenten Heinz Fischer gemalt. Haben Sie ihn nach einem Foto gemalt, dass Sie erhalten haben?

Nein, ich habe das Foto gemacht. Ich fotografiere ja alle selber. Ich lasse mir doch kein Foto in die Hand drücken… Ich habe ihn fotografiert. Im Fall Fischer gab es jedoch eine Ausnahme, weil ich ihn nicht bei mir im Atelier gemalt habe. Aus organisatorischen Gründen, wegen Fischers schwierigem Stundenplan, war das nicht möglich. Ich habe mir am Ballhausplatz ein Atelier eingerichtet. Sie haben mir dort einen Raum freigeräumt, den ich vom Licht her gutgefunden habe. Es wurde eine Staffelei und alles, was ich für Wochen und Monate gebraucht habe, hineingetragen und da hatte er (Fischer) nur kurze Wege bis dorthin. So konnten wir auch mehr Sitzungen machen. Die Fotos sind reines Arbeitsmaterial.

Wenn Sie an einem Bild malen, arbeiten Sie im Akkord an anderen weiter?

Was heißt im Akkord? So ein großes Bild dauert naturgemäß länger als ein kleines. Aber ich male an mehreren Bildern gleichzeitig, weil es gar nicht anders geht.

In Ihren Gemälden sind vereinzelt auch männliche Akteure zu sehen, die scheinbar nur als Nebenrollen fungieren. Beinahe möchte man sagen, der Mann ist ein Accessoire der Frauenwelt. Wie sehen Sie das?

In meinem Leben ist der Mann eine zentrale Figur. Im Werk ist der Mann eher marginalisiert. Frauen sind halt irgendwie „kunstfähiger“.

Sie unterrichten an der Sommerakademie Traunkirchen, auf deren Homepage findet man unter Ihrem Kursangebot einen Link zu Frauen ohne Grenzen. Dort gelangt man zu einem Artikel zum Intern. Weltfrauentag 2009. Der Beitrag wurde von Edit Schlaffer unter dem Titel „Der Internationale Frauentag: Nichts zu feiern!“ geschrieben. Daneben erscheinen Ihre Werke. Inwieweit sind Sie da engagiert? Auch bezüglich der Frauenemanzipation.

Ja, Edit Schlaffer ist die Chairwoman (Vorsitzende) der NGO. Mein Statement hierzu ist: Ich bin dafür! Ich bin bei Frauen ohne Grenzen [5] und bei Save [6], das ist die zweite NGO, im Vorstand. Mein Beitrag besteht vor allem darin, Bildmaterial zu generieren. Manchmal gehe ich auch auf Reisen mit Edit Schlaffer. Wir haben in Ruanda fotografiert. Das Material sieht man dann auf der Homepage. Ich war bei schweißtreibenden Interviews mit Genozid Überlebenden dabei, oder habe die Mutter eines Selbstmordattentäters fotografiert. Da begreift man erst, in welcher abgehobenen privilegierten Situation man sich im Atelier bewegt. Dort gehen sie ganze Tage für zwei Kanister Wasser und hier beschweren wir uns über eine Nebensächlichkeit. Deswegen heißt meine Installation im Essl Museum auch „ÜberLeben“ und zeigt eine Idylle, auf die ein Geschoß zusteuert. Es ist die Situation einer Bedrohung oder eines nicht Vorbereitet-Seins auf kommendes Unheil. Wir sehen eine Menschheit, die verdrängend die Augen schließt, obwohl metergroße Zeichen vor ihr stehen. Die Frage ist heute mehr denn je, wie wir überleben können, und da schließt sich der Kreis mit Frauen ohne Grenzen.

Emanzipation weltweit.

Naja, Emanzipation hängt mit Bildung zusammen, natürlich geht es um den Bildungszugang für Frauen. Wenn der gewährleistet ist, wird sich auch im Berufsleben und in der Situation der Frauen einiges weiterbewegen, aber das hängt an der Basis mit Bildung zusammen. Die Taliban sind leider die Stärkeren, wie sich jetzt nach tausenden Toten zeigt und ich glaube nicht, dass wir dort weitermachen sollten, aber an den Frauen ist es ein Verrat, so zu entscheiden.

Und wie finden Sie die Situation in Österreich?

Naja, es geht schon aufwärts. Wie ich mit Bühnenbild in den 70er Jahren angefangen habe, war ich die einzige Bühnenbildnerin weit und breit. Und niemand hat einer Frau zugetraut, dass sie etwas Technisches wie das Bühnenbild bewältigen kann. Da haben sie gesagt, Kinderl, ich war nicht nur Frau sondern auch jung, Kinderl du machst Kostüme, das ist was Hübsches, was Weibliches, das machst du und der Mann macht die Bühne. Und ich wollte aber Bühnenbild machen, weil mich auch die Architektur interessiert hat. Ja, können Sie überhaupt die Technik?, waren die Argumente…
Das ist vorbei. Es gibt niemanden mehr, der heute anzweifelt, dass eine Frau die Technik bei einem Bühnenbild bewältigen kann. Also, da ist in 40 Jahren doch etwas weitergegangen. Vielleicht nicht so geschwind und in den Schritten, die man sich wünschen würde. In den Spitzenpositionen sind immer noch mehr Männer, und so ist es in der Kunst, in der Wirtschaft, in der Politik und überall dasselbe. Und warum ist das so? Nicht weil die Frauen Kinder kriegen, sondern weil die Frauen nicht so solidarische Netzwerkerinnen sind wie die Männer.
Die Frauen sind unsolidarischer, konterkarieren sich selbst und spielen sich die Bälle nicht so zu. Unabhängig vom Kinderkriegen. Deshalb gehen Frauen eher in die Mittelfelder, für die Spitzenfelder reicht irgendetwas nicht. Die Zeit, die Kinder, die Solidarität, die Geschicklichkeit… was weiß ich. Irgendwie haben sie die „symbolische Gewalt der männlichen Herrschaft“ doch noch zu sehr verinnerlicht.

Trotz Quotenregelung…

Was heißt Quotenregelung? Gut, ich bin für die Quotenregelung. Andererseits mit Biegen und Brechen einen Job zu besetzen, mit einer Frau, die nicht wirklich erstklassig für den Job qualifiziert ist, davon halte ich auch nichts. Die Frage ist vielmehr, warum haben wir an der Spitze nicht soviel Auswahl an Frauen?
Heute, wo es klar ist, dass Frauen Beruf und Familie verbinden wollen, der alte Typ ist ja vorbei, der Karriere macht und dafür auf Familie verzichtet. Jetzt wollen die Frauen alles!
Aber sie müssen auch alles leisten und unter einen Hut bringen. Jetzt gibt es den verunsicherten Mann. Jetzt sind den Männern die Frauen, die das alles können, schon unheimlich.
Jetzt haben die Männer seltsame Verweigerungsstrategien, nehmen selbstmitleidige Thesen in Anspruch oder flüchten zu feschen russischen Putzfrauen und fühlen sich dort wieder sicher…
Ja, Sie schauen mich jetzt so an? … Ja, missverständlich befreit von jeder Verantwortung in der Partnerschaft, können sie jetzt Frauen wechseln wie Hemden, je nach Einkommen halt. Auf dem Konto der Emanzipation können nun die Männer infantil regredieren. Ja, bitte bringen Sie das! Früher, in einem bürgerlichen Weltbild mussten oder durften sie noch Beschützer sein, das brauchen jetzt moderne Männer auch nicht mehr. Männer haben mit der Emanzipation nicht Schritt gehalten.

Liegt aber auch am Bildungswesen…

Nein, das liegt an einer inneren männlichen Befindlichkeit. Sie sind verunsichert, weil ihr genetisches Programm mit der sozialen Realität von heute nicht mehr übereinstimmt. Aber auf der anderen Seite das Rad zurückdrehen und in die Adenauer Zeit möchten wir schon gar nicht mehr. Die Freiheit, die wir Frauen heute haben, ist für uns ja auch schon selbstverständlich. Da muss man jetzt eben probieren, dass sich die Männer und die Frauen in diesem neuen Geschlechterverhältnis wieder neu arrangieren.

Aber dass Frauen vorwiegend Frauen malen, liegt doch daran, dass Frauen Jahrhunderte lang von Männern dargestellt wurden und die Frauen nun einen Aufholbedarf an Berichtigung haben?

Nein, die Männer wurden ja nie gefragt, warum sie Frauen malen. Es gibt ja in der Kunstgeschichte fast nur männliche Maler. Ausnahmen waren Artemisia Gentileschi und Angelika Kaufmann… zu einer Zeit, wo es für Frauen keinen Zugang zu einem Aktsaal oder irgendeiner Akademie gegeben hat. Das waren Pioniertaten, dass diese einzelnen Frauengestalten sich durchgesetzt haben. Aber sonst gab es nur männliche Maler, die halt Frauen gemalt haben, weil sie ihnen gefallen haben.
Ich glaub’ Frauen sind einfach das schönere Geschlecht, sie sind „kunstfähiger“. Sie sind für die Kunst einfach interessanter und geeigneter, so sehe ich das.

Für Frauen ein schönes Schlusswort. Ich danke für das Gespräch.

[1] Ursula Krechel: Landgericht. Jung und Jung, 2012. Die Berliner Schriftstellerin Krechel wurde geehrt für das Seelenpanorama eines nach 1945 zurückkehrenden jüdischen Emigranten.
[2] Die Laokoon-Debatte fand zwischen dem deutschen Archäologen und geistigen Begründer des Klassizismus Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) und Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), dem Dichter der deutschen Aufklärung statt. Winckelmann benützte die Worte “Edle Einfalt und stille Größe” bezüglich der dargestellten Leiden des Laokoon in der berühmten Marmorgruppe, die (laut Plinius) bereits 1506 von Felice de Fredis in seinem Weingarten in Rom gefunden wurde und heute im Vatikanischen Museum zu sehen ist. Daraus entstand ein Disput, denn Lessing vertrat die Ansicht, dass ein Bild eine Momentaufnahme sei, und daher das Bild im Raum, während der Text in der Zeit funktioniere.
[3] Francis Bacon: Der britisch-irische Maler (geb. in Dublin 1909-gest. in Madrid 1992) gehört zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern des 20. Jhdts.
[4] Julian Schnabel: Amerikanischer Neoexpressionist und Cineast vor allem von Literaturadaptationen (geb. 1951 in New York). Filme: Basquiat (1996); Before the Night falls (2000); The Diving Bell and the Butterfly (Schmetterling und Taucherglocke) (2007); Lou Reed’s Berlin (Doku,2007); Miral (2010).
[5] Frauen ohne Grenzen verändern die Welt: www.frauen-ohnegrenzen.org
[6] Save Foundation -Sicherung der landwirtschaftlichen Arten Vielfalt in Europa: www.save-foundation.net

Xenia Hausner
Geb. 1951 in Wien als Tochter des österr. Malers und Vertreter des Wiener Phantastischen Realismus Rudolf Hausner. 1972-1975 Bühnenbild Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und der Royal Academy of Dramatic Art in London. Arbeitete bis 1992 für Theater und Oper. Ab 1990 widmet sie sich nur mehr der Malerei, zunehmend auch Grafiken und Mixed-Media. Seit 1996 folgten zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Sie lebt und arbeitet in Berlin und im Salzkammergut. Xenia Hausner unterrichtet an der Sommerakademie Traunkirchen: www.sommerakademie-traunkirchen.com. Sie ist Vorstandsmitglied bei Frauen ohne Grenzen verändern die Welt und Save Foundation.
2000 erhielt sie den Hamburger Ernst Barlach Preis. www.xeniahausner.de

Letzte Publikationen: ÜberLeben (Brandstätter Verlag, 2012); Flagrant Delit (Swiridoff Verlag, 2012); Damage (Hirmerverlag, 2011); You and I (Prestel Verlag, 2008); Xenia Hausner 2 (Galerie von Braunbehrens, 2007); GlücksFall (Prestel Verlag, 2005); Damenwahl - Berichte aus dem Labor (Wienand Verlag, 2003); Kampfzone (Wienand Verlag, 2003).

Auswahl letzter Ausstellungen:
2013: „Xenia Hausner“, The Pao Galleries, Hong Kong Arts Center;
2012: Beijing International Art Biennale;
„Xenia Hausner – ÜberLeben?“ Essl Museum, Klosterneuburg;
„Glasmalerei des 21. Jahrhunderts“ , Centre intern. du Vitrail, Chartres;
„Xenia Hausner – Flagrant délit“, Musée Würth France, Erstein;
2011: „Xenia Hausner - Damage“, Shanghai Art Museum, Shanghai;
„Portrait“, Galerie 422, Gmunden;
„Familiensinn“ Verhüllung des Ringturms, Wien;
„Glasmalerei der Moderne“, Badisches Landesmuseum, Karlsruhe;
„Irene Andressner Selbstportraits i.A.“, Landesmuseum NÖ, St. Pölten;
2010: „Intimacy. Baden in der Kunst“, Kunstmuseum Ahlen, Ahlen;
„Vorreiterin“, Gabriele Münter Preis 2010, Martin-Gropius-Bau, Berlin;
„Xenia Hausner“, Neue Arbeiten, Kunstraum Walker, Klagenfurt;
2009: „Xenia Hausner“ Palais Liechtenstein, Forum für zeitgenössische Kunst, Feldkirch;
„Sehnsucht nach dem Abbild. Das Portrait im Wandel der Zeit“, Kunsthalle Krems;
2008: Montijo International Biennal ON EUROPE 2008, Portugal;
„You and I“, Forum Gallery, New York;

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012
Bildmaterial im etcetera mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und des Essl Museums


 

 
Susanne Felicitas Wolf: Geburtshelferin. Eva Riebler

Susanne Felicitas Wolf
Geburtshelferin

 
Susanne Felicitas Wolf, Donna W. Cross, Bundesministerin Dr. Claudia Schmied: Foto © Wachau Kultur Melk  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Am 21.06.12 fand bei den Sommerspielen Melk die Uraufführung der Bühnenfassung des Romans „Die Päpstin“ statt. Dabei handelt es sich um die Legende des Mädchens Johanna, geboren 814 in der Nähe von Fulda, das im 9. Jahrhundert, ausgebildet als Ärztin, Päpstin wurde. Entgegen dem Willen ihres Vaters, der Dorfpriester war, erlernte sie von ihrem Bruder Matthias Latein und nahm nach dessen Tod seine Stelle im Seminar, natürlich verkleidet als Mann, ein. Rezensent Ernst Punz und Eva Riebler waren vor Ort und sprachen mit der Drehbuchautorin des Stücks. Die Fragen stellte Eva Riebler.

Unsere etcetera Jubiläumsausgabe Nr. 50 trägt den Titel: Wozu Literatur? Sie schreiben Textbücher fürs Theater, schreiben Sie auch herkömmliche Literatur oder Bücher?

Ich habe bisher bei drei Autobiografien geholfen, hauptsächlich schreibe ich Theaterstücke.

Haben Sie ein großes Bedürfnis das Publikum zu beeinflussen? Was ist für Sie das Wichtigste an der Literatur?

Die Herzen zu berühren, was mich so antreibt ist Menschen und Themen auf die Bühne zu bringen, die uns alle angehen. Auch wenn es alte Stoffe sind, bleiben Berührungspunkte zum heute. Z.B bei Tolstoi ist dies so. Seine unendlich tiefen und weiten Ideen verblüffen. Die Thematik in Krieg und Frieden sehe ich als zeitgemäß.

Haben Sie Donna W. Cross, die Autorin des Romans Die Päpstin, vorher gekannt?

Ich hab sie im Februar dieses Jahres kennen gelernt und die Begegnung hat mich unendlich inspiriert.

Die Autorin ist Amerikanerin. Dieses historische Bewusstsein über den Vatikan hat mich fasziniert und überrascht.

Für das Buch hat sie intensivst recherchiert.

Dass eine Amerikanerin Interesse am historischen Stoff hat verblüfft.

Ernst Punz: Sie hat nur eine Zeile irgendwo über die Päpstin Johanna gelesen.

Und war interessiert. Ja, und freut sich nun über die bühnenwirksamen Umsetzung. Und es war ihre Freude, dass eine Frau diese Fassung geschrieben hat, da das Musical und der Film jeweils von einem Mann umgesetzt wurden. Ich habe für Melk eine besonders filmische Schreibweise benutzt, wie bereits für die Theaterfassung von Krieg und Frieden, die ich ebenfalls für Alexander Hauer geschrieben habe.

Wie sehr haben Sie sich an die Romanvorlage gebunden gefühlt?

Ich habe sehr viele Motive aus dem Roman übernommen, mit eigenen Ideen und spirituellen Fragen verschmolzen.

Es waren 127 Szenen und viele Originalzitate wie: „In einigen Monaten wird der Heilige Vater Mutter.“ Mit diesen Worten befundet sich die Päpstin selbst.

Ja, ich übernahm einige Textstellen aus dem Roman und einige Handlungsstränge, daher auch die Dauer von drei Stunden.

Die Schwierigkeit ist, etwas wegzulassen und zu kürzen.

Ja. Zur Verwunderung der Autorin wurde sehr viel aus dem Original Vorhandenes übernommen.

In Amerika würde die Fassung zu intellektuell sein, meinte Donna W. Cross.

Das kann ich nicht einschätzen.

Wie finden Sie die Bühne, statt wie die Jahre davor im Barockgarten platziert, nun hier unter dem Stift Melk und die beleuchtete Fassade des Stiftes als Kulisse? Ist es der Welt schönstes Bühnenbild?

Ja, wunderbar, großartig!

Danke für das Interview, der Pressefotograf wartet.

 

Susanne Felicitas Wolf
Geb. 1964 in Mainz. Sie studierte Theaterwissenschaft/Fächerkombination (Mag. phil.) in Wien, wo sie seit 1982 lebt. Nach Regieassistenzen war sie als Gastdramaturgin bzw. Hausdramaturgin tätig u. a. am/für: Schauspiel Frankfurt, Volkstheater Wien, Niederösterreichisches Donaufestival, Schauspielhaus Wien. Seit 1990 schreibt sie Texte und Stücke. Von 1990-2000 realisierte sie eigene, freie Theaterproduktionen in Wien und Deutschland, oft auch als Regisseurin. Seit 2000 ist sie spezialisiert auf „Wiener Komödien“ und entwickelte eine eigene Kunstsprache. 2003 bis 2006 Gastdozentur an der Universität Wien, Institut für Theater-Film- und Medienwissenschaft: Schwerpunkt Dramaturgie & Schreibworkshops. 2004 bis 2007/08 arbeitete sie in Wien als stellvertretende künstlerische Leiterin und Hausautorin des neu gegründeten Wiener Lustspielhauses. 2006 erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich.
www.susannewolf.at

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012

 
Hans-Peter Übleis: Bescheuert oder Idealist? Eva Riebler

Hans-Peter Übleis
Bescheuert oder Idealist?

 
Hans-Peter Übleis: Foto © Droemer-Knaur Verlag  

Eva Riebler besuchte am 02.11.12 den Verleger Hans-Peter Übleis im Droemer-Knaur Verlag München und es entspannte sich folgendes Gespräch.

Welche Aufgaben und Möglichkeiten hat die Literatur etwas zu bewirken?

Diese sind unendlich groß, weil sie die Vorstellungsräume der Menschen ins Unendliche erweitern.

Haben frühere Generationen von Autoren nicht politisch mehr bewirkt als die heutigen?

Die Literatur war sicher politischer, als sie heute ist. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass auch das Bedürfnis nach Veränderung größer war, als es heute ist, und der Zeitgeist nicht dermaßen satt und selbstzufrieden war, wie wir ihn heute erleben.

Arbeitet und gestaltet der Künstler nicht vor allem aus einem Defizit heraus?

Nicht nur ein Defizit wird gezeigt, so wie in der Blechtrommel die Moral der Nachkriegsgesellschaft, auch alternative Welteinstellungen werden thematisiert. Wir brauchen kritische Schriftsteller, die den Finger auf die Wunden der Zeit legen und gegen die Bequemlichkeit anschreiben und dagegen anschreiben, das Gewohnte weiterhin nur als gut zu finden. Sie sind das Salz der Erde.

Sie sind Seismographen?

Ja, aber nicht jeder, der schreibt, ist ein Literat.

Du bist seit 1978 im Literaturbetrieb bzw. Verlagswesen [1]. Wie lästig ist da das Ansinnen der Autoren, die sogenannte “hohe” Literatur zu verlegen?

Keineswegs lästig, Autoren, die sich an einen der großen Publikumsverlage wenden, wollen auf ansprechendem Niveau unterhalten und ein zahlreiche Leser erreichen. Mit einem antiquierten Begriff wie “hohe” Literatur können Autoren heute sowieso nichts mehr anfangen, und das ist gut so.

Existiert die Frage Wirtschaftlichkeit oder Niveau aus Sicht des Verlages?

Na klar, ohne Niveau keine Wirtschaftlichkeit - und umgekehrt. Qualität ist natürlich subjektiv, sowohl aus Sicht des Autors als auch des Käufers. Aufgabe des Verlages ist es, beide - also Angebot und Nachfrage - im Rahmen seiner Programmpolitik zusammenzubringen. Für alle Verlage - mit Ausnahme der Fachverlage - gilt, ob groß oder klein, Nische oder Mainstream: Wenn am Ende des Jahres überhaupt schwarze Zahlen geschrieben werden, ist es ein gutes Jahr gewesen. Wer heute aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen oder zum Geldverdienen in die Buchbranche möchte, egal ob Buchhändler oder Verleger, ist entweder bescheuert oder Idealist.

In der Krise der 30er Jahre ging als einzige Branche die Buchbranche gut. Wie geht es heute dem Buch?

Ich denke, das Buch ist immer sehr viel mehr als Fluchtlektüre gewesen - durchaus auch Ablenkung, aber ebenso Inspiration, Abwechslung, Unterhaltung. Dies gilt für gesellschaftliche Konjunkturbewegungen genauso wie für das individuelle Auf und Ab des Einzelnen.

Wird in Österreich andere Literatur prämiert und verlegt?

Im Prinzip ja - die universellen Themen der Literatur von der Wiege bis zur Bahre sind sicherlich identisch. Dennoch spielen Mentalitätsunterschiede durchaus eine Rolle - ich empfinde die österreichische Literatur generell narzisstischer, weniger auftrumpfend, in einer gewissen Weise aber auch psychologisierender.

Was die Literaturpreise betrifft: Ich kann mir kein Urteil über die innerösterreichischen Literaturpreise anmaßen. Was mich aber als Auslandsösterreicher besonders freut, ist der außerordentlich hohe Anteil österreichischer Autoren, die sowohl bei den renommierten Literaturpreisen im deutschen Sprachraum bis hin zum Deutschen Buchpreis abräumen wie auch auf den Besten- und Bestsellerlisten. In Punkto Kreativität ist die Bedeutung Österreichs innerhalb des deutschen Sprachraumes nicht nur in der Literatur wesentlich höher als es der Bevölkerungszahl entspricht, sondern auch in Theater, Film und in den Medien generell.

Hier gilt die Devise: In der Kultur sind wir eine Großmacht. Vereinfacht formuliert: In der Kultur sind die Ösis wie beim Schifahren, nicht wie beim Fußball. Und das ist gut so, auch wenn sechs Österreicher unter den ersten fünf nur selten realisierbar sind [2].

Das Buch zum E-Book verhält sich so wie die Vinyl-Schallplatte zu den neuesten technischen Errungenschaften. Was sagst Du zur Buch kontra E-Book Debatte?

Das E-Book an sich ist eine unbedingt begrüßenswerte technologische Weiterentwicklung, die weder das Ende des Lesens noch den Untergang des Abendlandes bedeutet. Dieses hat auch die Einführung des Wahlrechtes für Frauen, das Aufkommen der Eisenbahn, des Kinos und der E-Mail überlebt - allesamt ebenfalls positive Errungenschaften. Allerdings handelt es sich schlicht um die größte technologische Umwälzung unserer Kulturbranche seit 500 Jahren, also seit Gutenberg den Buchdruck erfand. Die Umstellungsproblematik für alle Beteiligten ist enorm und erfordert große Flexibilität. Auf Dauer entscheidet jeder Leser bzw. Käufer, welches Format (print oder digital) für ihn das richtige ist, wobei die nächste Generation jeweils anders tickt als die vorgehende.

Wie sieht nach Deiner Meinung der Buchmarkt in fünf Jahren aus?

Wir müssen nur in die USA schauen, wo der Markt bezüglich E-Books zwei bis drei Jahre weiter fortgeschritten ist. Der Marktanteil in der Belletristik für digitale Bücher beträgt dort 2012 knapp 20%. Wenn wir spezifische Besonderheiten im deutschsprachigen Raum berücksichtigen - die allerdings nichts Gravierendes an der grundsätzlichen Entwicklung ändern - und zwei weitere Jahre in die Zukunft blicken, lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Marktanteil von mehr als 25% erwarten, eher 30%. Für das Sachbuch wird der Anteil immer geringer sein. Einzelne Bücher erscheinen schon heute nur mehr im E-Book, dieser Trend wird sich verstärken. Was den Anteil der selbst verlegten - ohne Verlag, ohne Lektorat, ohne eindeutige Positionierung, handgestrickte Cover, kaum Marketing usw. - E-Books betrifft, bin ich zuversichtlich, dass dieser zurückgehen wird. Es ist leichter, eine Nadel in einem Heuhaufen zu finden als einen vernünftigen Text, der bei Kindle oder sonstwo für 0,99 € selbst hochgeladen wurde.

Und was passiert mit dieser Nadel?

Wenn sich ein “self published” Autor als E-Book erfolgreich durchgesetzt hat, wie z.B. Amanda Hocking in Amerika oder Jonas Winner mit “Berlin Gothic” in Deutschland, dann ist sein größtes Bestreben, von einem namhaften Verlag unter Vertrag genommen und auch in gedruckter Form verlegt zu werden. Eigentlich ein Treppenwitz, aber es zeigt die nach wie vor große Faszination des klassischen Mediums, des gedruckten Buches.

Auf Knopfdruck verschwinden die E-Book-Texte. Welche Bücher wirfst Du weg?

Als Buchprofi lautet die ehrliche Antwort: die überwiegende Mehrzahl der Bücher, die ich nach Hause schleppe, um reinzulesen, anzulesen, wenn es die Zeit erlaubt auch fertig zu lesen. Das sind ein paar hundert pro Jahr. Niemals würde ich ein mir vom Autor gewidmetes Buch wegwerfen, und keinesfalls eines meiner Lieblingsbücher - das sind allerdings ein paar tausend. Und trotz aller Platzprobleme kommen jedes Jahr mindestens hundert dauerhaft dazu. Wenn es irgendwann um die berühmte Frage der drei Bücher für die Insel geht: Allan Lightman “Und immer wieder die Zeit”; Thomas Mann “Joseph und seine Brüder” und vermutlich die Bibel.

[1] 1975-1982 Verlag Fritz Molden Wien; Programmgeschäftsführer Heyne Verlag, München 1982-1998; seither Verleger Droemer Knaur München.
[2] Saison 1998/99 beim Super-G von Innsbruck am Patscherkofel auch an 5. Stelle zwei Österreicher zeitgleich

Hans-Peter Übleis
Geb.1951 in Steyr, OÖ, Studium Handelswissenschaft und Jus Wien, Assistent am Institut f. Absatzwirtschaft und Diss „Das absatzpolitische Instrumentarium multinationaler Unternehmen“ 1975. Anschl. Assistent, dann Verlagsleiter und zuletzt Verlagsdirektor, Geschäftsführer des Molden-Verlags bis 1982. Bis 1997 Verlagsleitung Programm im Heyne Verlag München und Geschäftsführer div. Tochtergesellschaften und Mitgesellschafter. Seit 1998 Verleger und Programmgeschäftsführer von Droemer Knaur (Droemer, Droemer Paperback Knaur, Knaur Taschenbuch, Mens Sana, O.W.Barth, Pattloch, Schneekluth). Nach 37 Jahren in der Verlagsbranche und rd. 20.000 verlegten Büchern entwickelt er sich zum Branchen-Urgestein und ist bekannt für eine unösterreichische Eigenschaft: Sein Durchhaltevermögen und seine Stehaufmännchenqualitäten beim Herausheben des Droemer-Verlages aus der damaligen Krise. So nebenher pflegt er das durchaus österreichische Idyll einer Großfamilie.

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012

 
Nikolaus Scheibner: Alles andere wäre eine Anmaßung. Gisela Linschinger

Nikolaus Scheibner
Alles andere wäre eine Anmaßung

 
Nikolaus Scheibner: Foto © Gisela Linschinger  

Nikolaus Scheibner ist Autor und Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen & Literatur. Gisela Linschinger sprach mit ihm am 23. Oktober 2012 per Skype.

Seit zwölf Jahren verlegen Sie die Literaturzeitschrift Zeitzoo, vertreiben unter dem Label Audiobeans unerhörte Literatur und Musik und leiten auch noch seit 2010 eine evolutive Bibliothek, um den Niedergang der zeitgenössischen Literaturrezeption zu stoppen. Warum das alles?

Das frage ich mich auch jeden Tag. Das macht in 4321 Tagen ebenso viele Antworten.

Wie lautet die Antwort des Tages?

Weil einen das Trägheitsgesetz, das einen täglich lähmt und behindert, manchmal auch als Verbündeter auf dem richtigen Weg hält.

Und der richtige Weg ist für Sie die Literatur?

Die persönliche Freiheit, sich zu widersprechen und beim Wort zu nehmen.

Drückt sich die bei so vielen Vereins-, Bibliotheks- und Verlagszwängen noch aus? Kommen Sie selbst zum Schreiben?

Nein, aber es schreibt mich. Und so entstehen immer wieder Gedichte, Essays, fallweise auch Theaterstücke. Und die künstlerischen Ideen, die durch den Verein strömen, sind eher Ansporn als Behinderung sich schreiben zu lassen.

Welcher Stoff schreibt Sie denn gerade?

Im Moment ist es leider eine Tragödie. Aber ein geflügeltes Wort unseres Zeitzoo-Archivars lautet, man soll seine Tragödien nicht auch noch selbst inszenieren.

Dann bekomme ich also keine Antwort.

(lacht) Das ist so nicht ganz richtig. Keine befriedigende Antwort vielleicht. Dafür wollte ich auf die Frage zurück, warum das alles. Fritz Widhalm hat einmal gesagt, Kunst ist eine Haltung. Das fand ich sehr überzeugend. Somit ist es ein Leichtes, die eigene Kreativität zurückzustellen, wenn man das künstlerische Schaffen anderer transportiert, die auch ein Mehr an persönlicher Freiheit mit ihrer Kunst proklamieren und ebenso für einen sprechen, wie man für sie arbeitet. Es gibt auch ein Bild mit dem Titel „Haltung“ von Fritz Widhalm. Das habe ich speziell für unsere Bibliothek gekauft, um uns daran zu erinnern. Bisher hat es uns recht gute Dienste geleistet. So ist es im Zeitzoo nach wie vor Usus, dass sämtliche Beiträge mit der ungeteilten Zustimmung aller Redakteure erscheinen. Worauf wir uns nicht einigen können, das transportiert unser Flaggschiff eben nicht. Das gehört eben zur persönlichen Freiheit eines Kollektivs.

Können damit alle leben?

Nein, aber wir können damit leben. Auch mit den eher entbehrlichen Anfeindungen, die daraus resultieren.

Aber brauchen Sie diese Anfeindungen nicht gerade, um sich abzugrenzen?

Nein. (lacht) Grundsätzlich arbeiten wir gegen niemanden, sondern für alle. In erster Linie ist der Zeitzoo vielleicht die Redaktion. Aber in ebenso erster Linie ist der Zeitzoo die Summe seiner AutorInnen. Und in nicht zuletzt erster Linie ist die Zeitschrift die Summe ihrer Leserinnen. Somit arbeiten wir grundsätzlich für alle. Es gibt vielleicht Leute, die gegen uns arbeiten, aber da wir uns an derlei nicht beteiligen, ist das bestenfalls langweilig.

Einmal abgesehen von Ihrer Funktion als Obmann, kommen wir noch einmal zu Ihrem eigenen Schreiben. Wozu schreiben Sie?

Der Obmann arbeitet wie gesagt mit allen und für alle. Der Autor hingegen arbeitet nicht für alle. Als Autor schreibe ich ausschließlich für mich, für niemanden sonst. Und es ist doch wohl klar, dass ich auch mein treuester Leser bin. Niemand ist von meinen Texten bewegter als ich. Und niemand lernt mehr daraus. Muss man noch eine Metapher hinzufügen? Die anderen sind prinzipiell zu dumm für meine Texte. Ich selbst bin mir zwar auch zu dumm, aber ich kann mich auch nicht ignorieren, also schreibe ich für mich. Ich bin ja ständig da.

Sie schreiben also nur für Sie selbst?

Was heißt NUR für mich selbst? Bin ich niemand? Bin ich um irgendetwas weniger lesefähig als andere? Brauche ich um irgendetwas weniger einen Text, der zu mir spricht? Einen Text, der mir hilft, mich mit der Restunergründlichkeit meines Daseins auseinanderzusetzen? Und wenn ich sage, Kunst ist die persönliche Dimension von Politik, dann darf ich für niemanden anderen schreiben als für mich. Alles andere wäre eine Anmaßung.

Was meinen Sie mit der Verknüpfung von Kunst und Politik?

Jede Leserin, jeder Leser hat ebenso existentiell am Entstehungsprozess der Literatur teil wie deren Verfasser. Tatsächlich vollendet sich ein Text erst im Leser. Nur wenn ein poetischer Raum begangen wird, ist er mehr als ein paar schwarze Flecken auf Papier. Wenn man gerade einen subjektiv guten Text gelesen hat, sollte man sich in erster Linie selbst auf die Schulter klopfen. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Spaziergang im Wald vor. Der Wald ist das Buch, und der Wald ist irgendwann gewachsen und dann ist er einfach da. Und wenn mich der Waldspaziergang auf einen eigenständigen Gedanken bringt, dann ist es Kunst. Habe ich bloß Pilze gepflückt und die Unterschenkel trainiert, ist es Handwerk.

Gab es in Ihrem Leben Momente, die Sie dazu getrieben haben, mit einer solchen Besessenheit zu arbeiten?

Erstens bin ich von nichts und niemand besessen, sondern es ist eher beschaulich und ruhig um mich bestellt. Aber ja, zweitens würde ich Leseerfahrungen nennen, Gedichte von Norbert C. Kaser und Ernst Jandl etwa, die auf mich überraschend, ja befreiend gewirkt und mich für Literatur quasi angefüttert haben. Der Diskurs mit dem städtischen Bibliothekar Albin Nagel, in meinem letzten Schuljahr, hat mir zahlreiche weniger bekannte, aber um nichts weniger interessante Autorinnen aufgezeigt. Und wenn man Texte mag, ist es nur eine logische Konsequenz, Texte, die man für wertvoll erachtet, zu publizieren. Wenn als Zeitschrift, warum nicht als Buch, warum nicht auch als CD, oder Theaterinszenierung, und warum nicht gleich eine ganze Bibliothek, wo alles vorhanden ist und sich weiter entwickeln kann?

Die Evolutionsbibliothek ist nicht nur, Verlagen sondern Künstlerinnen aller Art ein zweites Zuhause. Sehen Sie in dieser Offenheit auch eine soziale Funktion von Kunst?

Ja, der Scharfsinn dieser Frage freut mich sogar. Wenn Kunst eine persönliche Dimension von Politik ist, um ein weiteres Mal das Wort Politik zu verwenden, ohne mir den Mund mit Seife waschen zu müssen, dann sprechen wir von einer sozialen Funktion. Wenn deine Freiheit meine ist und nicht erkämpft, allenfalls verteidigt werden muss. Sämtliche Kulturvereine sind als die einzigen politischen Bewegungen zu betrachten, auch wenn sie das selbst nicht tun. Denn jene, die sich als politische Bewegungen betrachten, sind es keineswegs. Was sind Parteiungen? Zersplitterungen der Gemeinschaft. Teile und herrsche. Die spielen uns nur gegeneinander aus. Kulturvereine schaffen hingegen Gemeinsamkeiten. Das Ziel ist, dass man gemeinsam und nicht alleine erschrocken dasteht und sich nach Verstörung sehnt, den Spruch von Norbert Kaser im Gehirn: „Zurück geht’s nicht mehr, und vor dem Vorwärts graut uns.“

Was wären Ihre letzten Worte, bevor Sie aus einer Raumkapsel in der Stratosphäre zurück auf die Erde springen würden?

Mir schmeckt jeder Energydrink besser als Red Bull. Oder: Nicht schon wieder dieser Planet. Aber ich würde ja überhaupt die Frage lieber verweigern wollen.

Sie haben Sie aber schon beantwortet.

Ja, das ist mein Unglück.

 

Nikolaus Schreiber
Geb. 1976 in Wien, lebt als freischaffender Autor und Lektor in Wien; seit 2000 Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen und Literatur, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Zeitzoo und Herausgeber des  Hörbuchlabels Audiobeans; seit 2002 Herausgeber der Reihe “Das Buch zum Buch” in Christa Stippingers Edition Exil; seit 2003 Mitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, von 2006 bis 2009 zwei Amtsperioden Aufnahmejuror der GAV; Publikationen u.a.: “Auch eine Metamorphose? Basisdialoge.” Ritter Literatur Klagenfurt 2000, “Auf der Hand” Gedichte. Herbstpresse Wien 2006, “So viel Luft wie ich” Gedichte. Edition Das fröhliche Wohnzimmer Wien 2012; seit 2010 Betrieb der Evolutionsbibliothek im Kulturzentrum WERK, Neulerchenfelderstr. 6-8, 1160 Wien. Öffnungszeiten: Mo. Mi. So. 14-21h; weitere Infos siehe www.zeitzoo.at

Gisela Linschinger
Geb. 1983 in Gmunden, Maître de langue étrangère an der Université de Poitiers, studierte Internationale Entwicklung und Linguistik in Wien und absolvierte den Lehrgang "Angewandte Fotografie" an der FH St. Pölten. Im Herbst 2009 reüssierte sie in Scheibners Theaterstück „Vorspruch“ am Ragnarhof in Wien und führt heute ein bewegtes Leben in Frankreich.

 

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012

 
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